Trollangriff

Wie betäubt starre ich aus dem Fenster des Menschenhauses. Drei große Trolle sind durch die Palisade gebrochen, in das Menschendorf eingedrungen und schlagen nun mit ihren riesigen Keulen wild um sich.

Ich verstehe es einfach nicht. Wie kann das sein? Wie können drei Trolle quasi aus dem Nichts auftauchen? Und warum greifen sie das Dorf gerade jetzt an? Ausgerechnet in dem Augenblick, wo ich es heimlich ausrauben will? Das kann doch gar nicht sein!

Aber es ist so.

Während ich darüber nachdenke, beobachte ich geistesabwesend das Geschehen draußen. Die Trolle teilen sich sofort auf und stürzen sich getrennt auf die scheinbar weit unterlegenen Menschen.

Doch diese sind erstaunlich gut organisiert: Alle Männer und kräftigen Jungen sind im Nu mit scharfen Schwertern und langen Speeren bewaffnet und stellen sich den übermächtigen Trollen in den Weg. Und obwohl die Menschen unterlegen sind, was Kraft und Größe angeht, können sie die Trolle durch ihre Überzahl und deutliche bessere Bewaffnung langsam aber stetig zurückdrängen.

Endlich löst sich meine Schockstarre und mein Gehirn fängt wieder an, zu arbeiten. Und es sagt mir, dass ich besser ganz schnell abhauen sollte. Obwohl… Sollte ich vielleicht doch noch schnell ein paar wertvolle Gegenstände einstecken?

Mein Blick schweift wieder nach draußen. Wo sind eigentlich die Frauen und Kinder geblieben? Sind sie noch in der Kirche?

Plötzlich höre ich ein Geräusch hinter mir und wirbele herum.

Eine Menschenfrau steht in der Tür, neben ihr zwei kleine Kinder, die sie nun ängstlich zurückdrängt. Damit wäre die Frage also auch geklärt.

„Ist das ein Goblin?“, fragt das Menschenmädchen links von ihr. Es sieht überhaupt nicht ängstlich, sondern eher neugierig aus.

Ihr kleiner Bruder ist mit einem Mal ganz aufgeregt. „Ein Goblin? Wirklich? Cool! Ich hab noch nie einen Goblin gesehen!“

„Bleibt zurück!“, ermahnt die Menschenfrau ihre Kinder streng, schubst sie leicht nach hinten und greift nach der leichten Axt, die neben der Tür lehnt. „Du, Goblin, verschwinde hier!“

Eine wirklich gute Idee. Als wäre ich nicht alleine darauf gekommen. Aber wie soll ich verschwinden, wenn sie und ihre Axt die einzige Tür blockieren?

Mein Blick huscht zur nördlichen Wand und ich versuche, die Entfernung einzuschätzen. Es ist ein großes Haus und ich stehe blöderweise ganz am anderen Ende. Ob ich wohl durch das schmale Loch schlüpfen kann, bevor die Menschenfrau die Axt nach mir wirft?

Ich mache einen vorsichtigen Schritt in die Richtung, aber die Menschenfrau versperrt mir den Weg. „Hast du nicht gehört? Du sollst verschwinden!“, ruft sie wütend.

Verdammt!

Immer diese dummen Menschen! Wie soll ich denn bitte verschwinden, wenn sie mir alle Fluchtwege versperrt?

„Aber Mami“, mischt sich jetzt das kleine Gör ein, „der Goblin sieht doch voll süß aus. Können wir ihn nicht behalten?“

„Genau“, fällt ihr Bruder begeistert ein, „ich muss ich ihn unbedingt noch meinen Freunden zeigen. Das glauben die mir doch sonst nie!“

Ihre Mutter ist leicht genervt. „Himmelherrgottnochmal!“, schimpft sie auf einmal los. „Das ist ein Goblin und kein Spielzeug! Der ist gefährlich! Also wenn ihr euch nicht sofort zusammenreißt und draußen wartet, dann gibt’s eine Woche Stubenarrest! Und das gilt für euch beide!“ Dabei funkelt sie ihre beiden Kinder drohend an.

„Aber draußen sind doch die Trolle“, sagt das Mädchen kleinlaut.

„Oh, ähm, ja, hatte ich fast vergessen. Na dann wartet eben da drüben, hinter dem Sessel. Aber dreht euch um und schließt eure Augen.“ Damit wendet sie sich wieder zu mir, und hebt ihre Axt.

Jetzt bin ich mir sicher, dass mein letztes Stündlein geschlagen hat. Ich schicke ein Stoßgebet an Ceres, Diana, Ares und all die anderen Götter, die mir einfallen, und will grade nach meinem Dolch greifen, um wenigstens kämpfend zu sterben, als plötzlich…

Zwei Feen hinter der Menschenfrau auftauchen, um sie herumfliegen und sich schützend vor mich stellen. Naja, natürlich nicht stellen, dazu sind sie ja viel zu klein, aber sie fliegen direkt vor meiner Nase herum. Dabei piepsen sie mit ihren hohen Stimmchen aufgeregt durcheinander.

