Eine lohnende Investition Teil 2

Herr Ehmer verbrachte den Nachmittag damit, sich über Goblins zu informieren. Zunächst rief er einen alten Freund an, der viel herumgekommen war und ihm einige erschreckende Schauergeschichten von hinterhältigen Goblinüberfällen erzählte. Doch von den Lebensgewohnheiten im Allgemeinen und der genauen Beschaffenheit von Goblinhäusern oder –Wohnungen konnte er nichts berichten.

„Nee, in so ‘nem Joblindorf bin ick nie jewesen“, sagte er. „Die lassen da ja och nich jeden rin. Ick weß nur ens: Von denen, die’s versucht ham, sin‘ einije nie wieder zurückjekommen.“

Ehmer lief plötzlich ein kalter Schauer über den Rücken. Diese Goblins waren anscheinend hinterhältige, grausame Wesen, vor denen man sich in Acht nehmen musste. Er dachte an Gertrud. So grausam war sie ihm gar nicht vorkommen. Im Gegenteil: Sie hatte einen sehr netten, freundlichen Eindruck auf ihn gemacht.

Es gibt also auch nette Goblins, dachte er sich. Doch von denen wusste sein Freund nichts, also bedankte er sich überschwänglich bei ihm, versprach, sich bald wieder zu melden und legte auf.

Er warf einen prüfenden Blick in sein Telefonbuch. Wer konnte sonst noch etwas über Goblins wissen? Doch die meisten seiner Freunde waren Stadtmenschen wie er selbst, und ein Urlaubsziel waren Goblindörfer auch noch nie.

Sein Blick fiel auf seinen Computer. Er benutzte ihn nur selten, doch er hörte immer wieder, dass im Internet alles zu finden wäre, also schaltete er ihn ein.

Während der Computer hochfuhr, musste er an Alex denken, den netten Nachbarsjungen, der ihn damals für ihn eingerichtet hatte. Er hatte ihn angesprochen, weil er sich einen Ratschlag zum Kauf erhoffte, doch dann hatte Alex ihm so viel über Computer, Betriebssysteme, Antivirenprogramme und dergleichen erzählt, dass er ihm auch die komplette Einrichtung überlassen hatte.

So kam es, dass er jetzt den Schriftzug „Ubuntu“ statt „Windows“ auf dem Monitor lesen konnte. Er hatte zwar keine Ahnung, was das bedeutete, aber er konnte damit regelmäßig Eindruck schinden, was ihm auch jetzt ein Lächeln entlockte.

Er klickte die Meldung, dass die installierten Programme nun automatisch aktualisiert werden würden, routiniert weg, startete den Browser und gab „Goblinhaus“ in das Suchfeld ein. Der erste Treffer war eine Seite, auf der verschiedene Halloween-Kostüme angeboten wurden, und der Rest brachte ihn auch nicht weiter. Für „Goblinwohnung“ erhielt er gar keine Ergebnisse, und so versuchte er es schließlich mit „Wo wohnen Goblins?“.

Dazu gab es eine ganze Reihe von Treffern, die eine Menge interessanter Informationen enthielten, und so klickte er sich von einer Seite zu nächsten und zog alle Fakten in sich auf.

Nach einer Weile lehnte er sich müde zurück, gähnte und rieb sich die Augen. Waren wirklich schon über zwei Stunden vergangen?

Er dachte nach. Was hatte er erfahren? Am umfangreichsten war der lange Artikel in diesem Onlinelexikon gewesen. Goblins lebten in runden oder leicht ovalen Holzhütten, stand da, die sie sich meist selbst zusammenzimmerten. Das Dach war kegelförmig und bestand traditionell aus Stroh, die Inneneinrichtung war ebenfalls meist aus Holz.

Die Hütten im Goblindorf standen oft eng beieinander, doch durch die runde Bauweise entstanden immer wieder Lücken, in denen sie Brunnen oder – in den moderneren Dörfern – Trinkwasserleitungen einrichteten. Abwasserleitungen gab es meist nicht, sondern nur einfache Gemeinschaftstoiletten der Marke Plumpsklo am Rande des Dorfes.

Kurzerhand druckte Ehmer den Artikel aus. Die Fotos und schematischen Zeichnungen könnten ihm vielleicht dabei behilflich sein, eine Wohnung für Gertrud zu finden. Oder er könnte vielleicht…

Das Schrillen seiner Türklingel riss ihn aus seinen Gedanken. Er erhob sich träge und schlurfte zur Tür. Eine nervöse Gertrud stand davor und er ließ sie hinein.

„Haben Sie schon etwas herausgefunden?“, fragte er überrascht. So schnell hatte er nicht mit ihr gerechnet.

„Naja“, sagte sie zögerlich, „ja und nein.“

Er führte sie ins Wohnzimmer und setzte sich in seinen Lieblingssessel, während Gertrud auf seine Couch kletterte.

