3. Advent: Die Rache des griesgrämigen Trolls

Grummelt saß der griesgrämige Troll in seiner düsteren Höhle. Seine Gedanken kreisten immer wieder um seinen gescheiterten Angriff auf die verhasste Menschenfamilie und ihre Holzhütte. Zwei Tage hatte es gedauert, bis er sich von seinem Sturz erholt hatte. Zwei Tage lang hatte er hungrig und voller Zorn in seiner Höhle gehockt und finstere Rachepläne geschmiedet.

Doch auch als sein rechtes Bein wieder völlig verheilt war, konnte er sie nicht in die Tat umsetzen. Stattdessen war er auf die Jagd gegangen, wie er es schon lange vorgehabt hatte, um endlich etwas zu Essen zu bekommen und seinen knurrenden Magen zu füllen.

Tagelang war er im Wald geblieben, hatte großen Tieren aufgelauert, sie mit seiner riesigen Keule erschlagen und weggezerrt.

Ein scheues Reh hier, ein dürrer Wolf da, ein quiekendes Wildschwein dort – für ihn waren sie alle gleich. Eins nach dem anderen schleifte er zu seiner Höhle, die sein Zuhause war, bis er einen so großen Vorrat angelegt hatte, dass er sie für mehrere Monate nicht mehr verlassen musste.

Doch anstatt zufrieden zu sein über seinen großen Jagderfolg saß der griesgrämige Troll nun dort, ganz allein in seiner finsteren Höhle und grübelte. Er grübelte über die harte, unbarmherzige Welt im Allgemeinen und die verhasste Menschenfamilie und ihre verfluchte Fröhlichkeit im Speziellen.

„Ich werde mich an dieser Familie rächen!“, rief er plötzlich laut in die Dunkelheit hinein. „Wegen ihr musste ich zwei Tage lang hungern, und nun wird sie dafür bezahlen!“

Voller Enthusiasmus stand er auf. Doch wie sollte er vorgehen?

„Die Menschen leben in einer Holzhütte“, sagte er zu sich selbst, „und Holz brennt gut. Ich werde einfach die Hütte in Brand stecken. Ja, genau! Wir werden ja sehen, ob sie immer noch so fröhlich sind, wenn sie unter freiem Himmel schlafen müssen!“

Wütend stapfte er zur hintersten Ecke seiner Höhle und wühlte in mehreren Kisten herum, in denen er verschiedene Vorräte lagerte. Ein Feuerstein war schnell gefunden, doch was würde er noch brauchen? Trockenes Holz vielleicht?

Sein Blick fiel auf eine kleine, verstaubte Kiste, die ganz hinten in der Ecke lag. Vor langer Zeit, als er diese Höhle bezogen hatte, hatte er jede Menge Kerzen gesammelt, um seine düstere, kalte Höhle mit Licht und Wärme zu füllen. Doch mit der Zeit hatte er sich an die Dunkelheit gewöhnt und begonnen, jede Form von Licht abzulehnen, und so hatte er die Kerzen schließlich in diese Kiste geworfen und vergessen.

„Ja, mit den Kerzen müsste es gehen“, sagte der griesgrämige Troll. Aber da er nicht wusste, wie viele Kerzen er brauchen würde, klemmte sich einfach die ganze Kiste unter den Arm und stampfte entschlossen nach draußen.

Die dicke Schneedecke, die sich strahlend weiß und unberührt vor ihm ausbreitete, störte ihn nicht, ebenso wenig wie die klirrende Kälte, die ihn empfing. Statt dessen blinzelte er nur grummelnd gegen das schwachen Licht der fernen Wintersonne an, stieß eine wilde Drohung gegen sie aus und nahm mit Genugtuung zur Kenntnis, dass sie bald hinter dem Horizont verschwinden würde.

Der Weg zur Holzhütte der Menschen war nicht weit, doch als sie in der Ferne in Sicht kam, blieb er reflexartig stehen und ging hinter der Hügelkuppe in Deckung.

Heute war die Menschenfamilie nicht im Haus, wie er erwartet hatte, sondern befand sich davor. Die beiden Erwachsenen standen einvernehmlich in der Nähe der Eingangstür, von wo aus sie glücklich lächelnd ihren Kindern zusahen, die ihrerseits jubelnd durch den feinen Pulverschnee rannten, kleine Kugeln daraus formten und sich gegenseitig damit bewarfen.

