Auf dem Bauernhof

Gegen Abend verlässt der Händler die Straße und biegt auf einen schmalen Pfad ab. Ich folge ihm (bzw. eher seinem Esel mit dem wertvollen Gepäck), achte aber darauf, dass ich stets genug Abstand halte und schnell in Deckung gehen kann, wenn die Wächterin sich umsieht.

Nach einer engen Kurve kommt ein einsamer Bauernhof in Sicht. Er besteht aus einem Haupthaus, in dem die Menschen wohnen, einem Stall und einem kleinen Schuppen. Die Häuser sind schlicht, ohne Verzierungen oder Schnörkel, die auf Reichtum hindeuten würden. Aber der Hof wirkt sauber und ordentlich, die Menschen scheinen gerne hier zu wohnen. Hinter dem Haus entdecke ich sogar einen gut gepflegten Kräutergarten. Falls ich keine Gelegenheit habe, den Händler um seine Waren zu erleichtern, sollte ich vielleicht wenigstens ein paar der Kräuter mitgehen lassen.

Währenddessen kommt Bewegung in die friedliche Idylle: Die Bewohner des Bauernhofes (anscheinend ist es eine große Familie) strömen aus dem Haupthaus und begrüßen den dicken Händler überschwänglich. Warum machen sie das nur? Ich glaube nicht, dass er ihnen für die Übernachtung viel bezahlen wird. Wahrscheinlich passiert hier einfach nur so wenig, dass sie sich über jede Abwechslung freuen.

Auf einmal taucht ein weißes Wollknäul auf, bei dem es sich nur um einen kleinen Hund handeln kann, und schnüffelt neugierig an den beiden Fremden. Beim Anblick des kleinen Hundes muss ich natürlich sofort an meinen eigenen denken, den ich ja erst gestern beerdigt habe.

Ich schlucke, dränge die Erinnerung zurück, blinzele eine Träne aus dem Auge und sehe genauer hin. Dieser Hund ist viel kleiner, vielleicht einen Viertelmeter groß, hat ein langes, wuscheliges Fell und lässt sich jetzt von der Wächterin streicheln.

Ich bin zu weit entfernt, um zu verstehen, was sie sagen, also schleiche ich etwas näher heran. Die Rückseite des Haupthauses scheint mir zum Lauschen ideal geeignet zu sein, also begebe ich mich dorthin. Gefahr besteht nicht, denn die Menschen sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als das sie mich bemerken könnten.

„Ja, stellt sie in den Stall, da ist genug Platz“, sagt die Bäuerin gerade. „Und dann kommt herein, ihr könnt mit uns zu Abend essen.“

„Vielen Dank“, sagt die Wächterin artig, der Händler grunzt nur.

„Ich zeige euch den Weg“, bietet ein junger Mann an, den ich für einen Sohn des Bauern halte, und geht die wenigen Schritte zum Stall hinüber. „Hier entlang.“ Er öffnet das Tor, das weiße Wollknäul folgt ihm.

Ich husche ebenfalls ein Stück weiter, zur Rückseite des Stalls, finde ein kleines Loch und spähe hinein. Ich sehe zwei dicke Kühe, die in einer Box gemächlich vor sich hin kauen, sowie einen starken Ackergaul in der Box daneben.

„Dort hinten sind noch zwei freie Boxen“, erklärt der junge Mann hilfsbereit und zeigt in die entsprechende Richtung.

Der Händler führt sein Pferd zu einer der Boxen, macht aber keine Anstalten, das Pferd abzusatteln oder in irgendeiner anderen Art und Weise zu versorgen. Diese Aufgabe soll wohl die Wächterin übernehmen.

„Eine dritte haben wir leider nicht. Ich hoffe, dass ist kein Problem?“

„Nein, das geht in Ordnung“, meint die Wächterin. „Die beiden Pferde verstehen sich gut. Wir stellen sie zusammen in die große Box. Der Esel bekommt die kleine.“ Sie hat ihr Pferd bereits abgesattelt und in die Box geführt und kümmert sich nun um das Pferd des Händlers.

„Das Gepäck könnt ihr dort hinten neben der letzten Box verstauen“, schlägt der junge Bauer vor.

„Hmm, ich weiß nicht“, brummt der Händler. „Vielleicht sollten wir die Waren lieber mit ins Haus nehmen. Einige sind sehr wertvoll.“

„Ach, das ist kein Problem. Wir haben doch Toni!“ Er deutet auf das weiße Wollknäul. „Er ist der perfekte Wachhund. Und er schläft gerne hier im Stall.“

Ich betrachte das Wollknäul skeptisch. Bisher hat er mich nicht bemerkt. Und da ich mit meinem großen Windhund so gut ausgekommen bin, bin ich zuversichtlich, dass ich mit diesem kleinen Hundekarikatur ebenfalls zurechtkommen werde.

Der Händler hat anscheinend ähnliche Bedenken, aber die Wächterin winkt ab. „Wenn ich das vorhin richtig verstanden habe, gibt es nur ein Gästezimmer im Haus. Also werde ich ebenfalls hier im Stall schlafen.“

Mist. Na das wäre ja auch zu einfach gewesen.

