Eine lohnende Investition Teil 4

Um Punkt siebzehn Uhr läutete Ehmers Türklingel erneut. Gertrud saß oben im Gästezimmer und lauschte gespannt. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und nach unten gerannt, um auch ja nichts zu verpassen. Doch sie blieb still sitzen und hielt sich damit an den Plan, den sie sich mit Uwe zusammen ausgedacht hatte.

Noch am Vormittag waren sie beide zur Polizei gegangen. Das war für Gertrud eine ganz neue Erfahrung und sie war deshalb auch mächtig aufgeregt gewesen. Doch nach drei Stunden voll mit endlosen Fragen, langwierigen Protokollen und komplizierten Formularen war der anfängliche Zauber des Neuen rasch verflogen. Im Gegenteil: Die Zeit schien nur im Schneckentempo voranzukriechen und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich wieder nach draußen an die frische Luft zu kommen.

Immerhin hatten sie die Polizei schnell davon überzeugen können, dass Groß und Schäfer Betrüger waren. Genauegenommen waren sie dabei sogar über ihr Ziel hinausgeschossen, denn nun wollten die Gesetzeshüter die Betrüger unbedingt schnellstmöglich verhaften. Es hatte Gertrud die ganze Palette ihrer Überredungskünste, viel Nerven und noch mehr Geduld gekostet, sie davon zu überzeugen, den zweiten Teil ihres Plan ebenfalls zu akzeptieren.

Aber am Ende haben sie doch zugestimmt, dachte Gertrud vergnügt und sah sich verstohlen im Gästezimmer um. Denn sie war nicht allein im Raum: Vier Polizisten saßen neben ihr und beobachteten gespannt die beiden Monitore, die sie in aller Eile hier aufgebaut hatten. Sie zeigten Bilder aus Ehmers Wohnzimmer, die von winzig kleinen Kameras aufgenommen wurden. So winzig, dass man sie nur dann sehen konnte, wenn man genau wusste, wo man hingucken musste.

Die Bilder wurden drahtlos übertragen, was Gertrud schwer beeindruckte. Sofort hatte sie gleich gefragt, ob sie auch eine solche Kamera bekommen könnte, für ihr neues Handy, doch sie hatte nur Gelächter geerntet. Da hatte sie sich schmollend zurückgezogen und bereute es nun, weil sie jetzt weiter hinten saß und sich den Hals verrenken musste, um die Bilder auf den Monitoren sehen zu können.

Stimmen erklangen plötzlich aus Richtung der Monitore, und Gertrud fiel wieder ein, dass die Polizisten Ehmer ein Mikrophone umgebunden hatten, damit sie alles hören konnten, was im Raum gesagt wurde.

„Also ich muss sagen, Ihr Vorschlag ist wirklich sehr interessant für mich“, sagte Ehmer gerade. „Ehrlich gesagt habe ich zur Zeit Schwierigkeiten, mein gespartes Geld zu vernünftigen Konditionen anzulegen.“

„Das kann ich gut nachvollziehen“, pflichtete ihm eine weiblich Stimme bei, die Gertrud sofort als die Stimme von Julia Schäfer identifizierte. „Die Banken zahlen im Moment praktisch keine Zinsen mehr, und wenn man die Inflation berücksichtigt, verringert sich das Geld auf Ihrem Sparbuch dadurch sogar.“

„Aber eine Festgeldanlage kann ich auch für eins, zwei Jahre tätigen.“, stellte Ehmer fest. „Die Investition in Ihre Firma ist doch viel langfristiger.“

„Och naja, das muss nicht so sein“, bemerkte eine weitere männliche Stimme, bei der es sich nur um Sebastian Groß handeln konnte. Gertrud sah auf dem Monitor, wie er sich leicht vorbeugte und auf einen der bunten Prospekte deutete. „Wie Sie ja hier in unserem Businessplan erkennen können, werden wir schon in zwei bis drei Jahren gute Gewinne erwirtschaften. Und dann haben Sie die Wahl: Sie können sich zurücklehnen und jedes Jahr eine gute Rendite einstreichen – wir rechnen mit fünf bis sieben Prozent – oder Sie können aussteigen und ihre Anteile an einen anderen Investor verkaufen. Und die werden dafür Schlange stehen, denn ich verspreche Ihnen: Auch in drei Jahren wird Ihnen keine Bank sieben oder auch nur fünf Prozent Zinsen zahlen, da bin ich ganz sicher.“

