Wetteinsatz

Am späten Nachmittag sitze ich erschöpft, aber zufrieden am Lagerfeuer vor Siggis Hütte. Der Weg zurück war anstrengender gewesen als ich dachte. Ich musste viele Pausen einlegen und den schweren Waschbären regelmäßig absetzen und ein Stück zurückgehen, um meine Spuren zu verwischen. Aber das ist schon in Ordnung, denn das Wissen, die Wette gewonnen zu haben, war alle Anstrengung wert.

Siggi ist noch nicht da, aber ich langweile mich, und so habe ich damit begonnen, meine Jagdbeute fachgerecht zu zerlegen. Ich lasse mir dabei Zeit, und zwar nicht nur, weil ich müde bin, sondern auch, damit Siggi sich selbst davon überzeugen kann, wie groß der Waschbär wirklich ist.

Plötzlich höre ich etwas und schrecke hoch. Hastig suche ich mit den Augen die Umgebung ab. Es klang eindeutig wie ein Knacken und das Bild von schweren Söldnerstiefeln auf trockenen Ästen schießt mir in den Kopf.

Meine Ohren sagen mir, dass es aus nördlicher Richtung kam, also springe ich instinktiv auf und gehe hinter Siggis Hütte in Deckung. Ich warte ein paar Sekunden, doch das Geräusch wiederholt sich nicht.

Vorsichtig spähe ich um die Hütte herum. Und was ich nun sehe, schockiert mich beinahe noch mehr, als eine Horde schwerbewaffneter Söldner: Es ist ein kräftiger Goblin, der ein wahrhaftes Ungetüm von Tier hinter sich herzerrt.

„Was bei Hados ist denn das?!“

Siggi (denn um keinen anderen handelt es sich bei dem Goblin) dreht sich zu mir um. „Oh, gut, dass du da bist. Könntest du mir vielleicht helfen? Das Biest ist schwerer als es aussieht.“

Ich atme tief durch. Dabei wird mir bewusst, dass ich unwillkürlich meinen Dolch gezogen habe, und ich stecke ihn wieder weg. Dann gehe ich ein paar Schritte näher heran und betrachte das Tier misstrauisch.

Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine schlafende Katze. Nur dass diese hier über sechzig Zentimeter lang ist. Plus Schwanz. Das Fell ist an der Unterseite weiß, nach oben hin wird es gräulich mit vielen schwarzen Flecken. Um das Maul herum und am Hals entdecke ich außerdem deutliche Blutspuren, der Rest des Tieres scheint unbeschädigt zu sein.

Mein Blick wandert zu Siggi hinüber und mir fällt auf einmal auf, dass seine Lederrüstung an mehreren Stellen zerrissen ist. Außerdem klebt getrocknetes Blut daran.

„Bist du verletzt?“, frage ich unvermittelt und ärgere mich im nächsten Moment darüber, dass meine Stimme so besorgt klingt.

Er sieht an sich herunter. „Nein, nicht wirklich. Nur ein paar Kratzer. Das Leder hat das Meiste abgefangen. Aber das ist kein Problem, das flicke ich nachher, darin habe ich Übung.“ Er lächelt schief.

„Du hast das Ungeheuer doch nicht etwa wegen unserer Wette nur mit dem Dolch angegriffen, oder doch?“

„Oh nein! Ich habe es gar nicht angegriffen. Es hat mich angegriffen!“

„Das musst du mir genauer erzählen“, verlange ich.

„Klar, mach ich. Aber lass uns zuerst das Biest zum Lagerfeuer bringen, ok?“

Ich nicke und schnappe mir die beiden Hinterläufe. Aber das Tier ist doppelt so schwer wie mein Waschbär, und so haben wir selbst zu zweit einige Mühe damit, es an die richtige Stelle zu schleppen.

„Was ist das nun eigentlich für ein Vieh?“, will ich wissen, als wir es endlich geschafft haben.

Siggi zieht die Schulter hoch. „Keine Ahnung. So eins habe ich hier noch nie gesehen. Aber in letzter Zeit…“ Er schüttelt den Kopf.

„Was meinst du damit?“

„Naja“, sagt er langsam. „Ich finde, in letzter Zeit passieren hier merkwürdige Dinge. Tiere tauchen auf, die ich noch nie gesehen habe. Gestern die Trolle, die hier durchmarschiert sind. Und es kommen mehr Menschen in diese Gegend als früher. Erst heute habe ich Spuren von Reitern entdeckt, vermutlich Söldner, die nach Süden zogen.“

„Moment“, sage ich, plötzlich wachsam. „Die Reiter habe ich auch gesehen. Es waren tatsächlich Söldner, und sie sind nach –“ Ich halte inne und versuche mich an Einzelheiten zu erinnern. „nach Südsüdosten gezogen, glaube ich. Weißt du, wo sie hergekommen sind?“

„Hm“, macht Siggi. „Im Norden gibt es einen Pass. Früher wurde er von den Menschen kaum genutzt, da es einen weiteren gibt, der leichter zugänglich ist, nur eine halbe Tagesreise westlich davon. Aber in letzter Zeit…“

Ich denke darüber nach. In einer so stark frequentierten Umgebung könnte es gefährlich werden. Aber andererseits haben sich weder die Trolle noch die Söldner für uns interessiert.

Siggis Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. „Ich sehe, du warst auch nicht untätig“, sagt er mit Blick auf meinen Waschbären. Jetzt kommt er mir winzig vor, im Vergleich zu seiner Jagdbeute.

