Fallen

Da ich mich nun auf der Flucht vor dem einäugigen Jäger befinde, verbringe ich die restlichen Stunden des Tages damit, einen möglichst großen Abstand zu ihm zu bekommen. Mein Instinkt rät mir, einfach wegrennen, doch ich zwinge mich zur Ruhe und nehme mir die Zeit, die ich brauche, um meine Spuren sorgfältig zu verwischen.

Gegen Abend bin ich total erschöpft und suche mir einen Platz zum Schlafen. Obwohl ich großen Hunger habe, traue ich mich nicht, ein Feuer zu entzünden, und so muss ich mich mit einigen Wurzeln und Beeren als Abendessen begnügen. Den Großteil meines Abendmahls gebe ich meinem Hund, der sich auch glücklich auf das rohe Fleisch stürzt, das ich vom Reh retten konnte.

Ich betrachte meine wenigen Vorräte und seufze. Da ich das Reh nur teilweise verwerten konnte, werde ich morgen schon wieder jagen müssen. Und Wasser brauche ich auch, meine Flasche ist fast leer. Aber wie soll ich gleichzeitig vor dem schießwütigen Menschen fliehen und Nahrung suchen? Dazu muss ich mir morgen unbedingt etwas ausdenken. Aber nicht jetzt. Jetzt bin ich einfach zu müde.

Ich gähne herzhaft, lege mich hin und falle sofort in einen tiefen Schlaf.

 

Als ich aufwache, liege ich in einer Hütte. Ich blinzele und versuche mich zu orientieren. Bin ich nicht mitten im Wald eingeschlafen?

Die Hütte ist klein, rundlich und eindeutig nach Art der Goblins gebaut, jedoch schlicht und ohne Verzierungen oder persönliche Gegenstände. Ich stecke den Kopf hinaus und sehe mich um.

Ich bin wieder in meinem Dorf, aber diesmal herrscht draußen hektische Betriebsamkeit. Alle rennen, schwer bewaffnete Krieger zu den Wällen und Toren, die anderen zur Waffenkammer.

„Werden wir angegriffen?“, frage ich einen Goblin, der dicht an mir vorbeihastet. „Von wem?“ Aber der antwortet nicht und rennt einfach weiter.

Na egal. Ich stürme ebenfalls zur Waffenkammer, schnappe mir Schwert und Schild und laufe zum Haupttor.

Dort sind bereits etliche Goblinkrieger versammelt, alle schwer bewaffnet, und starren grimmig nach vorne. Der Feind ist jedoch noch nicht in Sicht, also frage ich die Umstehenden, was hier eigentlich los ist.

Doch niemand antwortet. Ja, sie reagieren nicht einmal auf mich.

Was hat das nur zu bedeuten?

Jetzt, wo ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass überhaupt keiner redet. Bei all der Hektik hätte ich erwartet, dass es laut ist und Befehle gebrüllt werden. Aber es ist beängstigend still.

Doch ich kann der Sache nicht weiter nachgehen, denn nun sehe ich den Feind. Er trägt einen dicken Metallpanzer mit Helm nach Art der Menschen, doch er ist viel kleiner, von der Größe her eher ein großer Goblin. Und er ist allein.

„All die Aufregung wegen einem einzelnen Angreifer?“, frage ich ungläubig. Aber ich bekomme wieder keine Antwort. Statt dessen wird das Tor geöffnet, und die Goblinkrieger stürmen hinaus, dem Angreifer entgegen.

Eine ungewöhnliche Taktik. Normalerweise beschießen wir die Angreifer zuerst von unserer sicheren Position hinter dem Wall. Aber da es andererseits ja nur ein Angreifer ist, zucke ich mit den Schultern und renne hinterher.

Vor mir tobt bereits die Schlacht. Und ja, es ist wirklich eine Schlacht, denn der Unbekannte fegt die schwer bewaffneten Goblinkrieger beiseite, als wären es Strohpuppen.

Während unsere Krieger ihn von vorne attackieren, umrunde ich ihn und gelange unbemerkt in seinen Rücken.

Die Schwerter der Krieger dringen nicht durch seinen Panzer, also verzichte ich auf einen Schwerthieb und reiße ihm stattdessen dem Helm vom Kopf. Lange Haare kommen zum Vorschein, doch ich achte nicht darauf und trete ihm stattdessen in den Rücken, so dass er zu Boden geht.

Im Nu bin ich über ihm und bereit, ihm den Todesstoß zu versetzen, als er sich plötzlich umdreht und –

Ich in mein eigenes Gesicht blicke.

 

Von dem Schock wache ich auf. Mein Herz klopft mir bis zum Hals und ich ringe nach Atem.

Es war nur ein Traum, rede ich mir ein, es war nur ein Traum. Ich stehe auf und laufe einige Male hin und her, um mich zu beruhigen.

Was hat das bloß zu bedeuten? Früher hatte ich nie Alpträume, jedenfalls nicht solche. Es wirkte alles so … echt.

Andererseits…

Es hat keinen Sinn, über Träume nachzugrübeln, ermahne ich mich streng. Ich habe genug Probleme in der realen Welt.

An eines davon erinnert mich mein knurrender Magen. Ich ziehe missmutig eine zähe Wurzel aus meinem Proviant und kaue gedankenverloren darauf herum. Meinem Hund werfe ich ein Stück Fleisch hin. Ich fühle mich ein wenig schuldig, weil ich ihn geweckt habe.