„Wow, fünf bis sieben Prozent Zinsen pro Jahr? Ich nur drei Jahren?“, fragte Ehmer beeindruckt. „Das hätte ich nicht gedacht, dass das so schnell geht. Ich meine: Es gibt doch eine Menge Pizza-Lieferdienste, und bei so viel Konkurrenz kann doch nicht viel Gewinn abfallen.“

„Sie vergessen, dass wir keine Pizza ausliefern wollen, sondern qualitativ hochwertiges Essen“, erläuterte Groß geduldig. „Service und Qualität, erinnern Sie sich? Es gibt mehr als genug Menschen, die bereit sind, für mehr Service und mehr Qualität auch mehr zu bezahlen. Denn wenn Sie bei uns bestellen, ist es keine bloße Nahrungsaufnahme, sondern richtiges, echtes Essen!“

„Hmm“, nickte Ehmer, „Fünf bis sieben Prozent, das klingt wirklich gut. Also ok, Sie haben mich überzeugt: Ich mache mit!“

„Eine gute Entscheidung“, sagte Groß, ergriff Ehmers Hand und schüttelte sie erfreut. „Ich gratuliere!“

Ehmer lächelte geschmeichelt. „Ok wie läuft das jetzt? Schließen wir einen Vertrag ab?“

„Nun, am Ende ja“, antwortete Schäfer. „Wir planen aktuell mit zehn Investoren, die jeweils fünfundachtzigtausend Euro investieren, plus unser eigenes Startkapital.“

Ehmer zog die Augenbrauen hoch. „Das ist viel Geld“, sagte er.

„Richtig“, stimmte ihm Groß zu. „Doch wir benötigen es, um damit das Grundstück zu kaufen und ein kleines Gebäude darauf zu errichten, in dem wir Küche, Lager und Verwaltung unterbringen.“

„Damit schaffen wir direkte Grundwerte, was auch mehr Sicherheit für Sie bedeutet“, erklärte Schäfer weiter. „Denn selbst im schlimmsten Fall, also unsere Firma pleitegehen sollte – was sicher nicht passieren wird – also selbst dann gibt es immer noch das Grundstück mit dem Gebäude darauf. Und wenn das verkauft wird, bekommen Sie auch Ihren Anteil vom Erlös.“

Ehmer nickte bedächtig, sagte aber nichts.

„Als Investor werden Sie stiller Teilhaber an unserer Firma“, fuhr Schäfer fort. „Das bedeutet, Sie können von uns profitieren, ohne sich mit den lästigen Details der Geschäftsführung herumschlagen zu müssen. Diesen Teil übernehmen wir beide. Und damit das alles ordentlich geregelt ist, unterschreiben alle – also Sie, wir beide und die anderen neun Investoren – einen sogenannten Gesellschaftervertrag, in dem alle Konditionen Ihres Investments ganz genau geregelt werden.“

„Jedoch ist es leider so, dass die Gründung einer Firma jede Menge Papierkrieg bedeutet“, warf Groß ein. „Durch die ganze Bürokratie und die vielen Gesetz und Vorschriften geht alles nur sehr langsam. Sie kennen das ja sicher.“

Ehmer seufzte mitfühlend. „Oh ja, das kenne ich.“

„Daher wird es leider noch vier bis sechs Wochen dauern, bis wir diesen Vertrag, von dem wir sprachen, unterschreiben können. Und erst danach können wir richtig loslegen. Eigentlich.“

„Eigentlich?“

„Nun, es gibt da ein kleines Problem, für das wir jedoch schon eine Lösung haben. Dieses ist Problem ist, dass das Grundstück, das wir uns ausgesucht haben, bereits nächste Woche versteigert wird. Und wir müssen hundertfünfzigtausend Euro als Sicherheit hinterlegen, wenn wir mitbieten wollen.“

„Also brauchen Sie das Geld sofort?“, fragte Ehmer.

