1. Advent: Der griesgrämige Troll

Es war einmal ein großer, grummeliger und griesgrämiger Troll, der einsam in seiner Höhle lebte. Die Höhle war klein, ja fast winzig für einen so großen und starken Troll wie ihn, doch das störte ihn nicht. Er mochte die Einsamkeit und hatte kein Bedürfnis nach Besuchern, nicht von anderen Trollen und schon gar nicht von Goblins oder gar Menschen.

Menschen. Wenn er an sie dachte, wurde er richtig wütend. Er verachtete diese Menschen, hasste ihre gesellige Art und verfluchte ihre Fröhlichkeit, und das aus tiefstem Herzen.

Er wollte keine Gesellschaft, er wollte nicht fröhlich sein. Nein! Stattdessen hockte er lieber einsam und allein in seiner stickigen, düsteren Höhle und versuchte, den Rest der Welt zu vergessen. Nur selten ging er hinaus, und dann auch nur, wenn er großen Hunger hatte und ihm die Vorräte ausgegangen waren. Und es ärgerte ihn jedes Mal aufs Neue, wenn er die Vertrautheit und Abgeschiedenheit seiner Höhle verlassen musste.

An einem dieser Tage, es war ein kalten Morgen im Dezember, folgte der griesgrämige Troll der Spur eines flinken Hirsches. Der Troll war kein guter Fährtenleser, doch es hatte in der Nacht geschneit, die Spur war im Schnee gut erkennbar und er konnte ihr mühelos folgen, obgleich seine Gedanken immer wieder zu seiner geliebten Höhle abschweiften.

Doch dann erkannte er plötzlich, in welche Richtung er ging, und blieb erschrocken stehen. Diese Gegend hatte er bisher immer gemieden, und zwar mit voller Absicht, denn in dieser Gegend hatte sich eine junge Menschenfamilie angesiedelt, und allein beim Gedanken an lautes Kinderlachen und fröhliche Musik bekam der grummelige Troll schlechte Laune.

Er überlegte hin und her, doch am Ende war sein knurrender Margen stärker als seine Abscheu gegen die Menschen, und so ging er grummelt weiter und verfluchte im Stillen den Hirsch, weil er ausgerechnet in diese Richtung gehen musste.

Es dauerte nicht lang, bis die Hütte der Menschen in Sicht kam. Sie stand auf einem kleinen Hügel, war aus großen Holzstämmen solide gebaut und aus ihren großen Fenstern drang warmer Kerzenschein. Von den Menschen selbst war aber nichts zu sehen.

„Vielleicht schlafen sie noch“, grummelte der Troll griesgrämig. „Ich werde einfach daran vorbeigehen und diese verhassten Menschen und ihre verfluchte Fröhlichkeit ignorieren.“

Doch die Spur des Hirsches führte den Troll fast direkt an der Hütte vorbei, und schließlich hörte er die gedämpften Stimmen zweier Menschen, nur hin und wieder unterbrochen durch das helle Lachen spielender Kinder.

Das war zu viel für den grummeligen Troll, das konnte er nicht mehr ignorieren. Griesgrämig unterbrach er seine Vorhaben und ging die wenigen Schritte zu einem Fenster, um in die hell erleuchtete Hütte hineinzuspähen.

Das Innere der Hütte war bescheiden, doch warm und gemütlich eingerichtet. Im Kamin prasselte ein flackerndes Feuer, Boden und Wänden waren mit Fellen von Wölfen, Füchsen und einem Bären dekoriert und auf dem gedeckten Tisch tauchte der Schein zweier kurzer Kerzen das ganze Zimmer in sanftes Licht.

Zwei Menschen saßen an diesem Tisch und aßen, während drei Kinder unterschiedlichen Alters lachend darum herumliefen und dabei ein Spiel spielten, welches bei Menschenkindern sehr beliebt war.

Doch die glückliche Familie bemerkte den grummeligen Troll nicht, der leicht gebückt und mit großen Trollaugen durch das Fenster sah und die Szene schweigend beobachtete. Schweigend, doch nicht ohne Wirkung. Denn das Glück und die Freude der Menschenfamilie erfüllte ihn mit großer Wut.

„So etwas haben sie nicht verdient“, grummelte er, und steigerte sich auf diese Weise noch mehr in seine Wut hinein.

„Ich sollte in diese Hütte stürmen und alles kurz- und kleinschlagen!“, sagte er schließlich zu sich selbst. „Dann werden wir ja sehen, was ihnen von ihrem Glück und ihrer Freude noch bleibt!“

Er zögerte nur kurz. Er hatte zwar seine Lieblingskeule in seiner Höhle vergessen, aber für einen so großen und starken Troll wie ihn war es natürlich kein Problem, sich eine andere Waffe zu organisieren. Schnell ging er ein paar hundert Meter weiter zu einer nahen Baumgruppe und riss mit seinen gewaltigen Kräften eine junge Tanne mitsamt ihren Wurzeln heraus.

Er brüllte wütend, schwang den anderthalb Meter großen Baum wie eine Keule und rannte zurück über die schneebedeckte Wiese. Doch kurz bevor er die Hütte erreichte – als er in Gedanken schon wutentbrannt die Tür aufbrach, die Einrichtung in Trümmer legte und die Angst und Verzweiflung der Menschen genüsslich auskostete –stolperte er über einen vorstehenden Stein, der wegen des Schnees kaum zu sehen war, und fiel der Länge nach hin.

Einen Moment lang blieb er wie betäubt liegen und bemerkte nur am Rande, dass es wieder angefangen hatte zu schneien. Seine Wut war verschwunden, doch seine Glieder schmerzten. Schließlich rappelte er sich mühsam auf, stöhnte und tastete nach seinen Gliedmaßen. Nun, das meiste schien noch heil zu sein, doch seine Nase blutete und sein rechtes Bein schmerzte ihn sehr.

Ohne die Hütte eines weiteren Blickes zu würdigen, humpelte der Troll grummelnd von dannen, um sich in seiner dunklen und einsamen Höhle zu erholen, die er so sehr herbeisehnte.

Die Menschenfamilie hingegen wunderte sich sehr, als sie wenig später direkt vor ihrer Tür eine große Tanne fand. Ein heftiger Schneefall und Wind hatten alle Spuren verwischt und es schien ihnen, als sei der Baum direkt vom Himmel gefallen. Glücklich beschlossen sie, das Geschenk des unbekannten Spenders anzunehmen, befreiten die Tanne von ihren Wurzeln und stellten sie in ihrer Hütte auf, um sich an ihr zu erfreuen.

1. Advent: Der griesgrämige Troll
5 (100%) 2 votes

2 Antworten zu "1. Advent: Der griesgrämige Troll"

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Neuer Kommentar

Du kannst folgende HTML-Tags und -Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

*

http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_negative.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_scratch.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wacko.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yahoo.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cool.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_heart.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_rose.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_smile.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_whistle3.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yes.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cry.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_mail.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_sad.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_unsure.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wink.gif