Trollgeschichten

Am Abend, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, erreichen wir Siggis Lager. Es besteht aus einer kleinen, hölzernen Goblinhütte nach althergebrachter Bauart (kreisrund, mit einem kegelförmigen Strohdach) und einem steinernen Kreis für das Lagerfeuer. Neben seiner Hütte hat Siggi alle möglichen Dinge aufgestapelt, angefangen von Stapeln mit Brennholz über Bauholz bis hin zu fertigen Fallen und Netzen.

An den Seiten ist das Lager durch dichtes Gebüsch vor neugierigen Blicken gut geschützt, doch bei genauerem Hinsehen entdecke ich mehrere unscheinbare Lücken. Ich vermute, dass Siggi sie als Fluchtwege angelegt hat.

Während ich mir sein Lager ansehe und das eine oder andere (ernst gemeinte) Lob fallen lasse, nimmt Siggi einige Brennhölzer von seinem Stapel und schichtet sie vor seiner Hütte auf. Nur ganz wenig Rauch steigt auf, als er sie geschickt mit einem Feuerstein entzündet, was auf lange Erfahrung schließen lässt.

Anschließend holt er ein Stück rohes Ziegenfleisch hervor, welches er über dem Feuer brät. Dazu gibt es ein altbackenes Brot und sogar eine Handvoll lecker aussehender Erdbeeren, die er mir höflich anbietet.

Ich bin beeindruckt und sage es ihm.

Er lächelt erfreut. „Die habe ich gestern einem reisenden Händler geklaut“, erzählt er mir stolz. „Der hatte so viel davon, dass ihm das gar nicht aufgefallen ist. Aber genug von mir. Erzähl mir mehr von der Trollhöhle!“, fordert er mich ungeduldig auf.

„Sicher?“, frage ich und setze mich zu ihm ans Lagerfeuer. „Ich dachte, du wolltest zuerst etwas über den Trollangriff auf das Dorf hören?“

Siggi überlegt kurz. Es fällt ihm offensichtlich schwer, sich zu entscheiden. „Erzähl mir das, was du zuerst erlebt hast“, sagt er schließlich.

„Hm, na schön, das wäre dann die Trollhöhle“, antworte ich und hole tief Luft. „Also, es war tief in der Nacht. Ich war müde und suchte nach einem Platz zum Schlafen. Da entdeckte ich eine Höhle, die mir geeignet schien. Doch als ich sie mir näher ansah, stellte ich fest, dass dahinter ein Gang lag. Und der stank geradezu nach Trollen.“

„Und du bist trotzdem hineingegangen?“, unterbricht mich Siggi ungläubig.

„Naja, ich wollte natürlich sofort umkehren. Aber in dem Moment erschienen zwei fürchterliche Trolle am Eingang der Höhle, und sie hatten diese riesigen Keulen dabei.“

„Oh Schreck!“

„Ja genau. Es gab keinen Platz zum Verstecken, also konnte ich mich nur in den Gang zurückziehen. Die Trolle folgten mir, und so hetzte ich vor ihnen durch den finsteren Gang, nur knapp außerhalb der Reichweite ihrer Fackeln.“

„Fackeln hatten sie auch noch?“

„Klar. Und über ihren Schultern trugen sie große, blutbefleckte Säcke, in denen sie ihre Beute transportierten, aber was darin war, habe ich es später herausgefunden. Jedenfalls führte der Gang zu einer unglaublich großen Höhle. Sie war so groß, dass ich die gegenüberliegenden Wände nicht erkennen konnte. Aber das Schlimmste war: Dort warteten noch drei andere, riesige Trolle!“

„Oh nein!“, entfährt es ihm. „Fünf Trolle in einer Höhle? Drei vor dir und zwei hinter dir? Wie bist du da bloß wieder herausgekommen?“

„Genaugenommen waren es sogar noch mehr“, korrigiere ich ihn. „Da waren nämlich noch vier oder fünf kleinere Trolle, vielleicht Trollkinder oder sowas. Aber klein waren sie natürlich nur im Vergleich zu den anderen Trollen, denn sie die waren immer noch doppelt so groß wie ich. Sicher hätten sie mich ebenfalls ohne Probleme zerquetschen können wie ein Fliege.“

Siggi schluckt.

„Naja, zum Glück haben sie mich nicht bemerkt, als ich die Höhle betrat. Sie waren nämlich alle in der Mitte der Höhle und standen um mehrere große Lagerfeuer herum. Trotzdem waren da ja noch die beiden anderen Trolle hinter mir, also musste ich mir schnell ein Versteck suchen. Ich schlich am Rand der großen Höhle entlang und fand schließlich in letzter Sekunde einen winzigen Spalt im Felsen, in den ich mich hineinzwängte. Und kaum war ich darin verschwunden, kamen die beiden Trolle mit ihren Fackeln herein.“

Ich mache eine Pause, in der mich Siggi mit offenem Mund anstarrt. Betont langsam ziehe ich meine Wasserflasche hervor (eines der wenigen Dinge, die nicht mit dem Rest meiner Ausrüstung gestohlen wurden) und trinke einen Schluck.

„Und wie ging es weiter?“, drängelt er ungeduldig.

