Alte Erinnerungen

Diese Nacht schlafe ich schlecht. Ständig wache ich auf, sehe mich ängstlich um und fürchte, jeden Moment den Dolch des Hinterhältigen in meinem Rücken zu spüren. Aber nicht passiert, alles bleibt ruhig, und so kuschele ich mich nur etwas näher an meinen Hund und versuche vergeblich, wieder einzuschlafen.

Jetzt liege ich also hier, hellwach, obwohl es mitten in der Nacht ist, und wälze mich von einer Seite auf die andere. In Gedanken gehe ich noch einmal die letzten Tage durch. Soviel war passiert…

Die Verbannung aus meinem Clan, der misslungene Überfall auf den Händler, die Trollhöhle. Und dann habe ich mich dieser merkwürdigen Goblintruppe angeschlossen. Hmm. Warum eigentlich?

Es war eine spontane Entscheidung gewesen, das weiß ich noch, und zu dem Zeitpunkt fand ich sie gar nicht schlecht, auch wenn ich nicht mehr genau weiß, wieso und weshalb. Vielleicht wollte ich einfach nicht mehr allein sein.

Nicht allein sein…

Mein Unterbewusstsein kreist um eine alte Erinnerung, aber ich schiebe sie beiseite und versuche, ein bisschen mehr Logik und Struktur in meine Gedanken zu bekommen. Nein, ich hatte gute und total logische Gründe dafür, mich ihnen anzuschließen. Immerhin sind meine Überlebenschancen als einzelne Goblin viel geringer, und auch der Überfall auf das Menschendorf ist in der Gruppe deutlich einfacher.

Naja, theoretisch zumindest. Aber bei dieser Gruppe? Haben mir die anderen denn bisher irgendwie geholfen, wenn es darauf ankam?

Der Hinterhältige wird mir liebend gern bei der ersten Gelegenheit in den Rücken fallen, das war von Anfang an klar. Und ich habe durchaus mitbekommen, dass sich die anderen vorhin alle auf seine Seite geschlagen haben, niemand hat mir geholfen.

Und das war nicht das erste Mal! Gestern zum Beispiel, als diese Wildsau plötzlich aufgetaucht war. Sie hatten das Schwein durch ihre eigene Dummheit angelockt, aber letztendlich haben mein Hund und ich es allein bekämpft, während die anderen mir wieder nicht geholfen haben!

Nein, wirkliche Vorteile kann ich trotz aller Logik bisher nicht erkennen. Da kann ich nur hoffen, dass morgen alles vorbei ist, und uns bis dahin kein weiteres Wildschwein angreift.

Ein Wildschwein. Hmm. Die alten Erinnerungen von vorhin kommen zurück, doch diesmal verdränge ich sie nicht. Ja, ich bin schon einmal einem Wildschwein begegnet, vor vielen Jahren …

Schon damals wollte ich lieber eine Kriegerin als eine Gelehrte sein, und so war ich den stinklangweiligen Ausführungen meiner Mathematik- und Logik-Lehrerin entflohen und war in den nahen Wald geschlichen, auf der Suche nach einem richtigen Abenteuer.

Ich fühlte mich wie eine richtige Jägerin, als ich hinter kleinen Tieren herjagte. Die flohen natürlich vor mir und verschwanden flugs im Unterholz, in nächstgelegenen Erdloch oder sie flogen einfach davon. Aber das machte mir nichts aus, denn ich war ja nicht wirklich auf Beute aus und hatte jede Menge Spaß dabei.

Doch dann traf ich unverhofft auf ein richtig großes Tier: einen Eber. Der war fast doppelt so groß wie ich! (Ich war ja damals noch viel kleiner.)

Natürlich ergriff ich sofort die Flucht, rannte zum nächsten Baum und kletterte so schnell ich konnte hinauf. Doch ich war zu langsam, und so erwischte mich der Eber am rechten Fuß. Ich schrie auf, hielt mich aber weiter fest und konnte mich schließlich mit einem gewaltigen Kraftakt nach oben ziehen.

