Traumdeutung

Ich wache schweißgebadet auf und versuche, mich in der Dunkelheit zu orientieren. Ich sitze auf den kuscheligen Decken, die mein Bett bilden, doch mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Plötzlich legt jemand eine Hand auf meine Schulter und ich zucke zusammen.

„He, ich bin‘s.“

„Siggi?!“

„Ja. Es ist alles in Ordnung, du hast nur geträumt.“

Ich erkenne seine Stimme und versuche, mich zu beruhigen. „Was machst du denn hier?“, frage ich wenig geistreich.

„Naja“, druckst Siggi herum. „Ich bin rübergekommen, weil du im Schlaf geschrien hast.“

Oh nein! Wie peinlich. Ich schlage die Hände vors Gesicht und wünschte, ich wäre jetzt woanders. Egal wo, Hauptsache ganz weit weg. Warum muss das ausgerechnet mir passieren?

„Tut mir leid“, presse ich heraus.

„Das macht doch nichts“, sagt er tröstend. „So laut war es gar nicht. Ich glaube nicht, dass es außer mir noch jemand gehört hat. Willst du mir von deinem Traum erzählen?“

Ich schüttele den Kopf, obwohl ich nicht sicher bin, ob er das in der dämmrigen Dunkelheit meines Zeltes erkennen kann. Mir ist nicht nach Reden zumute.

„Ich habe auch manchmal Alpträume“, gesteht Siggi. „In der ersten Zeit, als ich hier draußen allein war, sogar ziemlich oft. Ich glaube, das ist ganz normal.“

Ich runzele die Stirn. Meine Alpträume begannen auch erst ein paar Tage nachdem ich aus meinem Clan geworfen wurde. „Ich weiß nicht“, sage ich ausweichend. „Irgendwie scheinen mir diese anders zu sein. Keine Ahnung. Realer vielleicht. Außerdem kann ich mich sonst kaum daran erinnern, was ich geträumt habe.“

„Wie lange hast du die Alpträume schon?“

Ich überlege. „Seit einer Woche ungefähr. Aber nicht jede Nacht“, füge ich hastig hinzu, „das war jetzt erst das dritte Mal.“

„Willst du mir nicht doch davon erzählen?“, drängt Siggi.

Ich seufze. Ach was soll‘s. „Na schön“, sage ich und drehe mich endlich zu ihm herum. „Also ich bin in meinem Dorf aufgewacht. Es sah irgendwie anders aus, aber es war mein Dorf, verstehst du? Na jedenfalls waren alle in Alarmbereitschaft und rannten zur Waffenkammer. Offenbar bereiteten sie sich auf einen Angriff vor. Also habe ich mir auch eine Waffe geschnappt und bin zum Haupttor gerannt. Merkwürdig.“ Ich runzele die Stirn und versuche, mich an Einzelheiten meines Traums zu erinnern.

„Was denn?“

Ich konzentriere mich wieder auf ihn. „Eigentlich hätte unsere Kween auch am Haupttor sein müssen, aber ich erinnere mich nicht, sie dort gesehen zu haben. Ich habe überhaupt niemanden wiedererkannt, obwohl ich da doch eigentlich jeden kennen müsste. Eigenartig, oder?“

Siggi hebt die Schultern. „Träume sind oft eigenartig.“

„Hm, kann sein. Naja auf jeden Fall kam dann ein einzelner Angreifer auf uns zu, ein Goblin, der Größe nach, aber in einer schweren Menschenrüstung. Er fegte alle Verteidiger weg und ich habe mit ihm gekämpft und –“ Ich breche ab und sehe ihn an. „Dann hast du mich geweckt.“

„Mmh“, macht Siggi. „War es jedes Mal der selbe Traum?“

„Naja, der erste war etwas anders. Aber der letzte war fast genauso, nur dass ich den Angreifer da besiegt habe. Aber dann – “

„Was dann?“

„Naja. Dann habe ich gemerkt, dass ich den Angreifer war.“

Siggi sieht mich ernst an. „Nun, meine Alpträume waren etwas anders“, beginnt er, „aber ich bin sicher, dass sie etwas Ähnliches bedeuten.“

„Achja? Was denn?“

„Na das ist doch ganz einfach: Einerseits träumst du von deinem Clan, aber andererseits auch von Kampf, Gefahr und Tod. Das heißt dann doch wohl, dass du denkst, er wäre in Gefahr, wenn du nicht da bist, um ihn zu verteidigen. Aber gleichzeitig weißt du auch, dass du nicht mehr Teil des Clans bist, denn du hast ja selbst gesagt: Du erkennst dort niemanden wieder.“ Er macht eine kleine Pause, in der ich darüber nachdenke. Bin ich wirklich nicht mehr Teil meines Clans? Naja, genaugenommen nicht, aber es gibt immerhin noch die Hoffnung, dass sie mich wieder aufnehmen werden.

