Allein auf der Jagd

Wütend stampfe ich durch den Wald. Ich weiß gar nicht, was mich wütender macht. Dass mich Siggis Bemerkung über den Bogen so aufgeregt hat, dass ich diese blöde Wette vorgeschlagen habe. Dass Siggi mich nicht davon abgehalten und die Wette angenommen hat. Oder die Tatsache, dass ich vor lauter Aufregung vergessen habe, einen Wetteinsatz festzulegen.

Welchen Wert hat denn eine Wette, wenn es keinen Wetteinsatz gibt? Das ist doch total bescheuert. Eigentlich müsste ich umkehren und die Wette für ungültig erklären.

Aber das werde ich nicht machen. Denn jetzt muss ich diese blöde Wette gewinnen. Sonst würde ich mich ja total lächerlich machen.

Immerhin war ich geistesgegenwärtig genug, mir die richtige Richtung auszusuchen. Denn ich gehe nicht grundlos hier entlang. Nein, ich habe tatsächlich einen Plan. Ich würde mich doch nie auf eine Wette einlassen, wenn ich nicht glauben würde, dass ich eine Chance hätte, sie auch zu gewinnen. Nicht einmal dann, wenn es keinen Wetteinsatz gibt.

Also laufe ich nach Südosten, weil der Waldboden hier leicht abschüssig ist. Und ich weiß, dass die Chance, in unbekanntem Gebiet auf ein Gewässer zu treffen, viel größer ist, wenn man bergab geht. Und egal, ob es nun ein See oder ein Fluss ist: Mit Sicherheit werden dort Tiere sein, die dort zum Trinken hingehen. Und mein Plan sieht vor, dass ich mir das Größte aussuche, töte und zurück zu unserem Lager schleppe. Ganz einfach.

Plötzlich halte ich an und sehe mich unsicher um. Habe ich gerade „unser Lager“ gesagt? Ich meinte natürlich: Siggis Lager. Dann ich werde dort bestimmt nicht mehr lange bleiben.

Gedankenverloren gehe ich weiter. Wenn ich die Wette gewonnen habe, könnte ich von Siggi ein paar Ausrüstungsgegenstände einfordern. Als Preis, sozusagen. Und selbst wenn er sich weigern sollte, weil wir das ja nicht vorher ausgemacht haben, könnte ich sicher mit ihm verhandeln. Vielleicht einen Teil von dem Tier eintauschen, welches ich heute erlegen werde. Bestimmt ist er gutmütig genug, sich darauf einzulassen.

Zufrieden beschleunige ich mein Tempo und richte meine Aufmerksamkeit wieder stärker auf die Umgebung. Der Wald um mich herum hat sich gelichtet, die Bäume stehen nicht mehr so dicht zusammen und es wachsen immer mehr Büsche und Sträucher zwischen ihnen.

Wachsam spähe ich zwischen ihnen hindurch. Je früher ich ein Tier erlegen kann, desto besser. Aber ich sehe nur Vögel (gegen die ich mit meinem Dolch wenig ausrichten kann) und Eichhörnchen (die nun wirklich viel zu klein sind), und so gehe ich weiter, bis der Wald schließlich ganz verschwindet und von einer grünen Wiese abgelöst wird.

Eine Handvoll Hasen und Kaninchen hoppeln darauf herum, aber ich beachte sie nicht. Soll Siggi doch mit einem Hasen ankommen, ich will etwas Großes. Und wie auf Kommando höre ich auf einmal das leise Plätschern eines Flusses. Ich will gerade darauf zulaufen, als ich noch etwas anderes entdecke: Reiter.

Schnell lasse ich mich fallen und lege mich flach auf den Boden.

Gedanken rasen durch meinen Kopf. Reiter bedeutet Menschen. Menschen sind normalerweise bewaffnet. Für einen Händler mit Eskorte sind es zu viele, ich glaube es sind sieben oder acht. Also vermutlich Krieger mit guter Bewaffnung.

Haben sie mich ebenfalls entdeckt?

Ich hebe den Kopf etwas und linse durch die Grashalme. Nein, sie sehen nicht in meine Richtung sondern reiten einfach weiter. Ich sehe genauer hin und überprüfe Kleidung und Bewaffnung. Beides ist nicht einheitlich, doch die Waffen sind von hoher Qualität und werden anscheinend auch gut gepflegt.

Söldner, denke ich und ducke mich noch etwas tiefer ins Gras. Wo die wo hinwollen? Da sie schweigend reiten, haben sie sicher einen Auftrag. Nur welchen? Egal. Auf jeden Fall hat es nichts mit mir zu tun.

Ich warte, bis sie aus meinem Blickfeld verschwunden sind und ich das dumpfe Klappern der Pferdehufe nicht mehr hören kann. Dann zähle ich lautlos bis zehn und stehe langsam auf, wobei ich mich wachsam in alle Richtungen umsehe.

Aber alles bleibt friedlich und die Anspannung fällt allmählich von mir ab. Puh. Nur das leise Plätschern eines Flusses ist zu hören. Erleichtert laufe ich dem Geräusch entgegen, doch als ich ihn erreiche, bin ich etwas enttäuscht. Es ist nur ein kleiner Bach, der sich hier über die Wiese schlängelt.

Hmm.

Ich spähe in beide Richtungen, entdecke aber nur ein paar Flusskrebse. Nichts, was sich zum Jagen lohnt, denke ich unzufrieden. Doch so leicht gebe ich nicht auf. Sicher wird bald ein großes Tier auftauchen, denke ich. Vielleicht sogar ein Reh.

