2. Advent: Der diebische Goblin

Es war einmal ein geschickter Goblin, der eine solch großartige Begabung für das Stehlen von schwer erreichbaren Gütern hatte, dass er weithin als der Meisterdieb bekannt war. Wenn er auf Beutezug ging, wurde er praktisch unsichtbar, hinterließ keinerlei Spuren und kam stets mit so reicher Beute zu seinem Goblinstamm zurück, dass er von seinen Goblinfreunden regelrecht verehrt wurde.

Denn anders als bei Menschen sind bei den Goblins gute Diebe hoch angesehen, lebt doch oft der ganze Stamm allein von Überfällen auf Menschendörfer und dem Raub der Waren reisender Händler.

Seine Erfolge machten den diebischen Goblin weithin bekannt und in selbst in weit entfernten Goblinstämmen sprachen die Goblins über ihn als einen wahren Helden und als ideales Vorbild für jedes Goblinkind.

Und der Goblin genoss seinen Ruhm und die Wertschätzung, die ihm seine Freunde entgegenbrachten, in vollen Zügen. Doch die Erfolge hatten auch eine Schattenseite. So stiegen mit jedem seiner Erfolge die Erwartungen an ihn höher und höher, und die Last dieser Erwartungen trieb ihn zu immer gewagteren Raubzügen.

Eines Tages beschloss er, nur noch allein auf Diebestour zu gehen, was bei Goblins geradezu einem Tabubruch gleichkam. Goblins mögen zwar hinterhältig und gemein sein, aber im Vergleich zu anderen Wesen sind sie klein und schwach, und so greifen sie nur in riesigen Gruppen und immenser Überzahl an, denn auch die Feigheit der Goblins ist geradezu sprichwörtlich.

Dieser Goblin jedoch bestand darauf, keinerlei Unterstützung haben zu wollen, und da er ein so erfolgreicher Meisterdieb war, gestand man es ihm schließlich zu.

Heute, an diesem kalten, doch sonnigen Morgen im Dezember, war der diebische Goblin wieder allein unterwegs. Er war auf dem Rückweg von seinem neuesten Fischzug und schleppte als Zeichen seines Erfolges eine große Kiste mit sich herum.

Ach, was würden die anderen Goblins wieder staunen, dachte er sich. Und wie einfach es gewesen war! Ständig hatte dieser reiche Händler in diese Kiste geguckt, sie keinen Moment unbeobachtet gelassen und bewacht wie seinen Augapfel. Natürlich hatte er dadurch sofort gewusst, dass der reiche Händler etwas sehr wertvolles in dieser Kiste transportierte. Dann eine kleine Ablenkung hier, ein panisches Zugpferd dort, und schwupps war der diebische Goblin mitsamt der wertvollen Kiste verschwunden, bevor der reiche Händler überhaupt gemerkt hatte, dass er da gewesen war.

„Das war wirklich einfach“, sagte der Goblin selbstzufrieden und sah sich beifallheischend um. Aber natürlich war niemand da, der ihm zujubeln konnte, war er doch ganz allein aufgebrochen.

Schulterzuckend ging er weiter. Bis zu seinem Goblindorf war es nicht mehr weit, so lange konnte er auf die Bewunderung seiner Freunde warten.

Doch dann bemerkte er plötzlich, dass er keine Ahnung hatte, wo genau er war. Ja sicher, er war absichtlich nicht direkt zurück in sein Dorf gelaufen, falls der Händler seine Spur finden und ihm folgen würde. Aber eigentlich müsste er längst wieder auf vertrautem Gebiet sein. Er überlegte gerade, ob er vielleicht umkehren sollte, als hinter einer Biegung eine Holzhütte auftauchte. Bei ihrem Anblick fiel ihm ein, dass ihm einer seiner Freunde von dieser Hütte berichtet hatte. Eine Menschenfamilie lebte dort, hatte er gesagt, und die Hütte war nicht weit von seinem Dorf entfernt. Er musste einfach nur daran vorbei und dann geradeaus weiter gehen, bis er den Fluss erreichte. Und von dort aus war es nur noch ein Katzensprung bis zu seinem Dorf.