„Immer mit der Ruhe“, sage ich und stecke meine Wasserflasche wieder weg. „Ich glaube, das Fleisch ist mittlerweile fertig.“

„Oh richtig, Entschuldigung. Du bist sicher hungrig.“

Da hat er Recht. Allein beim Anblick des Essens läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

Rasch teilt Siggi Fleisch, Brot und Erdbeeren auf (wobei er mir von allem den größeren Teil gibt) und wir essen gemeinsam.

„Also, da war ich nun, ganz allein in dieser stinkenden Höhle, in der es vor Trollen nur so wimmelte“, fahre ich fort, nachdem ich meinen Hunger gestillt habe. „Zusammengekauert hockte ich in dem schmalen Felsspalt, und spitze Steine piekten mich von allen Seiten. Und dann kamen die beiden Trolle herein.“

Ich greife nach einer weiteren Erdbeere und esse sie genüsslich. Dieses Mal drängt mich Siggi nicht sondern wartet gebannt darauf, dass ich weitererzähle.

„Aber das Licht ihrer Fackeln reichte nicht in meinen Felsspalt hinein, und so sahen mich die Tolle nicht. Doch die Trollkinder entdeckten die großen Trolle sofort und rannten zu ihnen hinüber, um sie zu begrüßen. Und eines von ihnen rannte sogar direkt an mir vorbei. Ich hätte nur meine Hand ausstrecken müssen, um es zu berühren.“

„Wahnsinn!“

„Aber trotzdem bemerkten sie mich nicht, sondern gingen einfach zu den anderen hinüber, wo sie sich um das Lagerfeuer versammelten. Dort – “

„Moment“, unterbricht mich Siggi. „Um welches Lagerfeuer?“

„Na das in der Mitte der Höhle.“

„Ja, aber welches? Du sagtest doch, es gab mehrere.“

„Ach so, ja. Ja genau. Mehrere“, bestätige ich. „Die zehn Trolle brauchen schließlich viel Platz, um ihre gigantischen Mahlzeiten zuzubereiten. Aber zunächst versammelten sie sich um das größte Lagerfeuer, genau in der Mitte. Und dort verteilten sie ihre Beute, die – soweit ich sehen konnte – aus großen, toten Tieren bestand. Also kamen die beiden wohl gerade von der Jagd.“

„Das erklärt auch das Blut an den Säcken“, sagt Siggi nickend.

„Richtig, gut aufgepasst“, lobe ich ihn. „Hm, danach ist nicht mehr viel passiert. Sie haben die Tiere über dem Lagerfeuer gebraten und gegessen, und die Kinder spielten mit den abgenagten Knochen und setzten sich die Schädel als Hüte auf.“ Ich mache eine wegwerfende Bewegung. „Das übliche Trollverhalten, denke ich. Irgendwann wurden sie müde und schliefen ein, und dann habe ich die Höhle wieder verlassen.“

„Unglaublich“, sagt Siggi beeindruckt. „Und das hast du wirklich so erlebt?“

„Genauso ist es passiert“, bekräftige ich und verschweige ihm, dass ich an der einen oder anderen Stelle ein ganz klein wenig übertrieben habe. „So wahr ich hier sitze.“ Ich gähne herzhaft. Die Sonne ist längst untergegangen, und ich werde immer müder.

Siggi hingegen ist noch ganz aufgeregt und denkt immer noch an die Trolle. „Und wann haben sie das Menschendorf angegriffen?“

Ich gähne erneut. „Entschuldige, aber ich glaube, das erzähle ich dir besser ein andermal. Ich bin totmüde.“

„Ja, ich auch“, gibt Siggi zu. „Aber vielen Dank für die tolle Geschichte! Sie hat mir wirklich sehr gefallen.“ Er lächelt gedankenverloren. „Du kannst diese Nacht gerne in meiner Hütte schlafen.“

Ich ziehe die Augenbraue hoch.

Wenn bei uns Goblins ein Mann eine Frau in seine Hütte bittet, dann bedeutet das, dass er etwas von ihr will. Etwas ganz bestimmtes. Und das ist höchst ungewöhnlich, denn normalerweise sucht sich die Frau den Mann aus, und zwar meist den hinterhältigsten Krieger oder den schlausten Dieb.

Siggi sieht mich verwirrt an. Dann dämmert es ihm langsam.

„Ähm … Nein nein, so hab ich das nicht gemeint“, stottert er. „Ich meine, dass du alleine in der Hütte schlafen kannst. Ich schlafe hier draußen.“

„Ach so“, sage ich und zögere. Vor einer Woche hätte ich noch darauf bestanden, aber jetzt erscheint es mir irgendwie nicht richtig. Immerhin bin ich hier nur zu Gast.

Also lehne ich sein Angebot dankend ab. „Ich habe in den letzten Tagen oft draußen geschlafen, das ist kein Problem“, behaupte ich.

„Hm“, macht er. „Na gut. Aber lass mich dir wenigstens noch mein altes Zelt aufbauen. Dann hast du immerhin Schutz vor Wind und Regen.“

Ich willige ein und helfe ihm sogleich beim Aufbau. Das Zelt ist nicht sehr groß, gerade lang genug für einen liegenden Goblin, aber Siggi legt noch zwei dicke sowie eine dünne Decke hinein, letztere zusammengerollt als improvisiertes Kopfkissen. Damit sieht es wirklich gemütlich aus und das ist viel mehr, als ich erwartet habe. Ich bedanke mich artig bei ihm und krieche hinein.

Die Decken sind angenehm weich und kuschelig, und ich schlafe sofort ein, als mein Kopf das Kopfkissen berührt.

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