Wieder allein

Ich sitze allein im feuchten Gras und hadere mit meinem Schicksal.

Gestern Abend hatte ich mir schon vorgestellt, wie ich triumphierend mit reicher Beute in mein Dorf zurückkehre, und jetzt, nicht einmal einen halben Tag später, sitze ich hier und habe gar nichts mehr. Naja, außer meinen Hund natürlich.

Ich sehe zu ihm hinüber. Der seichte Regen hat sein Fell durchnässt, aber das stört ihn anscheinend nicht. Munter läuft er kreuz und quer durch das verlassene Lager und schnüffelt interessiert am Boden herum.

Natürlich habe ich auch schon nach Spuren gesucht. Ich wollte herausfinden, in welche Richtung die anderen Goblins verschwunden sind, aber Fehlanzeige. Sie haben ihre Spuren ausgerechnet jetzt außerordentlich gut verwischt, und der Regen tut sein Übriges.

Plötzlich läuft mein Hund ein paar Schritte Richtung Süden, hält an und sieht zu mir hinüber. Als wolle er sagen: „Komm, hier geht’s lang!“

Ob er ihre Spur gefunden hat? Ich schöpfe neue Hoffnung, rappele mich auf und folge ihm durch das Unterholz.

Nach einigen Minuten bin ich sicher, dass mein Hund die richtige Fährte gefunden hat. Sie haben zwar einige Schlenker gemacht, um eventuelle Verfolger abzuhängen, aber meinen Hund können sie nicht so leicht abschütteln. Ich muss zugeben, dass ich mächtig stolz bin auf ihn.

Nach einer guten Viertelstunde nehmen meine geübten Goblinohren ich in der Ferne ein leises Flüstern wahr. Ich bleibe stehen und lausche. Ich könnte mich irren, aber ich glaube, es sind Goblinstimmen, die sich leise unterhalten.

Ich pirsche mich vorsichtig näher heran. Richtig: Ich habe sie gefunden, mitten in ihrem neuen Lager. Es ist dieses Mal besser versteckt, denn ringsherum wachsen dichte Büsche, aber sie haben wieder keine Wachen aufgestellt. Diese Dummköpfe lernen es einfach nicht.

Ich deute meinem Hund, dort zu warten und schleiche etwas näher heran. Die Büsche geben mir gute Deckung, und so bemerkt mich niemand.

„Ich verstehe immer noch nicht, warum sie nicht mit uns zusammen zurückgekommen ist“, sagt der Fleißige grade und sieht zum Feigling hinüber. „Hast du ihr nicht Bescheid gegeben?“

„Naja, ich wollte“, druckst der herum, „aber vor dem Haus lag dieser große Hund…“

„Das ist doch jetzt völlig egal“, mischt sich der Hinterhältige ein. „Bei dem ganzen Lärm, den die Trolle gemacht haben, muss sie etwas bemerkt haben. Sie hätte mehr als genug Zeit gehabt, wenn sie gewollt hätte.“

Der Dummkopf runzelt die Stirn. „Was meinst du damit?“

„Na das ist doch ganz offensichtlich: Sie wusste, dass die Trolle angreifen würden. Und das heißt: Sie hat uns absichtlich in die Falle gelockt.“

Mir stockt der Atem. Was? Meint er das etwa ernst?! Ich bin doch keine Verräterin!

Währenddessen entsteht Unruhe im Lager und alle reden wild durcheinander.

„Hmm.“

„Ich weiß nicht.“

„Aber das kann doch nicht sein!“

„Und was wenn doch?“

„Warum sollte sie das denn machen?“

„Wer weiß?“, orakelt der Hinterhältige. „Wisst ihr noch, wie sehr sie darauf bestanden hat, dass wir keine Ablenkung brauchen? Vielleicht sollten die Trolle die Ablenkung sein. Oder“, er macht eine kleine Pause, um die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Truppe zu bekommen, „Oder wir waren die Ablenkung.“

Wenn ich unter dem Gebüsch nicht schon flach auf dem Bauch gelegen hätte, wäre ich jetzt wohl umgefallen. Ich muss all meine Konzentration aufwenden um meinen Atem ruhig zu halten und nicht laut loszukeuchen.

„Du meinst …? Nein, das glaube ich nicht!“

„Überlegt doch mal. Sie wollte keine Ablenkung. Und sie war sogar dagegen, dass wir Wachen aufstellen. Weil es ‚nicht nötig‘ wäre. Dann kamen die Trolle. Und jetzt ist sie plötzlich verschwunden.“

Um mich herum dreht sich alles. Wie kommt er nur dazu, so etwas über mich zu sagen?

Ich will aufspringen und losbrüllen, ihn als Lügner hinstellen und aus dem Lager prügeln. Aber im Moment schaffe ich es grade noch so, liegenzubleiben und einfach weiterzuatmen.

Und überhaupt: Was sollte ich sagen? Gestern Abend hat er mich auch übertölpelt, mit seinem gemeinen Vorschlag, meinen Hund anzuzünden. Sicher hat er sich gute Argumente zurechtgelegt. Und so wie es aussieht, glauben ihm die anderen jetzt schon. Ich hingegen bin nur eine Fremde, die sie kaum kennen, und so wäre ich am Ende vielleicht diejenige, die aus dem Lager geprügelt wird.

Oder schlimmeres. Verräter sind bei allen Goblinstämmen geächtet.

Ich ziehe mich leise zurück. Ich brauche dringend frische Luft, und die Luft dort unter den Büschen kommt mir mit einem mal sehr stickig vor.

