Das Weihnachtsfest

Es war einmal eine glückliche Familie, bestehend aus einem weisen Vater, einer gütigen Mutter und drei fröhlichen kleinen Kinder. Sie lebte in einer schlichten Holzhütte abgeschieden in den Bergen, doch obwohl sie nur das Nötigste hatten und selbst dafür hart arbeiten mussten, waren sie mit ihrem Leben voll und ganz zufrieden.

Der heutige Abend war gleichwohl ein ganz besonderer Abend, auf den sich die Familie schon das ganze Jahr gefreut hatte. Heute Abend wollten sie sich besonders viel Zeit nehmen, füreinander da zu sein, gemeinsam singen und lachen und einfach glücklich sein, denn heute war Weihnachten.

Und extra für diesem Abend hatte die Familie einen festlich geschmückten Weihnachtsbaum in ihrer Hütte aufgebaut. Den Baumschmuck hatten sie zwar selbst gebastelt, aus großen Tannenzapfen und bunten Stofffetzen, doch sowohl die Bastelanleitung dafür als auch die Materialien und sogar der schöne Tannenbaum waren auf rätselhafte Weise einfach vor ihrer Tür aufgetaucht.

Sie konnten sich nicht erklären, woher diese Geschenke kamen, aber sie waren dem unbekannten Schenker sehr dankbar, brachte der prächtige Weihnachtsbaum doch einen feierlichen Glanz in ihre sonst so bescheidene Hütte.

Und so saß die ganze Familie nun voll Freude und Glück vor ihrem Weihnachtsbaum und sang fröhliche Weihnachtslieder. Laut und kräftig tönte die Bariton-Stimme des Vaters durch die Hütte, vermischte sich mit der warmen Alt-Stimme der Mutter, dem silbrig-zarten Klang ihrer Laute und den hellen Stimmen der Kinder, die den heiteren Takt begeistert mit rhythmischen Klatschen und Stampfen begleiteten.

Leicht drang ihr heiterer Gesang durch die Fenster der Hütte nach draußen, und erreichte somit auch die Ohren des großen, griesgrämigen Trolls, der leicht gebückt durchs Fenster starrte und die Menschenfamilie stumm belauschte.

Doch was der Troll nicht wusste: Er wurde ebenfalls beobachtet! Ein einzelner Goblin, einst ein großer Held in seinem Stamm, der durch unglückliche Umstände in den letzten Wochen in Ungnade gefallen war, duckte sich hinter eine Hügelkuppe und spähte misstrauisch zu dem griesgrämigen Troll hinüber.

Eigentlich war er hierher gekommen, um seinen letzten Misserfolg zu korrigieren. Vor ein paar Tagen erst hatte er sehr wertvolle Waren erbeutet, einen richtigen Schatz, doch dann hatte er ihn wieder verloren, und zwar genau dort bei dieser Holzhütte der Menschen.

Dieses schreckliche Brüllen, das ihn damals so erschreckt hatte, klang ihm immer noch in den Ohren und ließ ihn erschaudern. Aber welches Ungeheuer hatte dieses Gebrüll ausgestoßen? Und, was noch wichtiger war: Was war danach mit seinem Schatz geschehen?

Nachdenklich betrachtete der diebische Goblin den Troll. Seine schiere Größe und unglaubliche Stärke schüchterten ihn ein, und er wäre am Liebsten ganz schnell weggelaufen, doch irgendetwas hielt ihn zurück.

Ein Verdachte keimte in ihm auf. Hatte der Troll das Brüllen ausgestoßen? Er versuchte, sich an Einzelheiten zu erinnern. Es war so grauenhaft gewesen! Doch je mehr er darüber nachdachte, desto sicherer war er sich.

„Der Troll ist dafür verantwortlich. Ich weiß es!“, entfuhr es ihm. „Er hat gebrüllt. Er ist dafür verantwortlich, dass ich meine Beute verloren habe. Er hat sie mir gestohlen! Er ist nichts als ein mieser Dieb!

Mit einem Mal verlor er all seine Vorsicht, vergaß seine Angst vor dem großen und starken Troll und stampfte vor Wut bebend den Hügel hinunter. Unten angekommen ignorierte er den Gesang der Menschen, der immer noch durch das Fenster drang, baute er sich vor dem gut dreimal so großen Troll auf und stellte ihn brüsk zur Rede: „He du! Du Dieb! Wo hast du meinen Schatz versteckt? Gib ihn mir sofort zurück!“

Der griesgrämige Troll sah überrascht nach unten, auf den kleinen Goblin herab. „Was? Wer bist du denn? Verschwinde“, grummelte er unwirsch und wollte sich gleich wieder abwenden, aber der Goblin ließ ihn nicht.