„Also, zuerst wollte ich mir dieses Baugrundstück ansehen“, berichtete sie. „Doch es war verlassen, wie Sie ja schon gesagt hatten, also brachte mich das nicht weiter. Danach habe ich ein paar Leute befragte, die dort arbeiteten, aber die wussten auch nichts genaues. Einer meinte, das Grundstück gehöre einer Bank, ein anderer, es solle demnächst versteigert werden, und wieder ein anderer wollte gehört haben, dass dort ein neues Bürogebäude entstehen soll. Aber keiner wusste es genau. Einig waren sie sich nur in einem: dass sie dort schon seit mehreren Wochen niemanden gesehen hätten.“

„Naja, dann ist ja leider nicht viel dabei herausgekommen“, resümierte Ehmer. „Aber eine gute Idee war es trotzdem.“

„Schon“, gab Gertrud zu, „aber es geht ja noch weiter. Doch bevor ich Ihnen das erzähle: Haben Sie ihn schon nach seiner Bank gefragt?“

Ehmer schlug sich an seine Stirn. „Nein, das habe ich total vergessen. Warten Sie, ich rufe ihn schnell an.“ Er griff zum Telefon. „Oh, Entschuldigung. Ich habe ganz vergessen, Ihnen etwas zu trinken anzubieten. Möchten Sie einen Kaffee oder – Trinken Goblins eigentlich Kaffee?“

Gertrud lachte. „Ja, einige schon. Aber ich würde jetzt eine Tasse Tee vorziehen, falls Sie welchen haben.“

„Natürlich“, sagte Ehmer und eilte in Richtung Küche. „Ich setze gleich einen auf.“ Er verschwand in der Küche und kam ein paar Minuten später mit einer dampfenden Tasse Wasser zurück, über deren Rand ein Teebeutel hing.

Gertrud wartete, bis der Tee durchgezogen war, und hörte dabei mit halbem Ohr zu, wie Ehmer telefonierte.

„Ja hallo, Ehmer hier. Uwe Ehmer. Sie waren heute Morgen bei mir und haben mir von Ihrer Geschäftsidee erzählt. … Ja genau. … Nein, noch nicht. …“ Er lachte. „Wo Sie gerade davon sprechen: Sie waren doch sicher mit Ihrer Geschäftsidee bei einer Bank und haben einen Kredit aufgenommen, nicht wahr? … Nicht? … Oh, verstehe. … Hmm. …. Ja, das macht Sinn. … Nein nein, ist nicht nötig. … ja … richtig. Ich melde mich dann noch mal. … Danke, Ihnen auch. Auf Wiedersehen.“ Er legte auf.

Gertrud sah ihn fragend an.

„Er sagte, die Banken würden derzeit keine Kredite an Firmengründer ausgeben“, berichtete Ehmer. „Irgendwas wegen aktueller Wirtschaftslage und irgendwelchen Schwankungen. Ehrlich gesagt habe ich kein Wort davon verstanden.“

„Hmm“, machte Gertrud und nippte vorsichtig an ihrem Tee. „Damit kenne ich mich nicht aus. Aber das könnte ich herausfinden.“

„Gute Idee. Ich werde meinen Bankberater ebenfalls danach fragen. Aber ich glaube, Sie wollten noch etwas anderes erzählen?“

„Ja genau. Wo war ich? Ach ja, die Befragungen hatten nicht viel gebracht. Als nächstes habe ich mir dann die Prospekte genauer angesehen und eine Internetadresse entdeckt. Also bin ich ins nächste Internetcafé gegangen und habe deren Seite mal genau unter die Lupe genommen. Doch viel stand da leider nicht. Mir fiel nur auf, dass da keine Adresse stand, nur eine Telefonnummer. Und dass die Texte fast wortwörtlich dieselben waren wie die auf den Prospekten, die Sie mir gegeben haben.“

„Hm“, grübelte Ehmer. „Und was bedeutet das?“

„Keine Ahnung. Aber es machte mich stutzig, und daher habe ich mal nach dem Namen ‚Sebastian Groß‘ gesucht. Es scheint mehrere Menschen mit diesem Namen zu geben, doch auf den Prospekten war ja sein Bild aufgedruckt, also fand ich schnell den richtigen. Doch zu dem gibt es nur sehr wenige Treffer. Alles Profile auf Seiten von sozialen Netzwerken, keine Treffer zu Freizeitaktivitäten, keine Urlaubsfotos, nichts dergleichen. Und die Profile, die ich gefunden habe, sind alle erst ein paar Tage alt.“

„Ist das ungewöhnlich?“

Gertrud nickt. „Anscheinend schon. Ich habe zum Vergleich mal einige andere Namen eingegeben. Zuerst den meines Vermieters, dann den der Maklerin, von der Sie mir erzählt haben, und zum Schluss Ihren Namen. Und obwohl Sie ja anscheinend keine eigene Seite haben, konnte ich doch viele andere Seiten finden, auf denen Sie erwähnt werden, und die waren teilweise zehn bis zwanzig Jahre alt.“

„Interessant“, sagte Ehmer und beschloss insgeheim, demnächst selbst einmal nach seinem Namen zu suchen.

