Eselraub

Ich kauere angespannt hinter dem Stall des Bauernhofes. Nur eine dünne Holzwand trennt mich von meiner Beute: den Handelsgütern des reisenden Händlers. Und in dieser Holzwand klafft eine kleine Lücke, kaum groß genug für einen kleinen Hund.

Ich vergewissere mich erneut, dass der Weg frei ist, dann zerre ich vorsichtig an dem lockeren Brett. Nach kurzer Anstrengung habe ich die Lücke soweit vergrößert, dass sie groß genug für mich ist, und schlüpfe hindurch.

Das Wollknäul (es fällt mir wirklich schwer, einen Hund darin zu erkennen) ist eher unwillig allein im Stall zurückgeblieben, begrüßt mich nun freudig und bettelt um einem Nachschlag. Ich werfe ihm ein Stück rohes Schweinefleisch hin, das ich vom Einäugigen erbeutet habe, und mache mich ans Werk.

Im Nu habe ich die Taschen des Händlers durchsucht und eine grobe Vorstellung davon entwickelt, was in welchem Beutel verstaut ist. Ich nehme alles, was aus Metall ist, sowie einige Säcke Mehl an mich. Das können wir im Dorf immer gut gebrauchen, da wir selbst weder Metall herstellen noch Ackerbau betreiben. Außerdem nehme ich noch einen großen Futtersack für den Esel mit, denn es ist ein weiter Weg zurück zu meinem Dorf.

Der Esel sieht mich misstrauisch an, als ich seine Box betrete, rührt sich aber nicht. Ich rede ihm gut zu, streichle ihn etwas und pflücke das Zaumzeug von einem langen Nagel, der als Haken dient. Mit Eseln und Zaumzeug habe ich bisher wenig zu tun gehabt, aber ich habe oft gesehen, wie Menschen damit umgehen, also werde ich das sicher auch hinbekommen.

Der Esel beobachtet mich immer noch argwöhnisch. Er hat den Kopf hoch erhoben und hält ihn damit deutlich außerhalb meiner Reichweite. Er ist immerhin viel größer als ich, fast doppelt so hoch.

Ich halte ihm das Zaumzeug hin. Der Esel rührt sich nicht.

Ich versuche, ihn mit Streicheleinheiten und Schmeicheleien dazu zu bringen, den Kopf zu senken, doch der Esel steht nur unbeweglich da und ignoriert mich. Wenn er nicht ab und zu mit seinen Ohren wackeln würde, könnte man ihn glatt mit einer Statue verwechseln.

Schließlich verliere ich die Geduld. Dieser blöde Esel verspottet mich doch nur! Kurzentschlossen klettere ich an ihm hoch und hänge mich an seinen Hals, um seinen dicken Kopf gewaltsam zu mir hinunterzuziehen. Blöderweise ist der Esel stärker als er aussieht und so baumeln meine Beine nur sinnlos in der Luft.

Nach einer Minute lasse ich mich entmutigt wieder auf den Boden fallen und erlaube mir einen tiefen Seufzer. Jetzt habe ich endlich reiche Beute gefunden (für die ich nicht einmal ein großes Risiko eingehen musste) und nun versaut mir dieser störrische Esel meinen ganzen Plan. Mist!

Ich starre auf meine schon sicher geglaubte Beute und rechne im Kopf nach, wie viel ich davon selbst mitnehmen könnte. Aber egal ob ich mich für das schwere Eisen oder das unhandliche Mehl entscheide: Es ist viel zu wenig. Auf jeden Fall nicht genug, als dass ich damit zu meinem Clan zurückkehren und die Wiederaufnahme fordern könnte.

Einen Moment lang bin ich versucht, einfach wieder zu verschwinden und auf die nächste Gelegenheit zu warten. Doch dann packt mich mein Ehrgeiz.

„Nein, auf gar keinen Fall“, sage ich entschieden und sehe den Esel entschlossen an. „Vor den Trollen und den Menschen mag ich weggelaufen sein. Aber von dir lasse ich mich nicht aufhalten!“

Ich sehe mich nach einer Leiter oder etwas anderem um, auf das ich hinaufklettern könnte. Mein Blick bleibt an den Säcken haften, die das Futter für den Esel beinhalten.

„Ich frage mich…“

Mit wenigen Schritten gehe ich zu ihnen hinüber und ziehe ein paar Möhren heraus, die ich dem Esel hinhalte. Und siehe da: Er bewegt sich doch.

Friedvoll er an den Mohrrüben knabbernd lässt er sich nun widerstandslos das Zaumzeug überstreifen. Und das ist viel einfacher, als ich dachte, denn die Form des Zaumzeugs gibt mir genug Hinweise darauf, wo welches Teil hingehört.

Doch irgendwie sieht es seltsam aus. Ein Riemen verläuft fast direkt über das rechte Auge des Esels, was dieser mit einem genervten Schnauben quittiert. Also nehme ich ihm das Zaumzeug wieder ab und versuche es anders herum. Dann gehe ich einen Schritt zurück und betrachte mein Werk.

„Na geht doch“, sage ich zufrieden. „Schon beim zweiten Versuch alles richtig gemacht.“

Der Esel kaut immer noch, und so beginne ich damit, meine Beute an ihm zu befestigen. Dabei benutze ich die Säcke, die ich nicht mitnehmen will, als Treppe und klettere so immer wieder auf ihn hinauf und an und um ihn herum, bis alle Säcke, Taschen und Beutel sicher festgezurrt sind. Auch meinen eigenen Beutel, der meine Vorräte und die Ausrüstung enthält, binde ich an ihm fest, um die Hände frei zu haben.

