Siggi

Ein leises Rascheln weckt mich aus meinem unruhigen Schlaf. Schlaf? Ich erinnere mich gar nicht daran, eingeschlafen zu sein.

Das Geräusch wiederholt sich, doch ich bleibe ruhig liegen, halte die Augen geschlossen und spitze die Ohren, während ich in Gedanken die letzten Stunden durchgehe.

Was war nochmal passiert? Achja: Nachdem mich meine alten „Freunde“ ausgeraubt hatten, bin ich eine Weile ziellos herumgelaufen. Ich glaube, es ging die meiste Zeit bergab, aber an die Himmelsrichtung kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Ich war so verwirrt, meine Gedanken kreisten immer wieder um die letzten Tage, und dann musste ich wohl einfach mal den Kopf freibekommen.

Irgendwann hatte es angefangen zu regnen, und um nicht klatschnass zu werden, bin ich unter diesen Busch gekrochen. Und hier bin ich dann anscheinend eingeschlafen.

Da, schon wieder dieses Rascheln!

Ich bemühe mich, meinen Atem ruhig zu halten und öffne die Augen einen Spalt breit. Egal, ob es sich nun um ein kleines Tier handelt, welches ich fangen und zu einer Mahlzeit zubereiten könnte, oder um ein großes, welches mich auf seine Speisekarte setzen möchte – mich durch eine plötzliche Bewegung zu verraten, wäre in jedem Fall von Nachteil.

Vorausgesetzt, dass es mich noch nicht entdeckt hat.

Das Rascheln kam aus meinem Rücken, also drehe ich mich langsam herum. Plötzlich piekst mich etwas in den Hintern. Alarmiert springe ich auf, meinen Dolch fest umklammert und bereit, hier und jetzt um mein Leben zu kämpfen.

Doch es war kein Tier mit einem langen Stachel (wie ich zuerst vermutet hatte), sondern ein anderer Goblin, der einen Pfeil in der linken Hand hält und sich nun eilig einen Schritt zurückzieht. Er legt die rechte Hand auf seinen Dolch, zieht ihn jedoch nicht, sondern starrt mich nur abwartend an.

Ich sehe mich misstrauisch um, entdecke jedoch sonst niemanden und konzentriere mich wieder auf meinen Gegner. Ich bin mir sicher, dass ich ihn noch nie gesehen habe, er gehört also eindeutig nicht zu meinem Clan. Und da er hier alleine vor mir steht, kann das eigentlich nur heißen, dass ich (unbeabsichtigt) tief in das Gebiet eines anderen Goblinclans eingedrungen bin. Und das ist gar nicht gut, denn die meisten Clans reagieren auf fremde Goblins in ihrem Gebiet sehr feindselig.

Da er mich immer noch anstarrt, ergreife ich die Initiative. „Wer bist du?“

„Siggi“, antwortet er. Seine Stimme ist tief (für einen Goblin) und klingt angenehm in meinen Ohren. „Also eigentlich Siegfried, aber alle nennen mich Siggi.“ Er lacht nervös und fügt dann mit leicht ironischem Unterton hinzu: „Nicht, dass mich in letzter Zeit viele so genannt hätten.“

„Gertrud“, erwidere ich knapp und sehe ihn mir genauer an. Er ist nicht viel älter als ich, höchstens ein oder zwei Jahre, hat einen muskulösen, durchtrainierten Körper, leicht bläuliche Augen und schleppt eine komplette Jagdausrüstung mit sich herum: einen kurzen Bogen, einen gut gefüllten Pfeilköcher, einen großen Kampfdolch sowie einen kleinen zum Schneiden.

Seine Lederrüstung wirkt zusammengewürfelt und weist ihn damit als guten Jäger, ambitionierten Gerber und schlechten Schneider aus. Er hat eindeutig schon viele verschiedene Tiere erlegt, ihr Fell geschickt gegerbt und für seine Kleidung verwendet. Andererseits sind die Stücke nicht sehr groß, nur grob aneinandergenäht und an einigen Stellen leicht eingerissen. Es wundert mich nicht, dass er sie schon mehrmals flicken musste.

Derweil starrt er mich immer noch reglos an. Und obwohl ich ihn ja gerade ebenfalls ungeniert gemustert habe, wird mir die Stille mit der Zeit doch unangenehm.

„Warum hast du mich geweckt?“, frage ich schließlich, weil mir nichts Besseres einfällt.

Er zuckt die Achseln. „Naja, ich wollte einfach wissen, ob du schläfst oder…“ Er verstummt.

„… ob ich tot bin“, beende ich den Satz für ihn. „Nun, dann muss ich dich enttäuschen Siggi: Ich bin noch nicht tot.“

Er grinst. „Ich bin nicht enttäuscht.“

„Nicht? Hm“, ich denke darüber nach. „Naja, stimmt schon. Vermutlich wärst du enttäuschter gewesen, wenn ich tot wäre und du trotzdem keine Beute machen kannst. Da sind dir die anderen knapp zuvorgekommen.“

„Welche anderen?“

„Na, die anderen eben. Ihre Namen haben sie mir nie genannt, ich glaube, weil noch keine haben. Sie haben mich heute Morgen ausgeraubt. Sie sind zu sechst und nach Westen gezogen, falls es dich interessiert. Ich habe jedenfalls nicht vor, ihnen zu folgen.“

„Und was hast du jetzt vor?“

„Keine Ahnung. Erstmal was zu essen besorgen, schätze ich. Ist das hier Clangebiet?“ Ich lasse die Frage beiläufig klingen, warte aber gespannt auf die Antwort. Wenn ich Pech habe, werde ich sehr schnell (und mit knurrendem Magen) von hier verschwinden müssen.