„Also fassen wir mal zusammen: Er hat eine Geschäftsidee, geht aber nicht zur Bank sondern versucht, das Geld von Ihnen zu bekommen. Das Grundstück, auf dem er seine Firma gründen will, ist leer und keiner weiß genau, wem es gehört oder was damit passieren soll. Außerdem war dort schon seit Wochen niemand, der sich das Grundstück detailliert angesehen hat. Die Texte der Prospekte und der Internetseite sind identisch, aber sonst findet sich zu diesem Herrn Groß nichts, was älter als eine Woche ist. Ganz so, als hätte er vorher nicht existiert.“

Gertrud machte eine kurze Pause, trank einen Schluck Tee und sah Ehmer dann direkt an. „Also es ist ja nur so ein Bauchgefühl, aber ich würde ihm mein Geld nicht anvertrauen.“

„Ja, das denke ich auch. Es ist nichts handfestes, aber…“ Er seufzt. „Ich wäre nicht überrascht, wenn er mit dem investierten Geld einfach verschwinden würde.“

„Meinen Sie, dass wir Ihre Nachbarn warnen sollten? Falls er von denen auch Geld haben will, meine ich.“

Ehmer runzelte die Stirn. „Nein, besser nicht. Meine Nachbarn halten mich eh schon für einen seltsamen Kauz, und wir haben ja keine Beweise für unsere Vermutung. Also sollten wir das erstmal für uns behalten.“

„Na gut, wie Sie meinen. Morgen kann ich ja mal über die Banken und Vergabe von Krediten informieren. Und vielleicht bekomme ich sogar heraus, wem dieses Grundstück denn nun wirklich gehört. Und dann –“

Ehmer unterbrach sie lachend. „Moment, Moment, immer mit der Ruhe. Sie haben doch schon viel mehr gemacht, als wir ausgemacht hatten. Da bekomme ich ja ein ganz schlechtes Gewissen, weil ich mit der Wohnungssuche noch nicht sehr weit gekommen bin.“

Gertrud winkte ab. „Das macht doch nichts. Diese Nachforschungen sind viel interessanter und aufregender als meine langweilige Wohnungssuche. Und auf jeden Fall besser, als in dieser stinkenden Bretterbude herumzuhängen.“

Ehmer lacht erneut. „Na wenn das so ist, will ich Sie nicht aufhalten. Apropos: Kann ich Ihre Handynummer haben? Falls ich eine passende Wohnung finde und Sie erreichen will, meine ich.“

Gertrud rutscht plötzlich verlegen hin und her. „Äh … ich hab‘ kein Telefon.“

„Wirklich?“, fragte Ehmer überrascht. „Das ist ja ungewöhnlich. Wieso denn nicht?“

„Naja, die Wohnung hat keinen Telefonanschluss, und diese mobilen Telefone… Ach, ich weiß nicht. Das ist alles so neu für mich.“

„Ich sag Ihnen jetzt mal was: Wenn Sie darauf bestehen, für mich weiter zu forschen, dann bestehe ich darauf, Ihnen ein Handy zu kaufen. Oder ein Smartphone oder wie die Dinger heute heißen.“ Er kramte sein Portmonee aus seiner Tasche und zog einige große Scheine heraus. „Hier, nehmen Sie das. Kaufen Sie sich ein schönes. Mit den neuen Modellen kann man auch ins Internet gehen, glaube ich. Dann müssen Sie nicht mehr ins Internetcafé.“ Er grinst schief.

Gertrud nahm die Scheine ehrfürchtig entgegen. „Vielen Dank. Ich werde mich bemühen, noch mehr herauszufinden.“

„Und ich werde mich um eine schicke Wohnung für Sie bemühen. Aber vor Morgen werden wir beide nicht viel erreichen. Also, möchten Sie noch eine Tasse Tee? Ich würde sehr gerne noch mehr über das Leben der Goblins erfahren.“

„Sehr gerne“, sagte Gertrud erfreut. „Ich habe da ein paar spannende Geschichten auf Lager!“

„Na, eins nach dem anderen“, sagte Ehmer, stand auf und ging Richtung Küche, um eine Kanne Tee aufzusetzen. „Wir haben den ganzen Abend Zeit.“

Und so saßen die beiden bis tief in die Nacht zusammen, lachten, tranken Tee und tauschten Geschichten aus. Sie verstanden sich sehr gut, und wenn jemand das ungewöhnliche Paar beobachtet hätte, dann hätte er sie sicher geglaubt, dass sie schon seit Jahren befreundet waren.

Eine lohnende Investition Teil 2
5 (100%) 1 vote

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Neuer Kommentar

Du kannst folgende HTML-Tags und -Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

*

http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_negative.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_scratch.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wacko.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yahoo.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cool.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_heart.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_rose.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_smile.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_whistle3.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yes.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cry.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_mail.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_sad.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_unsure.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wink.gif