Dann führe ich ihn aus seiner Box. Naja, ich versuche es, aber der Esel hält dagegen. Er hat nach dem anstrengenden Tag heute anscheinend keine Lust mehr auf weitere Reisen. Aber dieses Mal kenne ich mich ja aus. Ich verzichte auf ein weiteres Kräftemessen, fische stattdessen noch ein paar Möhren aus dem Beutel und halte sie dem Esel vor die Nase.

Der streckt sich und ich ziehe die Möhre etwas weiter weg. Dann macht er auf einmal einen Schritt nach vorne und frisst mir die Möhre aus der Hand. Schnell halte ich ihm die zweite hin und locke ihn weiter aus seiner Box, bis zum Stalltor. Ich öffne es einen Spalt und linse hinaus. Es ist mittlerweile sehr dunkel geworden, das Beladen des Esels hat viel länger gedauert als geplant. Aber die Menschen sind wohl noch beim Essen, jedenfalls es ist niemand zu sehen.

Verstohlen schiebe ich das Stalltor weiter auf und führe den Esel hindurch, der mir nun willig folgt. Schnell führe ich ihn zu einem Baumstumpf, klettere hinauf und steige von dort auf den Esel. Auf diese Weise auf meinem Beuteberg thronend lenke ich ihn geschickt ein Stück den Pfad entlang und dann auf der Straße den Weg zurück, den ich gekommen bin.

Die Tür das Bauernhauses öffnet sich und zwei junge Menschen kommen heraus, ein Mann und eine Frau. Es ist der junge Bauer, der die Wächterin zum Stall zurückbegleitet. Die Schritte der Wächterin wirken unsicher, als hätte sie das eine oder andere Gläschen Wein zu viel getrunken, doch der junge Bauer hat seinen Arm um sie gelegt und gibt ihr Halt.

Der Wächterin scheint das nicht zu missfallen, und es ist nicht schwer zu erraten, dass die beiden heute Abend noch etwas vorhaben.

Als sie am halb geöffneten Stalltor ankommen, zuckt die Wächterin plötzlich zurück und zieht ihr Schwert. Ihr Bewegungen wirken mit einem Mal wieder sicher und einstudiert, als hätte sie keinen Tropfen Alkohol angerührt.

Der junge Bauer sieht sie verwirrt an. „Was ist los?“

„Ich habe das Tor vorhin geschlossen“, sagt sie abwesend. „Bleib zurück.“ Entschlossen schlüpft sie in den Stall hinein und für einen Moment ist es totenstill. Der junge Mann sieht sich unbehaglich um, doch dann ertönt eine Reihe von derben Flüchen aus dem Stall, und er geht eilig hinein.

Drinnen bietet sich ihm ein Bild der Verwüstung: Von den vielen Waren des Händlers, die vorher sorgsam an der Wand aufgestapelt waren, sind nur noch wenige zu sehen, und diese sind über den gesamten Stall verstreut. Außerdem fehlt der Esel. Nur sein kleiner Hund liegt friedlich zwischen zwei großen Heuballen und kaut auf einem abgenagten Knochen herum.

„Oh mein Gott!“, entfährt es dem Bauern. „Was…?“

Die Wächterin läuft wütend im Stall herum und sucht nach Spuren. „Goblins“, knurrt sie.

„Goblins?“, fragt der Bauer und sieht sich unsicher um, als könnten noch irgendwo welche lauern. „Dann gehe ich besser und sage den anderen Bescheid.“

Die Wächterin nickt, der junge Bauer verschwindet und kehrt kurz darauf mit seinem Vater und dem dicken Händler zurück. Alle drei sind mit Schwertern bewaffnet.

„Was ist passiert?“, fragt der alte Bauer, während der Händler hektisch an ihm vorbeistürzt und seine Waren überprüft.

„Goblins“, wiederholt die Wächterin, die gerade ihr Pferd sattelt. „Sie sind doch das kleine Loch in der Wand dort eingedrungen und haben den Hund mit Schweinefleisch ruhiggestellt.“

„Könnten es nicht auch Menschen gewesen sein?“

„Menschen hätten mehr mitgenommen, vor allem die Pferde und die feinen Stoffe.“

„Verstehe, dann sollten wir jetzt–“

Doch der dicke Händler unterbricht ihn. Er ist mächtig aufgebracht. „Das ist alles deine Schuld!“, keift er die Wächterin an. „Es war deine Aufgabe, meine Waren zu bewachen!“

„Aber sie war doch gar nicht hier“, verteidigt sie der junge Bauer.

„Das hätte sie aber sein müssen! Wo willst du hin? Ich bin noch nicht fertig mit dir!“

Die Wächterin hat ihr Pferd inzwischen fertig gesattelt und führt es zum Tor. „Wohin schon? Ich hole deine Waren zurück“, erwidert sie lässig. „Oder wäre es dir lieber, wenn ich hierbleibe und mir deinen Schwachsinn anhöre, während sie entkommen?“

Damit hat sie den Händler überrumpelt und er sieht sprachlos zu, wie die Wächterin sich auf ihr Pferd schwingt. „Komm ja nicht ohne mein Eigentum zurück“, sagt er schließlich drohend.

Sie wirft ihm einen teils gleichgültigen, teils amüsierten Blick zu, der mehr als deutlich macht, was sie von seinen Drohungen hält, dann treibt sie ihr Pferd an und verschwindet grußlos in die Nacht hinaus.

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