Pläne

Gedankenverloren kaue ich auf den letzten Resten des Hasen herum, den ich mir (eher aus Langeweile denn aus Hunger) zubereitet habe. Mein Hund liegt schläfrig neben mir, ihm hat sein Anteil vom Hasen anscheinend ebenfalls gut geschmeckt.

Der Überfall wird gut verlaufen, davon bin ich überzeugt. In Gedanken habe ich diesen Teil meines Plans längst abgehakt. Und wenn ich danach mit reicher Beute nach Hause zurückkehre, wird Thyra mich wieder aufnehmen, gar keine Frage. Mich beschäftigt eine ganz andere Frage: Was wird dann aus meinem Hund?

Wir Goblins haben eigentlich keine Haustiere. Höchstens mal ein paar erbeutete Schafe oder Kühe oder dergleichen, aber auch die nur für wenige Tage. Denn dann schlachten wir sie und essen sie auf. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass jemals ein Hund in unserem Dorf war.

Was wird Thyra wohl dazu sagen? Was, wenn sie ihn nicht ins Dorf aufnehmen will? Wird sie ihn verjagen? Töten? Oder gar schlachten, wie die Schafe? Allein bei dem Gedanken daran dreht sich mir der Magen um.

Als könnte er meine Gedanken lesen, hebt mein Hund plötzlich den Kopf und sieht mich mit seinen großen Hundeaugen an. Ich seufze.

„Mach dir keine Sorgen“, sage ich zu ihm und kraule ihm den Kopf. „Ich werde nicht zulassen, dass du geschlachtet wirst. Es wird vielleicht nicht einfach, aber wir finden da bestimmt eine Lösung.“

Während ich weiter darüber nachdenke wird es Abend, und nach und nach kommen die anderen Goblins ins Lager. Als wir vollzählig sind, rufe ich sie zusammen und berichte in knappen Sätzen von dem, was ich im Süden des Dorfes gesehen habe. „Die Felder im Süden sind hoch und bieten gute Deckung“, beende ich meinen Bericht, „aber die Befestigungen sind stark, und tagsüber sind die Menschen weit verstreut, so dass sie uns schnell umzingeln könnten, wenn sie uns erst einmal entdeckt haben.“ Ich blicke in die Runde. „Was habt ihr herausgefunden?“

Der Fleißige meldet sich. War ja klar. Ich lasse ihn reden und erfahre im Prinzip genau dasselbe, was er mir vorhin schon gesagt hat. Dann fügt er noch hinzu, dass gegen Abend viele Dorfbewohner in ein großes Haus im Südwesten gegangen sind. Vermutlich eine Art Ritual. Eigentlich interessiert es mich nicht wirklich, denn ich habe den Überfall gedanklich schon fest für den frühen Morgen eingeplant. Trotzdem lobe ich ihn für seine guten Beobachtungen.

Dann sehe ich erwartungsvoll zu den beiden Goblins hinüber, die sich im Westen aufgestellt hatten. Der Pazifist druckst ein wenig herum und sagt dann schließlich genau dasselbe, was der Fleißige eben auch gesagt hat. Der Feigling nickt nur bestätigend. Ich habe den starken Eindruck, dass sie überhaupt nichts herausgefunden haben und es jetzt vertuschen wollen. Na was soll‘s, denke ich mir, morgen bin ich sie los.

Ich sehe zum Hinterhältigen.

„Wir haben den Norden ausgespäht“, berichtet er sachlich. „Dort konnten wir zwar nicht viel über die Gewohnheiten der Menschen erfahren, aber die Menschenhäuser stehen dort sehr dicht am Wald, und wir konnten erfolgreich hineinsehen: Die Menschen sind eindeutig wohlhabend, sie auszurauben wird sich auf jeden Fall lohnen. Es gibt kein Tor im Norden, aber viele Holzplanken an den Rückseiten der Häuser sind lose. Wir können leicht einige verbiegen oder herausreißen.“

„Sehr gut“, sage ich anerkennend und meine es so. „Ok, ich habe folgenden Plan: Wir schlagen im Norden zu, bei Sonnenaufgang, wenn die Menschen ihr Ritual abhalten. Wir haben nur wenig Zeit, also teilen wir uns in Zweiergruppen auf. Ich nehme das Haus im Westen, die anderen könnt ihr unter euch aufteilen. Jeder behält das, was er findet. Nach dreißig Minuten verschwinden wir. Ihr geht zurück zu euerm Dorf, ich zu meinem. Alle mit reicher Beute. Noch Fragen?“

Ich erwarte eigentlich keine Wortmeldungen und habe deswegen sofort ein ganz schlechtes Gefühl, als sich der Hinterhältige regt. „Der Plan scheint mir sehr riskant zu sein“, sagt er langsam. „Wir sollen einfach in die Häuser einbrechen? Ohne Absicherung, ohne Schutz? Was ist, wenn die Menschen unerwartet zurückkommen?“

Ich runzele die Stirn. „Dann verschwinden wir einfach.“

„Aber sie werden uns dann doch sofort verfolgen!“

„Das können sie doch gar nicht! Wir sind viel kleiner als sie, also können sie uns nicht einfach durch die Rückwand folgen, sondern müssen außen herumgehen. Und dabei werden sie von ihrer eigenen Palisade aufgehalten.“

Während ich rede, beobachte ich aufmerksam die anderen Goblins. Wenn der Hinterhältige sie überzeugen kann, könnte das meine Führungsposition in Frage stellen. Der Dummkopf stimmt ihm zu, das ist keine große Überraschung. Bestimmt hat er vorher stundenlang auf ihn eingeredet. Den Feigling hat er natürlich auch auf seiner Seite, weil er eben ein Feigling ist, aber blöderweise kann ich auch auf den Gesichtern der anderen Goblins ernste Zweifel ablesen. Mist. Ich muss ihre Bedenken schnell zerstreuen. Also fahre ich fort, bevor der Hinterhältige wieder etwas einwenden kann.