„Nein!“

„Nicht!“

„Was redet ihr denn da? Schnell, geht zur Seite!“

„Aber das ist doch die gute Goblin!“ Bei dem Wort „gut“ zucke ich leicht zusammen, mische mich aber vorsichtshalber nicht ein.

„Genau! Wir haben dir doch von ihr erzählt, erinnerst du dich nicht?“

Die Menschenfrau hält inne und senkt unsicher ihre Axt. „Seid ihr sicher?“, fragt sie die beiden Feen und mustert mich, als sähe sie mich zum ersten Mal.

„Aber natürlich!“, piepst es prompt zurück.

„Sie hat doch den Händler vor dem Wolf gerettet!“

„Und sie hat uns vor dem Trollangriff gewarnt.“

Na, das stimmt nun wirklich nicht. Ich hatte ja keine Ahnung von den Trollen. Aber in Anbetracht meiner Situation beschließe ich, dieses Missverständnis besser später aufzuklären.

„Dann ist er also gar nicht gefährlich?“, fragt der kleine Junge und lugt über den Sessel zu uns hinüber.

„Nein, natürlich nicht“, behaupten die eine Fee, während die andere eifrig nickt und noch einmal bekräftigt: „Sie ist eine gute Goblin.“

„Super!“, ruft der Kleine vergnügt, hüpft über den Sessel und rennt zur Tür. „Das muss ich sofort meinen Freunden erzählen!“

„Aber draußen sind doch noch die Trolle!“, wendet seine Mutter besorgt ein.

„Nein, nicht mehr“, piepsen die Feen vergnügt. „Wir haben sie in die Flucht geschlagen und sie sind in den Wald geflohen! Und das alles nur, weil wir gut vorbereitet waren, nachdem uns diese nette Goblin gewarnt hat.“

Der Junge lässt sich von der Heiterkeit der Feen anstecken und springt vor Freude in die Luft. „Jippie!“, ruft er und springt zur Tür hinaus, „Dann kann ich ja jetzt meine Freunde herholen!“

„Und ich auch!“, stimmt seine Schwester ein und rennt ihm hinterher, bevor ihre Mutter etwas einwenden kann.

„Und wir sagen den anderen Bescheid“, verkünden die Feen. „Unser Sieg muss gefeiert werden!“

Damit fliegen sie davon und ich bin plötzlich mit der Menschenfrau alleine.

Es folgen ein paar Sekunden angespannter Stille, in denen ich überlege, ob sie mich jetzt vielleicht doch noch angreifen wird. Dann bemerkt sie meinen Blick, der starr auf die Axt gerichtet ist, die sie immer noch in der Hand hält, und legt sie eilig weg.

„Oh, Entschuldigung“, sagt sie etwas verlegen. „Und entschuldige bitte auch meine unfreundliche Begrüßung eben. Ich schätze, da sind meine Nerven mit mir durchgegangen, wegen den riesigen Trollen und den vielen Waffen und so.“

Ich traue mich nicht, etwas zu sagen, und so nicke ich einfach und versuche, ein wenig zu lächeln, was mir in dem Moment gar nicht so leicht fällt. Aber auf die Menschenfrau hat das wohl eine positive Wirkung, denn sie lächelt ebenfalls.

„Und vielen Dank, für die Warnung vor dem Angriff. Das hat uns wirklich sehr geholfen. Wenn wir nicht vorbereitet gewesen wären…“ Sie schaudert. „Wer weiß, was dann passiert wäre. Der Händler ist leider schon weitergezogen, es wird ihn sicher ärgern, dass er dich verpasst hat.“

Sie schaut unsicher aus dem Fenster. Ein paar Wassertropfen sind daran zu sehen, es beginnt wohl gerade zu regnen. „Ähm… ich sehe besser kurz nach meinen Kindern. Warte einfach hier, mach es dir gemütlich und fühl dich wie zu Hause, in Ordnung?“

Von wegen!

Sie ist kaum aus der Tür, da renne ich schon wie der Blitz zur Nordwand, schiebe die lose Planke beiseite und schlüpfe durch das Loch in den leichten Nieselregen hinaus.

Draußen wartet geduldig mein Hund, aber von den anderen Goblins ist nichts zu sehen. Jetzt fällt mir auf, dass mich vorhin auch niemand gewarnt hat, als der Trollangriff losging.

Hmm. Kein gutes Zeichen.

Trotzdem gehe ich zunächst ein gutes Stück nach Norden, in den Wald hinein, um meine Spuren zu verwischen. So, wie sich die beiden Feen für mich eingesetzt haben, glaube ich nicht, dass mich die Menschen verfolgen werden, aber man kann ja nie wissen.

Nach einer Weile mache ich einen großen Bogen und schleiche mich vorsichtig an unser Lager heran.

Der Platz ist leer. Offensichtlich waren die anderen schon vor mir hier und haben alles mitgenommen. Inklusive meiner eigenen Vorräte.

Verdammt, verdammt, verdammt!

Irgendwie läuft heute alles schief. Zuerst der misslungene Raubzug wegen den blöden Trollen, und nun ist diese elende Bande von Feiglingen auch noch mit meinen Vorräten verduftet!

Ich lasse mich erschöpft zu Boden fallen. Keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen soll.

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