Schweigend starrte der griesgrämige Troll zu ihnen hinüber. Die Fröhlichkeit der Menschenfamilie ärgerte ihn.

„Was gibt den Menschen das Recht, fröhlich zu sein, wenn ich es nicht bin?“, dachte er sich, während er sie weiter beobachtete.

Die Schneeballschlacht war mittlerweile zu Ende und die drei Kinder begannen, aus dem Schnee drei große Kugeln zu formen. Selbst ihre Eltern machten nun mit, halfen ihnen, die Kugeln aufeinanderzustapeln und schienen dabei ebenso viel Spaß zu haben, wie ihre Kinder. Zum Schluss malten sie gemeinsam zwei kleine Augen, Nase und Mund auf die oberste Schneekugel und statteten den fertigen Schneemann an den Seiten mit Zweigen aus, die an Arme erinnerten.

Unruhig ging der griesgrämige Troll auf und ab. „Das darf nicht sein“, grummelte er immer wieder, „das darf einfach nicht sein!“ Doch was konnte er dagegen tun?

Schnell fasste er einen neuen Plan: „Wenn sie den Schnee so sehr mögen, dann werde ich ihn eben stehlen!“ Nur wie? Mitnehmen konnte er ihn schlecht. „Nein, ich muss ihn gleich hier vernichten.“

Er lugte über die Hügelkuppe und bemerkte zufrieden, dass die Menschenfamilie die langsam hinter dem Horizont verschwindende Sonne zum Anlass nahm, in ihre Hütte zurückzukehren. Er wartete nur kurz, dann schlich er sich näher heran, bückte sich und lugte durch das hohe Fenster, an dem er schon einmal gestanden hatte.

Die Eltern gingen geschäftig hin und her und deckten den großen Esstisch mit Lebensmitteln, während ihre drei Kinder vor dem Kamin standen und sich an dem prasselnden Feuer wärmten. Doch der Blick des griesgrämigen Trolls wurde unweigerlich von dem grünen Tannenbaum angezogen, der unweit des Kamins stand, und den er sofort als denjenigen wiedererkannte, den er eigentlich zum Angriff auf diese Hütte hatte verwenden wollen.

„Das können sie doch nicht machen!“, brauste er auf. „Das war mein Tannenbaum!“

Doch nun stand er dort in dieser Menschenhütte und war sogar mit unzähligen gebastelter Figuren behangen, die aus großen Tannenzapfen und buntem Stoff bestanden.

Er knurrte wütend.

„Na von mir aus, sollen sie ihren blöden Baum eben behalten. Aber den Schnee werde ich ihnen wegnehmen, und zwar sofort!“

Kurzentschlossen setzte er seine Kiste ab, nahm die langen Kerzen heraus und rammte sie in regelmäßigen Abständen in den Schnee. Die letzte behielt er in der Hand, zündete sie geschickt mit seinem Feuerstein an und übertrug das Feuer rasch auf die anderen Kerzen.

Mit stiller Genugtuung sah er zu, wie sich die Wärme der Kerzen ausbreitete und der Schnee schmolz.

„Ha! Jetzt habe ich es ihnen aber gründlich gezeigt“, sagte er zufrieden und lächelte beinahe. Dann sammelte er seine leere Kiste ein und stampfte davon, um sich in die Vertrautheit seiner düsteren Höhle zurückzuziehen und die vertraute Einsamkeit zu genießen.

Die Menschenfamilie hingegen wunderte sich sehr, als sie wenig später aus ihrer Tür hinaustrat und ein wahres Kerzenmeer vorfand. Hunderte Kerzen schienen aus dem Nichts aufgetaucht zu sein, verbreiteten wohltuende Wärme, sanftes Licht und ein Gefühl von Frieden und Geborgenheit.

Nur kurz fragten sie sich, wer wohl dafür verantwortlich war, dann schwiegen sie lieber andächtig und erfreuten sich in aller Stille an der Einzigartigkeit dieses ungewöhnlichen Geschenks.

3. Advent: Die Rache des griesgrämigen Trolls
5 (100%) 2 votes

Eine Antwort zu "3. Advent: Die Rache des griesgrämigen Trolls"

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Neuer Kommentar

Du kannst folgende HTML-Tags und -Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

*

http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_negative.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_scratch.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wacko.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yahoo.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cool.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_heart.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_rose.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_smile.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_whistle3.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yes.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cry.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_mail.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_sad.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_unsure.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wink.gif