Osterspecial

Ich glaube natürlich nicht an den Osterhasen. Warum sollte ein Hase Eier oder Süßigkeiten verteilen? Schmeckt ihm das nicht? Wie können Süßigkeiten jemandem nicht schmecken? Und wenn es ihm nicht schmeckt, warum hat er es dann? Und wo hat er das Zeug überhaupt her?
Also ihr müsst doch zugeben: Das ist alles furchtbar unlogisch. Und daher glauben wir Goblins auch nicht an Osterhasen.

Trotzdem gibt es bei uns Goblins eine alte Geschichte zum Osterfest, die (und davon bin ich felsenfest überzeugt) auf hundertprozentig wahren Begebenheiten beruht. Und so viel kann ich euch sagen: In Wirklichkeit war alles ganz anders.

Aber lest doch einfach selbst:

 

Der dicke Goblin – eine Ostergeschichte

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, ein Goblin, der unglaublich gerne aß. Er aß so gerne, dass er nicht nur zu den gewohnten Mahlzeiten ordentlich zulangte, sondern auch zwischen den Mahlzeiten immer wieder kleine Snacks zu sich nahm. Dies führte dazu, dass der Goblin mit der Zeit immer dicker wurde. Schnell merkte er, dass er nicht mehr so schnell rennen konnte wie früher und er in den Trainingskämpfen mit seinen Goblinfreunden immer langsamer und schwächer wurde.

Eines Tages beschloss die Kween des Goblinclans, dass es an der Zeit wäre, etwas zu unternehmen, und setzte ihn auf eine strenge Diät. Aber obwohl der dicke Goblin gerne wieder schneller und stärker geworden wäre, um seinen Clan besser unterstützen zu können, schaffte er es nicht, die nötige Willensstärke aufzubringen und dauerhaft weniger zu essen.

So kam es schließlich zu einem heftigen Streit zwischen ihm und dem Rest seines Clans, an dessen Ende er schließlich beleidigt davonzog. Er beschloss, in eine nicht weit entfernte Menschenstadt zu wandern, denn er wusste, dass die vielen Menschen, die dort lebten, auch viele Nahrungsmittel benötigten. So hoffte er, dass es niemandem auffallen würde, wenn er einige davon stehlen würde.

Und in den ersten Tagen funktionierte sein Plan ausgezeichnet. Er schlich sich nachts, wenn es dunkel war und die Menschen schliefen, in die Stadt, brach in Lagerhäuser ein und stahl alles, was irgendwie essbar aussah. Und so kam er gut zurecht.

Doch mit der Zeit wurde er wählerischer, denn die Menschen hatten nicht nur das gewöhnliche Essen, wie Brot, Wurst, Käse, Fleisch, Gemüse oder Kartoffeln in ihren Häusern, sondern auch andere, ihm völlig unbekannte und weitaus wohlschmeckendere Nahrungsmittel. So entwickelte er eine besondere Leidenschaft für Kuchen.

Er kostete ihn anfangs nur zögerlich, doch er war sofort begeistert. Etwas vergleichbares hatte er noch nie zuvor gegessen, und er schmeckte ihm so unbeschreiblich gut, dass er immer mehr davon haben wollte.

Seine Streifzüge auf der Suche nach dem leckeren Gebäck wurden immer länger und mutiger. So verließ er schließlich den Stadtteil der Lagerhäuser und  wagte sich in das Gebiet, in dem die Menschen den meisten Handel trieben. Viele Geschäfte reihten sich hier aneinander, einige mit starken Türen und dicken Schlössern gut gesichert, aber der dicke Goblin überwand alle Hindernisse, brach überall ein und durchsuchte die Häuser nach den leckeren Kuchenstücken.

Doch meist fand er keine, und so kam es, dass er eines frühen Morgens im April müde und hungrig durch die Straßen zog und verzweifelt nach etwas Essbarem suchte. Er hatte nicht mehr viel Zeit, denn die Sonne würde bald aufgehen, die Menschen würden aufwachen und die Straßen würden sich mit ihnen füllen. Und dann würde er sich verstecken und den ganzen Tag hungern müssen.

Nur ein Laden war noch übrig, den er noch nie betreten hatte, und so brach er kurzentschlossen die Hintertür auf und schlich hinein.

Und als er sich dort umsah, traute er seinen Augen kaum. Vor ihm türmten sich Unmengen an sagenhaften Schätzen auf. In riesigen Regalen stapelten sich die verschiedensten Süßigkeiten: Angefangen bei Zuckerwatte und kleinen Stangen aus Lakritze und Marzipan über hunderte von Bonbons und in allen möglichen Farben und Formen bis hin zu Bergen von mit Schokolade überzogenen Keksen.

Für einen Moment war der dicke Goblin regelrecht überwältigt von der reichhaltigen Auswahl und der schieren Menge an Süßigkeiten, die sich seinen Augen bot. Doch dann erinnerte er sich daran, dass er nur wenig Zeit hatte, bis die Menschen erwachen würden, und beschloss, soviel mitzunehmen, wie er tragen konnte.

Er hatte keinen Beutel dabei, der ihm für die Menge groß genug erschien, aber er war klug und erfinderisch und schnappte sich einfach einen leeren Wäschekorb und fegte so schnell er konnte alle Süßigkeiten dort hinein.

Aber obwohl er sich alle Mühe gab, leise zu sein, trieb ihn die Eile und die Gier nach den süßen Köstlichkeiten dazu, mehr Geräusche als üblich zu machen, und das weckte schließlich den Hund des Besitzers des Süßigkeitenladens, der direkt über dem Laden neben seinem Herrchen schlief.