„Wie? Du erinnerst dich nicht einmal an mich?“, rief er wütend. „Ich bin der Goblin, dem du hier vor zwei Tagen einen sehr wertvollen Schatz gestohlen hast! Los, rück ihn sofort raus!“

„Ich hab nichts gestohlen“, sagte der griesgrämige Troll automatisch und registrierte am Rande seines Bewusstseins, dass der Gesang im Inneren der Hütte zuerst leiser wurde und schließlich ganz erstarb.

„Doch, hast du“, sagte der Goblin dickköpfig. „Du hast mich mit deinem blöden Brüllen erschreckt, damit ich ihn fallenlasse und dann hast du ihn dir geschnappt!“

Langsam dämmerte es dem Troll. „Ach dann warst du der Goblin, den ich letztens hier gesehen habe? Habt ihr die Menschenfamilie hier überfallen?“

Die Tür der Holzhütte ging ein Stück auf und der Vater der Familie lugte vorsichtig heraus. In der Hand hielt er ein Gewehr, dessen Lauf grob auf den Troll zielte. „Was ist denn hier los?“, wollte er wissen, doch sowohl der Troll als auch der Goblin ignorierten ihn.

„Nein, natürlich habe ich die Menschen hier nicht überfallen“, sagte der Goblin stattdessen aufgebracht. „Sie haben doch gar nichts, was sich zu stehlen lohnen würde. Aber darum geht es doch gar nicht! Ich will, dass du mir jetzt meinen Schatz zurückgibst, und zwar sofort!“

„Was denn für einen Schatz?“, fragte der Vater verwundert, doch die beiden Streithähne hörten ihn nicht einmal.

„Ich habe nichts gestohlen!“, wiederholte der Troll verärgert. „Ihr Goblins seid es doch, die stehlen, wir Trolle erlegen unsere Beute auf ehrliche Weise!“

„Du lügst doch!“, schrie der Goblin, während neben dem Vater nun auch die Mutter aus der Tür trat und wissen wollte, was hier vorgehe. Der Vater zuckte nur mit den Achseln und versuchte erfolglos, die Kinder, die sich hinter den beiden aufgestellt hatten und die fremden Wesen neugierig anstarrten, zurück ins Haus zu scheuchen.

„Und wenn schon“, knurrte der Troll. „Ich war zuerst hier, also gehört mir auch alles, was ich hier finde!“

„Von wegen! Vorgestern war ich zuerst hier, noch vor dem Morgengrauen, da war weit und breit nichts von dir zu sehen!“

„Na und? Ich war schon vor einer Woche hier, als ich den Menschen den Schnee gestohlen habe!“

„Hahaha! Schnee kann man doch gar nicht stehlen!“

„Natürlich kann man das! Mit Kerzen!“

Du warst das?“, fragte der Vater skeptisch, doch niemand beantwortete seine Frage.

„Mir doch egal! Ich war schon vor über zwei Wochen hier! Als ich aus Versehen die falsche Kiste erbeutet habe, die nur nutzlose Tannenzapfen und Stofffetzen enthielt!“

Die Menschen starrten den Goblin ungläubig an. „Diese Kiste war von dir?“

„Aber ich war schon vor drei Wochen hier und habe die Hütte angegriffen!“

„Schon wieder gelogen!“, behauptete der Goblin. „Man sieht doch, dass die Hütte gar nicht beschädigt ist.“

„Nein, das ist die Wahrheit!“, beharrte der Troll und deutete wie zum Beweis auf das nahe Wäldchen. „Da drüben habe ich mir meine Waffe besorgt, weil ich meine Keule vergessen hatte! Man sieht sicher noch das große Loch im Boden, aus dem ich den Tannenbaum herausgerissen habe, denn wer braucht schon eine Keule, wenn er einen ganzen Baum nehmen kann?“, prahlte er. „Und wenn ich nicht über diesen verdammten Stein gestolpert wäre und mich dabei ganz übel verletzt hätte, dann läge die Hütte jetzt als Kleinholz vor dir!“

Die Familie sah sprachlos vom Troll zum Goblin und wieder zurück.

„Ja, natürlich, das kann ja jeder behaupten“, sagte der Goblin unbeeindruckt. „Hätte, könnte, würde. Tatsache ist: Du hast mir meinen Schatz gestohlen! Und deswegen lachen mich jetzt alle aus und niemand glaubt mir, und das alles nur wegen dir! Also gib mir jetzt endlich meinen Schatz zurück, damit ich damit meine Freunde zurückgewinnen kann!“

„Pah! Freunde. Sowas braucht doch niemand. Ich lebe die ganze Zeit alleine in meiner gemütlichen Höhle und komme bestens ohne sie aus. Und deinen Schatz habe ich nicht und selbst wenn ich ihn hätte, würde ich ihn dir nicht geben!“

Außer sich vor Zorn starrte der diebische Goblin zum griesgrämigen Troll hinauf und funkelte ihn wütend an, während dieser nicht weniger wütend zu ihm hinunterstarrte und dabei boshaft knurrte.

