Rehjagd

Ich wandere nach Norden. Ich fühle mich einsam, jetzt, wo die anderen Goblins nicht mehr da sind. Merkwürdig. Ich kannte sie doch erst seit ein paar Tagen.

Zum Glück bin ich nicht wirklich alleine, denn mein Hund ist ja noch bei mir. Zusammen suchen wir nach allem, was essbar aussieht, und sind damit sogar recht erfolgreich. Nach einigen Stunden haben wir immerhin einige Kräuter und Wurzeln gefunden und sind dabei sogar auf die Fährte eines Rehs gestoßen.

Wir verfolgen es schon eine Weile, aber obwohl mich der Hunger antreibt, zwinge ich mich zur Ruhe. Geduld ist eine wichtige Eigenschaft für einen erfolgreichen Jäger, das habe ich schon früh gelernt. Und bei einem so scheuen Tier wie einem Reh muss ich doppelt aufpassen, sonst ist es schneller verschwunden als ich Beute sagen kann.

Endlich sehe ich es vor mir. Es steht allein auf einer kleinen Lichtung und grast friedlich. Es ist noch recht jung, bestimmt weniger als zwei Jahre alt. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Jetzt muss ich es nur noch erlegen.

Rehe jagt man am besten aus der Ferne, also mit Pfeil und Bogen. Viele unserer Krieger lernen Bogenschießen, und in ihren Händen ist so ein Bogen eine wertvolle Waffe, die lautlos töten kann. Dummerweise habe ich keinen Bogen, und selbst wenn ich einen hätte: Ich habe nie gelernt, wie man damit umgeht.

Also muss ich mich auf meine Künste mit dem Dolch verlassen, und dazu muss ich näher heran. Viel näher.

Der Wind kommt aus Nordosten, also nähere ich mich von Südwesten, damit das Reh mich nicht wittert. Am Waldrand verstecke ich mich hinter einem breiten Baumstamm und ziehe meinen Dolch. Ich prüfe das Gift. Es sollte noch ausreichen, und da ich in nächster Zeit vermutlich viel jagen muss, will ich nichts verschwenden. Doch es sind noch knapp dreißig Meter bis zum Reh, und soweit kann ich meinen Dolch nicht zielsicher werfen.

Hmm.

Mein Blick fällt auf meinen Hund. Optimal wäre es, wenn er um das Reh herumgehen und es dann zu mir treiben könnte. Aber obwohl er sich bisher wirklich sehr schlau angestellt hat, wäre das wohl etwas zu viel verlangt.

„Also wir machen es so“, flüstere ich ihm zu. „Du wartest hier und passt auf das Reh auf.“ Ich deute darauf. „Lass es nicht entkommen, ok?“

Der Hund sieht von mir zum Reh und zurück. Ich bin mir nicht sicher, ob er mich verstanden hat, aber ich werde es wohl riskieren müssen. Zumindest bleibt er sitzen, als ich davonschleiche, das werte ich als positives Zeichen.

Ich gehe am Rand der Lichtung entlang zunächst nach Osten, dann nach Norden und versuche dabei, das Reh stets im Auge zu behalten. Ich habe meinen Halbkreis noch nicht beendet, als das Reh plötzlich hochschreckt, die Luft einzieht, kurz in meine Richtung guckt und gleich darauf ängstlich davongaloppiert.

Mist. Nun bleibt mir keine Zeit mehr: Hastig gebe ich meine Deckung auf und sprinte ihm hinterher. Dabei rufe ich so laut ich kann: „Jetzt Hund! Fass das Reh! Fass!“

Und es funktioniert: Wie auf Kommando stürzt mein Hund aus dem Gebüsch und auf des Reh zu. Dieses schätzt die Gefahr durch den großen Windhund offenbar größer ein als die Gefahr durch mich, macht eine panische Kehrtwende und prescht im Abstand von knapp fünf Metern an mir vorbei.

Ich habe nur wenige Sekunden, aber mehr brauche ich auch nicht. Ich halte an, ziele und werfe meinen Dolch, direkt in den Hals des ängstlichen Rehs.

