Der Auftrag der Wächterin

Angespannt lauscht die Wächterin in den Wald hinein. Sie verfolgt die Goblingruppe nun schon seit mehreren Stunden, und jetzt, am frühen Nachmittag, ist sie endlich nah genug, um sie hören zu können. Sie gleitet lautlos vom Pferd, nimmt ihren kurzen Reiterbogen aus dem Köcher, vergewissert sich, dass ihr Schwert griffbereit ist, und folgt dem Klang der Stimmen.

Sie gleitet auf leisen Sohlen an kahlen Baumstämmen vorbei und bleibt erst stehen, als sie die sechs Goblins sehen kann. Sie stehen etwa hundert Meter vor ihr und haben sich um den erbeuteten Esel versammelt. Ein großer Goblin, der Stärkste der Gruppe, zieht mit aller Kraft an den Zügeln, während einige der anderen von hinten schieben. Doch der Esel bleibt stur, steht nur wie erstarrt da und weigert sich, auch nur einen Schritt nach vorne zu machen.

Die Wächterin greift ruhig und ohne hinzusehen nach ihrem Bogen und spannt ihn, während sie die Goblins weiter beobachtet. Der Große muss der Anführer sein, denkt sie. Wenn ich ihn ausschalte, werden die anderen vermutlich fliehen.

Sie schätzt erneut die Entfernung ab und verzieht das Gesicht. Nein, das ist zu weit. Ich muss noch etwas näher heran.

Zwischen ihr und den Goblins befinden sich zahlreiche Baumstämme, aber ansonsten nichts, was sie als Deckung benutzen kann. Zum Glück sind die Goblins zu sehr mit dem Esel beschäftigt, als dass sie auf ihre Umgebung achten würden, und so schleicht sich die Wächterin, von Baumstamm zu Baumstamm huschend, unbemerkt immer näher an sie heran.

Endlich hat sie eine passende Position erreicht. Mit oft eingeübten Bewegungen nimmt sie einen Pfeil aus ihrem Köcher, legt ihn an die Sehne, spannt sie mit aller Kraft und zielt auf den großen Goblin. Die Goblins haben ihre Bemühungen um den Esel mittlerweile aufgegeben und diskutieren miteinander. Doch plötzlich ändert sich das Bild: Ein Goblin erteilt Befehle und die anderen verteilen sich und beginnen, die Säcke und Beutel vom Esel abzuladen und ein Lager aufzuschlagen. Doch es ist nicht der Große, der die Befehle erteilt, sondern ein kleinerer, dürrer.

Sie runzelt kurz die Stirn. Warum gibt der Dürre die Befehle? Doch dann zuckt sie die Achseln und zielt auf den Dürren, der nun als einziger faul herumsteht und so ein gutes Ziel abgibt.

Der Pfeil surrt durch die Luft und trifft den Dürren in das rechte Bein. Die Wucht des Aufpralls lässt ihn zu Boden fallen, wo er schreiend liegenbleibt. Für eine Sekunde richten sich zehn Goblinaugen auf ihren verletzten Anführer und den Pfeil in seinem Bein. Auf ihren Gesichtern ist Überraschung, Furcht und Entsetzen zu sehen. Dann ergreift einer von ihnen die Flucht, während die anderen hektisch nach dem unbekannten Angreifer Ausschau halten.

Scheiße!, flucht die Wächterin derweil lautlos und zieht hastig einen weiteren Pfeil aus ihren Köcher.

Einer der Goblins, der kleinste der Gruppe, hat sie inzwischen entdeckt. Ein anderer, dicker Goblin ruft etwas, woraufhin sich drei von ihnen hastig zurückziehen.

Nur der Große bleibt bei dem verletzten Dürren zurück. Der Dürre sagt ihm einige Worte, woraufhin der Große grimmig nickt, seinen Dolch zieht und laut schreiend auf sie zu rennt.

