4. Advent: Die Beute des diebischen Goblins

Müde und erschöpft kämpfte sich der diebische Goblin durch die kalte Dezembernacht. Dieser Raubzug hatte einen ganzen Tag und die darauffolgende Nacht in Anspruch genommen und war viel anstrengender gewesen, als er anfangs vermutet hatte. Trotzdem spürte er nichts anderes als das warme, wohlige Gefühl eines ruhmreichen Sieges in seinem Inneren. Ja, die Mühe hatte sich wirklich gelohnt.

Den gesamten gestrigen Tag hatte er damit verbracht, eine Händlerkarawane auszuspähen, die nach Westen zog. Sie waren zu sechst unterwegs, zwei Händler und vier Wachen, und der hohe Berg an Waren, der sich auf dem großen Wagen auftürmte, versprach reiche Beute.

Am Abend hatten die Händler dann ein Lager aufgebaut, und als sie endlich in ihren Zelten verschwanden und nur noch zwei schläfrige Wachen am Lagerfeuer saßen, konnte der diebische Goblin endlich seine Chance ergreifen.

Mühelos schlich er an den beiden Wachen vorbei, stahl sich heimlich zum Wagen der Händler und kletterte behände hinauf. Dann durchstöberte er lautlos die verschiedenen Kisten, Kästen, Säcke und Beutel, und obwohl es so viele waren, nahm er sich dafür besonders viel Zeit.

Nur zu gut erinnerte er sich noch an seinen katastrophale Raubzug vor zwei Wochen. Damals hatte er sich kilometerweit mit einer schweren Kiste abgeschleppt, deren Inhalt er für besonders wertvoll hielt, aber am Ende hatte sich herausgestellt, dass sie für ihn völlig wertlos war. Und so eine peinliche Niederlage wollte er auf gar keinen Fall wiederholen.

Dann endlich fand er es. Eine großer Leinensack voll mit den wertvollsten Gütern, die sich ein Goblin nur vorstellen konnte. Jetzt war es auf einmal so weit, jetzt hielt er die Beute, von der er immer geträumt hatte, wirklich in seinen Händen: ein riesiger Berg voller Süßigkeiten.

Und das war wirklich ein wahrer Schatz für einen Goblin, haben die Goblins doch keinerlei Möglichkeit, solche leckeren Naschereien selbst herzustellen und kamen daher nur sehr selten in den Genuss derartiger Köstlichkeiten.

Es juckte den diebischen Goblin in den Fingern, ein Stück herauszunehmen und sofort zu probieren. Nur welches? Diesen leckeren Schokoladenkeks vielleicht? Oder etwas von diesem wahnsinnig zarten Marzipan? Und oh, da waren sogar mehrere Stücke Lebkuchen zu sehen!

Doch als er gerade in den Sack hineingreifen wollte, schlich sich ungewollt ein grauenhaftes Bild in die Gedanken des diebischen Goblins: Er selbst, wie er hier stand und gierig naschte, während die Wachen einen Rundgang machten, ihn entdeckten und –

Oh nein! Das durfte auf keinen Fall passieren! Er musste unter allen Umständen sicherstellen, dass er diese wertvolle Beute sicher in sein Dorf bringen konnte. Also schnürte er den schweren Sack entschlossen zu, warf ihn über seine Schulter, sprang lautlos vom Wagen und rannte los.

Unruhig lief der griesgrämige Troll in seiner düstere Höhle auf und ab. Ständig musste er an die verhasste Menschenfamilie denken. Vor einer Woche erst hatte er ihnen eine ordentliche Lektion erteilt, in dem er ihnen den Schnee genommen hatte, den sie so liebten, aber es schien ihm nicht genug zu sein.

„Ich muss etwas unternehmen! Der Schnee ist nicht genug!“

Kurzentschlossen verließ er seine düstere Höhle und stellte beiläufig fest, dass es kurz vor Sonnenaufgang war. Grummelt marschierte er den mittlerweile vertrauten Weg entlang, achtete jedoch nicht auf die schneebedeckte Landschaft um ihn herum, sondern dachte angestrengt nach.

Das Nachdenken fiel ihm schwer. Trolle waren dafür bekannt, nicht besonders intelligent zu sein, bisher hatte er doch auch für jedes Problem eine passende Lösung gefunden.

Er starrte griesgrämig vor sich hin. Vielleicht sollte er die Menschen zunächst aus der Sicherheit ihrer Hütte locken. Und danach? Ach, da würde ihm sicher etwas einfallen.