Das Reh bäumt sich erschrocken auf, wobei der Dolch zu Boden fällt, und galoppiert Hals über Kopf in den Wald hinein. Mein Hund hetzt ihm nach, doch jetzt lasse ich mir Zeit.

Ich atme tief durch, sammele betont ruhig meinen Dolch ein und folge dann der deutlich sichtbaren Spur aus frischen Blutstropfen, die das Reh hinterlassen hat. Bei diesem starken Blutverlust wird es nicht weit kommen, selbst wenn das Gift nicht gewirkt haben sollte.

Keine zehn Minuten später habe ich die Stelle erreicht, an der das Reh zusammengebrochen ist. Mein Hund steht schwanzwedelnd daneben und wartet auf seine Belohnung.

„Gut gemacht“, sage ich anerkennend und tätschele seinen Kopf. „Dafür hast du dir ein besonders großes Stück Fleisch verdient.“

Damit gehe ich an die Arbeit und zerlege das Reh fachmännisch. Das dauert eine Weile, und ich bin längst noch nicht fertig, als ich plötzlich in der Ferne ein Geräusch höre, ruckartig aufstehe und lausche.

Da ist es wieder! Eindeutig eine Stimme. Aber kein Goblin, da bin ich sicher. Und viel zu tief für eine Fee, vermutlich also ein Mensch.

Meine Gedanken rasen.

Bei der Jagd habe ich bestimmt Spuren hinterlassen, und ich bin noch nicht dazu gekommen, zurückzugehen und sie zu verwischen. Und selbst wenn der Mensch nicht nach Spuren sucht: Er müsste schon blind sein, um die überdeutliche Blutspur des Rehs zu übersehen.

Da ich nur eine Stimme höre, ist er vermutlich allein. Allein reisende Menschen abseits der Straße sind meist Jäger, und Jäger sind für gewöhnlich sehr aufmerksam und achten auf jede Kleinigkeit. Also wird der Mensch mit Sicherheit sehr bald hier aufkreuzen.

Ich fluche innerlich. Ich habe nicht einmal die Hälfte des Rehs zerlegt, aber den Rest kann ich jetzt wohl abschreiben.

Schnell raffe ich alles Brauchbare zusammen und stopfe es in meinen Beutel. Anschließend werfe ich etwas Laub auf das Reh, bis es vollkommen davon bedeckt ist, gebe meinem Hund ein Zeichen, mir zu folgen und eile los, weg von der Menschenstimme, die immer näher kommt.

Doch dann siegt die Neugier, ich mache einen Bogen und laufe parallel zur Spur des Rehs zurück, der Menschenstimme entgegen. Als ich nah genug bin, um einzelne Worte zu verstehen, verstecke ich mich hinter einem dicken Baumstamm und warte, bis er in Sicht kommt.

Es ist wirklich nur ein einzelner Mensch. Er trägt einfache Lederkleidung, die oft geflickt wurde und dadurch sehr bunt wirkt, ebenfalls lederne Schuhe und einen alten Hut, der jegliche Form schon vor Jahren verloren hat. Über sein wettergegerbtes Gesicht wuchert ein dunkelbrauner, ungepflegter Vollbart, aber das auffälligste Merkmal ist wohl die lange Narbe, die über seinem linken Augen beginnt und bis zur Wange hinunter reicht. Das Auge selbst fehlt.

Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Er sieht wirklich gruselig aus. Rasch ziehe ich mich wieder hinter meinen Baumstamm zurück, tätschele geistesabwesend meinen Hund und beschließe, nur so lange in Hörweite zu bleiben, bis ich weiß, wie er auf das tote Reh reagieren wird, und dann schnellstmöglich zu verschwinden.