Sie wartet, bis er nur noch zwanzig Meter entfernt ist, dann schießt sie ihm einen Pfeil durch die Brust. Er durchschlägt den Körper des Goblins, prallt gegen einen Baumstamm und bleibt ein paar Meter weiter harmlos liegen. Der Große stockt mitten im Lauf, sieht ungläubig an sich hinunter und bricht unvermittelt zusammen.

Die Wächterin lässt den Bogen fallen und zieht ihr Schwert. Ihre Sinne sind bis aufs Äußerste gespannt, jeden Moment könnte ein weiterer Angriff erfolgen. Als nichts passiert, läuft sie schließlich zu dem Großen und stößt ihn mit dem Fuß an.

Doch der Goblin rührt sich nicht, nur ein wenig Blut sickert aus seiner Wunde. Er ist tot.

Währenddessen hat der Dürre den Pfeil abgebrochen, ihn aus seinem Bein gezogen und eilig ein Stück Stoff um die Wunde gewickelt. Sie geht zu ihm hinüber, woraufhin er sein bestes gibt, um eilig vor ihr davonzukriechen. Doch die Anstrengung ist vergebens: Er ist kaum zwei Meter weit gekommen, als sie ihn eingeholt hat. Er zieht seinen Dolch und bellt ein paar Worte in seiner Goblinsprache. Sie versteht sie zwar nicht, aber sie vermutet aufgrund des Tonfalls, dass es sich um eine Drohung handelt.

Ohne groß darüber nachzudenken entwaffnet sie den verletzten Goblin und sticht ihm das Schwert in den Hals. Anschließend wirft sie einen prüfenden Blick in alle Richtungen, doch von den geflohenen Goblins ist nach wie vor nichts zu sehen.

Gelassen säubert sie ihr Schwert, steckt es weg, sammelt den unversehrten Pfeil ein und zieht mit dem Esel und den Waren des Händlers von dannen.

Es ist später Nachmittag und ich trotte noch immer hinter Siggi her. Mittlerweile haben wir den Wald verlassen und marschieren über eine überwucherte Wiese. Genauer gesagt: Wir kämpfen uns durch das goblinhohe Gras und benutzen dabei die zahlreichen Büsche als Deckung vor zufälligen Beobachtern.

Siggi plappert in einer Tour. Da ich nichts Besseres zu tun habe, höre ich ihm zu und gebe ab und zu ein bestätigendes „Hm“ von mir.

„…aber die Menschen kommen nur selten hierher“, sagt er gerade. Er deutet auf das hohe Gras um uns herum. „Wie man sieht.“ Er lacht laut. „Das finde ich echt lustig. Überall, wo sich die Menschen niederlassen, scheinen sie einen geradezu fanatischen Hang zu entwickeln, das Gras kurz zu halten. Egal ob sie dafür nun ihre Tiere benutzen oder es selber schneiden: Das Gras ist immer kurz. Im-mer! Erst neulich sagte ich zu mir –“

Er unterbricht sich plötzlich und sieht alarmiert nach Nordwesten, genau wie ich. Denn aus dieser Richtung kommt auf einmal ein dumpfes Bumm-Bumm, Bumm-Bumm, Bumm-Bumm, dass mir nur allzu vertraut vorkommt.

Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und spähe über das Gras. Dann sehe ich sie und ziehe rasch meinen Kopf ein.

„Schnell, in Deckung“, zische ich und renne zum nächstgelegenen Busch. Siggi folgt mir auf dem Fuße und wir kriechen gemeinsam darunter.

Zu zweit ist es etwas beengt (wir liegen dicht nebeneinander, und Siggi quetscht auch noch seine Ausrüstung in die schmale Lücke zwischen Boden und Geäst), aber wir haben keine Zeit mehr, uns ein anderes Versteck zu suchen.

