Am Bach

In der Ferne höre ich das leise Plätschern eines Baches. Mein Hund ist durstig, doch ich halte ihn zurück. Nachdem dem unschönen Erlebnis vorhin befürchte ich, dass hier noch weitere Falle versteckt sind, und achte daher auf jede Kleinigkeit. Und direkt vor uns habe ich eine solche Kleinigkeit entdeckt: Direkt unter einem hohen Ahornbaum liegt eine Menge Laub, jedoch vor allem Kastanien- und Eschen-Blätter.

Kastanien und Eschen stehen zwar in der Nähe, aber die Ansammlung macht mich misstrauisch. Ich nähere mich extrem vorsichtig und schiebe einige der Blätter mit einem langen Stock beiseite. Und ich habe Recht: Unter den Blättern kommt ein Netz aus dünnen Zweigen zum Vorschein, die ein tiefes Loch bedecken.

„Ha!“, sage ich triumphierend, „so leicht erwischst du mich nicht!“

Ich schiebe die Blätter wieder zurück und präge mir den Ort genau ein. Ich habe plötzlich eine verrückte Idee. „Vielleicht könnte ich“, denke ich laut, doch dann wische ich den Gedanken wieder beiseite. „Ach nein, das ist zu verrückt, selbst für meine Verhältnisse.“

Ich mache einen großen Bogen um die Falle und schlendere nachdenklich weiter. Am Bach lasse ich meinen Hund trinken, lösche meinen eigenen Durst und fülle meine Wasserflasche wieder auf. Dabei entdecke ich Bewegung im Wasser und lecke mir unwillkürlich die Lippen. Fisch habe ich schon lange nicht mehr gegessen, der käme jetzt genau richtig.

Fische fängt man am besten mit Netzen, das weiß ich noch von früher. Unser Dorf lag an einem kleinen Bach, und obwohl es dort nur wenig Fische gab, haben wir sie regelmäßig mit Netzen gefangen, um unsere Fleischvorräte zu strecken. Nur leider habe ich kein Netz und auch nicht die Materialien, die man benötigt, um eins herzustellen.

Ich überlege. Ich habe mal ein paar junge Goblinkrieger aus meinem Dorf dabei beobachtet, wie sie an einer seichten Stelle Fische mit bloßen Händen gefangen haben. Das sah gar nicht so schwierig aus. Und wenn die das können, kann ich das sicher auch.

Also folge ich dem Bach flussaufwärts (nach Norden) und halte dabei Ausschau nach so einer besonders seichten Stelle. In der Ferne zeichnet sich eine steile Felswand ab. Ich wandere langsam darauf zu und lasse die fremde Umgebung auf mich wirken. Wasser fällt an der Felswand herab und bildet einen schmalen, aber wunderschönen Wasserfall. Unten sammelt es sich in einem großen, kristallklaren See und speist dann den Bach, dem ich gefolgt bin.

An der Stelle, an der der See in den Bach mündet, ist das Wasser besonders seicht. Flugs streife ich meinen Lederwams ab, um beweglicher zu sein, schlüpfe aus meinen Stiefeln und wate hinein. Das Wasser reicht mir nur knapp über die Knöchel.

„Na das sollte kein Problem sein, hier einen Fisch zu erwischen“, sage ich zu meinem Hund, der mich interessiert beobachtet, während ich mich in Position begebe. Das Wasser ist recht kühl, was meinen Füßen ganz gut tut, und ich muss nicht lange warten: Schon bald kommt der erste Fisch in meine Richtung geschwommen.

Es ist eine mittelgroße, silbrig-blaue Forelle. Gleich wird sie an mir vorbeischwimmen. Ich mache einen winzigen Schritt in ihre Richtung, um einen besseren Stand zu haben, doch die Forelle bemerkt mich sofort und schwimmt blitzartig davon.

Mist.

Ich warte einige Minuten, in denen nichts passiert. Dann kommt die Forelle erneut auf mich zu (oder ist es eine andere?), aber dieses Mal bewege ich mich nicht. Als sie nur noch wenige Zentimeter entfernt ist, stürze ich mich auf sie und halte sie mit beiden Händen fest. Doch die Forelle ist glitschig und zappelt wild hin und her, so dass sie mir schließlich entgleitet, ins Wasser plumpst und eilig das Weite sucht.

Verdammt!

Ich versuche es noch einige Male, aber abgesehen davon, dass ich zwei Mal ins Wasser falle und dabei klitschnass werde, erreiche ich nichts. Entnervt gebe ich schließlich auf und wate ans Ufer. Ich überlege, ob ich auch noch den Rest meiner Kleidung ausziehen und zum Trocknen in die Sonne legen soll, aber ich entscheide mich dagegen. Ich will hier schließlich nicht völlig nackt herumlaufen. Außerdem ist es warm und die Sonne scheint stark genug, so dass ich bestimmt auch so bald wieder trocken sein werde.

Dabei fällt mein Blick auf die Felswand. Von hier unten sieht es so aus, als könnte man sie leicht erklettern. Soll ich es versuchen? Ich würde zu gern wissen, was da oben los ist. Außerdem sollte ich mir von dort einen guten Überblick verschaffen und ein paar meiner geografischen Lücken schließen können, was wirklich von Vorteil wäre.

Während ich noch darüber nachdenke, steht mein Hund auf einem flachen Stein am Bach und starrt aufmerksam ins Wasser. Plötzlich macht er einen wilden Satz nach vorne, platscht mit den Pfoten wild im Wasser herum und hat mit einem Mal einen toten Fisch im Maul.