Pflichtbewusst weckte der Dackel seinen Besitzer und gemeinsam schlichen die beiden über die schmale Treppe nach unten, um nachzusehen, was der Lärm am frühen Morgen zu bedeuten hatte. Vielleicht dachte der alte Ladenbesitzer an einen frühen Kunden, vielleicht an einen Einbrecher, aber das Bild, das sich ihm bot, hatte er mit Sicherheit nicht erwartet:

Seine sorgsam ausgestellten Süßwaren waren verschwunden, seine Regale größtenteils leergeräumt und ein kleiner, dicker Goblin hockte auf den Tresen und versuchte, die letzten Schokoladenkekse auf und an dem jetzt schon mit Süßigkeiten überhäuften Wäschekorb zu befestigen.

Als der dicke Goblin ihn bemerkte, erstarrte er einen Moment vor Schreck. Dann riss er den schwer beladenen Wäschekorb hoch, schwankte kurz unter dem Gewicht und rannte dann wie der Blitz zur Tür, wobei er den Korb mehr hinter sich herzog, als dass er ihn tragen konnte.

„Bleib stehen du Dieb!“, rief der alte Ladenbesitzer wütend und nahm die Verfolgung auf. Als er und sein Dackel die Tür erreichten, war von dem dicken Goblin nichts mehr zu sehen, doch eine mehr als deutliche Spur von aus dem Korb gefallenen Schokoladenkeksen wies ihnen den Weg.

Sie folgten dieser Spur in wildem Zickzackkurs kreuz und quer durch das Händlerviertel. Doch der alte Ladenbesitzer war für einen derartigen Dauerlauf nicht in Form und blieb daher schon nach kurzer Zeit zurück.

„Schnapp ihn dir!“, rief er seinem Dackel noch nach, bevor er die Verfolgung endlich aufgab und keuchend stehenblieb.

Dieser Ausruf erregte die Aufmerksamkeit eines kleinen Mädchens, welches zwei Querstraßen weiter wohnte und sich schrecklich langweilte, da es schon früh erwacht war und ihre Spielkameraden alle noch schliefen. Neugierig drückte sie ihre Nase an das Fenster und spähte hinaus.

Sie staunte nicht schlecht, als ein kleines, dickes, grünes Wesen vorbeirannte, welches einen für seine Größe viel zu großen Korb hinter sich herzog, aus dem bei jedem Ruck und jeden Stolperstein die unterschiedlichsten Süßigkeiten herausfielen.

Das kleine Mädchen rieb sich verwundert die Augen. Träumte sie noch? Gespannt sah sie erneut hinaus. Das merkwürdige Wesen mit dem Korb war verschwunden, aber die herausgefallenen Süßigkeiten waren noch da, und sie lagen einfach so auf der Straße herum.

„Mama! Papa! Seht mal, was das kleine grüne Wesen uns gebracht hat!“, rief sie aufgeregt und rannte in das Schlafzimmer ihrer Eltern, die noch selig schliefen.

„Es ist doch noch so früh“, sagte die Mutter gähnend. „Leg dich noch mal ins Bett und schlaf weiter.“

„Aber was war das für ein Wesen? Es war klein und dick und grün. War das ein Goblin?“, fragte sie neugierig und stupste ihren Vater ungeduldig an.

„Goblin? Unsinn“, sagte ihr Vater schlaftrunken. „Hier gibt es keine Goblins. Das war sicher nur ein Hase.“

„Super!“, rief das Mädchen vergnügt. „Ein Hase hat mir Süßigkeiten gebracht!“ Und damit rauschte sie aus dem Schlafzimmer und machte sich daran, ihre Spielkameraden zu wecken und ihnen von den Neuigkeiten zu berichten.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis sich die Nachricht von dem Hasen, der Süßigkeiten verteilte, in der ganzen Stadt verbreitete und die Straßen waren mit einem Male voller schreiender und lachender Kinder, die vergnügt hin und herrannten und jeden Stein umdrehten, um weitere versteckte Süßigkeiten zu finden.

Der dicke Goblin hörte den plötzlich anschwellenden Lärm der Kinder, konnte ihn aber nicht richtig einordnen und bekam schließlich schreckliche Angst davor, dass die Menschen erwacht waren und nun sicher alle nach ihm suchen würden.

Als er dann auch noch hinter sich den Dackel des Ladenbesitzers entdeckte, ließ er den nun noch etwa halbvollen Korb stehen und floh Hals über Kopf aus der Stadt. Der Dackel verfolgte ihn nun nicht mehr sondern kläffte ihm nur hinterher, während er den Korb bewachte und ihm schließlich stolz seinem Besitzer präsentierte.

Der war erst versucht, auch die restlichen Süßigkeiten wieder einzusammeln, doch die glücklichen Gesichter und das fröhliche Lachen der Kinder erweichte sein Herz und so gab er sich mit dem übriggebliebenen Inhalt des Wäschekorbs zufrieden.

Und auch die Eltern der Kinder erfreuten sich an ihrem Glück, kamen schnell zusammen und beschlossen, von nun an jedes Jahr im Frühling Süßigkeiten zu kaufen und für ihre Kinder zu verstecken.

Der dicke Goblin hingegen kehrte tags darauf müde und erschöpft in sein Goblindorf zurück, wo er hoch und heilig versprach, nie wieder so viel essen zu wollen. Und da ihm die Angst vor den Menschen noch immer in den Gliedern steckte, hielt er sich auch daran und wurde zu einem wahrhaft vorbildlichen Mitglied ihrer Gemeinschaft.

Und er hat nie wieder auch nur ein einziges Stück Kuchen gegessen.

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