Am Bach Teil 2

Als ich die steile Felswand hinabklettere, nehme ich nicht den gleichen Weg hinunter wie hinauf, sondern mache noch einen kleinen Abstecher. Denn von oben habe ich etwas entdeckt, was ich mir unbedingt aus der Nähe ansehen möchte: Fünf kleine weiße Punkte, die sich, als ich näher komme, schließlich in fünf große Eier verwandeln, die auf einem schmalen Vorsprung liegen.

Es kommt mir sehr ungewöhnlich vor, dass ein Vogel seine Eier einfach so herumliegen lässt, ohne Nest und so. Und dann auch noch unbewacht! Aber da ich andererseits früher auch nicht besonders gut aufgepasst habe, wenn mir meine Lehrer etwas über die verschiedenen Vogelarten beibringen wollten, zucke ich nur mit den Achseln und sammele die Eier ein.

Ich habe gerade das dritte Ei in meine Tasche gesteckt, als sich plötzlich ein riesiger Vogel auf mich stürzt. Er misst von Flügelspitze zu Flügelspitze mindestens einen Meter, hat unglaublich scharfe Krallen und einem merkwürdig nach unten gebogenen, aber schmerzhaft-spitzem Schnabel.

So ganz unbewacht waren die Eier dann wohl doch nicht, denke ich noch, dann ziehe ich meinen Dolch und versuche, den Riesenvogel damit abzuwehren. Dummerweise ist er verdammt hartnäckig, und außerdem muss ich mich ja noch mit einer Hand an der Felswand festklammern, was meine Bewegungsfreiheit empfindlich einschränkt.

Nach einer kurzen Lageeinschätzung entscheide ich mich für einen taktischen Rückzug. Das heißt, ich klettere so schnell ich kann nach unten. Der Vogel folgt mir ein paar Meter, dann fliegt er wieder nach oben. Vermutlich, um seine restlichen Eier zu bewachen. Ich atme tief durch, um ruhiger zu werden, und klettere dann die letzten Meter unbeschadet nach unten.

Naja, relativ, korrigiere ich mich, als ich meine Arme betrachte. Ein paar Schrammen habe ich schon davon getragen, und eine davon blutet leicht, aber immerhin nichts ernstes.

Rasch reinige ich die Wunde am See und laufe dann (dank meines Jagderfolges und der gewonnen Schlacht gegen den Riesenvogel wohlgelaunt) zurück zu meinem Hund.

Dieser liegt träge in der rötlich schimmernden Abendsonne. Vor ihm türmt sich ein wahrer Fischberg auf, so dass bei mir der Eindruck entsteht, im ganzen See gäbe es keinen einzigen Fisch mehr. Naja, vielleicht ist das etwas übertrieben, aber es sind wirklich viele, und ein kleines bisschen stolz darf ich ja wohl auf ihn sein.

Unterwegs habe ich mir ein paar Gedanken gemacht. Da ich beschlossen habe, hier unten zu bleiben, muss ich jetzt zuerst einmal den einäugigen Menschen loswerden. Ich denke, er ist noch hier in der Nähe, aber natürlich weiß ich nicht genau, wo er ist.

Ich will keine Zeit mit Suchen verschwenden, also werde ich ihn anlocken. Und das mache ich am besten durch ein Lagerfeuer, denn den Rauch wird er bestimmt bemerken. Trotzdem reicht das Anlocken alleine natürlich noch nicht, auf einen ehrlichen Kampf möchte ich mich lieber nicht einlassen und dann hat er ja auch noch den Bogen. Also muss ich ihm eine Falle stellen, und dafür habe ich ebenfalls eine Idee.

Entschlossen sammele ich die Fische ein, wecke meinen Hund und schlendere mit ihm ein Stück zurück. Nahe des Baches finde ich schließlich einen guten Platz für ein Lagerfeuer. Ich lasse das Gepäck stehen, sage meinem Hund, dass er darauf aufpassen soll, und gehe in den Wald, um Feuerholz zu suchen. Dabei komme ich auch an der Fallgrube vorbei, die ich vorhin entdeckt habe.

Ich entferne Blätter und dünne Äste und lege einen langen, dicken Ast quer darüber, von dem ich denke, dass er mein Gewicht tragen wird. Zur Sicherheit teste ich die Konstruktion, in dem ich vorsichtig über den Ast balanciere. Der Ast biegt sich zwar, bricht aber nicht, und so erreiche ich unbeschadet die andere Seite.

Sehr schön. Der Mensch ist sicherlich schwerer als ich, also wird er hineinfallen, wenn er mir folgt. Wie sagen die Menschen immer? Wer anderen eine Grube gräbt…

Ich kichere kurz, reiße mich dann aber gleich wieder zusammen und verdecke das Loch und den Ast mit dünnen Zweigen und Blättern.

Vergnügt laufe ich zurück, sammle dabei einige trockene Äste ein und lege sie neben dem Bach auf einen Haufen. Ich will nur ein kleines Feuer entzünden, da der Mensch bei einem zu großen vielleicht Verdacht schöpfen würde.