„Nun ja, nicht den Gesamtbetrag von allen Investoren, aber zumindest einen Teil des Geldes“, stimmt Groß zu.

„Daher würden wir Ihnen gerne etwas vorschlagen“, sagte Schäfer sanft und machte eine kleine Pause, um Ehmers volle Aufmerksamkeit zu erlangen. „Wenn Sie uns jetzt dreiundachtzigtausend Euro geben, damit wir das Grundstück ersteigern können, werden wir diese voll auf Ihren späteren Anteil anrechnen und ihn sogar auf fünfundachtzigtausend Euro aufrunden. Dann hätten Sie für die paar Wochen schon zweitausend Euro Zinsen bekommen, als Vertrauensbonus sozusagen.“

„Natürlich nur, wenn Sie wollen und das Geld verfügbar haben“, warf Groß jovial ein. „Wenn nicht, ist es auch kein Weltuntergang. Einer der anderen Investoren hat sich schon auf dieses Arrangement eingelassen, also haben wir die Hälfte des Betrages bereits. Und wir haben morgen noch Termine mit zwei anderen Investoren, von denen sicher mindestens einer zusagen wird. Ich meine: zweitausend Euro geschenkt – wer wird sich diese Chance entgehen lassen?“

„Also, haben Sie das Geld verfügbar?“, hakte Schäfer nach.

„Ja, habe ich“, antwortete Ehmer sofort.

„Sehr gut“, lobte Groß. „Also dann brauchen Sie uns jetzt nur noch einen Scheck über dreiundachtzigtausend Euro auszustellen, dann ist Ihr Zweitausend-Euro-Bonus gesichert.“

„Alles klar, da hole ich gleich mal mein Scheckbuch.“

„Ok, das reicht jetzt“, brummte plötzlich der Polizist, der neben Gertrud saß, und gab seinen Kollegen ein Zeichen. Die schnelle Reaktion, die sie daraufhin zeigten, stand im krassen Gegensatz zu der Tatsache, dass sie bis eben noch seelenruhig auf ihren Stühlen gesessen hatten: Wie der Blitz rannten die vier Polizisten aus dem Zimmer, die Treppe hinunter und den langen Flur entlang.

„Was ist denn jetzt los?“, rief Groß überrascht, als die vier Männer in Ehmers Wohnzimmer stürmten.

„Polizei! Bleiben Sie, wo sie sind! Sie sind verhaftet.“

Groß Kopf zuckte in Richtung Terrassentür, doch es war zu spät: Einer der Polizisten versperrte ihm bereits den Weg.

„Verhaftet?“, fragte er und bemühte sich um einen ruhigen Tonfall. „Aber weshalb denn?“

„Nun, zunächst einmal wegen Betrugsversuchs an Herrn Ehmer“, stellte ein Polizist fest, während ein anderer Groß und Schäfer Handschellen anlegte. „Aber ich bin sicher, dass noch ein paar Fälle dazukommen, wenn wir erstmal Ihre Fingerabdrücke überprüft haben.“

„Was? Aber das ist doch nur ein Missverständnis! Ich kann Ihnen alles erklären!“

„Dazu werden Sie noch reichlich Gelegenheit haben“, antwortete der Polizist, ignorierte alle weiteren Einwände und las den beiden routiniert ihre Rechte vor.

Gertrud hielt sich währenddessen im Hintergrund und sah interessiert zu, wie die beiden Betrüger abgeführt wurden. Dann trat Ehmer zu ihr.