Doch Siggi schüttelt den Kopf. „Nein. Hier gibt es keine Clans in der Nähe.“

Erleichterung überkommt mich. Doch dann werde ich wieder misstrauisch. „Und was machst du dann hier? Zu welchem Clan gehörst du?“

„Zu gar keinem“, antwortet er fröhlich. „Ich habe meinen Clan schon vor langer Zeit verlassen. Seitdem sorge ich für mich selbst.“ Er räuspert sich. „Ich habe nicht weit von hier ein Lager aufgeschlagen. Gegen etwas Gesellschaft hätte ich nichts einzuwenden. Also wenn du Hunger hast, lade ich dich ein.“

Das Angebot klingt verlockend, vor allem im Hinblick auf meinen knurrenden Magen und den miesen Aussichten, selbst für Nahrung zu sorgen. Doch Moment! Ich kneife die Augen zusammen und frage argwöhnisch: „Was verlangst du dafür? Du siehst ja, ich habe nichts zum Tauschen.“

Siggi wirkt überrascht. „Gar nichts.“

„Weißt du“, hole ich langatmig aus, „ich habe in meiner Kindheit auch Geschichten über großzügige Goblins gehört, die anderen etwas schenken und so. Aber ich habe sie niemals auch nur eine Sekunde lang für wahr gehalten“, füge ich schärfer hinzu. „Also raus mit der Sprache: Was ist dein Gewinn dabei?“

„Na ja“, druckst er herum, „weißt du, ich lebe schon ziemlich lange alleine. Und obwohl ich es nie bereut habe, meinen Clan verlassen zu haben, so fehlt mir doch diese eine Sache mehr als alles andere.“

Plötzlich schrillen sämtliche Alarmglocken in mir. Äußerlich lasse ich mir aber nichts anmerken. „Und zwar?“

„Hmm … naja … also ich weiß nicht, wie ich es sagen soll…“

„Sag es einfach.“

„Ein Gespräch.“ Ich bin baff. Daran hatte ich nicht gedacht. Aber nachdem Siggi sich nun überwunden hat, sprudeln die Worte nur so aus ihn heraus: „Neuigkeiten. Erfahrungen. Ich habe hier einfach niemanden zum Reden. Ich meine, ich belausche schon ab und zu andere, um auf dem Laufenden zu bleiben. Meistens Menschen, Jäger, Händler, Reisende. Selten auch mal andere Goblins. Aber es ist einfach nicht dasselbe.“

„Hm. Verstehe“, lüge ich und überlege. Welche Art von Neuigkeiten könnte ich ihn wohl anbieten? „Also viel Neues werde ich dir wohl nicht erzählen können“, gestehe ich. „Bis ich aus meinem Clan – ähm: also bis ich ihn verlassen habe, habe ich eigentlich nicht viel mitbekommen. Ich meine, unser Clan lebt eher zurückgezogen und hat nicht viel Anteil an dem, was in der restlichen Welt passiert …“

„Das macht nichts“, beschwichtigt mich Siggi sofort. „Es reicht mir völlig, wenn du mir etwas von deinen persönlichen Erlebnisse erzählst.“

„Na gut, einverstanden.“ Ich stecke meinen Dolch weg, den ich die ganze Zeit in der Hand gehalten und fast vergessen hatte, und sehe ihn erwartungsvoll an.

„Sehr gut!“, ruft er begeistert, sammelt seine eigenen Sachen ein und geht ein paar Schritte in den Wald hinein. „Hier entlang. Keine Sorge, es ist nicht weit. Wir werden noch vor Sonnenuntergang da sein.“

Ich sehe zum Himmel. Die dicken Regenwolken sind weitergezogen und der frühen Nachmittagssonne Platz gemacht.

„Ich hoffe doch deutlich vor Sonnenuntergang“, murmele ich vor mich hin. „Oder wir beide haben gänzlich verschiedene Vorstellungen von ‚nicht weit‘.“

„Was hast du gesagt?“ Siggi ist mir einige Meter voraus und sieht sich nun zu mir um.

Da er mit seiner Jagdausrüstung schwer beladen ist, während ich praktisch gar nichts schleppen muss, will ich mich nicht zu laut beklagen, lächele ich ihn nur freundlich an und sage: „Ach nichts. Ich habe mich nur darüber gefreut, dass sich die Regenwolken wieder verzogen haben.“ Ich deute nach oben.

„Ja toll, nicht wahr?“, ruft er begeistert. „Ich habe mir schon heute Morgen gedacht, dass es ein schöner Tag werden wird, Regen hin oder her. Weißt du, wenn man so stark auf das Wetter angewiesen ist wie ich, macht man sich so seine Gedanken. Erst gestern dachte ich…“

Und so redete er weiter und weiter wie ein Wasserfall. Nun, wenn unser ‚Gespräch‘ so einseitig bleibt, dann werde ich für mein Abendessen heute wohl nur zuhören müssen. Aber andererseits: Nach all den Missgeschicken der vergangenen Tage habe ich mir diese kleine Ruhepause wirklich redlich verdient.

Siggi
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2 Antworten zu "Siggi"

  • Deci sagt:

    Siggi wirkt süß 😀 Ich hoffe, er bleibt so nett und Gertrud hat endlich einen Partner für ihre Raubzüge ^^

    • Gertrud sagt:

      Naja ich weiß nicht so recht. Goblins sind nicht nett. Goblins sind gemein und hinterhältig. Also muss Siggi irgendwas im Schilde führen, nicht wahr?
      Nette Goblins – Haha! Sowas gibts doch nur im Märchen.

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