Denn in diesem Moment kommen sie in Sicht: sechs riesige, muskulöse Trolle. Und im Gegensatz zu den Exemplaren, die vor ein paar Tagen das Menschdorf angegriffen haben, sind sie nicht mit primitiven Keulen, sondern mit scharfen Schwertern und Äxten bewaffnet. Und sie tragen eine schwere Rüstung aus grob bearbeitetem Eisen, bei deren Anblick mir ein Schauer über den Rücken läuft.

„Kommen hier öfter Trolle vorbei?“, flüstere ich neugierig, nachdem sie stampfend an uns vorbeigezogen sind und die rhythmischen Erschütterungen des Bodens allmählich nachlassen.

Siggi schüttelt den Kopf und antwortet genauso leise: „Nee. Ich hatte bis heute noch nie welche gesehen, nicht einmal Spuren. Du?“

„Ja“, gebe ich zu. „Sie haben ein Menschendorf angegriffen, das ich gerade ausrauben wollte.“

Er dreht sich zu mir herum und sieht mich mit großen Augen an. „Wirklich? Davon musst du mir mehr erzählen!“

Sein Interesse schmeichelt mir. „Klar“, sage ich und sehe ihn selbstsicher in seine großen Augen. „Mach ich. Nachher beim Essen.“ Und dann kann ich mich nicht zurückhalten und setze noch einen drauf: „Und danach erzähle ich dir davon, wie ich mal ganz alleine eine Trollhöhle erkundet habe.“

„Du warst in einer Trollhöhle? Alleine? Wow!“ Jetzt ist er wirklich beeindruckt. „Da hätte ich mich ja nie reingetraut.“

„Naja“, gebe ich zu, „ich bin ja auch nicht absichtlich reingegangen.“ Für einen Moment befürchte ich, der gute Eindruck, den er von mir hat, könnte nun abnehmen, und so füge ich hastig hinzu: „Aber es waren vier oder fünf Trolle darin, alle mindestens so groß wie die hier, und sie waren mit riesigen Keulen bewaffnet.“

„Wahnsinn!“, flüstert er und rück noch etwas näher an mich heran, um auch ja kein Wort zu verpassen.

Ich will ihn gerade noch etwas weiter ködern, als mir einfällt, dass zwei Goblins, die sich kaum kennen, eigentlich nicht so nah beieinanderliegen sollten. Schon gar nicht, wenn einer männlich und einer weiblich ist. Merkwürdig, dass mir das nicht schon früher eingefallen ist.

Aber wir musste uns ja auch vor den Trollen verstecken, denke ich. Doch dann schleicht sich eine andere Stimme in meine Gedanken: Aber nun sind sie weg und ich liege immer noch hier. Und unangenehm es ist mir auch nicht.

Ich verscheuche diesen Gedanken und mahne mich zur Selbstdisziplin. So etwas kann ich jetzt wirklich nicht gebrauchen.

Statt dessen räuspere ich mich und sehe nach vorn. „Sieht so aus, als wären die Trolle weg. Lass uns weitergehen.“

Siggi wirkt etwas enttäuscht, nickt aber. „Ok“, sagt er und kriecht umständlich unter dem Busch hervor. Dann ziehen und schieben wir gemeinsam die Ausrüstung aus dem Geäst.

„Komm, hier entlang“, ruft er vergnügt, kaum dass er wieder auf seinen Füßen steht. „Es ist nicht mehr weit.“

Und schon verfällt er in seinen gewohnten, nicht enden wollenen Redeschwall. Doch dieses Mal bemühe ich mich, ihm aufmerksam zuzuhören, um diesen einen hartnäckigen Gedanken, der mir immer wieder durch den Kopf schießt, endgültig zu verscheuchen.

Der Auftrag der Wächterin
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Eine Antwort zu "Der Auftrag der Wächterin"

  • Maik sagt:

    Schön wie die Geschichten getrennt werden und auch das Abenteuer der Wächterin erzählt wird. Wird immer interessanter und ist die ideale Bus/Bahn/Pausen-Lektüre!

    http://www.gertrud-stories.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif

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