Trotzdem lasse ich mir die Gelegenheit auf ein warmes Abendessen nicht entgehen und brate zwei große Fische aus dem Fang meines Hundes, wobei letzterer natürlich eine extra große Portion bekommt. Wer fleißig fängt darf auch fleißig essen.

Dazu hätte ich mir gerne Spiegeleier gebraten, aber da meine Pfanne zusammen mit dem Rest meiner Ausrüstung geklaut wurde, begnüge ich mich damit, sie zu rösten. Nachdem ich einigermaßen satt bin, fällt mir auf einmal ein, dass ich noch gar nicht daran gedacht habe, wie sich wohl mein Hund bei meinem Plan verhalten wird.

Zugegebenermaßen ist es etwas gefährlich, wenn ich mich als Köder ausgebe. Aber wenn mein Hund sich nun dazu entscheiden würde, mich zu beschützen, indem er den Menschen angreift, dann würde er dadurch nicht nur meinen Plan vermasseln, nein, es wäre auch sehr gefährlich für ihn.

Am besten lasse ich ihn also irgendwo außer Sichtweite und hole ihn anschließend wieder ab. Dort drüben ein Stück in den Wald hinein zum Beispiel. Das sollte reichen.

„Komm mit Hund“, sage ich kurzentschlossen und mache mich auf, als ich plötzlich ein Geräusch aus Richtung des Waldrandes höre und schnell hinter einem niedrigen Busch in Deckung gehe. Vorsichtig linse ich durch die Zweige und stelle mit einem Schrecken fest, dass es der einäugige Mensch ist.

Mist!

Ich hätte nicht gedacht, dass er mir schon so nahe ist. Ich hatte erst viel später mit ihm gerechnet, vielleicht sogar erst morgen früh. Hmm. Aber eigentlich ändert das nichts an meinem Plan. Ich sehe nach rechts. Abgesehen von meinem Hund natürlich.

„Warte hier“, flüstere ich zu ihm. „Und sei ganz leise.“

Er sieht mich mit seinen großen Hundeaugen an, bleibt aber liegen, als ich davonschleiche. Etwas beruhigt husche ich zum nächsten Busch und zum übernächsten, bis ich den Waldrand erreiche, gut dreißig Meter von dem Menschen entfernt. Ich höre, dass er etwas sagt, kann ihn aber nicht genau verstehen. Vermutlich spricht er wieder mit sich selbst.

Ich strenge mein Gedächtnis an. Bis zu meiner/seiner Falle sind es höchstens hundert Meter. Aber ich muss ihn dorthin locken, und das nach Möglichkeit so, dass er mich nicht erschießt. Ich denke an das letzte Mal, bei dem ich dem Menschen entkommen bin. Da hat mir ein Stein geholfen, ihn abzulenken. Also suche ich einen mittelgroßen Stein und werfe ihn mit aller Kraft schräg nach vorne.

Es klappt! Als der Stein auf den Boden fällt, ertönt ein kurzes Rascheln, und der Mensch läuft in die entsprechende Richtung, den Bogen im Anschlag. Ich laufe parallel zu ihm mit und suche mir den nächsten Stein.

Dong!

Verdammt! Ich habe nur einen Baum getroffen, etwa fünfzehn Meter von mir entfernt. Natürlich hat der Mensch das auch gehört und läuft nun in meine Richtung. Ich ziehe mich etwas zurück, um einen Bogen um den Menschen zu machen und wieder etwas Abstand zwischen uns zu bekommen, aber er entdeckt mich.

Sofort saust ein Pfeil in meine Richtung, ich ziehe den Kopf ein und flüchte hinter einen breiten Baumstamm.

Was jetzt? Meine Gedanken rasen. Wenn ich aus meiner Deckung herausgehe, wird er bestimmt wieder auf mich schießen.

„Jetzt sitzt du in der Falle, Goblin“, ertönt hinter mir die siegessichere Stimme des Menschen, der sich langsam nähert. „Komm raus und stirb wie ein Mann!“

Nach oben! Ich muss nach oben!

Ich versuche, den Baum hinaufzuklettern, hinter dem ich mich verstecke, aber ich rutsche immer wieder ab. Es gibt einfach keine niedrigen Äste, an denen ich mich festhalten könnte, zumindest nicht auf dieser Seite.

„Es gibt kein Entkommen“, faselt derweil der Mensch munter vor sich hin. „Niemand entkommt dem alten Stefan, nein, niemand!“

Plötzlich ein Geräusch von hinten, gefolgt von einem Schrei. Ich riskiere einen schnellen Blick und traue meinen Augen kaum: Mein Hund ist aus dem Nichts aufgetaucht und hat sich im linken Arm des Menschen verbissen. Der hat Pfeil und Bogen vor Schreck fallenlassen, greift aber jetzt mit der rechten Hand zu seinem Messer und –

Ersticht damit meinen Hund!

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