„Wir müssen morgen noch einmal zur Polizei, um ein paar Papiere zu unterschreiben.“

„Schon wieder?“ Gertud stöhnte. „Wird das wieder so lange dauern?“

Ehmer lachte. „Nein, ich glaube nicht. Das meiste haben wir ja schon erledigt. Und heute Abend werden wir auch nicht mehr gebraucht.“

„Das ist gut.“

„Ja, finde ich auch.“ Er straffte sich. „So, und nachdem das nun erledigt ist, habe ich eine kleine Überraschung für dich.“

„Eine Überraschung?“ Gertrud zog die Augenbrauen hoch. „Was denn?“

„Na, ich sollte mich doch um eine Wohnung für dich kümmern…“, begann er.

„Haben Sie eine gefunden?“, fragte Gertrud hoffnungsvoll.

Ehmer nickte feierlich. „Ja, ich denke schon. Es ist noch nicht hundertprozentig, aber du kannst sie dir gerne ansehen, wenn du willst.“

„Natürlich will ich!“, rief Gertrud begeistert.

„Dann folge mir.“ Er verließ das Wohnzimmer durch die Terrassentür, folgte dem Kiesweg durch den Garten um eine kleine Biegung und blieb stehen. „Hier, mein Geschenk für dich, als Dankeschön für deine Hilfe“, sagte er und deutete nach vorn. „Na, was sagst du?“

„Wow!“, war alles, was Gertrud herausbrachte. Vor ihr stand eine nagelneue Goblinhütte: Sie war leicht oval gebaut und aus stabiler Eiche. Das Dach war kegelförmig, ganz nach Art der Goblins, und wäre es aus Stroh gewesen, hätte Gertrud angenommen, die Hütte käme direkt aus einem Goblindorf.

„Ich habe mir die Freiheit genommen, das Dach mit normalen Dachziegeln zu decken. Ich habe auf die Schnelle leider niemanden gefunden, der ein Strohdach so herrichten kann, dass es keine Brandgefahr darstellt. Ich schätze, dass wird heutzutage nur noch selten gemacht.“

„Wow“, sagte Gertrud wieder, die die Hütte immer noch mit offenem Mund anstarrte. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Die ist echt unglaublich hübsch.“

Ehmer lächelte. „Der Anbau ist noch nicht fertig. Ich dachte, dort könnten wir Bad und WC unterbringen, aber dafür müssen zuerst die Leitungen gelegt werden, und das dauert noch etwas. Achja, bei der Gelegenheit können wir auch gleich noch die Stromkabel verlegen, damit du dein Handy auch zu Hause aufladen kannst.“ Er grinste.

Gertrud schluckte. „Ehrlich, das ist viel viel mehr, als ich erwartet hatte. Vielen Dank!“

„Nein, ich bedanke mich“, widersprach Ehmer. „Du hast mich immerhin davor bewahrt, einen großen Fehler zu machen. Ohne dein Engagement und deine Hilfsbereitschaft wäre ich voll auf dieses Betrügerpärchen hereingefallen. Und ich habe ja auch etwas davon: Eine gute Freundin in der Nachbarschaft, auf die ich mich voll und ganz verlassen kann!“ Er klopfte ihr freundschaftlich auf die Schulter.

„Auf jeden Fall!“, bekräftigte Gertrud. „Und noch einmal vielen Dank für diese tolle Hütte. Ich freue mich riesig! Aber mal ehrlich: Die muss doch einiges gekostet haben, oder?“

„Das ist nicht wichtig“, sagte Ehmer überzeugt. „Sie gefällt dir doch und nur das zählt. Und was das Geld angeht, da sag ich nur eins: Diese Betrügerpärchen wollte mir einreden, dass ich ganz leicht viel Geld verdienen könnte, doch in Wahrheit wollten sie mich nur ausrauben. Doch diese Hütte hier war eine wirklich lohnende Investition, da bin ich mir ganz sicher.“

Eine lohnende Investition Teil 4
5 (100%) 1 vote

2 Antworten zu "Eine lohnende Investition Teil 4"

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Neuer Kommentar

Du kannst folgende HTML-Tags und -Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

*

http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_negative.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_scratch.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wacko.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yahoo.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cool.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_heart.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_rose.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_smile.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_whistle3.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yes.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cry.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_mail.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_sad.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_unsure.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wink.gif