Streit

Ich sitze in einer kleinen, muffigen Höhle und langweile mich. Nur mit Mühe habe ich mich letzte Nacht hierhergeschleppt, aber an diesem Menschenrastplatz wollte ich auf keinen Fall bleiben. Zum Glück fiel mir der breite Felsvorsprung im Süden ein, in dem sich viele kleine Höhlen befinden. Nicht besonders komfortabel, aber als Unterschlupf ausreichend. Naja, zumindest für eine heimatlose Goblin wie mich.

Ich starre in den Himmel, an dem immer mehr Wolken aufziehen (ob es wohl bald regnen wird?), und denke nach. Irgendwie ist in letzter Zeit alles schief gelaufen. Erst die Verbannung wegen meines unfähigen Lehrers, dann der fehlgeschlagene Überfall wegen diesem dummen Wolf und jetzt auch noch diese blöde Verletzung.

Ich starre missbilligend auf mein linkes Bein. Nach dem nächtlichen Kampf gegen den Wolf ist es noch immer verletzt und heilt nur langsam.

Zugegeben, an der Verletzung bin nur ich allein schuld. Ich hätte eben abhauen sollen, wie ich es gelernt hatte. Aber statt dessen stand ich einfach nur rum, wie erstarrt, und glotzte den Wolf an. Ich verstehe einfach nicht, warum ich mich so dämlich benommen habe.

Ich seufze.

Dann schüttele ich den Kopf. Nein, es hat keinen Sinn, darüber nachzugrübeln. Dadurch wird sich meine Situation auch nicht verbessern. Ich sehe nach meinem Proviant.

Ich dachte, er würde für einige Tage reichen, aber ich bin nicht sicher, wie schnell die Verletzung hier draußen heilen wird, ohne die wirksamen Heilmittel meines Clans.

Es kann auf jeden Fall nicht schaden, den Proviant ein wenig aufzustocken.

Ich denke dabei an den toten Wolf, den ich gestern Nacht einfach am Menschenlagerplatz liegengelassen habe. Mit etwas Glück liegt er immer noch da. Die Aasfresser halten sich normalerweise von dort fern. Das Fell könnte ich auch gebrauchen. Und ich hätte etwas zu tun.

Also richte ich mich mühsam auf, stütze mich auf den kleinen Wanderstock, den mir der Händler geschenkt hat, und humpele los.

Trotz (oder gerade wegen) meiner Verletzung nähere ich mich dem Lagerplatz doppelt vorsichtig.

Schon von Weitem höre ich Stimmen. Ich bleibe stehen und lausche. Zwei Stimmen sind es, und sie streiten sich anscheinend. Aber sie sind sehr hoch, eigentlich zu hoch für Menschen, und die Sprache kommt mir ebenfalls bekannt vor, viel vertrauter als diese grässliche Menschensprache. Hmm…

Ich humpele näher heran und spähe durchs Unterholz.

Kein Mensch ist zu sehen. Dafür haben es sich zwei Feen am Lagerplatz gemütlich gemacht. Naja, gemütlich ist vielleicht das falsche Wort. Sie streiten sich gerade lautstark über irgendetwas.

Na, sollen sie doch. Feen sind so ziemlich die einzigen intelligenten Lebewesen, vor denen sich ein Goblin nicht in Acht nehmen muss. Durch ihre geringe Körpergröße von knapp zehn Zentimetern sind sie sogar noch kleiner als wir Goblins und damit keine ernsthafte Gefahr für mich.

Andererseits lohnt es sich auch nicht, sie anzugreifen, da Feen aufgrund ihrer geringen Körpergröße nur wenig mit sich herumschleppen, jedoch trotz ihrer winzigen Flügel sehr schnell davonfliegen können. (Manchmal beneide ich sie darum…)

Ich entscheide mich schließlich dafür, sie einfach zu ignorieren, mir den Wolf zu schnappen und wieder zu verschwinden. Und so humpele ich aus dem Wald schnurstracks Richtung Wolf, sorgsam darauf bedacht, keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Und es funktioniert: Die Feen bemerken mich nicht einmal, sondern streiten einfach weiter.

Der Wolf ist zu schwer, um ihn mir über die Schulter zu werfen, also ziehe ich ihn mit einer Hand hinter mir her, zurück in Richtung Wald, während ich mich mit der anderen auf meinen Stock stütze.

Dummerweise ist das Schleifgeräusch kaum zu überhören, besonders für die empfindlichen Feenohren, und so entdecken sie mich schnell und fliegen prompt zu mir hinüber.

„He du, Goblin, warte mal“, piepst eine von ihnen.

Ich ignoriere sie und zerre den Wolf weiter Richtung Waldrand.

Zwecklos. Die Feen sind trotz ihrer winzigen Flügel erstaunlich schnell und haben mich im Nu eingeholt.

„Jetzt bleib doch mal stehen“, ruft die erste wieder. „Wir wollen doch nur mit dir reden.“

„Ich aber nicht mit euch“, sage ich so unfreundlich wie möglich.

