Allein

„Na das ist ja super gelaufen.“ Wütend stapfe ich den schmalen Pfad entlang und schimpfe vor mich hin. „Diese blöde Thyra! Das war doch nicht meine Schuld! Ich konnte doch gar nichts dafür!“

Ich atme tief durch. Der vertraute Duft von Fichtennadeln und Tannenzapfen beruhigt meine Nerven.

Nein, es bringt nichts, wenn ich mich aufrege. Ich muss den Tatsachen ins Gesicht sehen. Ich bin auf mich gestellt. Verbannt aus meinem Clan. Für immer.

Ich äffe Thyras herablassenden Tonfall nach: „Es sei denn, du kehrst mit reicher Beute zurück“.

So ein Blödsinn! Als ob ich, eine einzelne, schwache Goblin, jemals reiche Beute machen könnte.

Und alles nur wegen eines dummen Missgeschicks. Sicher, ich hätte gleich melden können, dass mir diese blöde Ampulle in den Giftkessel gefallen war. Aber ich konnte doch nicht ahnen, dass das Gift dadurch neutralisiert wurde! Immerhin bin ich noch keine ausgebildete Giftmischerin, ich sollte es doch erst lernen. Also hätte Norbert (mein Lehrer) es eigentlich merken müssen. Er hätte das Gift prüfen müssen, bevor er es an die Krieger weitergibt. Genaugenommen ist es also alles nur seine Schuld.

Aber ihn hat Thyra (unsere Kween) nicht verbannt. Sondern nur mich. Es ist einfach ungerecht!

„Was soll ich denn jetzt machen?“, frage ich einen der vielen kleinen Steine am Wegesrand. Doch der schweigt, und so verpasse ich ihm einen kräftigen Tritt. Er fliegt in hohem Bogen davon.

Ah, das tut gut.

Als ich den Nadelwald verlasse, fällt mir die Abendsonne schräg ins Gesicht und blendet mich, als wolle sie mich auslachen. Am liebsten würde ich ihr auch einen Tritt verpassen.

Ich habe hier draußen kaum eine Chance zu überleben, das weiß ich. Menschen, Trolle, sogar die meisten Tiere des Waldes sind viel größer und viel stärker als ich. Wir Goblins stellen uns ihnen nur in großen Gruppen und überwinden sie dann durch zahlenmäßige Überlegenheit.

Also wie soll ich hier draußen nicht nur überleben, sondern auch noch reiche Beute machen?

Ich denke intensiv nach. Klar, es gibt große Krieger in meinem Clan. Einige von ihnen (die größten und erfolgreichsten) erfüllen ab und zu Aufträge, die sie von unserer Kween persönlich bekommen. Sie schleichen sich nachts, im Dunkeln, ganz allein an den Feind heran und stoßen ihm einen giftigen Dolch in die Brust. Und dann verschwinden sie, bevor einer merkt, dass sie dort waren.

Ich denke, das könnte ich auch. Ich bin gut im Schleichen.

Aber dann fällt mir etwas ein. Diese Krieger kommen von solchen Aufträgen eher abgemagert und hungrig zurück, aber niemals mit Beute. Beute machen sie nur in großen Gruppen…

Es ist zum Verzweifeln!

An einer Kreuzung halte ich an. Welchen Weg soll ich einschlagen? Ich weiß keinen Rat, also setze mich auf einen großen Stein und hadere mit meinem Schicksal.

Da zuckt plötzlich ein Gedanke durch meinen Schädel: Ich könnte vielleicht auch ohne Kampf an Beute herankommen. Menschen haben viele wertvolle Dinge in ihren Häusern, und sie sind oft unbewacht. (Wie dumm von ihnen!) Ich könnte also einfach dort hineinschleichen und mir so viel nehmen, wie ich tragen kann.

Ja, das ist die Idee! So werde ich es machen.

Voller Tatendrang springe ich auf und gehe nach Westen, zur nächsten Menschensiedlung. Sie ist nur einen Tagesmarsch entfernt, doch da es schon dunkel wird, beschließe ich, die Nacht an einem nahen Rastplatz zu verbringen, den ich von meinen früheren Streifzügen durch diese Gegend kenne. Er wurde von den Menschen angelegt, aber nur selten benutzt, daher werde ich dort sicher ungestört schlafen können.

Doch schon nach der nächsten Biegung entdecke ich in der Ferne den flackernden Schein eines Lagerfeuers.

Mist. Das war‘s dann wohl mit meinem Plan, denke ich.

