Die Wette

Als ich aufwache ist es noch früh am Morgen. Verschlafen blinzele ich den ersten Sonnenstrahlen entgegen, die es irgendwie geschafft haben, schräg durch ein winziges Loch in der Zeltwand zu fallen, genau in mein Gesicht.

Ich gähne herzhaft, kneife die Augen zu und kuschle mich noch etwas tiefer in die warmen Decken meines angenehm weichen Lagers. Wenn ich in einem so schönen Bett aufwache, kann der gestrige Tag ja gar nicht so schlecht gewesen sein, denke ich schläfrig. Doch dann fällt mir wieder ein, dass ich gestern überfallen und ausgeraubt worden bin, und dass ich hier nur deswegen so warm und behaglich liege, weil ich zufällig über einen ungewöhnlich freundlichen und hilfsbereiten Goblin gestolpert bin.

Ich runzele die Stirn. So richtig verstehe ich es immer noch nicht. Warum hilft er mir wohl? Ja, die Trollgeschichte scheint ihm gut gefallen zu haben, aber ist das wirklich alles? Ich gehe im Kopf einige Möglichkeiten durch, wäge sie ab und verwerfe sie wieder. Nein, das passt alles nicht zusammen.

Ich schaffe es nicht mehr, ruhig liegenzubleiben und krabbele aus dem Zelt hinaus. Ich brauche dringend etwas zu tun. Ich sehe mich suchend um, entdecke einige von Siggis Vorräten und beginne, darin herumzukramen, um Frühstück zu machen.

Mitten in der Vorbereitung huscht plötzlich ein wirrer Gedanke durch meinen Kopf. Ich könnte einfach alles nehmen, was ich tragen kann, und damit verschwinden. Unwillkürlich sehe ich in Richtung Hütte, aber von Siggi ist nichts zu sehen und nichts zu hören.

Er schläft bestimmt noch tief und fest, denke ich. Er würde es gar nicht mitbekommen. Wenn er aufwacht, bin ich schon längst über alle Berge.

Doch anstatt auf meine innere Stimme der Vernunft zu hören und eilig Taschen vollzupacken, wie eine echte Goblin, stehe ich nur grübelnd herum. Es kommt mir einfach nicht richtig vor, ihn zu bestehlen. Aber das ist doch genau das, was Goblins machen, rede ich mir selbst zu, während ich langsam etwas Brot, ein großes Stück Käse und den Rest der Erdbeeren von gestern Abend hervorhole, auf zwei Teller aufteile und mich an das heruntergebrannte Lagerfeuer setze. Goblins bestehlen andere. Auch andere Goblins, wenn sich die Gelegenheit ergibt und sie nicht zum eigenen Clan gehören. Also nimm dir, was du tragen kannst!

Aber aus irgendeinem Grund bleibe ich erneut nur still sitzen und kaue mechanisch auf einem Brotkanten herum. Das kann ich mir überhaupt nicht erklären. Normalerweise bin ich sehr vernünftig, besonders in schwierigen Situationen, quasi die Vernunft in Person und überhaupt eine sehr vorbildliche Goblin. Aber heute Morgen habe ich wohl einen meiner seltenen, vernunftfreien Momente.

Ich ertappe mich dabei, wie ich auf meinen mittlerweile leeren Teller starre. Nun ist es aber genug!, ermahne ich mich streng, schüttele meine Trägheit entschlossen ab und stehe auf. Wenn ich schon so unvernünftig bin und diesen dummen, weil hilfsbereiten Goblin nicht ausraube und ihm damit nicht die Lektion erteile, die er dringend nötig hätte – dann sollte ich mich jetzt wenigstens so schnell es geht aus dem Staub machen!

Ich drehe mich um, um zu gehen, entdecke Siggi, der gerade aus seiner Hütte kommt, und bleibe wie angewurzelt stehen.

„Guten Morgen“, gähnt er, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten. „Du bist aber früh auf.“ Seine kurzen Haare stehen in alle Richtungen ab, was ich irgendwie niedlich finde.

Ich verdränge den Gedanken und suche nach einer schlagfertigen Antwort, doch mir fällt keine ein. Das ist auch ungewöhnlich, sonst bleibe ich nie eine Antwort schuldig. Vielleicht fühle ich mich ertappt, weil ich ja gerade gehen wollte.

Siggi plappert derweil gut gelaunt vor sich hin: „Ich hab die halbe Nacht wachgelegen, weil ich über deine Trollgeschichte nachgedacht habe“, gibt er freimütig zu, während er sich dehnt und streckt, um richtig wach zu werden. „Die war wirklich spannend. Oh, du hast Frühstück gemacht.“ Er deutet auf den zweiten Teller mit Brot, Käse und Erdbeeren. „Danke, wirklich nett von dir.“

„Keine Ursache.“ Die Worte kommen ganz automatisch. Warum hab ich das gesagt?

Siggi setzt sich ans Lagerfeuer, genau auf den Platz, an dem ich gerade noch saß, und macht sich über das Essen her.

„Du hast wohl schon gegessen?“, fragt er zwischen zwei Happen.

Ich nicke. Seltsam. Normalerweise bin ich nicht so wortkarg. Vielleicht dauert der vernunftfreie Moment ja noch an. Verdammt. Ich wünschte, er wäre endlich vorbei.

Unvermittelt durchbricht Siggi die Stille: „Woran denkst du?“

„Hmm“, mache ich. Was soll ich ihm sagen? Dass ich nicht weiß, wohin ich jetzt gehen soll? Aber was soll das bringen? „Dies und das“, sage ich schließlich ausweichend.