Der Eber wollte mir folgen, konnte aber natürlich nicht klettern, uns so stand er da nun auf seinen Hinterbeinen, lehnte mit den Vorderbeinen am Stamm und versuchte mit seinen Fängen nach mir zu schnappen. Während ich auf diesem dicken Ast kauerte, nur knapp außerhalb seiner Reichweite,  vor Schreck erstarrt und nicht fähig, mich zu bewegen.

Ich glaube, ich hatte mich noch nie so gefürchtet wie damals. Ich zitterte, weinte, umklammerte meinen schmerzenden Fuß und starrte ängstlich nach unten. Meine Lage war wirklich mies: ganz allein auf diesem Baum, verletzt und von Feinden umzingelt. Dazu kam noch, dass ich mich einfach davongeschlichen hatte, also selbst wenn sie nach mir suchen würden: Niemand wusste, wo ich war, niemand würde mich hier finden.

Die Zeit verging und es wurde Abend. Der erste Schrecken war abgeklungen und der Verzweiflung gewichen. Der Eber stand zwar nicht mehr direkt unter dem Baum, blieb aber in der Nähe. Selbst ohne die Verletzung hätte ich mich nicht mehr hinunter getraut, und mit der Verletzung war an Flucht und einen langen Marsch zum sicheren Dorf gar nicht zu denken.

Ich dachte, ich würde dort oben sterben. Es war das erste Mal, dass ich mich mit meinem eigenen Tod beschäftigte, und als es schließlich Nacht wurde und im Wald totale Dunkelheit herrschte, da dachte ich sogar daran, hinunterzuklettern und mich dem Eber zu stellen. Ein schneller Tod schien mir ein besseres Schicksal zu sein als das langsame, qualvolle und kräftezehrende Verhungern oder Verdursten.

Aber gerade, als mein Überlebenswille den Kampf gegen die Verzweiflung zu verlieren drohte, hörte ich plötzlich meinen Namen.

Ich lauschte. Da, schon wieder! Es war kaum zu hören, ganz leise und so weit entfernt, dass ich weder die Richtung noch die Stimme erkannte. Aber es war eindeutig mein Name gewesen, den jemand gerufen hatte.

Ich schöpfte neue Hoffnung. Sie verdrängte die Verzweiflung, belebte meine müden Glieder und ließ mich aufspringen. Meine Begeisterung wurde etwas gedämpft, als ein stechender Schmerz durch meinen Fuß fuhr, aber ich verlagerte mein Gewicht bloß auf das linke Bein und biss die Zähne zusammen.

„Gertrud!“

Die Stimme kam näher, und sie kam mir merkwürdig vertraut vor. Außerdem war sie nun nah genug, dass ich die Richtung erkannte, doch der Baumstamm versperrte mir die Sicht dorthin.

Eilig kletterte ich ein Stück höher, um den Stamm herum und spähte in die Dunkelheit. Und wirklich: ich entdeckte kleine Lichtpunkte am Boden, die langsam auf mich zukamen.

„Gertrud, wo bist du?“ Jetzt war ich mir sicher: Es war die Stimme meiner Mutter!

Ich hüpfte vor Freude auf dem linken Bein herum und schrie zurück: „Hier! Hier bin ich!“

Die Lichter hielten kurz an und kamen dann direkt auf mich zu.

„Gertrud, endlich! Bleib wo du bist, wir kommen dich holen!“

Eine Welle der Erleichterung überkam mich. Ich war gerettet.

Der Rest ist schnell erzählt: Meine Mutter hatte etliche starke Krieger dabei, und diese vertrieben den Eber fast mühelos, während meine Mutter zu mir hinaufkletterte. Es kommt mir vor, als könnte ich ihre Umarmung auch jetzt noch spüren, und das wohlige Gefühl von Wärme und Sicherheit, das ich empfand, als sie mich nach Hause brachte.