„Ja.“ Ich seufze. „Ok, ich gebe es zu: Du hast die Wette gewonnen. Dein Tier ist eindeutig größer als meins. Also nun erzähl schon: Wie hast du das Ungeheuer erledigt?“

„Also gut“, sagt Siggi, nimmt einen großen Schluck aus seiner Wasserflasche und beginnt zu erzählen: „Ich bin kurz nach dir aufgebrochen. Mein Ziel war ein felsiges Gebiet im Norden, wo ich schon oft Ziegen gesehen habe. Auf dem Weg dahin traf ich auf die Spuren der Reiter, von denen ich ja schon erzählt habe. Ich hielt kurz an, um sie zu untersuchen, doch es schien keine Gefahr von ihnen auszugehen, also ging ich weiter und entdeckte wenig später frische Spuren einer kleinen Ziegenherde. Ich folgte ihnen, was auf dem felsigen Gelände nicht einfach war, aber schließlich holte ich sie ein. Ich suchte mir eine gute Schussposition, spannte meinen Bogen, zielte und wollte gerade schießen, als auf einmal dieses Biest aus dem Nichts auftauchte und mich umwarf.“

Er macht eine Pause, in der er gedankenverloren vor sich hinstarrt.

Minuten vergehen, und ich werde ungeduldig. „Und dann?“, dränge ich ihn.

Siggi fährt erschrocken zusammen. Hat er etwa vergessen, dass ich hier sitze? „Naja“, fährt er fort, als er sich wieder gesammelt hat, „ich hatte immer noch Pfeil und Bogen in der Hand, und dann stand das Biest plötzlich über mir, mit weit aufgerissenem Maul. Also nahm ich den Pfeil und stach damit zu. Mitten in seinen Oberkiefer. Das Biest brüllte laut auf und wich ein Stück zurück, weit genug, dass ich meinen Kampfdolch ziehen konnte. Und damit hab ich ihm dann die Kehle aufgeschlitzt.“

„Gut reagiert!“, entfährt es mir, und ich bin wirklich beeindruckt. Siggi scheint ein außerordentlich guter Kämpfer zu sein. Ich kenne nur wenige Goblins, die sich in so einer gefährlichen Situation so klug verhalten hätten. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass es in einer Notlage vielleicht gar nicht schlecht wäre, wenn er in der Nähe ist. „Damit hast du die Wette wirklich verdient gewonnen.“

„Aber ich hab es doch gar nicht richtig gejagt“, wendet Siggi ein, „und meinen Bogen konnte ich auch nicht einsetzen.“

Ich bin verwirrt. Wollte er etwa nicht gewinnen? „Das ist egal“, sage ich entschieden. „Es ging ja nur darum, wer das größere Tier erlegt. Und deine Katze ist viel größer als mein Waschbär. Also hast du gewonnen.“

Siggi lächelt zufrieden. „Also wenn du das so siehst, dann stimmst du mir sicher auch zu, dass ich mir jetzt meine Siegprämie aussuchen kann.“

„Moment mal!“ Ich fühle mich überrumpelt. Das hatte er also vor. „Wir haben keinen Wetteinsatz ausgemacht.“

„Genau. Und deswegen kann ich mir jetzt was aussuchen. So lauten die üblichen Wettregeln.“

„Also soo eindeutig ist das gar nicht“, protestiere ich schwach und beiße mir auf die Zunge. Dieses Argument wollte ich eigentlich selber vorbringen, als ich noch dachte, dass ich gewonnen hätte.

„Doch, ist es. Und deswegen möchte ich, dass du mir von dem Überfall der Trolle auf das Menschendorf erzählst.“

Ich will einen Einwand erheben, doch ich zögere. Genaugenommen hatte ich ihm das sowieso schon versprochen. „Ok“, sage ich schnell. Vielleicht etwas zu schnell.

„Und morgen gehen wir gemeinsam auf die Jagd.“

Meine Miene verfinstert sich etwas. Ich könnte mir Schlimmeres vorstellen, als mit Siggi auf die Jagd zu gehen, aber ich will es ihm nicht zu leicht machen. „Na gut.“

„Sehr gut“, sagt er fröhlich und springt auf. „Aber nun sollten wir die Tiere zerlegen, bevor es dunkel wird.“

Wir machen uns ans Werk, wobei ich zunächst den Waschbären bearbeite und er sich um seine Riesenkatze kümmert. Währenddessen erzähle ich ihm in knappen Sätzen, wie ich die sechs anderen Goblins getroffen und sie zum Überfall auf das Menschendorf überredet habe. Dieses Mal lasse ich die Übertreibungen weg, und auch den Hund verschweige ich ihm. Nicht, dass ich ihn geheim halten möchte, aber es fällt mir einfach schwer, über ihn zu reden.

Detailliert erzähle ich ihm, wie wir das Dorf ausgespäht und die Schwachstelle in ihrer Verteidigung gefunden haben. Als ich endlich zum Trollangriff komme, ist es bereits Abend. Ich bin mit meinem Waschbären mittlerweile fertig und helfe Siggi bei den letzten Handgriffen.

Das Abendessen ist kurz, denn wir sind beide müde, und so gehen wir bald schlafen. Er verschwindet in seiner Hütte und ich krabbele in das Zelt und kuschele mich in die flauschig warmen Decken.

Ich glaube, die würde ich wirklich vermissen.

Wetteinsatz
4.3 (86.67%) 3 votes

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Neuer Kommentar

Du kannst folgende HTML-Tags und -Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

*

http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_negative.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_scratch.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wacko.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yahoo.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cool.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_heart.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_rose.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_smile.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_whistle3.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yes.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cry.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_mail.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_sad.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_unsure.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wink.gif