„Aber das wird nicht passieren. Ihr habt es ja selbst gehört und gesehen: Alle Menschen versammeln sich am Morgen in diesem großen Haus, das ist ihr tägliches Ritual. Da haben wir mehr als genug Zeit, völlig ungestört ihre Häuser zu plündern.“

„Das mag sein“, gibt der Hinterhältige zu. „Aber es könnte trotzdem etwas schief laufen. Was ist, wenn einer der Menschen etwas vergessen hat und zurückkommt? Oder wenn das Ritual aus irgendwelchen Gründen verkürzt wird? Ich denke, wir sollten darauf vorbereitet sein.“

Ich starre ihn verärgert an. Verärgert vor allem deshalb, weil er Recht hat. Und weil mir völlig klar ist, dass er sich für diesen Fall schon einen Plan überlegt hat. Und der wird mir mit Sicherheit nicht gefallen. Aber da ich selbst nicht daran gedacht habe, frage ich ihn trotzdem, wohl wissend, dass es ein großer Fehler ist: „Was schlägst du vor?“

„Feuer“, sagt er selbstzufrieden. „Feuer wird sie ablenken. Und weil es viel zu riskant ist, selbst ins Dorf zu schleichen und Feuer zu legen, zünden wir einfach dem Hund den Schwanz an und jagen ihn ins Dorf. Das wird große Unruhe stiften, alle werden den Hund jagen und das Feuer löschen wollen und niemand wird uns verfolgen.“

Ich bin schockiert. „Was?!“, schreie ich wütend. „Du willst meinen Hund anzünden? Meinen Hund?“ Mein Puls ist auf hundertachtzig. Das geht nun wirklich zu weit!

„Natürlich“, sagt er seelenruhig und bildet damit einen starken Kontrast zu meinem Wutausbruch. „Wozu ist er sonst hier?“

Das verschlägt mir erst mal die Sprache. Mein erster Impuls ist, aufzuspringen und ihm die Kehle durchzuschneiden. Aber stattdessen atme ich tief durch und versuche, mich zu beruhigen. Gewalt wird mir jetzt nicht helfen.

Rasch überdenke ich die Lage. Das hatte er also vor. Und aus seiner Sicht ist es gar nicht so übel: Er wackelt an meinem Stuhl und wird gleichzeitig den Hund los, vor dem er immer noch große Angst hat. Aber den Plan werde ich ihm zunichtemachen!

„Auf gar keinen Fall“, sage ich entschieden (und nun wieder deutlich ruhiger). „Ich brauche den Hund noch für eine andere Sache.“ Das ist glatt gelogen, aber das wissen sie ja nicht.

„Aber wir brauchen doch eine Ablenkung!“ Der Einwand kommt vom Pazifisten. Mist. Den hat er also auch schon eingewickelt.

„Nein, brauchen wir nicht.“ Selbst in meinen Ohren hört sich das dünn an. „Aber wenn ihr alle solche Angsthasen seid, dann können ja zwei von euch als Späher draußen bleiben und uns warnen, wenn irgendwas schief laufen sollte.“

Der Hinterhältige ergreift wieder das Wort: „In dem Fall können wir aber nur drei der vier Häuser plündern, würden also weniger Beute machen.“

Ich nicke. „Richtig. Genau wie bei deinem Vorschlag.“

„Ähm, Moment mal“, mischt sich der Faule unvermittelt ein, „soll das heißen, dass die beiden, die Wache schieben, keine Beute bekommen?“

Daraufhin quatschen alle wild durcheinander, denn auch wenn sie nur eine Bande von Schwächlingen, Feiglingen und Versagern sind: Auf Beute verzichten will hier niemand. Nach einer kurzen, aber heftigen Diskussion einigen wir uns darauf, dass wir uns nach dem Überfall noch einmal hier im Lager treffen und die Beute aufteilen.

Das passt mir gar nicht (wer weiß, welchen Schrott die anderen anschleppen!), und deswegen bestehe ich darauf, dass ich dann wenigstens den doppelten Anteil, also ein Viertel der Beute erhalte. „Als Anführerin steht mir das zu“, behaupte ich. Und bevor der Hinterhältige mir den Posten streitig machen kann, füge ich noch hinzu: „Entweder so oder gar nicht. Sonst raube ich das Dorf lieber alleine aus, Risiko hin oder her, und ihr könnt euer Glück wieder mit der Trollfamilie versuchen.“

Die Aussicht behagt niemandem und so fügt sich schließlich auch der Hinterhältige. Zumindest vorerst. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er morgen einen neuen Versuch starten wird. Aber wenn er mich um meinen Anteil betrügen will, werde ich vorbereitet sein, das schwöre ich!

Müde teile ich die Wachen für die Nacht ein (ich befürchte, der Hinterhältige könnte es wagen, mich einzuteilen, wenn ich es wieder ihm überlasse) und suche ich mir dann einen bequemen Platz zum Schlafen. Mein Hund legt sich neben mich, um mich zu wärmen, und ich genieße es. Wenigstens einer, dem ich hier vorbehaltlos trauen kann.

Ich kann es kaum erwarten, diese Versagerbande loszuwerden und endlich wieder nach Hause zu gehen. Der Morgen soll kommen!

Pläne
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