Eine lohnende Investition Teil 3

„Sind Sie sicher, dass Sie es so haben wollen?“ Der kräftige Mann kratzte sich nachdenklich am seinem dichten Kinnbart. „Ist ja nicht gerade ein Standardauftrag.“

Ehmer nickte. Er hatte in den letzten zwei Tagen versucht, eine geeignete Wohnung für Gertrud zu finden, war jedoch erfolglos geblieben. Andererseits musste er zugeben, dass er sich auch keine allzu große Mühe dabei gegeben hatte. Denn insgeheim hatte er längst beschlossen, einen anderen Plan umzusetzen. Und zwar genau diesen hier.

„Ja, ich bin sicher“, sagte Ehmer. Er stand neben ihm im Garten und beobachtete den kräftigen Mann, wie er aufmerksam die Papiere studierte, die er in der Hand hielt. „Wann können Sie anfangen?“

„Sofort, wenn Sie wollen.“

„So schnell?“, fragte Ehmer überrascht.

„Wollen Sie lieber noch einmal darüber nachdenken?“

„Nein nein, fangen Sie ruhig an. Ich hätte nur nicht damit gerechnet, dass Sie so kurzfristig Zeit haben.“

Der andere Mann lachte. „Ja, Sie haben Glück. Bei unserem anderen Auftrag gibt‘s Probleme. Dadurch verzögert sich alles und meine Leute können nicht weitermachen. Und das Material hab‘ ich auf Lager.“ Er sah erneut auf das Papier und machte eine abschätzende Handbewegung. „Mit ein bisschen Glück sind wir bis zum Nachmittag damit fertig.“

„Na wunderbar“, rief Ehmer begeistert. „Dann habe ich heute Abend ja eine tolle Überraschung für sie.“ Er kicherte.

„Oh ja, das glaub ich sofort“, brummte der Bärtige. „Also ich rufe dann mal meine Leute zusammen.“

„Alles klar. Melden Sie sich einfach, wenn Sie noch was brauchen.“

Lächelnd ging Ehmer über den Kiesweg das kurze Stück zu seinem Haus. Die Sonne blinzelte zwischen den schneeweißen Wolken hindurch, es war angenehm warm, die Vögel zwitscherten um ihn herum, einer etwas schrill, er hatte eine tolle Überraschung – der Morgen könnte nicht schöner sein.

Plötzlich bemerkte er, dass das schrille Zwitschern gar nicht von einem Vogel kam, sondern das Klingeln seines Telefons war. Eilig zog er es aus seiner Tasche. Er hatte ganz vergessen, dass er es eingesteckt hatte.

„Ehmer“, meldete er sich.

„Hallo-o!“, rief es zurück. „Hier ist Gertrud mit dem schlauen Telefon!“

Ehmer musste lachen. Gertruds Begeisterung für ihr neues Spielzeug hatte anscheinend noch nicht abgenommen. Das erinnerte ihn sofort an sein erstes Telefonat mit Gertrud. Sie hatte eine halbe Stunde lang die „hunderttausend supertollen Funktionen“ ihres Mobiltelefons angepriesen und sich mehrfach stürmisch dafür bedankt.

Doch sie hatte nicht nur mit ihrem neuen Smartphone herumgespielt: Sie hatte sich nahe seines Hauses auf die Lauer gelegt und Groß beobachtet, wie er Ehmers Nachbarn besuchte, dabei von Tür zu Tür ging und um weitere Investoren warb.

Am Abend hatte sie dann noch einmal angerufen, um ihm mitzuteilen, dass Groß sich mit einer verdächtigen jungen Frau traf. Er hatte ihr erklärt, dass es ja nun wirklich kein verdächtiges Verhalten sei, wenn sich ein Mann mit einer Frau verabredet, und dass sie handfeste Beweise bräuchten. Sie war zwar bei ihrem Verdacht geblieben, hatte ihm aber versprochen, weiter zu suchen. Danach hatte er nichts mehr von ihr gehört.

Doch nun war sie also wieder aktiv.

„Hallo Gertrud“, rief er vergnügt zurück. „Hast du schon etwas herausgefunden?“

„Ja und ob! Dieses Handy hat eine supertolle Video-Funktion, hab ich dir das schon erzählt? Damit kann ich alles aufnehmen und mir dann immer  wieder ansehen. Einfach unglaublich, oder?“

Ehmer schmunzelte. Ja, diese Technik musste einer Goblin wahrlich wie Zauberei vorkommen. „Klasse. Hast du denn schon ein Video aufgenommen?“

