Rache

Ich reite die ganze Nacht hindurch, zuerst auf der Straße der Menschen, dann querfeldein. Ich bewege mich grob nach Osten, wechsele jedoch mehrfach scheinbar willkürlich die Richtung, um eventuelle Verfolger zu verwirren. Dazu treibe ich den Esel immer wieder an. Dennoch wird er mit der Zeit immer langsamer, und so steige ich schließlich ab und locke ihn mit Möhren weiter.

Als auch das nicht mehr hilft, suche ich mir ein Versteck zwischen einigen herumliegenden Felsen, entlade den Esel und gönne mir und ihm eine Ruhepause sowie eine ausgiebige Mahlzeit.

Ich möchte nicht zu viel Zeit verlieren, denn ich befürchte, dass die Menschen mich verfolgen könnten. Ich habe meine Spuren zwar so gut ich konnte verwischt, aber so ein Esel hinterlässt leider viel mehr Spuren als ein Goblin, und daher könnte es sein, dass sie mich dennoch früher oder später einholen werden.

Wenn ich später aufbreche, werde ich die Hufen des Esels mit einigen Stofffetzen umwickeln, die ich extra zu diesem Zweck aus dem Stall mitgenommen habe. Dadurch sollte es für meine Verfolger noch schwieriger werden, aber um sie ein für alle Mal loszuwerden, bräuchte ich ein großes Gebiet mit steinigem Untergrund, auf dem die Hufen des Esels keine Spuren hinterlassen.

Ich seufze. Ich habe keine Ahnung, ob es hier ein solches Gebiet gibt, geschweige denn in welcher Richtung es liegt. Ich kenne mich hier einfach nicht gut genug aus.

Ich erwäge, den Felsen zu folgen, habe aber wenig Hoffnung. Sie sind viel zu klein und von dichtem Gras umwachsen. Andererseits…

Ich schau nach oben. Dicke Wolken deuten auf baldigen Regen hin, und ein starker Regen würde mit Leichtigkeit alle Spuren wegwaschen. Ich brauche also nur so lange durchhalten.

Während ich noch darüber nachdenke, höre ich plötzlich ein lautes Knacken hinter mir. Erschrocken springe ich auf, drehe mich um und ziehe meinen Dolch, alles in einer einzigen, fließenden Bewegung, die ich schon oft geübt habe.

Ich erwarte fast, einen großen Menschen mit Bogen vor mir zu sehen und einen Pfeil, der auf mich zufliegt. Doch was ich stattdessen sehe, schockiert mich fast noch mehr: Zwei Goblins sind aus dem Nichts in meinem Rücken aufgetaucht, ein kleiner, dürrer und ein großer, kräftiger, und sie kommen näher. Mit gezogenen Dolchen.

Natürlich erkenne ich die beiden sofort. Es sind der Hinterhältige und der Dummkopf, zwei der sechs Goblins, mit denen ich das Menschendorf überfallen wollte.

Zwei von Sechs.

Ich riskiere einen kurzen Rundumblick und entdecke dabei auch die übrigen vier: Der Faule und der Fleißige stehen bei meinem Esel, der Pazifist und der Feigling versperren mir den letzten Fluchtweg im Nordosten.

Verdammt! Sie haben mich umzingelt.

Sie kommen langsam näher, bis uns nur noch wenige Meter voneinander trennen. Dann ergreift der Hinterhältige das Wort: „So sieht man sich also wieder.“ Sein Tonfall klingt beiläufig, aber ich lasse mich nicht täuschen.

„Was wollt ihr?“, frage ich kurz angebunden.

„Oh, immer noch so selbstsicher?“, spottet der Hinterhältige. „Jetzt, wo dein geliebter Hund nicht mehr da ist?“

Ich starre ihn wortlos an.

„Wir sind hier, weil wir dich für deinen Verrat an uns bestrafen wollen“, verkündet er hochmütig.

„Verrat? Ich?“, entgegne ich entsetzt. „Nein, ich habe euch nicht verraten! Ihr habt mich verraten!“

„Das ist lächerlich“, knurrt der Hinterhältige. „Wir wissen über dich Bescheid. Du wusstest von dem Trollangriff! Deshalb wolltest du nicht, dass wir die Trolle angreifen und hast stattdessen so sehr auf einen schnellen Angriff auf das Dorf gedrängt, nach nur einem einzigen Tag der Beobachtung. Und deshalb warst du auch gegen meinen Plan, die Menschen abzulenken.“

„Verräterin“, murmelt der Dummkopf.

In meinem Kopf schwirrt alles durcheinander.

„Das stimmt doch gar nicht!“, verteidige ich mich. „Ich wusste nichts von dem Angriff! Außerdem kam der Vorschlag mit den Wachen von mir. Und ihr habt mir trotzdem nicht Bescheid gesagt“, sage ich anklagend in Richtung des Feiglings und gehe zum Gegenangriff über. „Und im Lager habt ihr auch nicht auf mich gewartet! Also habt ihr vielmehr mich verraten!“

„Ja, aber-“, beginnt der Feigling, doch der Hinterhältige schneidet ihm das Wort ab.

„Das ist völlig egal. Du bist die Verräterin. Und eine Verräterin wird weder gewarnt noch wird auf sie gewartet, während sie ihre Beute mit den Trollen teilt.“

Ich schnappe nach Luft. Ich soll gemeinsame Sache mit den Trollen gemacht haben?