Siggi lässt nicht locker: „Was meinst du damit?“

„Naja…“ Ich ringe kurz mit mir. Soll ich es ihm sagen? Es geht ihn ja eigentlich nichts an. Aber andererseits kann es auch nicht schaden. Ach was soll’s. „Ich überlege, wie ich jetzt weitermachen soll. Also wohin ich gehen soll und so. Ich kenne mich hier in der Gegend ja nicht so gut aus“, gebe ich zu.

„Ah, verstehe.“ Nun ist er derjenige, der gedankenverloren ins Leere starrt. Dann holt er tief Luft, als müsse er sich überwinden, das Folgende auszusprechen. „Also wenn du willst, können wir eine Weile gemeinsam jagen.“ Ah, da ist sie wieder! Diese völlig unnatürliche Art, dass er mir seine Hilfe anbietet!

„Ich meine“, fügt er hastig hinzu, bevor ich etwas sagen kann, „gemeinsam ist die Jagd doch viel leichter. Und wir können dann auch größere Tiere jagen. Und abends kannst du mir noch ein paar deiner Geschichten erzählen. Die von der Trollhöhle hat mir wirklich gut gefallen.“

„Hmm“, mache ich wieder und denke ernsthaft darüber nach. Meine Stimme der Vernunft ist unentschieden. Einerseits gibt sie Siggi Recht: Zu zweit kann man wirklich besser jagen. Es ist weniger gefährlich und man macht mehr Beute. Andererseits rät sie mir dringend, schnellstmöglich von diesem verrückten Goblin wegzukommen, der so vertrauensselig ist und fremden Goblins seine Hilfe anbietet. Völlig ohne Gegenleistung. Also das ist doch wirklich nicht normal!

Siggi merkt wohl, dass ich unentschlossen bin. „Mir ist aufgefallen, dass du keinen Bogen dabei hast“, sagt er unvermittelt. „Ich kann dir helfen, einen zu bauen.“

Da! Schon wieder! Da muss doch was faul sein!

„Ich bin mit meinem Dolch bisher gut zurechtgekommen“, behaupte ich ausweichend.

„Ja, klar. Aber mit einer richtigen Jagdwaffe wie einem Bogen wäre es doch viel leichter, oder nicht?“

Da hat er wahrscheinlich Recht, denke ich. Wenn ich damit umgehen könnte. Aber ich werde ihn sicher nicht darum bitten, mir das Bogenschießen beizubringen. Und überhaupt: Glaubt er etwa, dass ein Dolch keine richtige Waffe ist?

Ich kneife die Augen zusammen. „Soll das heißen, dass ich ohne Bogen nicht jagen kann?“

Siggi hält abwehrend die Hände hoch. „Das hab ich nicht gesagt. Ich meine nur, dass ein Bogen bei der Jagd ein enormer Vorteil ist.“

Das Argument ist schwer von der Hand zu weisen.

„Naja, vielleicht. Aber bei der Jagd kommt es ja nicht nur auf die Waffe an, sondern vor allem auf Geschick, Intelligenz, Kraft und die Hinterhältigkeit des Jägers.“ Damit zitiere ich Franki, einen meiner Jagdlehrer, den ich für seine dummen Reden immer gehasst habe.

Siggi sieht mich stirnrunzelnd an. „Das stimmt natürlich…“, beginnt er, doch ich unterbreche ihn. Jetzt bin ich richtig in Fahrt.

„Und ich habe viel Erfahrung als Jägerin.“

„Das bestreite ich nicht.“

„In meinem Clan war ich die jüngste Dolchwurf-Meisterin aller Zeiten!“

„Wirklich?“

„Du glaubst mir wohl nicht?“ Ich sehe ihn herausfordernd an.

„Doch doch, natürlich! ich glaube dir“, versichert er hastig.

„Und als jüngste Dolchwurf-Meisterin meines Clans wette ich mit dir, dass ich mit meinem Dolch ein größeres Tier erlegen kann, als du mit deinem Bogen!“

Das verschlägt Siggi für einen Moment die Sprache.

„Also das ist jetzt wirklich nicht nötig…“

„Das finde ich aber doch!“

„Hm … naja …“ Siggi sieht sich ratlos um. „Na gut, wenn du darauf bestehst, dann wetten wir. Aber wir machen es fair, ok? Wir jagen beide nur mit dem Dolch.“

„Nein, nein, nein! Jeder mit seiner Waffe. Benutze ruhig deinen Bogen. Wir werden ja sehen, ob er ein so großer Vorteil ist, wie du behauptest!“

„Aber das –“

„Komm mir jetzt nicht mit irgendwelchen Ausreden!“

„Hm.“ Nun sieht er beinahe verzweifelt aus. Hat er etwa Angst? „Aber ich habe noch einen anderen Vorteil: Ich kenne die Gegend und du nicht.“

Ich wische den Einwand beiseite. „Und wenn schon. Das bekomme ich schon hin.“

„Aber das kommt mir nicht richtig vor.“

„Papperlapapp! Hast du etwa Angst, dass ich dich auf deinem eigenen Gebiet schlage?“

Er seufzt. „Also gut, wie du willst. Gleich morgen früh, ok?“

„Ha! Natürlich nicht! Wir beginnen jetzt sofort.“ Ich stehe energisch auf. „Wer bis heute Abend das größere Tier erlegt hat, hat gewonnen.“

Ich warte nicht auf seine Antwort, sondern drehe mich um und marschiere einfach drauf los.

Dem werde ich es schon zeigen!

Die Wette
4.3 (86.67%) 3 votes

2 Antworten zu "Die Wette"

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Neuer Kommentar

Du kannst folgende HTML-Tags und -Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

*

http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_negative.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_scratch.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wacko.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yahoo.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cool.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_heart.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_rose.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_smile.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_whistle3.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yes.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cry.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_mail.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_sad.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_unsure.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wink.gif