Ich seufze. Selbst wenn ich wenig esse, reichen meine Vorräte vorne und hinten nicht. Ich muss unbedingt etwas Essbares auftreiben. Aber das ist gefährlich, denn es könnte den Menschen wieder auf meine Spur bringen.

Ich gebe mir einen Ruck. Was soll’s, ich habe ja keine Wahl. Also breche ich auf, wandere weiter nach Norden und suche dabei nach Pilzen, Wurzeln, Kräutern, Beeren und Spuren von Tieren, die ich vielleicht erlegen könnte.

Die Sonne steigt höher und höher und ich habe mich schon fast mit einer weiteren fleischlosen Mahlzeit abgefunden, als ich endlich auf eine Fährte treffe. Ich bleibe stehen und untersuche sie genauer. Vier Pfotenabdrücke kann ich erkennen, nicht sehr weit auseinander. Die Spuren sind noch frisch, also verfolge ich sie und entdecke kurz darauf ein einzelnes Haar, das an einem Busch hängengeblieben ist. Es ist ein Katzenhaar, da bin ich mir sicher.

Ich beeile mich und habe die Wildkatze einige Minuten später eingeholt. Sie steht vor einer jungen Tanne und reibt sich daran. Ich will mich behutsam heranschleichen, doch mein Hund ist anderer Meinung: Er springt plötzlich aus der Deckung und rennt laut bellend auf sie zu. Sie entdeckt ihn natürlich sofort, faucht kurz und springt dann behände die Tanne hinauf.

Mein Hund steht nun belämmert vor der Tanne, knurrt noch einmal sinnlos die Katze an und kommt dann schwanzwedelnd auf mich zu, als wäre nichts passiert.

„Das hast du nun davon“, schimpfe ich mit ihm, während ich nun ebenfalls die völlig nutzlos gewordene Deckung verlasse und in Richtung der Tanne gehe. „Du hättest eben warten sollen, bis – Huch! “

Der Rest des Satzes bleibt mir im Halse stecken, als sich plötzlich der Boden bewegt und mein Hund und ich unfreiwillig in die Luft gehoben werden. Mit einem Male baumelt ein Wirrwarr aus Goblin und Hund kopfüber etwa anderthalb Meter über dem Boden.

„Verdammt nochmal!“

Ich versuche, das sich drehende Netz aus starken Seilen zu entwirren, aber die hektischen Bewegungen meines Hundes machen es mir unmöglich.

„Nun halte doch mal still“, weise ich ihn an, aber dieses Mal hört er nicht auf mich.

Ich taste nach meinem Dolch. Normalerweise ein Handgriff, den ich sogar im Schlaf beherrsche, doch in meiner Situation (kopfüber in einem Netz gefangen, durch Hund und Schwerkraft nach unten gedrückt und mit Hundehaaren im Gesicht) ist das gar nicht so einfach.

Nach etwa vier Umdrehungen des Netzes habe ich es endlich geschafft und beginne damit, die dicken Seile zu zerschneiden. Dabei fällt mein Blick auf die Wildkatze, die in diesem Moment seelenruhig von ihrer Tanne herunterklettert, sich kurz das Fell leckt und dann im Unterholz verschwindet.

Als hätte sie es so geplant. Dieses hinterhältige Biest. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, die Katze hätte die Falle selbst aufgestellt. Ich denke mir ein paar gemeine Bosheiten aus, die ich der Katze antuen werde, wenn ich sie jemals in die Finger bekomme, als endlich das Netz nachgibt und ich die anderthalb Meter zu Boden plumpse. Autsch.

Überraschenderweise fällt der Hund ebenfalls nach unten, natürlich direkt auf mich drauf, und ich bekomme schon wieder eine Menge Hundehaare ins Gesicht.

Mein Hund rappelt sich schnell wieder auf, läuft von mir herunter und schüttelt sich. Ich komme etwas mühsamer auf die Beine und verbringe die nächsten Minuten damit, mir den Staub von der Kleidung zu klopfen und mich über die Ungerechtigkeit des Lebens im Allgemeinen und die Unfähigkeit bestimmter Hunde im Besonderen aufzuregen.

Mein Hund sitzt derweil ruhig daneben und sieht mich unbeteiligt an. Ja, war ja klar. Jetzt tut er auf einmal so, als würde er mich nicht verstehen.

„Tu nicht so scheinheilig“, schnauze ich ihn an.

Dann atme ich tief durch, wische mir die letzten Hundehaare aus dem Gesicht und mache mich wieder an die Arbeit. Soll heißen: Ich sehe mir die Falle etwas genauer an.

Viel Nützliches erfahre ich jedoch nicht. Diese Falle besteht schon seit langer Zeit, jedenfalls einige Jahre, wurde schon mehrfach genutzt, einige Male repariert und definitiv von einem Menschen angelegt. Wobei ich mir sicher bin, dass es sich hierbei nur um den Einäugigen handeln kann, den ich gestern kennengelernt habe.

„Wenn die Falle so alt ist“, erkläre ich meinem Hund, „dann hat er bestimmt noch mehr davon aufgestellt. Wir müssen jetzt also doppelt so vorsichtig sein.“

Ich seufze. Aber wie soll ich vorsichtig sein, wenn ich doch jagen muss?

Na, das Mittagessen kann ich jedenfalls abschreiben. Ich trinke einen Schluck aus meiner Wasserflasche und mir fällt auf, dass nur noch ein paar Tropfen darin sind. Mist. Das hatte ich fast vergessen.

„Ok, suchen wir uns erstmal was zu trinken. Ich glaube, in dieser Richtung sollte irgendwo ein Bach sein.“

Und damit machen wir uns wieder auf den Weg.

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