Ein neuer Anfang

Mühsam ziehe ich mich die Felswand hoch. Es ist noch früh am Morgen, ich habe schlecht geschlafen (ich habe von meinem toten Hund geträumt) und bin voll beladen. Der einäugige Mensch, der letzte Nacht in seine eigene Falle gestürzt ist, hat mir unfreiwillig seine Ausrüstung überlassen. Er hat sie wohl fallenlassen, um beweglicher zu sein und mich besser verfolgen zu können.

Ich habe nur weniges zurückgelassen, darunter seinen Bogen, weil er mir viel zu groß wäre, selbst wenn ich damit umgehen könnte. Aber das meiste brauche ich vielleicht noch. Auf jeden Fall gibt es mir ein gutes Gefühl, nicht mehr mit leeren Händen unterwegs zu sein.

Als ich mich über den Rand des Abhangs ziehe, bin ich ganz schön erschöpft. Das Zeug ist schwerer als es aussieht. Trotzdem zwinge ich mich, mich nicht umzudrehen und zurückzublicken, sondern konzentriere mich und sehe nach vorne, zur Straße der Menschen.

Es ist wieder weit und breit niemand in Sicht, aber ich entdecke frische Spuren. Hmm. Die waren gestern Abend aber noch nicht da, da bin ich mir sicher. Ich glaube, sie sind erst einige Minuten alt, auf keinen Fall älter als zwei Stunden.

Bei näherer Betrachtung kann ich die Spuren von zwei Pferden sowie einem Esel erkennen. Nach der Tiefe der Hufeindrücke zu urteilen sind alle schwer beladen, die Pferde sind außerdem mit Hufeisen nach Art der Menschen beschlagen.

Sehr interessant.

Wenn ich Recht habe (und davon gehe ich aus), dann kam hier vor höchstens einer Stunde ein schwer beladener Händler vorbei. Mit so wertvollen Waren, dass er sogar einen Wächter angeheuert hat, um sie zu beschützen.

Natürlich ist mein erster Gedanke, wie ich diesen Händler wohl am besten ausrauben kann. Ja klar, er hat einen Wächter dabei, sie sind zu zweit und nach meinen letzten Erlebnissen möchte ich eigentlich kein unnötiges Risiko eingehen.

Aber andererseits werden Menschen auf langen, beschwerlichen und meist langweiligen Reisen mit der Zeit immer nachlässig, unaufmerksam und schlampig. Vielleicht habe ich ja zur Abwechslung mal Glück und es ergibt sich etwas. Und falls nicht: Was soll‘s? Die Menschen reisen Richtung Nordosten, und ich wollte ja eh in diese Richtung.

Zuversichtlich laufe ich ihnen im straffen Tempo hinterher. Wenn die Pferde nicht traben (und das ist bei der Last, die sie tragen müssen, wirklich unwahrscheinlich), sollte ich sie schnell einholen können.

Allerdings bin ich etwas langsamer, weil ich nicht die offene und gut einsehbare Straße benutzen möchte und ich mich stattdessen parallel dazu durchs Gebüsch schlage. Die Sonne steigt höher und höher, aber schließlich habe ich sie immerhin soweit eingeholt, dass ich sie in der Ferne sehen kann.

Es sind tatsächlich zwei Menschen, die auf den beiden Pferden sitzen. Der Linke ist jung, sportlich schlank, sieht kräftig aus und führt eine beeindruckende Auswahl an Waffen mit sich. Das muss der Wächter sein, und ich würde mich lieber nicht mit ihm anlegen.

Der Andere, der demzufolge der Händler sein muss, ist älter, gar nicht sportlich sondern sehr dick. Nein: richtig fett. Sein Pferd trägt (soweit ich es sehen kann) nur ihn, ächzt aber trotzdem unter dem Gewicht. Der Esel trottet einfach nur hinter ihnen her. Er trägt vermutlich die meiste Last, denn es sind haufenweise Taschen, Kisten, Säcke und Körbe an ihm, auf ihm und um ihn herum festgebunden.

Ich lecke mir unwillkürlich die Lippen. Ach, was wäre das für ein Fang, wenn ich irgendwie den Esel samt Waren erbeuten könnte! Damit nach Hause zurückzukehren, wäre der reinste Triumphzug. Hmm. Wenn nur dieser Wächter nicht da wäre… Na, mal abwarten.

Gegen Mittag werden die Menschen langsamer und halten an einer kleinen Lichtung. Anscheinend wollen sie rasten um etwas zu essen und sich und den Tieren eine Pause zu gönnen.

Ich lasse mein schweres Gepäck zurück, um beweglicher zu sein, und schleiche mich näher heran, bis ich hören kann, was sie sagen.

„Nein, kein Feuer“, sagt der dicke Händler gerade entschieden. „Dafür haben wir keine Zeit. Ich will heute auf Melriks Hof übernachten, und es ist noch ein weiter Weg bis dahin.

Der Wächter nickt, als hätte er diese Antwort erwartet, und kümmert sich weiter um die Tiere, während der Händler sich schnaufend auf einen Baumstumpf fallen lässt.

„Ich hoffe, dass ich mit dieser Fuhre genug verdiene, um mir endlich einen Wagen leisten zu können“, klagt er, während er in einem großen Beutel herumwühlt. „Das Reiten ist nichts für mich. Ich werde davon immer ganz steif.“

„Dein Pferd würde sich wohl auch darüber freuen“, murmelt der Wächter undeutlich, während er den Wallach streichelt.