Mein Hund hat brav auf mich gewartet sieht mich nun fragend an. Als ich wortlos und innerlich aufgewühlt an ihm vorbeirausche, reagiert er mal wieder goldrichtig und folgt mir einfach, ohne Fragen zu stellen. Er ist wirklich eine treue Seele, doch ich kann im Moment nicht darüber nachdenken.

Ich laufe immer schneller und renne schließlich blindlings durch den Wald. Ich sehe nicht, was um mich herum passiert, sondern renne nur weiter, und immer weiter, bis ich total erschöpft bin und endlich an einem alten Baumstumpf anhalte. Meine Beine geben unter mir nach, ich lasse mich fallen und fange plötzlich an zu weinen.

Ich weiß nicht, warum ich weine, es kommt einfach so über mich. Und irgendwie tut es mir gut. Mein Hund kommt hechelnd zu mir. Auch er ist von dem Sprint durch den Wald außer Atem, aber er scheint dabei sehr viel glücklicher zu sein. Ich schniefe, kraule ihm den Kopf und überlege, was ich hier eigentlich mache.

In letzter Zeit läuft wirklich alles schief. Erst das dumme Missgeschick, das zu meinem Rauswurf führte, dann der vermurkste Überfall auf den Händler, die Feen, die Trollhöhle, die Versagerbande. Und jetzt auch noch dieser Riesenschlamassel im Dorf.

Habe ich einfach nur Pech? Oder ist es wirklich unmöglich? Ich will doch nur zurück nach Hause!

Ich seufze. Soll ich trotzdem zurückkehren, ohne Beute? Seit meinem merkwürdigen Traum letztens habe ich ein schlechtes Gefühl, wenn ich an meinen Clan denke. Als wären sie in Gefahr. Andererseits…

Ich wische den Gedanken weg. Es war nur ein Traum, sicher ist dort alles in Ordnung. Und das bedeutet, dass Thyra mich nicht wieder aufnehmen wird, schon gar nicht, wenn ich dort mit leeren Händen aufkreuze. Vielleicht muss ich mich an den Gedanken gewöhnen, niemals zurückkehren zu können. Doch der Gedanke tut weh.

Nein, so schnell gebe ich nicht auf. Andere vielleicht, aber ich nicht!

Es mag vielleicht etwas länger dauern, als ich gehofft habe, aber ich werde es trotzdem schaffen. Davon bin ich überzeugt.

Nur wie? Ich habe ja nicht mal mehr die nötigsten Vorräte!

Jetzt ärgere ich mich, dass ich eben nicht besser nachgedacht habe und einfach ohne nachzudenken weggelaufen bin. Bestimmt hätte ich das eine oder andere Stück Fleisch mitgehen lassen können. Sie hatten ja keine Wachen aufgestellt, waren abgelenkt und überhaupt, es sind ja eigentlich auch meine Vorräte.

Ich erwäge ernsthaft, wieder zurückzugehen, doch ich entscheide mich dagegen. Ich würde den Weg zurück wahrscheinlich finden, doch ob ich mich erneut unbemerkt anschleichen kann? Das Risiko scheint mir zu hoch.

Also wieder von vorne. Mittlerweile ist es Mittag und ich bekomme Hunger. Also brauche ich zuerst einmal etwas zu essen. Ein paar Kräuter und Wurzeln könnte ich hier im Wald sammeln, aber ich brauche auch Fleisch.

Hmm.

Ich sehe mich um. Ich bin anscheinend weit nach Westen gelaufen und befinde mich damit tief im Gebiet des feindlichen Goblinclans. Es wäre wohl keine gute Idee, länger als nötig hierzubleiben.

Doch wohin soll ich gehen? Ich war noch nie weiter als bis zum Menschendorf von meinem Dorf entfernt, aber dorthin werde ich sicher nicht zurückkehren. Über den Süden und Westen weiß ich gar nichts, außer dass das Gebiet eben zum feindlichen Clan gehört. Weit, sehr weit im Norden soll eine größere Menschenstadt sein. Dorthin könnte ich gehen.

Ich erinnere mich, dass auf dem Weg einige Bauernhöfe der Menschen liegen sollen. Ich werde zwar keine reiche Beute machen können, aber vielleicht kann ich dort wenigstens meine Vorräte auffüllen.

Entschlossen stehe ich auf und wende mich nach Norden. Irgendwie wird es schon weitergehen, bestimmt ergibt sich irgendetwas. Denn schließlich bin ich Gertrud: flink, unsichtbar und tödlich. Die anderen sollten sich vor mir in Acht nehmen!

Wieder allein
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3 Antworten zu "Wieder allein"

  • Deci sagt:

    Hm… waren die Trolle nun das Werk des Hinterhältigen oder nicht *rätsel* o.o

    Arme Gertrud, das lief gründlich daneben 🙁 Ich hoffe, du hast beim nächsten Mal mehr Erfolg!

    • Gertrud sagt:

      Na ich glaube, da überschätzt du den Hinterhältigen aber gewaltig. Wie soll der denn drei Trolle aus dem Hut zaubern?
      Außerdem würden Trolle doch nicht auf einen Goblin hören, selbst wenn der mutig genug wäre, mit ihnen zu reden (ist er nicht).

      Ich glaube, ganz sicher werde ich mir nie sein können, aber das mit den Trollen war bestimmt einfach nur Pech. Und davon habe ich in letzter Zeit ja genug. Verdammter Mist nochmal.
      Zum Glück hab ich noch meinen Hund, ohne ihn wäre ich völlig aufgeschmissen…

  • Deci sagt:

    *dem Hund einen Knochen geb* 🙂

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