„Aber du könntest doch auch bei mir…“, beginnt der Händler, verstummt dann aber, als er den genervt-ablehnenden Blick der Wächterin auffängt. „Na gut. Wenn du lieber hier schläfst, dann können die Sachen von mir aus auch hier bleiben. Zwei Kleinigkeiten möchte ich aber trotzdem mitnehmen.“

Damit geht er zum Esel, der immer noch klaglos das Gepäck auf dem Rücken trägt, und versucht, einen Beutel unter den anderen herauszuzerren. Der Esel quittiert den ungeschickten Versuch mit einem lauten „I-ah!“, so dass die Wächterin ihm schnell zur Hilfe eilt. Also dem Esel. Sie entlädt ihn mit geübten Handgriffen und führt ihn dann in seine Box.

Der Händler nimmt nun die zwei Taschen vom Boden, die ihm besonders wichtig sind, und wendet sich zum Gehen. „Ich warte dann drinnen auf euch.“ Sagt er und verschwindet durch das Tor.

„Ok“, sagt der Bauer, die Wächterin nickt nur. Sie ist schon wieder bei den beiden Pferden und fängt an, diese zu striegeln.

„Wartet“, sagt der junge Mann plötzlich, „ich hole noch einen Striegel und helfe euch.“

Sie striegeln gemeinsam die beiden Pferde und plaudern dabei belangloses Zeug, wodurch meine Aufmerksamkeit rapide nachlässt. Ich ziehe ein Stück gebratenen Fisch aus meinem Vorrat und kaue geistesabwesend darauf herum, während ich die beiden mit einem Auge weiter beobachte. Ich glaube, der junge Bauer flirtet mit der Wächterin, und die scheint gar nicht so abgeneigt. Jedenfalls ist sie bedeutend freundlicher zu ihm als zu dem dicken Händler. Andererseits… Mit dem Balzverhalten der Menschen kenne ich mich nun wirklich nicht gut aus. Also wer weiß? Vielleicht reden sie auch einfach nur.

Plötzlich stupst mich etwas leicht von hinten an. Für einen Moment bin ich starr vor Schreck. Aber als sich das stupsen wiederholt (und es sich immer noch nicht wie eine Schwertspitze anfühlt), drehe ich mich langsam um. Vor mir sitzt das weiße Wollknäul und starrt gierig auf meinen Fisch.

Ich sehe mich rasch um, aber scheinbar ist das Wollknäul alleine. „Guter Hund“, murmele ich leise, damit mich die beiden Turteltauben im Stall nicht hören. „Magst du auch ein Stück Bratforelle?“ Ich breche ein Stück ab, untersuche es kurz nach Gräten und halte es ihm dann hin. Der Hund stürzt sich freudig darauf und schlingt es mit einem Happs hinunter.

Ich gebe ihm noch ein Stück und kraule ihn liebenswürdig zwischen den Ohren. „Ja, so ist brav. Du wirst mich doch bestimmt nicht verraten, nicht wahr?“ Das Wollknäul leckt mir die Hand ab, als ich ihm das letzte Stück gebe, was ich als positive Antwort interpretiere. „So, und nun geh wieder zu den anderen ja? Ich komm bald nach und dann gibt es noch einen leckeren Nachtisch“, verspreche ich ihm.

Das Wollknäul sieht mich dankbar an, dreht um, läuft ein Stück und quetscht sich dann ein paar Meter weiter durch eine kleine Lücke in der Rückseite der Stallwand.

Interessant. Die war mir noch gar nicht aufgefallen. Diese Investition hat sich schon mal gelohnt, denke ich vergnügt und spähe wieder in den Stall hinein.

Die beiden Menschen stehen mittlerweile in der kleinen Box, wo sie gemeinsam den Esel striegeln. Der Esel genießt die Massage zwar sichtlich, sieht aber schon lange fertig gestriegelt aus. Der Gedanke liegt nahe, dass die beiden das Striegeln absichtlich hinauszögern, um sich länger unterhalten zu können.

Also hat der junge Bauer wohl doch ein Auge auf sie geworfen. Das kann mir nur Recht sein, denn das könnte für genau die Ablenkung sorgen, die ich brauche.

Jetzt kommt das Wollknäul in Sicht. Es läuft direkt zum jungen Bauern und springt an ihm hoch. „Ah da bist du ja wieder“, sagt der lachend und streichelt ihm über den wuschigen Kopf. Dann wendet er sich an die Wächterin: „Wir sollten meine Mutter besser nicht länger warten lassen. Sie ist eine wirklich exzellente Köchin.“

Die Wächterin nickt fröhlich und verstaut den Striegel wieder in ihrem Gepäck.

Der junge Bauer spricht derweil mit dem Wollknäul. „Du bleibst hier und passt auf“, schärft er ihm ein.

„Kommt er denn nicht mit zum Essen?“

„Nein, heute nicht. Er ist ein bisschen zu dick geworden und deswegen auf Diät.“

Ich grinse breit. Ja, denkst du!

Die Wächterin lacht über irgendeine Bemerkung des Bauern, die ich verpasst habe, dann schließen sie das Tor. Ich kann hören, wie sie zum Haupthaus hinübergehen und warte noch, bis sie die Tür hinter sich geschlossen haben. Dann gehe ich zu der kleinen Lücke in der Holzwand und versuche, mich hindurch zu quetschen.

Ich bin ziemlich aufgeregt. Jetzt geht es endlich wieder los, endlich auf zu reicher Beute!

Auf dem Bauernhof
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