„Armes Reh, armes Reh“, brummt der Mensch derweil, „du hattest keine Chance gegen den Hund. Aber wo ist sein Herrchen, ja, wo ist sein Herrchen?“ Er bückt sich und betrachtet den Boden. „Die Spur ist kaum zu erkennen. Klein und undeutlich. Aber der alte Stefan wird es herausfinden, ja, das wird er, ganz bestimmt.“ Er kichert, dann geht sein Kichern in einen Hustenanfall über. „Verdammter Husten“, schimpft er, als er sich beruhigt hat. „Wird mich nochmal umbringen.“

Er geht weiter und erreicht kurz darauf die Stelle, an der ich das tote Reh versteckt habe. Aber das Verstecken hätte ich mir auch sparen können, denn der Mensch schiebt das Laub sofort beiseite und betrachtet das tote Reh.

„Mmm“, macht er, „zerlegen wollte er dich, aber ist nicht fertig geworden, nein. Wurde wohl gestört. Mmm. Ist noch nicht lange her, nein, erst ein paar Minuten.“ Er steht auf und sieht sich sorgfältig in alle Richtungen um. Dabei greift er ohne Hinzusehen nach seinem Bogen, spannt ihn und legt einen Pfeil an die Sehne. „Hab ich ihn wohl gestört, was? Aber wo ist er hin, ja, wo? Bist du noch in der Nähe, kleiner Jäger? Komm heraus und zeig dich!“

Ich ducke mich und halte den Atem an, und sein Blick schweift an mir vorbei. Er hat mich nicht entdeckt.

Puh.

Nach einer Weile geht der Mensch wieder in die Hocke und betrachtet aufmerksam den Boden. „Wenig Spuren“, murmelt er jetzt, „und undeutlich. Aber kleine Füße, ja, sehr kleine Füße. Viel zu klein für einen Menschen. Muss ein Goblin sein, ja, muss. Ein einzelner Goblin mit einem Hund. Haha. Das sieht man auch nicht alle Tage.“

Plötzlich steht er abrupt auf und sein Auge funkelt wild entschlossen. „Ich weiß, dass du noch da bist, Goblin! Ihr bleibt doch immer in der Nähe. Beobachtet. Spioniert. Aber merk dir eins: Ich werde dich kriegen, wie ich euch alle kriegen werde, und dann werdet ihr bezahlen für das, was ihr mir angetan habt!“

Ich beschließe, dass das ein guter Zeitpunkt ist, auf Nimmerwiedersehen zu verduften, und ziehe mich langsam zurück. Dabei gehe ich zuerst ein paar Schritte rückwärts, um den Mensch im Auge behalten zu können.

Was ein Fehler ist.

Denn ich trete prompt auf einen trockenen Ast, der laut knackend auseinanderbricht. Ich gehe sofort in die Hocke, aber es ist zu spät. Der Mensch hat das Knacken gehört, ist aufgesprungen und kommt zielstrebig auf mich zu, den Bogen gespannt und schussbereit.

Verdammt! Ich muss mir schleunigst etwas ausdenken.

Kurz entschlossen schnappe ich mir einen kleinen Stein und werfe ihn nach links, gut fünfzehn Meter ins Gebüsch hinein, wo er laut raschelnd zum Liegen kommt.

Der Mensch fällt prompt darauf herein und schießt einen Pfeil ins Gebüsch. Ich nutze die Zeit, in der ich unbeobachtet bin, nehme die Beine in die Hand und laufe los, so schnell ich kann. Ein Pfeil bohrt sich plötzlich neben mir in einen Baumstamm, aber ich ziehe nur den Kopf ein und renne weiter.

Ich riskiere einen kurzen Blick auf meinen Hund, aber der kann mein Tempo locker halten.

Nach einigen Minuten bleibe ich stehen, starre zurück und strenge meine Ohren an. Mein Hund hechelt neben mir, aber von dem Menschen ist nichts zu sehen oder zu hören.

Ich wechsele die Richtung und gehe nun nach Norden – nicht mehr ganz so schnell, aber dafür umso mehr darauf bedacht, keine Spuren zu hinterlassen, denen der Mensch folgen kann.

Für erste bin ich ihn entkommen. Aber trotzdem habe ich das ungute Gefühl, dass er heute nicht zum letzten Mal auf mich geschossen hat.

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