„Ich bin keine Verräterin!“, schreie ich aufgebracht. „Von dir kommt doch nichts außer Beleidigungen und aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen! Du hast keinerlei Beweise, weil nämlich nichts davon stimmt!“

„Ich brauche dir nicht zu beweisen, Verräterin“, antwortet der Hinterhältige unbeeindruckt. „Du hast uns reiche Beute versprochen und uns damit in die Falle gelockt. Wir sind gerade so mit unserem Leben davongekommen, aber was finden wir nun bei dir?“ Er deutet auf die erbeuteten Waren aus dem Bauernhof. „Reiche Beute, die eigentlich uns zusteht. Da hast du deine Beweise!“

Bei den letzten Worten sieht er nicht mich an, sondern die fünf anderen Goblins, welche bestätigend nicken.

„Aber das habe ich doch gar nicht aus dem Menschendorf! Ich habe letzte Nacht einen Bauernhof überfallen, hier ganz in der Nähe, und-“

„Schluss mit deinen Lügengeschichten!“, unterbricht mich der Hinterhältige unwirsch. „Du willst einen Bauernhof überfallen haben? Ganz alleine? Pah! Und überhaupt: So viel Beute kann man auf einem Bauernhof gar nicht machen. Seht doch das viele Eisen!“

Ich bin sprachlos. Ich habe doch die Wahrheit gesagt! Sicher, der Hinterhältige interessiert sich nicht dafür, aber warum glauben mir die anderen nicht?

„Aber da war ein Händler und-“

„Jaja, ein Händler. Und als nächstes erzählst du uns, der Osterhase hätte es dir gebracht.“ Ich höre spöttisches Gelächter hinter mir, behalte aber weiter den Hinterhältigen im Auge. „Die Beute gehört uns. Los, packt alles auf den Esel.“

Drei von ihnen folgen seinem Befehl, während mich der Hinterhältige, der Dummkopf und der Faule nach wie vor umzingeln. Mist. Von diesen dreien kann ich keine Unterstützung erwarten.

„Und was jetzt?“ Ich packe meinen Dolch fester. „Wer von euch will versuchen, mich umzubringen, und dabei sein Leben verlieren?“

Der Hinterhältige zögert. Vielleicht erkennt er die Entschlossenheit in meinen Augen, denn ich werde mich sicher nicht kampflos ergeben.

„Wir brauchen dich nicht zu töten“, redet er sich schließlich heraus. „Wenn wir dir alles wegnehmen, was du besitzt, wirst du ohnehin sterben. Und dein Tod wird auf diese Weise so grausam sein, wie du ihn verdient hast. Verräterin!“ Er spuckt vor mir auf den Boden, dann zieht er sich zurück, zusammen mit den beiden anderen.

Gemeinsam hieven die sechs die letzten Säcke auf den Esel, dann ziehen sie mit ihm davon. Mit all der reichen Beute, die ich gemacht habe. Und dem Beutel mit meinen Vorräten und der gesamten Ausrüstung, den ich unvorsichtigerweise zu den anderen gelegt hatte. So ein verfluchter Mist aber auch!

Einen Moment lang überlege ich, sie nun trotzdem anzugreifen und um meine Ausrüstung zu kämpfen. Aber auch wenn ich eine gute Kämpferin bin, mit sechs Goblins gleichzeitig kann ich es nicht aufnehmen.

Frustriert drehe ich mich um. Die sechs sind nach Westen gezogen, also gehe ich nach Osten. Ich mache mir keine Illusionen darüber, ob ich es vielleicht schaffen könnte, mir die Beute zurückzustehlen, denn damit werden sie bestimmt rechnen, und dann würde es doch zum Kampf kommen.

Aber auch die Alternative sieht nicht gut aus. Der Hinterhältige wird vielleicht Recht behalten: So ganz ohne Vorräte und Ausrüstung könnte ich hier draußen wirklich qualvoll sterben. Und zwar schneller als mir lieb ist.

Die Wächterin hängt müde über ihrem Pferd und starrte auf den Waldboden vor ihr. Mehrfach hatte sie in der Nacht die Spur des Goblindiebes verloren und nur mit viel Mühe und mithilfe des flackernden Lichtes einer kleinen Fackel wiedergefunden.

Sie ist sich sicher, dass sie nur einen Goblin verfolgt, doch das ärgert sie nur umso mehr. Zum Glück hat der dicke Händler keine Ahnung vom Spurenlesen und würde nie erfahren, dass sie von einem einzelnen Goblin hereingelegt worden war. Sie knirscht mit den Zähnen. Aber der hinterhältige Goblin wird dafür bezahlen müssen.

Am späten Vormittag erreicht sie eine kleine Lichtung, auf der mehrere halbhohe Felsen verstreut sind. Ein guter Platz für einen Hinterhalt. Sie bleibt wachsam, rückt Schwert und Bogen zurecht, und folgt dann der Spur zwischen den Felsen hindurch. Doch alles bleibt ruhig, kein Goblin weit und breit.

Endlich erreicht sie den Ort, an dem der Goblin Rast gemacht hat. Sie springt vom Pferd und untersucht die Spuren, welche sehr verwirrend sind. Anscheinend hat der Goblin sich hier mit sechs anderen Goblins getroffen. Anschließend ist er allein nach Osten gegangen, während die anderen sechs mit dem Esel nach Westen gegangen sind.

Sie kann sich keinen Reim darauf machen, aber es spielt keine Rolle. Denn obwohl sie den Dieb, der ihr so frech den Abend verdorben hat, gern bestrafen würde: Die Waren des Händlers sind im Moment wichtiger.

Also zuckt sie die Achseln, steigt wieder auf ihr Pferd und folgt der Spur des Esels.

Rache
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