„Sieh mal, sie ist verletzt.“ Die zweite Fee deutet auf mein Bein.

„Na, und?“, knurre ich.

„Dann musst du die Goblin sein, die den Wolf getötet hat.“

„Richtig. Im Töten bin ich gut.“ Ich funkele die Fee böse an, doch die ist plötzlich ganz aufgeregt und bemerkt das nicht einmal.

„Dann musst du uns unbedingt helfen!“, ruft sie überzeugt. „Genau!“, bestätigt die andere Fee sofort.

Ich bin baff. „Ich denke ja gar nicht daran!“

„Aber du bist doch eine gute Goblin!“

Wie vom Donner gerührt bleibe ich stehen und lasse dabei sogar den Wolf fallen. „Was? Eine gute Goblin? Ich?“ Also wirklich! Das ist ja beinahe eine Beleidigung! Was denken sich diese kleinen Mistfliegen eigentlich?

„Natürlich! Du hast doch diesen Händler vor dem Wolf gerettet.“

Meine Miene verfinstert sich noch mehr, als ich an letzte Nacht denke. „Wie kommt ihr denn darauf?“

„Na ganz einfach: Wir haben die Spuren gelesen.“ Die Fee deutet auf den Boden hinter ihnen.

„Na und wenn schon“, knurre ich, hebe den Wolf wieder hoch und zerre ihn weiter.

„Du musst uns unbedingt helfen!“ „Wir sind nämlich aus unserem Dorf- äh … also wir haben unser Dorf verlassen und sind uns nicht sicher, wo wir jetzt hinfliegen sollen.“

„Nicht mein Problem.“ Ich sehe mich um und bemerke, dass ich eine sehr deutliche Schleifspur hinterlasse. Ich humpele ein Stück zurück und verwische die Spur so gut es geht.

Währenddessen plappern die Feen munter weiter.

„Also ich denke, wir sollten in das Menschendorf hier in der Nähe gehen.“ „Nein, wir sollten lieber eine größere Stadt aufsuchen.“

„Das interessiert mich nicht“, knurre ich, doch die Feen ignorieren mich.

„Aber in der Stadt gibt es so wenig Bäume und Tiere und Pflanzen.“ „Und in dem Dorf gibt es dafür mit Sicherheit keine anderen Feen.“ „Aber in den Städten sind so viele Menschen…“

Ich gebe auf. „Werdet ihr mich in Ruhe lassen, wenn ich euch helfe?“

Die Feen halten endlich die Klappe und nicken artig.

„Ok, ähm …“ Ich denke kurz nach. „Am besten ihr trennt euch. Du gehst ins Dorf und du in die Stadt und alle sind glücklich.“ Ich drehe mich um und ziehe den Wolf weiter.

Die Feen sehen sich bestürzt an. Dann piepsen sie gleichzeitig: „Nein, wir trennen uns auf gar keinen Fall.“

„Dann geht eben in die Stadt“, sage ich ärgerlich.

„Wieso?“

„Weil es dort mehr Möglichkeiten gibt.“

„Wieso?“

„Weil es eine große Stadt ist!“

„Wieso?“

„So ist das eben!“

„Aber wieso nicht ins Dorf?“

„Nein, nicht ins Dorf.“

„Wieso?“

„Das Dorf ist eine schlechte Wahl.“

„Wieso?“

Jetzt reißt mir endgültig der Geduldsfaden. „Weil es demnächst überfallen wird!“, schnauze ich sie an.

Das bringt die beiden Plagegeister endlich zum Verstummen.

„So, und jetzt haut endlich ab!“

„Ja, natürlich“, nickt die eine Fee betroffen. „Wir werden sofort aufbrechen“, ergänzt die zweite. „Zu diesem Dorf.“

Mir wäre schon wieder fast der tote Wolf aus der Hand gefallen. „Ich habe euch doch grade gesagt, ihr sollt in die Stadt gehen!“

„Aber wir müssen die Menschen doch warnen!“

„Waaas? Nein, müsst ihr nicht!“

„Doch, müssen wir.“ Die beiden Feen nicken ernst. „Das ist jetzt unsere Pflicht. Vielen Dank für deine Warnung. Sei unbesorgt, wir werden sie so schnell wie möglich weitergeben.“

„Aber…“

Bevor ich noch etwas sagen kann, fliegen die beiden Feen eilig den Weg zurück zum Lagerplatz und weiter in Richtung Dorf.

„Verdammter Mist!“, fluche ich. „Diese verdammten Mistfliegen werden mir noch meinen ganzen Plan versauen!“

Ich atme ein paar Mal tief durch, um mich wieder zu beruhigen. Ach, was soll‘s, denke ich mir. Den beiden verrückten Feen wird eh niemand glauben. „Sie werden sicher ausgelacht und hinausgeworfen“, rede ich mir ein, während ich den Wolf weiter zu meiner Höhle schleife und ihn dann fachgerecht zerlege. „Das ändert gar nichts.“

Diesen Menschen werde ich es schon zeigen. Auf zu reicher Beute!

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