Obwohl…

Menschen nehmen auch auf Reisen wertvolle Gegenstände mit, vielleicht habe ich ja Glück.

Ich überwinde die Entfernung im Nu und schleiche mich im Schutz der Dämmerung an das Menschenlager heran. Am prasselnden Lagerfeuer in der Mitte der kleinen Lichtung sitzt nur ein Mensch, sonst entdecke ich niemanden.

Reist er etwa allein? Welch Glück für mich!

Der Mensch hat zwar ein Schwert dabei, aber er sieht nicht wie ein Kämpfer aus. Er trägt normale Kleidung, keine Rüstung, und hat ordentlich Speck auf der Hüfte.

Ein paar Meter weiter steht ein kräftiges Zugpferd und daneben ein großer Karren, der voll beladen ist. Gleich dahinter beginnt der Wald.

Ein Händler! Ich bin ganz aufgeregt.

Wenn ich ihn erfolgreich ausraube, habe ich vielleicht mit einem Schlag so viel Beute gemacht, dass ich schon morgen zu meinem Clan zurückkehren kann. Mann, werden die Augen machen!

Ich suche mir im Unterholz ein Versteck und warte, bis der Händler müde wird. Schließlich lässt er das Feuer herunterbrennen, breitet sein Lager aus und legt sich hin.

Zur Sicherheit warte ich noch ein paar Minuten, bis mir die regelmäßige Atmung des Menschen verrät, dass er fest eingeschlafen ist.

Dann gebe ich mir einen Ruck. „Auf zu reicher Beute!“, ermutige ich mich selbst.

Langsam und vorsichtig schleiche ich mich vom Wald aus an den Menschen heran. Im Schleichen bin ich wirklich gut. Kein Laut ist zu hören, als ich mich dem Händler nähere. Der schmale Mond beleuchtet den Lagerplatz nur dürftig, aber meine Golblinaugen durchdringen das Zwielicht mühelos.

Nur noch zwanzig Meter liegen zwischen uns. Hat er sich gerade bewegt? Nein, er schläft noch.

Nur noch zehn Meter. Der Mensch regt sich plötzlich und ich erstarre. Aber er dreht sich bloß auf die andere Seite und schläft weiter. Puh.

Ich schleiche wieder vorwärts. Zehn Meter. Fünf. Zwei.

Jetzt stehe ich direkt vor ihm. Ich atme tief durch und zwinge meine Hände, ruhig zu bleiben und nicht zu zittern. Langsam, ganz langsam ziehe ich meinen Dolch. Lautlos gleitet er aus der Scheide. Das Gift klebt immer noch daran, ein Stich in die Brust wird den Händler töten, selbst wenn ich sein Herz verfehle. Trotzdem ziele ich gut und–

Plötzlich ein Geräusch von hinten. Wie ein Blitz fahre ich herum und suche den unbekannten Gegner.

Doch ich kann nichts entdecken.

Ein rascher Blick auf den Menschen verrät mir, dass er noch immer fest schläft. War es nur das Zugpferd? Aber es steht ganz still und scheint ebenfalls zu schlafen.

Fieberhaft denke ich nach. Soll ich nachsehen, woher das Geräusch kam? Oder an meinem Plan festhalten und mich zuerst um den Händler kümmern?

Die Neugier siegt, und so schleiche ich einige Meter zurück, in Richtung Wald. Ich bleibe stehen und lausche. Da, ein Knacken! Ich strenge meine Augen an und versuche, die Dunkelheit zwischen den Bäumen zu durchdringen. Aber ich sehe nicht einmal einen Schatten. Haben mir meine Sinne einen Streich gespielt?

Ich will gerade wieder umkehren, als auf einmal ein großer, dürrer Wolf aus dem Unterholz bricht und plötzlich direkt vor mir steht, keine zehn Meter entfernt. Und er fletscht seine riesigen Reißzähne, als er mich ansieht.

Flucht. Mein Instinkt, meine Ausbildung, die vielen Ermahnungen meiner Eltern und Lehrer: Alles rät mir zur Flucht. Ich will fliehen. Ich muss fliehen. Doch ich bin wie erstarrt. Ich kann mich nicht rühren. Stattdessen starre ich dem hungrigen Wolf direkt in die Augen. Aus irgendeinem Grund kann ich meinen Blick einfach nicht abwenden.