Ich muss blinzeln, weil meine Augen plötzlich feucht sind. Ich atme tief durch.

Ich kenne meine Lage, und sie ist alles andere als gut. Aber wenn ich damals eins gelernt habe, dann dass ich niemals aufgeben darf.

Natürlich wird mich diesmal niemand retten, schon gar nicht meine Mutter. Aber ich bin erwachsen geworden, größer, stärker, klüger, reicher an Erfahrung. Und deshalb werde ich es dieses Mal auch alleine schaffen.

Entschlossen stehe ich auf. Es sind noch zwei Stunden bis zum Sonnenaufgang, aber es ist Zeit, die anderen zu wecken. Sie sind noch schläfrig, aber ich treibe sie zur Eile. Wir frühstücken schweigend, treffen die letzten Vorbereitungen, schärfen unsere Dolche und prüfen das Gift, dann brechen wir auf.

Wir erreichen den Nordrand des Menschendorfes ohne Zwischenfälle. Mir fällt auf, dass die Menschen keine Wachen aufgestellt haben. Anscheinend fühlen sie sich hinter ihrer Palisade unangreifbar. Diese Dummköpfe.

Die Einteilung der Gruppen ist keine Überraschung. Der Hinterhältige hat sich wieder mit dem Dummkopf zusammengetan, während der Faule unbedingt selbst Beute machen und zusammen mit dem Fleißigen das dritte Haus plündern will.

Demzufolge müssen der Feigling und der Pazifist Wache halten. Bestimmt nicht die beste Wahl, aber was soll‘s. Ich gehe fest davon aus, dass sowieso nichts passieren wird.

Wir warten, während die beiden auf eine mittelhohe Tanne klettern und über die Palisade spähen. Es dauert nicht lange, bis die Sonne aufgeht, und kurz danach bekommen wir von den beiden das Signal, dass die Luft rein ist.

Mit einem starken Ruck reiße ich eine lockere Planke aus ihrer Verankerung an der Rückseite der Menschenhütte und schlüpfe durch das Loch. Ich deute meinem Hund, dass er draußen bleiben und aufpassen soll. Im Zweifelsfall könnte ich mich auf ihn wohl mehr verlassen als auf die anderen Goblins.

Drinnen sehe ich mich rasch um. Ich stehe in einem großen Raum, der anscheinend als Wohn- und Esszimmer genutzt wird. Links von mir führt eine schmale Treppe nach oben. Vermutlich liegen dort die Schlafzimmer der Menschen. Dort lagern sie für gewöhnlich die Schmuckstücke und Edelmetalle, die sie für besonders wertvoll halten, aber ich will mich zuerst unten umsehen.

Plötzlich höre ich von draußen Lärm. Es klingt, als würde jemand Holz hacken, nur sehr viel lauter. Instinktiv gehe ich zum nächsten Fenster und spähe hinaus.

Nein.

Nein! Das kann doch nicht wahr sein! Ich reibe mir die Augen, aber es bleibt dabei: In diesem Augenblick brechen drei große Trolle durch die Palisade und stürzen wild brüllend in das Dorf.

Alte Erinnerungen
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2 Antworten zu "Alte Erinnerungen"

  • Deci sagt:

    Oweh… wie soll ich nun schlafen können bis zum nächsten Teil der Geschichte ._.? Trolle im Dorf… ich hoffe, das ist nicht Plan B des Hinterhältigen >.>“ Und… ich hoffe du kommst da unbeschadet wieder raus >.< *hibbelnd auf den nächsten Teil wart*

  • Sir Malgus sagt:

    Eine wahre abenteuerliche Geschichte kleine Goblin,Der kampf gegen Trolle ist gefährlich,meine Reisen haben mich schon durch die ganze Welt getragen und mein Barde singt von meinen Heldentaten,wärend mein Schwert die Feinde der Götter niederschlägt…

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