„Ja, ganz viele! Von Blumen, Häusern, Ampeln, Autos, Bussen, Straßenbahnen, Hunden, Katzen – und vor meiner Wohnung hab ich sogar eine Kakerlake erwischt.“ Sie kicherte. „Und gestern Abend dann auch eins von diesem Groß und der verdächtigen Frau. Sie haben zusammen gegessen und sind dann in ein Hotel gegangen. Zusammen. Also ich meine, sie haben nur ein Zimmer.“

Ehmer seufzte. „Aber ich sagte dir doch schon, dass so ein Treffen zwischen Mann und Frau…“

„Jaja“, unterbrach ihn Gertrud ungeduldig, „Ich habe doch schon mal erwähnt, dass nirgendwo eine Adresse steht, unter der man Groß erreichen kann. Also nirgends, weder in den Unterlagen noch auf der Internetseite. Ich habe ihn jetzt zwei Tage lang verfolgt und bin fest davon überzeugt, dass er gar nicht hier wohnt. Er schläft immer im Hotel, zusammen mit dieser Frau.“

„Nun vergiss doch mal die Frau! Aber es stimmt, das mit der Adresse ist sehr interessant. Das passt perfekt zu unserer Betrüger-Theorie.“

„Genau! Aber die Frau vergess‘ ich nicht. Ich denke, sie arbeitet mit ihm zusammen.  Du hättest mal hören sollen, was sie gestern Abend besprochen haben. Ich habe sie nämlich heimlich belauscht, und da haben die beiden jede Menge Pläne gemacht. Sie wollen nach Süden fliegen, auf irgendeine Insel, und dort ein angenehmes Leben führen, sagten sie. Die Flugtickets haben sie auch schon gekauft. Und kein Wort von Firma gründen oder Essen ausliefern.“

„Oh“, rief Ehmer. „Damit haben sie ihren Betrug ja praktisch zugegeben! Sehr schade, dass ich nicht dabei war. Das hätte ich gerne selbst gehört.“

„Genau das dachte ich mir auch. Aber du kannst es dir ja anhören, wenn ich das nächste Mal vorbeikomme. Ich habe alles aufgenommen.“

„Ah, klasse! Damit hätten wir schon mal den Beweis dafür, was sie wirklich vorhaben. Doch bevor wir damit zur Polizei gehen, sollten wir auch beweisen können, dass sie mir was ganz anderes erzählt haben.“

„Aber das hat Groß dir doch selbst gesagt“, erinnerte ihn Gertrud. „Und wir haben die Prospekte und Unterlagen, die er dir gegeben hat. Und die Internetseite. Und wir können deine Nachbarn fragen, mit denen Groß gesprochen hat.“

„Stimmt. Ok, dann müssen wir also nur unsere Beweise an die Polizei übergeben, damit sie den Betrüger verhaften kann.“

„Hm“, meinte Gertrud. „Warte mal, mir ist gerade noch etwas eingefallen. Vielleicht sollten wir doch noch etwas warten.“

„Wieso denn?“

„Naja, also…“ Gertrud holte tief Luft. „Ich bin mir sicher, dass diese Frau da mit drinsteckt, aber beweisen können wir es bisher nicht.“

„Ja, das ist richtig. Aber andererseits dürfen wir auch nicht zu lange warten, denn wenn sie Verdacht schöpfen, werden sie blitzschnell verschwinden und wir sehen sie nie wieder. Vielleicht sollten wir –“ Das Schrillen der Türklingel unterbrach ihn. „Oh Moment, da ist jemand an der Tür“, sagte er entschuldigend, ging zur Tür und warf einen raschen Blick durch den Türspion. Aufgeregt griff er nach dem Telefon. „Sie sind hier!“, flüsterte er hastig hinein.

„Wer?“

„Na die beiden! Groß und die junge Frau. Was machen wir denn jetzt?“

„Soll ich die Polizei rufen?“

Ehmer dachte fieberhaft nach. „Nein, warte. Ich will erstmal hören, was sie von mir wollen. Ich melde mich dann, wenn sie wieder weg sind.“ Damit legte er auf, atmete einmal tief durch, rief „Ich komme schon!“ und öffnete die Tür.

„Hallo Herr Ehmer“, begrüßte Groß ihn herzlich. „Erinnern Sie sich an mich?“

„Hallo Herr Groß! Natürlich erinnere ich mich an Sie. Sie sind der, der die Welt verbessern will, richtig?“ Er lachte und sah zu der jungen Frau neben ihm. Sie war groß, blond und trug ein hübsches hellblaues Sommerkleid. Und sie ist sehr attraktiv, bemerkte Ehmer beiläufig.

Groß verstand den Wink. „Darf ich Ihnen meine Geschäftspartnerin Fräulein Schäfer vorstellen?“

Ehmer reichte ihr die Hand.

„Julia“, sagte sie.

