Trauer

Wie betäubt stehe ich dort, mitten im Wald, und starre auf meinen Hund, der soeben von dem einäugigen Menschen ermordet wurde.

Blut quillt aus der Wunde, irgendjemand schreit und mein Hund fällt leblos zu Boden. Ich bemerke, dass ich es bin, die schreit, und höre auf. Fassungslos starre ich den Einäugigen an, der jetzt noch knapp fünfzehn Meter von mir entfernt ist.

Nein! Das ist doch nicht möglich! Das kann nicht sein, darf nicht sein!

Aber es ist passiert.

Währenddessen greift der Einäugige wieder nach seinem Bogen, Mordlust glänzt in seinen Augen. Ich bin völlig erstarrt und kann mich nicht bewegen, obwohl ich weiß, dass ich jetzt ein leichtes Ziel abgebe.

„Das war‘s jetzt für dich, du hinterhältiges Monster!“, ruft er und spannt seinen Bogen. Oder besser: Er versucht es. Denn mit dem verletzten Arm kann er ihn nicht spannen, und so schreit er nur vor Schmerzen auf. Wütend schmeißt er den Bogen weg, zieht erneut sein Messer und kommt auf mich zu.

Endlich löst sich meine Schockstarre und ich laufe weg. Ich renne so schnell, wie es meine Beine hergeben, einfach nur geradeaus. Es kommt mir fast so vor, als würde ich vor meinem toten Hund davonlaufen anstatt vor dem einäugigen Jäger, und so bemerke ich die Fallgrube erst, als ich nur noch fünf Meter von ihr entfernt bin.

Dann bin ich kurz davor, sprinte mit zwei, drei riesigen Sätzen über den dicken Ast und dann noch ein paar Meter weiter, bevor ich endlich vor einer großen Eiche anhalte, nach Atem ringe und erschöpft zurücksehe.

Der Mensch kommt der Grube, die er selbst gegraben hat, immer näher, aber er ist blind vor Wut und erkennt sie nicht. Er schreit wieder, als er mich dort stehen sieht, und erhöht sein Tempo.

Auf einmal ertönt ein lautes Krachen, als der dicke Ast unter dem Gewicht des Menschen bricht, ein letzter, lauter Schrei der Überraschung, dann fällt der Einäugigen zusammen mit jeder Menge loser Zweige und Blätter in die Grube.

Danach ist es plötzlich still. Ich höre nichts mehr von ihm, kein Fluchen, kein Geschimpfe, gar nichts. Nicht einmal Vögel oder andere Tiere des Waldes sind zu hören, nur das Blut rauscht noch in meinen Ohren.

Vorsichtig nähere ich mich und sehe in die Grube hinein. Der Mensch ist unter den Blättern kaum zu erkennen. Regungslos liegt er da. Ich weiß nicht, ob er nur bewusstlos ist oder tot, jedenfalls ist die Grube tief genug, so dass er ohne fremde Hilfe dort wohl nie wieder herauskommen wird.

Aber das ist mir egal. Mir ist überhaupt alles egal.

Mit einem Male wird mir schwindelig und ich mein Kopf fühlt sich sehr schwer an. Mechanisch gehe ich um die Grube herum. Ich fühle mich wie in einem bösen Traum. Nichts um mich herum scheint wirklich zu sein, es sind nur Schatten und Umrisse, die für mich bedeutungslos geworden sind.

Ich starre auf den Boden und folge meinen eigenen Spuren zurück in den Wald. Sie sind das einzige, was ich wahrnehme, bis ich den leblosen Körper meines Hundes erreiche.

Dort falle ich erschöpft auf die Knie. Er atmet nicht. Gewohnheitsmäßig untersuche ich die Wunde. Sie ist tief, der Stich ging bis ins Herz. Immerhin hatte er einen schnellen Tod.

Eine Träne kullert mir aus dem Auge und ich wische sie weg.