„Also: Wie locke ich die Menschen aus ihrer Hütte?“, fragte er sich. Sein Blick fiel auf den schneebedeckten Boden und die Spuren eines Hasen, die dieser im Schnee hinterlassen hatte.

„Nein, mit einem Hasen kann ich doch niemanden hervorlocken!“, schalt er sich selbst. „Aber mit einem größeren Tier bestimmt. Wie wäre es mit einem Bären? Bären halten jetzt Winterschlaf. Wenn die Menschen einen Bären hören, sind sie sicher neugierig oder vielleicht sogar ängstlich. Ja, das klappt bestimmt.“

Aufgeregt beschleunigte der griesgrämige Troll seine Schritte. Diesen Menschen würde er es auf jeden Fall zeigen!

Um sicherzugehen, dass ihm die Menschen nicht folgen konnten, machte der diebische Goblin einen großen Umweg, wechselte mehrmals abrupt die Richtung und achtete peinlich genau darauf, seine Spuren immer wieder sorgfältig zu verwischen.

Doch das Tragen des schweren Beutesacks und die große Mühe, die er sich beim Abschütteln von Verfolgern machte, forderte seinen Tribut, und jetzt, kurz vor dem Morgengrauen, war er so müde, dass er fast im Gehen einschlief.

„Nein, ich darf nicht einschlafen!“, ermahnte er sich selbst. „Ich muss wachsam bleiben! Ich darf meine Beute auf keinen Fall verlieren!“

Plötzlich bemerkte er, dass er wieder dem gleichen Pfad folgte, den er schon vor zwei Wochen genommen hatte. Gleich würde die Holzhütte der Menschen in Sicht kommen.

„Ob sie mich sehen werden?“, fragte er sich ängstlich. „Sie könnten mir meine Beute wegnehmen!“

Aber dann beruhigte er sich wieder.

„Sicher schlafen sie noch“, sagte er zu sich selbst. „Ich werde einfach ganz leise sein, dann werden sie nicht einmal merken, dass ich da war.“

Doch gerade in dem Augenblick, in dem der diebische Goblin mit seinem schweren Beutesack an der Hütte vorbeischleichen wollte, erklang ein grauenhaftes Brüllen aus dem kleinen Wäldchen, welches nur wenige hundert Meter von der Holzhütte der Menschen entfernt war.

Diese fürchterliche Brüllen erschütterte den sonst so vorsichtigen Goblin durch und durch. Es erinnerte ihn entfernt an das Brüllen eines Bären, aber es war viel lauter, aggressiver und sehr viel furchteinflößender als alles, was er je zuvor gehört hatte.

Zutiefst erschrocken blieb er zunächst für eine volle Sekunde stocksteif stehen. Dann verfiel er in blanke Panik, ließ er seine Beute einfach fallen und rannte wie der Blitz von dannen. Welches Ungeheuer auch immer für diese Brüllen verantwortlich war, er wollte ihm auf gar keinen Fall begegnen.

Nachdem er seine beste Bärenimitation von sich gegeben hatte, starrte der griesgrämige Troll erwartungsvoll auf die Hütte. Würden die Menschen herauseilen um den Bären zu erlegen? Oder würden sie sich ängstlich in ihrer Hütte verstecken?

Doch alles, was er sehen konnte, war ein kleiner Goblin, der erstaunlich schnell das Weite suchte.

„Ein Goblin?“, fragte er sich. „Was machen Goblins denn hier?“

„Achja“, rief er, „natürlich! Sie wollen die Menschen überfallen! “ Er dachte kurz darüber nach. „Ja, das geschieht diesen Menschen ganz recht. Da werde ich mich nicht einmischen, sollen die Goblins sie doch für mich bestrafen.“

Voll und ganz mit sich zufrieden drehte er um und stapfte zu seiner Höhle zurück. Ja, so gefiel ihm das, wenn andere die Arbeit für ihn übernahmen.

Die Menschenfamilie hingegen wunderte sich sehr, als sie wenig später direkt vor ihrer Tür einen großen Sack voller Süßigkeiten fand. Erneut war vom unbekannten Schenker weit und breit nichts zu sehen, und so akzeptierten sie glücklich dieses ungewöhnlich leckere Geschenk, schafften den großen, schweren Sack in ihre Vorratskammer und erfreuten sich fortan viele Abende lang an den leckeren Naschereien.

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