Ehmer deutete eine Verbeugung an. „Sehr erfreut.“

„Wir haben diese Geschäftsidee gemeinsam entwickelt“, erzählte Groß derweil. „Ich werde das operative Geschäft betreuen und sie die Finanzen. Oder anders ausgedrückt“, fuhr er augenzwinkernd fort, „Ich arbeite und sie kontrolliert mich.“ Er lachte erneut und Ehmer fiel mit ein, als die junge Frau ihm einen gespielt-strengen Blick zuwarf.

„Dürfen wir für einen Augenblick hereinkommen?“, fragte Groß, als das Gelächter verklungen war.

Ehmer überlegte. Die beiden sind sicher hier, um das Geschäft abzuschließen, dachte er. Wenn ich zusage, werde ich weder sie noch mein Geld je wieder sehen. Doch wenn ich ablehne oder sie gar mit den Ergebnissen meiner Nachforschungen konfrontiere, werden sie alles abstreiten und ebenfalls auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Ich muss sie irgendwie hinhalten.

„Oh, ähm, es ist gerade ungünstig“, stotterte er verlegen. „Ich habe Handwerker im Haus, und die werden hier gleich jede Menge Krach veranstalten. Macht es Ihnen etwas aus, später wiederzukommen?“ Er runzelte die Stirn, als würde er nachdenken. „Vielleicht am späten Nachmittag?“

Falls Groß sein Zögern bemerkt und Verdacht geschöpft hatte, so zeigte er es nicht. „Kein Problem“, sagte er sofort. „Ich sehe nur schnell in meinen Terminkalender.“ Er zog sein Handy hervor und tippte eine Weile darauf herum. „Ja, das geht. Ist Ihnen siebzehn Uhr Recht?“

„Ja, das ist viel besser. Bis dahin müssten die Handwerker fertig sein.“ Dann fiel ihm plötzlich ein, was Gertrud über Groß‘ Adresse gesagt hatte. „Aber ich will Ihnen keine Umstände machen. Ist es Ihnen vielleicht lieber, wenn wir uns bei Ihnen treffen? Damit Sie nicht schon wieder den weiten Weg haben, meine ich.“

„Oh nein, das macht uns nichts aus“, wiegelte er sofort ab. „So weit ist der Weg auch gar nicht. Nur ein Katzensprung, sozusagen. Und außerdem: Service und die Nähe zum Kunden sind doch unser Markenzeichen, erinnern Sie sich?“ Er lächelte gewinnend.

Wieder keine Adresse, dachte Ehmer. Dann hatte Gertrud also Recht: Er ist ein Betrüger. Laut sagte er: „Alles klar, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Also dann bis heute Nachmittag. Ich bringe mein Scheckbuch mit.“ Er zwinkerte.

Groß lachte über seinen Scherz. „Ok, dann bringe ich die Unterlagen und den Vertrag mit.“ Und damit verabschiedeten sich die beiden freundlich von Ehmer und gingen ein Stück die Straße entlang.

„Na das lief ja nicht so gut“, sagte Schäfer, kaum dass Ehmer außer Sichtweite war.

„Hm? Du meinst, weil er uns nicht reingelassen hat?“ Groß machte eine abfällige Geste. „Ach, das bedeutet gar nichts.“

„Ich weiß nicht. Irgendwie hab‘ ich ein schlechtes Gefühl. Lass uns lieber nicht hingehen.“

„Was?“ Er lachte plötzlich. „Das ist doch nur ein kauziger alter Mann! Ein kauziger alter Mann, der eine Menge Zaster auf der hohen Kante hat. Komm schon, die Gelegenheit dürfen wir uns doch nicht entgehen lassen!“

Sie zögerte. „Na gut. Aber danach verschwinden wir von hier, ok?“

„Na klar“, sagte er versöhnlich. „Danach verdrücken wir uns erstmal ein paar Monate nach Jamaika, bis sich die Aufregung gelegt hat. Das wird richtig toll! Als ich das letzte Mal dort war, habe ich…“

Sie gingen gemeinsam weiter und waren dabei so in ihr Gespräch vertieft, dass sie das leise Rascheln nicht bemerkten, welches Gertrud verursachte, als sie sich vorsichtig aus dem dichten Rosengebüsch eines gepflegten Vorgartens befreite.

„Hab ich doch gesagt, dass die beiden unter einer Decke stecken“, murmelte sie zufrieden. „Nur blöd, dass ich das Gespräch nicht richtig aufnehmen konnte. Die Rosen haben mir total die Sicht versperrt.“

Sie vergewisserte sich, dass die beiden um die nächste Ecke verschwunden waren, dann klopfte sie sachte an Ehmers Tür. Sie musste nicht lange warten, bis er sie hineinließ, und dann verbrachten sie die nächsten Stunden damit, fleißig Pläne zu schmieden, um die beiden Betrüger endgültig zu überführen.

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