In dieser kritischen Situation trat plötzlich die Mutter vor, lächelte die beiden freundlich an und sprach mir sanfter Stimme: „Aber, aber, liebe Freunde. Heute ist doch Weihnachten, das Fest der Liebe und Versöhnung, da solltet ihr nicht streiten!“

Die beiden Streithähne blinzelten überrascht, sahen sich etwas unsicher um und bemerkten offenbar zum ersten Mal, dass sie von den Menschen beobachtet wurden.

„Wir wissen nun, dass die Geschenke, die wir in den letzten Wochen erhielten, von euch kamen“, fuhr die Mutter fort. „Und egal, ob absichtlich oder nicht: Wir sind euch sehr dankbar dafür und für die viele Freude, die sie uns bereitet haben.“

Troll und Goblin starrten nun die Frau an, und der Ausdruck in ihren Augen schwanke zwischen Verwirrung, Misstrauen und Verlegenheit.

Die Mutter wandte sich an den Goblin. „Es tut mir sehr leid, dass deine Freunde dir nicht glauben. Aber wahre Freundschaft kann man sich nicht durch Schätze erkaufen, sie muss sich langsam entwickeln und fortwährend gepflegt werden. Und du“, sie wandte sich an der Troll, „du wärst sicher weit weniger griesgrämig und hättest viel mehr Freude an deinem Leben, wenn du Freundschaften nicht ablehnen würdest. Versteck dich doch nicht in deiner Höhle. Gehe hinaus und genieße das Leben!“

Goblin und Troll sahen verlegen zu Boden.

„Doch nun genug der mahnenden Worte. Heute ist ein ganz besonderer Tag, denn heute ist Weihnachten! Bitte, kommt mit in unsere bescheidene Hütte. Lasst uns gemeinsam feiern und fröhlich sein!“

Und angestachelt von ihrer ehrlichen Freundlichkeit und der Magie des Augenblicks, folgten die beiden der Menschenfamilie kurzentschlossen in ihre hell erleuchtete Holzhütte, feierten mit ihnen ein großes Fest und waren zum ersten Mal in ihrem Leben rundum glücklich.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann feiern sie auch dieses Jahr gemeinsam Weihnachten, denn die Freundschaft, die sie an diesem Tage schlossen, hält noch immer an.

Das Weihnachtsfest
5 (100%) 2 votes

4 Antworten zu "Das Weihnachtsfest"

  • Sandra sagt:

    Oh, wie schön! Ein super Abschluss für das Adventspecial! Mehr davon 🙂

  • Deci sagt:

    Eine schöne Weihnachtsgeschichte. mach weiter so, gefällt mir =)

  • Rena sagt:

    Hallo Gertrud!
    Ich lese dich erst seit kurzem und bin von den „Specials“ ganz begeistert.
    Die Story ist spannend und ich habe mich schon sehr amüsiert (bin noch nicht ganz durch, denn es hat gedauert, bis ich den „Weiter-Klick“ gefunden hatte).
    Von RC soll ich dir sagen, dass ihr dein Schreibstiel sehr gefällt und das sie dich noch lieber bequem vom Papier lesen würde. Sie glaubt ganz fest, dass du auf dem „Foto“ braver aussiehst, als du bist.
    Ein erfolgreiches Jahr 2014 wünscht die
    Rena

    • Gertrud sagt:

      Hallo Rena!

      Ich freue mich, dass dir meine Stories und Specials gefallen 🙂

      Den „Weiter-Klick“ habe ich gleich mal verbessert: Er ist nun deutlicher hervorgehoben und mit einem kleinen Pfeil versehen. Jetzt kann man ihn garantiert nicht mehr übersehen. Hoffe ich zumindest.

      Mit dem Papier kann ich mich einfach nicht anfreunden. Selbst die Notizen für meine Detektiv-Fälle mache ich alle auf meinem Handy. Was würde ich nur ohne machen?

      Aber brav bin ich doch wirklich! Also meistens. Als Versicherungsdetektivin darf man ja nicht zu brav sein. Meine Chefin sagt immer: Die Braven werden über den Tisch gezogen. Und noch eine ganze Menge anderes Zeug, dass ich hier aber nicht wiederholen möchte. Das wäre nämlich ganz und gar nicht brav…

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