Zufrieden kommt er zu mir herüber, legt mir den Fisch vor die Füße und sieht mich abwartend an. Ich bin platt. Da stehe ich stundenlang im kalten Wasser, mühe mich hunderte Male vergeblich ab  (kommt mir jedenfalls so vor), fange aber nicht das Geringste. Und dann kommt der Hund und schafft es schon beim ersten Versuch. Also das ist doch wohl sowas von ungerecht!

„Das hast du bestimmt schon früher gemacht“, behaupte ich leicht verstimmt. Aber mein Hund tut mal wieder so, als würde er mich nicht verstehen, und sieht mich so lange mit seinen großen Hundeaugen an, bis ich weich werde. Naja, genaugenommen hat er seine Sache ja wirklich ganz gut gemacht. Also schlucke ich meinen Stolz widerwillig hinunter und lobe ihn. „Gut gemacht“, sage ich und kraule ihn kurz zwischen den Ohren.

Dann trottet er plötzlich wieder los, zurück zu seinem Platz am Wasser, und bereit, dem nächsten Fisch den Gar auszumachen.

Irgendwie komme ich mir jetzt blöd vor. Ich kann doch hier nicht faul herumsitzen, während mein Hund ganz alleine für unser Essen sorgt. Also treffe ich eine Entscheidung: „Na gut, im Fische fangen bist du geschickter als ich“, gebe ich großmütig zu, „also fang uns noch ein paar, während ich dort hinaufklettere, ok? Ich bin gleich wieder da.“

Ich ziehe meine Stiefel wieder an und gehe ein paar Schritte am Seeufer entlang, bis ich die Felswand erreiche. Ich betrachte sie skeptisch. Im Klettern war ich schon immer gut, aber ich bin natürlich meistens nur auf Bäume geklettert, und so eine Felswand ist nun mal kein Baum.

Trotzdem fällt mir der Anfang sehr leicht. Ich muss mich kaum anstrengen, um die ersten paar Meter hinaufzuklettern. Danach wird es schon schwieriger. Ich muss genauer hinsehen, wo ich mich festhalten kann, finde aber noch genug Vorsprünge, um mich Zug um Zug hochzuziehen.

Die letzten Meter sind am schwierigsten. Es sieht so aus, als hätte jemand die Felswand glatt geschliffen. Hmm. Merkwürdig. Ob der Fluss mal breiter war? Vielleicht im Frühling, bei der ersten Schneeschmelze? Dann hat das Wasser den Fels vielleicht abgeschliffen. Aber was soll’s, das hilft mir jetzt auch nicht weiter.

Ich klettere ein Stück seitwärts, wo ich mehr Vorsprünge finde und mich endlich mit einem letzten Kraftakt ganz nach oben ziehen kann.

Puh.

Ich setze mich erstmal hin und schaue zurück. Von hier oben hat man wirklich eine gute Aussicht. Ich kann kilometerweit gucken. Ich sehe viele Wälder und Wiesen, und in der Ferne kann ich sogar das Menschendorf entdecken.

Ich schaue weiter nach Osten in Richtung meines eigenen Dorfes, aber es ist nicht zu sehen. Das hatte ich auch nicht erwartet. Es ist zwischen den umstehenden, dicht bewaldeten Hügeln viel zu gut versteckt. Aber die Hügel selbst erkenne ich wieder. Sie kommen mir nur so klein vor. Bin ich wirklich schon so weit entfernt? Ich seufze.

Dann erinnere ich mich daran, warum ich eigentlich hier bin, und drehe mich um. Hmm. Direkt vor mir, nur wenige Meter entfernt, ist eine Straße. Straßen werden nur von Menschen angelegt, also sollte ich besser auf der Hut sein. Andererseits ist weit und breit niemand zu sehen, also gehe ich näher heran und suche nach Spuren.

Die Straße scheint zwar selten, aber doch regelmäßig genutzt zu werden. Viele Hufspuren von Pferden, einige Menschen zu Fuß, aber auch der eine oder andere Wagen ist hier schon durchgefahren. Frische Spuren entdecke ich keine, die jüngsten sind mindestens eine Woche alt.

Ich überlege, ob ich der Straße folgen sollte. Sicher führt sie früher oder später zu einer Siedlung der Menschen, und wo Menschen sind, da kann ich Beute machen. Außerdem glaube ich nicht, dass der Einäugige mir hierher folgen würde.

„Ja, das ist wirklich eine gute Idee“, denke ich zufrieden. „Ich gehe nur nochmal kurz runter um den Rest meiner Sachen zu holen, und dann…“

Plötzlich fällt mir etwas ein und ich schlage mir an die Stirn. So ein Mist! Da hätte ich doch beinahe meinen Hund vergessen! Aber den würde ich niemals die Felswand hinauf bekommen. Er ist zu schwer um ihn zu tragen und ich habe keine Seile oder sonstige Ausrüstung für einen Flaschenzug. Das heißt, ich müsste ich zurücklassen. Doch bei dem Gedanken wird mir mit einem Mal ganz mulmig.

Ihn zurücklassen? Einfach so? Kann er denn hier überleben? Ja, Fische fangen und Essen suchen ist das eine, aber kann er sich auch gegen andere Tiere verteidigen? Gegen Wölfe? Bären? Menschen? Wenn ihn nun der Einäugige erwischen würde! Gegen den hätte er doch keine Chance, so ganz alleine. Und ich wäre natürlich auch wieder allein…

„Nein“, sage ich entschlossen, „ich lasse ihn nicht zurück. Ich werde einen anderen Weg finden.“ Ich blicke ein letztes Mal in die Ferne, versuche mir die Umgebung genau einzuprägen und mache mich dann an den Abstieg.

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