Ein stechender Schmerz durchzuckt mich, als ich an das letzte Reh denke, dass ich erlegt habe. Damals noch zusammen mit meinem Hund. Der hat mir wirklich gut geholfen. Aber dann kam der Jäger und–

Ich verdränge die Erinnerung. „Für sowas habe ich jetzt keine Zeit“, ermahne ich mich streng. „Los, such dir ein Versteck und warte auf deine Beute.“

Ich entdecke einen großen Busch, der nur ein paar hundert Meter entfernt ist, und laufe darauf zu. Der Bach scheint um ihn herumzufließen, was mir einen guten Überblick verschaffen sollte, und er ist groß genug, um mir ausreichend Deckung zu bieten. Das ideale Versteck.

Doch als ich der Biegung des Flusses folge, muss ich feststellen, dass mein Versteck schon besetzt ist. Von einem großen Waschbären.

Ich ducke mich eilig hinter meine Seite des Busches und wundere mich einen Moment darüber, um diese Zeit über einen Waschbären zu stolpern. Waschbären sind, soweit ich weiß, tagsüber nur selten anzutreffen. Spätestens, wenn die Sonne aufgeht, verschwinden sie, und jetzt ist es immerhin schon später Vormittag.

Na, vielleicht hat er nachts nicht genug Futter bekommen, oder etwas anderes hat ihn gestört. Für mich spielt das ja nun wirklich keine Rolle. Ich spähe um den Busch herum und beobachte den Waschbären genauer. Im Moment ist er damit beschäftigt, den kleinen Krebsen im Bach nachzujagen  Ich versuche, Körpergröße und Gewicht abschätzen.

Einen halben Meter, denke ich, mit Schwanz sogar mehr als sechzig Zentimeter. Ich grinse zufrieden. Das sollte reichen, um die Wette zu gewinnen.

Vom Gewicht her, ich schätze ihn auf fünf bis sechs Kilogramm, könnte es etwas eng werden. Bis zum Lager ist es ziemlich weit. Aber andererseits ist es noch früh am Tag, und zur Not kann ich ihn ja hinter mir her schleifen.

Ich überprüfe das Gift an meinem Dolch. Es ist schon ganz schön alt, mehrere Tage. Ich sollte es erneuern. Ich ringe kurz mit mir, denn ich habe (schon wieder) nur einen kleinen Vorrat. Der Rest war bei meiner Ausrüstung, die mir der Hinterhältige gestohlen hat.

Ich seufze. Es spielt keine Rolle. Der Waschbär darf mir nicht entkommen. So ein Glück werde Ich bestimmt kein zweites Mal haben. Also öffne ich die Giftflasche, lasse einige Tropfen auf meinen Dolch fallen und verteile sie vorsichtig mit einem alten Tuch auf der Klinge.

So, das sollte reichen. Ich verschließe die Giftflasche, stecke sie an meinen Gürtel zurück und richte meine Aufmerksamkeit wieder auf den Waschbären.

Seine Bewegungen scheinen mir eine Spur langsamer geworden zu sein. Ist er etwa schon satt? Das wäre nicht so gut, denn dann wird er sicher bald verschwinden, zurück in die Sicherheit seiner Höhle, oder wo Waschbären halt schlafen. Aber nein, er jagt ja noch. Da, jetzt hat er einen dieser kleinen Flusskrebse gefangen.

Der Krebs windet sich im Griff des Waschbären, versucht, sich mit seinen Scheren zu verteidigen, doch er hat keine Chance. Der Waschbär schlägt ihn einfach so lange gegen einen Flussstein, bis er sich nicht mehr bewegt und macht sich dann über seine Beute her.

Was für mich der ideale Zeitpunkt ist, um meinerseits zuzuschlagen.

Lautlos verlasse ich meine Deckung und schleiche mich von hinten an den Waschbären heran. Ich bin noch knapp zwei Meter entfernt, als er mich bemerkt, sich zu mir umdreht und mich einen Moment lang direkt anstarrt.

Dann lässt er seinen halb aufgegessenen Krebs fallen und galoppiert plötzlich panisch davon.

Aber nicht mit mir!, denke ich und sprinte hinterher.

Ich bin vielleicht keine Langläuferin, aber auf kurzen Strecken kann ich trotzdem eine beeindruckende Geschwindigkeit erreichen, und so dauert es trotz des Zickzackkurses des Waschbären keine Minute, bis ich ihn eingeholt habe. Mit einem gewaltigen Satz werfe ich mich auf ihn und ramme ihm dabei meinen Dolch in seine Flanke.

Der Waschbär zappelt wild und ich bekomme seine Hinterfüße ins Gesicht. Dadurch lockert sich mein Griff, und der Waschbär rennt weiter. Doch mein Dolch bleibt stecken, und so stehe ich in aller Ruhe auf, klopfe mir den Staub von den Kleidern und folge ihm in gemächlichen Tempo.

Mein Vertrauen in das Gift wird nicht enttäuscht: Wenige Minuten später finde ich den Waschbären. Er liegt am Boden und kann sich kaum mehr bewegen, nur seine Vorderpfoten zucken hin und wieder unkontrolliert vor und zurück. Ich ziehe den Dolch aus seiner Flanke und beende sein Leiden.

„Hättest du nicht wenigstens in Richtung Lager laufen können?“, beschwere ich mich bei ihm. Doch mein Ärger währt nur kurz. Schließlich habe ich den Waschbären wie geplant erledigt und die Wette damit ganz klar gewonnen. Da wird Siggi aber Augen machen. Ha!

Zufrieden über meine Erfolg versuche ich, mir den Waschbären über die Schulter zu werfen, schaffe es aber nicht ganz. Trotzdem mache ich mich auf dem Rückweg, wobei ich den Waschbären eher hinter mir herziehe als trage.

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