Der Händler hat ihn nicht verstanden. „Was hast du gesagt?“ Er hat ein großes Stück von einem merkwürdigen Menschennahrungsmittel in der Hand. Wir Goblins haben nichts vergleichbares, aber ich konnte nach einem erfolgreichen Überfall mal ein Stück probieren. Es ist extrem süß und klebrig. Ich glaube, die Menschen nennen es „Kuchen“.

Der Wächter dreht sich derweil um, geht zum Händler hinüber und setzt sich auf einen anderen Baumstumpf. Er hat nur eine dünne Scheibe Brot in der Hand, an der er knabbert, und verzieht das Gesicht, als der Händler sich das große Kuchenstück mit einem Mal in den Mund schiebt. „Ich sagte, dass eine Reise auf einem Fuhrwerk bei diesen Straßen sicher auch nicht so erfreulich wäre.“

Ich runzele die Stirn. Die Stimme des Wächters klingt heller, als ich erwartet hatte. Ich schiebe mich ein paar Zentimeter vorwärts um einen besseren Blick zu haben. Oh richtig: Der Wächter ist eine Frau.

Interessant. Die meisten Menschenfrauen, die ich bisher gesehen habe, waren eher klein und schwächlich. Ganz im Gegensatz zu uns Goblins natürlich. Wir Goblinfrauen sind allesamt stark, gerissen und unbeugsam. Das ist ja wohl selbstverständlich.

Aber diese Frau ist ebenfalls sehr stark, gewiss deutlich stärker als der fette Händler, trägt eine leichte Rüstung, die ich bisher nur bei Männern gesehen hatte, und hat eine Sammlung von wirklich exzellenten Waffen dabei. Bestimmt kann sie auch sehr gut mit ihnen umgehen.

Das macht mich nachdenklich. Zugegeben, ich habe bisher noch nicht viele Menschenfrauen gesehen, eigentlich nur die aus der Menschensiedlung nahe unserem Dorf. Welcher Typ Frau mag wohl häufiger sein bei den Menschen?

Ich schiebe den Gedanken zur Seite. Für mich spielt das jetzt ja nun wirklich keine Rolle. Ich habe schließlich nicht vor, mich länger als nötig mit den Menschen abzugeben.

Währenddessen geht das Gespräch der beiden weiter: „Oh doch“, sagt der Händler mit vollem Mund, „zumindest bedeutend besser als auf einem Pferd. Außerdem könnte ich natürlich auch mehr Waren transportieren. Mehr Waren bedeutet auch mehr Gewinn. Und vielleicht hätte ich dann ja sogar genug Gold, damit du… mit mir…“ Er lässt den Satz unvollständig, aber die Wächterin versteht ihn auch so.

„Nicht einmal dann, wenn du der reichste Händler im Land wärst“, sagt sie und lächelt ihn dabei an.

Der Händler lacht. „Gold hat schon immer anziehend auf Frauen gewirkt, du wirst schon sehen.“ Er sieht sie anzüglich an und fügt dann mit verletzter Stimme hinzu: „Außerdem könntest du dich ruhig ein bisschen dankbarer zeigen. Ich habe dir immerhin diesen Job verschafft.“

„Aber nur, weil du auf die Schnelle keinen anderen Wächter gefunden hast“, kontert die Wächterin.

„Vielleicht sollte ich diese Entscheidung überdenken, wenn wir in Omahz angekommen sind“, sagt der Händler langsam, als hätte er sie nicht gehört, „dort gibt es viele gute Kämpfer, und sie brauchen alle Geld.“

„Ja, das solltet ihr“, bekräftigt die Wächterin. „Unsere Vereinbarung gilt nur bis Omahz, und ich denke, ich werde mich dort bei der Garde bewerben.“

Der Händler wird plötzlich ernst und runzelt die Stirn. „Darüber sollten wir dann noch mal reden, wenn wir dort sind.“ Die Wächterin sieht ihn skeptisch an, aber er lächelt nur und fügt mit einem breiten Grinsen hinzu: „Vielleicht bei einem Gläschen Wein?“

Sie schüttelt den Kopf, antwortet aber nicht mehr.

Sie muss eine wirklich bemerkenswerte Selbstkontrolle haben. Ich an ihrer Stelle hätte dem unverschämten Händler wohl längst eins in seine übergroße Schnauze gehauen. Oder noch besser ein gezielter Tritt weiter unten. Einfach widerlich der Kerl.

Ich ziehe mich leise zurück und laufe nachdenklich zu meinem Gepäck, um selbst eine Kleinigkeit zu essen. Den Händler auszutricksen sollte mir leicht fallen, aber die Wächterin wird ein Problem werden. Sie hatte die Umgebung die ganze Zeit gut im Auge und hätte mich bestimmt sofort entdeckt, wenn ich näher herangeschlichen wäre. Andererseits wird auch sie irgendwann schlafen müssen. Vielleicht ergibt sich dann ja eine Chance.

Wenn ich an sie denke, tut sie mir fast ein bisschen leid. Fast. Jedenfalls nicht genug, als dass ich ihretwegen den Händler nicht ausrauben würde.

Ein neuer Anfang
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