Ich will etwas sagen, doch meine Stimme versagt mir den Dienst. Erinnerungen schießen mir durch den Kopf.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als er zu mir gekommen war und ich ihn zuerst verjagen wollte. Sind seit dem wirklich erst wenige Tage vergangen? Es kommt mir viel länger vor. Soviel haben wir in dieser Zeit zusammen erlebt…

Ich muss lächeln, als ich mich daran erinnere, wie er an diesem Tag die Goblinbande verjagt hat. „Denen hast du wirklich Angst gemacht“, flüstere ich. „Und wie sich später herausgestellt hat: Völlig zu Recht.“

Und danach hat er mich davor warnen wollen, in die Trollhöhle zu gehen, aber ich habe es nicht verstanden und bin trotzdem hineingegangen. Und wie glücklich er war, als ich unbeschadet wieder herausgekommen bin! Fast hätte er mich vor Freude umgeworfen.

Und mutig war er auch, ja, wirklich! Das hat er allen bewiesen, als er gegen die Wildsau gekämpft hat. Sechs Goblins hatten sich feige auf die Bäume verzogen, aber mein Hund nicht. Nein! Er hat die Wildsau angegriffen, und (mit etwas Hilfe von mir) letztendlich auch besiegt.

„Du warst wirklich ein guter Hund“, sage ich mit erstickter Stimme. „Tapfer. Mutig. Und verdammt schlau“, ergänze ich, als ich an seine Fischfangkünste denke. Und erst sein vorbildliches Verhalten bei der Rehjagd! Er war genau zur richtigen Zeit auf der Reh losgegangen, um es direkt zu mir zu treiben. Die gemeinsame Jagd wird mir sicher fehlen…

Ich atme tief durch.

„Nur Katzen mochtest du nicht besonders.“ Die Erinnerung an das Fangnetz schießt mir durch den Kopf. Wir beide saßen darin fest, ein wahres Knäul aus Goblin und Hund, bis ich das Netz endlich mit meinem Dolch zerschneiden konnte. Und danach hatte ich jede Menge Hundehaare im Gesicht. Ich schniefe.

„Und jetzt hast du dich für mich geopfert.“ Eine weitere Träne läuft aus meinem Auge und noch eine, und plötzlich heule ich hemmungslos und vergrabe mein Gesicht in seinem Fell.

Wir Goblins weinen nur selten und ich halte es eigentlich für ein Zeichen der Schwäche, aber ich kann es nicht verhindern. Und irgendwie tut es mir auch ganz gut, also lasse ich den Tränen freien Lauf.

Als das Schluchzen schließlich verebbt, reiße ich mich zusammen und stehe auf. Ich versuche, etwas praktischer zu denken.

Wenn bei uns im Dorf ein Tier stirbt, essen wir es für gewöhnlich, aber ich weiß genau, dass ich keinen Bissen von ihm herunterbekommen würde.

„Ich verdanke dir mein Leben“, gestehe ich, „Mehrfach. Also verdienst du auch ein anständiges Begräbnis.“

Ich kenne mich mit Begräbniszeremonien nicht sehr gut aus (ich habe sie immer gehasst), also grabe ich einfach ein Loch in den Boden, direkt neben meinen Hund. Da ich kein Werkzeug habe, nehme ich dafür meine Hände, nur ab und zu unterstützt durch meinen Dolch.

Als das Loch groß genug ist, schiebe ich meinen Hund hinein und schütte es wieder zu. Zum Schluss lege ich noch einige Steine und dicke Äste darauf, damit die wilden Tiere ihn nicht wieder ausgraben. Dann vergehen ungefähr zehn Minuten, bis ich bemerke, dass ich immer noch das Grab anstarre. Schweren Herzens reiße ich mich los.

„Du warst ein treuer Freund und Beschützer“, sage ich zum Abschied. „Du wirst mir fehlen, Hund.“ Dann drehe ich mich um und laufe zurück zum Bach. Dabei benötige ich all meine Selbstbeherrschung, um nicht zurückzublicken.

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