Jedoch als er die Hütte erreichte, packte ihn seine Neugier. „Ich möchte doch wissen, ob sich hier ein Diebstahl lohnen würde“, sagte er zu sich selbst und schlich näher heran. Das Fenster war etwas zu hoch für den kleinen Goblin, doch er stellte einfach die Kiste davor und kletterte hinauf.

Die Menschen schliefen noch, was ihm Zeit gab, sich in aller Ruhe umzusehen, doch als er die Einrichtung der Hütte musterte, wurde er enttäuscht. Die Menschen, die in dieser Hütte lebten, waren anscheinend nicht sehr reich, denn er entdeckte kaum etwas, dass sich zu stehlen lohnen würde. Ein paar Wolfsfelle vielleicht, die an der Wand hingen, oder das große Bärenfell dort zwischen dem Kamin und dem Tannenbaum. Aber so richtig wertvoll war das alles nicht.

„Moment mal! Warum steht denn dort ein Tannenbaum mitten in der Hütte?“, fragte sich der Goblin verwundert. Er überlegte hin und her, wozu die Menschen ihn wohl verwenden mochten, doch so sehr er sich auch den Kopf darüber zerbrach, ihm fiel einfach kein sinnvoller Grund dafür ein.

„Egal“, sagte er schließlich, sprang von der Kiste und hob sie wieder hoch. „Ich habe gesehen, was ich sehen wollte, und das war nichts, was sich zu stehlen gelohnt hätte. Zum Glück habe ich schon etwas Besseres und – “

Aber da unterbrach er sich plötzlich und blieb wie angewurzelt stehen. „Ja, was habe ich eigentlich erbeutet?“, fragte er sich selbst. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er die ganze Zeit noch keinen Blick in die schwere Kiste geworfen hatte, die er mit sich herumschleppte. Gut, zu Anfang wollte er einfach nur schnell weg von diesem reichen Händler und außer Reichweite seines Bogens kommen, doch das war schon eine ganze Weile her.

Kurzentschlossen setzte er die Kiste ab und spähte hinein. Ganz oben lag ein Zettel, aber er war in Menschensprache beschrieben, die er nicht lesen konnte, und so schob er ihn achtlos beiseite.

Darunter kamen Äpfel zum Vorschein, dann Tannenzapfen, merkwürdige Stofffetzen und noch mehr Äpfel.

„Ja was soll denn das?!“, rief der Goblin aufgebracht. „Das soll ein Schatz sein?! Das ist doch nur Müll!“

Wütend betrachtete er die Kiste. Was sollte er nur machen? Auf keinen Fall durfte er mit dieser Kiste zurück ins Dorf marschieren. Wenn jemand anders diese Kiste erbeutet hätte, hätten sich seine Goblinfreunde vielleicht über die Äpfel gefreut, aber er war nicht jemand anders. Er war der Meisterdieb, und von ihm würden sie mehr erwarten. Viel mehr. Nein, er musste etwas Besseres finden.

Also ließ er die Kiste stehen und trottete langsam und nachdenklich den Weg zurück, den er gekommen war. Vielleicht würde er den Händler ja wiederfinden. Oder er musste sich etwas ganz Neues ausdenken. Auf jeden Fall brauchte er etwas viel wertvolleres als eine Kiste mit Äpfeln, um seine Freunde zu beeindrucken.

Die Menschenfamilie hingegen wunderte sich sehr, als sie wenig später direkt vor ihrer Tür eine große Kiste fand. Neugierig öffneten sie die Kiste und fanden einen Zettel darin, auf dem stand, dies wäre ein Geschenk für die lieben Kinder, die daraus hübschen Schmuck für den Weihnachtsbaum basteln könnten. Eine Anleitung läge ebenfalls dabei und ein paar frische Winteräpfel für die Kleinen. Es gab weder Unterschrift noch Anrede, und so akzeptierten sie glücklich dieses ungewöhnliche Geschenk, trugen die Kiste hinein und bastelten zusammen mit ihren Kindern hübschen Baumschmuck, um ihn in ihren Tannenbaum zu hängen und sich daran zu erfreuen.

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