Der Wolf scheint meine Furcht zu bemerken, denn er nähert sich mir. Jetzt höre ich auch hinter mir ein Geräusch. Ich traue mich nicht, mich umzudrehen und den Wolf aus den Augen zu lassen, nicht einmal für eine Sekunde. Aber ich bin sicher, dass der Händler erwacht ist.

Diese Erkenntnis löst endlich meine Schockstarre und meine Gedanken beginnen zu rasen. Vor mir der hungrige Wolf mit seinen kräftigen Reißzähnen, hinter mir der Händler mit dem Schwert. Wohin soll ich fliehen? Und kann ich dem Wolf überhaupt entkommen?

Dann nimmt mir der Wolf die Entscheidung ab: Er macht einen großen Satz, überwindet damit die letzten Meter zwischen uns und stürzt sich auf mich.

In letzter Sekunde lasse ich mich nach links fallen und entgehe dem kräftigen Kiefer nur knapp. Sofort rappel ich mich wieder auf und drehe mich um. Der Wolf greift schon wieder an, dieses Mal zielt er auf meine Beine.

Ich springe hoch (die Beine zur Seite und hoffentlich außer Reichweite) und ramme ihm meinen Dolch von oben in den Hals.

Arg! Mein linke Bein war nicht schnell genug und der Wolf hat sich darin verbissen.

Ich falle zu Boden, strample wild mit den Beinen und kann ihn endlich abschütteln. Der Blutverlust durch die Wunde am Hals hat ihn geschwächt, und das Gift tut sein Übriges. Er windet sich noch etwas, doch er ist dem Tode nah.

Schließlich fällt auch er zu Boden und bleibt reglos liegen.

Dabei fallen mir meine eigenen Wunden wieder ein und ich sehe nach meinem Bein. Die Wunde ist nicht so tief, wie ich dachte, aber ein paar Tage Ruhe werde ich brauchen.

Uff.

Naja, hätte schlimmer kommen können.

Plötzlich zucke ich zusammen, als der Händler neben mir auftaucht, sein langes, scharfes Schwert fest in der Hand. Wenn er mich jetzt angreift, ist es aus, denke ich.

Doch er steckt sein Schwert weg und redet aufgeregt in seiner Menschensprache, von der ich aber nur ein paar Worte verstehe. Letztendlich bedankt er sich wohl bei mir, weil er glaubt, dass ich ihm vor dem Wolf gerettet habe. Wenn er nur wüsste, dass in Wirklichkeit der Wolf ihn vor mir gerettet hat, denke ich. Aber ich lasse mir nichts anmerken, denn im Moment bin ich auf seine Dankbarkeit angewiesen.

Der Mensch reicht mir Wasser und einige Menschenheilmittel, die er auf seinem Karren verstaut hatte. Ich traue der Medizin der Menschen nicht, aber in dieser Situation ist es besser als nichts, also reinige ich die Wunde so gut es geht, packe die Heilmittel darauf und umwickele das Ganze mit einem weißen Tuch.

Ich versuche aufzustehen, doch das Bein tut immer noch höllisch weh und ich kann es nicht belasten. Schließlich gibt mir der Händler einen kleinen Wanderstock, auf den ich mich stützen kann, sowie einen großen Beutel voller Menschennahrung. Mechanisch nehme ich mir ein Stück Brot heraus und beginne zu kauen. Für Menschenbrot ist es recht gut, und ich habe Hunger.

Der Mensch ist hocherfreut, dass ich seine Geschenke annehme. Er redet ununterbrochen, während er seine restlichen Sachen einsammelt und auf den Wagen packt. Ich verstehe kaum etwas davon. Schließlich spannt er das Pferd vor den Wagen, bedankt sich erneut überschwänglich bei mir und verschwindet, obwohl es immer noch tiefe Nacht ist.

Ich bleibe allein zurück.

Nun, mein Plan hatte gut funktioniert. Bis der Wolf aufgetaucht war und alles verdorben hat. Dieses blöde Viech. Ich humpele zu ihm hinüber und verpasse ihm einen Tritt mit meinem gesunden Bein. Er rührt sich nicht, denn er ist tot.

Jetzt bin ich verletzt und damit noch schwächer als vorher. Aber andererseits habe ich immerhin genug Nahrung für die nächsten paar Tage. Die werde ich aber auch brauchen, um mich zu erholen. Und danach werde ich meinen ursprünglichen Plan wieder aufnehmen und das Menschendorf ausrauben. Und dann werde ich ruhmreich und mit reicher Beute zurückkehren können zu meinem Clan.

Irgendwie.

Allein
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