Siggi reißt mich jäh aus meinen Gedanken, als er die Stille durchbricht und sagt: „Ich denke du fühlst dich schuldig, weil du deinen Clan verlassen hast.“

„Aber so war das doch gar nicht!“, protestiere ich unwillkürlich. „Ich –“

Ich verstumme.

Ich habe Siggi bisher nicht erzählt, dass ich meinen Clan nicht gerade freiwillig verlassen habe. Und das will ich auch nicht. Jedenfalls nicht jetzt.

„Was?“, fragt Siggi.

„Gar nichts“, sage ich, plötzlich verärgert, und sehe zur Seite. Dabei fällt mein Blick auf einen leicht helleren Streifen am Boden. Das fahle Licht der frühen Morgensonne hat anscheinend seinen Weg durch einen schmalen Spalt in der Zeltwand gefunden. „Es wird bereits hell“, stelle ich unvermittelt fest. „Wir sollten aufstehen, frühstücken und die Vorbereitungen für unsere Jagd treffen.“

Siggi protestiert gegen den sprunghaften Themenwechsel, aber ich achte nicht auf ihn und drängele mich einfach an ihm vorbei. Draußen atme ich ein paar Mal tief durch. Die Luft im Zelt schien mir mit der Zeit stickig geworden zu sein.

Wir frühstücken hastig, denn ich treibe Siggi zu Eile. Ich habe gar keinen Grund dazu, aber vielleicht will ich einfach nur weiteren Fragen nach meinem Clan aus dem Weg gehen. Siggi scheint das zum Glück zu akzeptieren, auf jeden Fall löchert er mich nicht mehr, sondern verfällt in ungewohnte Schweigsamkeit.

Nach dem Frühstück beenden wir unsere gestrige Arbeit, in dem wir die Teile unserer Jagdbeute, die wir nicht verwenden oder verarbeiten wollen, ein Stück vom Lager wegtragen. Wir haben sie gestern Abend nur notdürftig vor wilden Tieren geschützt, nun vergraben wir sie tiefer und legen noch einige dicken Steine darauf.

Anschließend brechen wir auf. Da Siggi die Wette gewonnen hatte, überlasse ich es ihm, die Richtung vorzugeben, und so gehen wir nach Osten.

„Wenn wir den Wald verlassen haben, werden wir bald auf den kleinen Fluss treffen, an dem du gestern den Waschbären gefunden hast“, erzählt Siggi. Falls er sauer auf mich war, hat er es wohl überwunden, jetzt klingt er jedenfalls gut gelaunt wie eh und je und plappert fröhlich wie ein Wasserfall. „Wenn wir ihm ein Stück flussaufwärts folgen, treffen wir auf eine Stelle, an der sich mehrere kleine Bäche zu diesem vereinen. Ich habe dort ein paar Fallen aufgestellt, die ich gerne überprüfen möchte.“

Ich denke an die Fallen, die der Menschenjäger aufgestellt hatte. „Was sind das denn für Fallen?“, frage ich leichtsinnig, und ernte prompt einen langen Redeschwall als Antwort. Siggi ist offensichtlich hoch erfreut über mein Interesse an seinen Fallen und erklärt mir bis ins kleinste Detail, wie er die Fallen entworfen, gebaut, immer wieder repariert und verbessert hat. So vergeht fast eine Stunde, in der ich mehr oder weniger schweigend hinter ihm her trotte und nur hin und wieder ein „Hm“, „Aha“ oder „Ach so“ einwerfen kann.

Doch dann meldet sich jäh mein Instinkt und ich beginne, mich argwöhnisch umzusehen. Wir haben den Wald mittlerweile verlassen und laufen quer über eine Wiese. Das Gras ist auch hier hoch, was uns einerseits vor neugierigen Blicken verbergen sollte, mir aber auch die Sicht versperrt.

Ein leises Rascheln ist die einzige Warnung, als plötzlich zwei Dutzend Kriegergoblins vor uns auftauchen und uns augenblicklich umzingeln.

Traumdeutung
4.5 (90%) 2 votes

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Neuer Kommentar

Du kannst folgende HTML-Tags und -Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

*

http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_negative.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_scratch.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wacko.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yahoo.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cool.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_heart.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_rose.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_smile.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_whistle3.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yes.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cry.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_mail.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_sad.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_unsure.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wink.gif