Gift

Das ewige Herumsitzen geht mir gewaltig auf die Nerven.

Den toten Wolf habe ich längst zerlegt, alles Brauchbare in meinem Beutel verstaut und den Rest sorgfältig vergraben. Aber jetzt habe ich nichts mehr zu tun, sitze mürrisch in meiner kleinen Höhle herum und langweile mich schrecklich.

Draußen hat ein leichter Nieselregen eingesetzt, der perfekt meine Stimmung widerspiegelt. Ich starre durch ihn hindurch und ertappe mich dabei, wie ich die Bäume zähle, die an den schmalen Grasstreifen entlang des Felsvorsprungs angrenzen.

Nein, so geht das nicht weiter. Ich brauche etwas zu tun.

Ich gehe im Geiste meine Vorräte durch. Essen habe ich genug, die Wasserflasche konnte ich in einem nahen Bach auffüllen und dank des Wolfes habe ich nun sogar ein warmes Fell. Und sonst?

Gift. Ich brauche Gift.

Ich konnte in der Eile, in der ich aus meinem Clan geworfen wurde, nur ein kleines Fläschchen mitnehmen, und das ist schon fast leer. Nach meinem Kampf gegen den Wolf konnte ich damit zwar das Gift auf meinem Dolch erneuern, aber es reicht höchstens noch für ein weiteres Mal.

Ich könnte ein paar Kräuter sammeln gehen. Ich denke, ich habe bei dem alten Norbert (dem Giftmischer unseres Dorfes) genug gelernt, um mir aus den richtigen Kräutern etwas Wirkungsvolles zusammenzumischen.

Aber kann ich mein Bein schon belasten? Wird das die Heilung nicht weiter verzögern?

Einen kurzen Moment lang wünschte ich, ich könnte Thyra um Rat fragen. Sie weiß einfach immer was zu tun ist. Dann reiße ich mich zusammen.

„Ich schaffe das auch ohne diese dumme Thyra!“, rufe ich grimmig und stehe auf. Ich beiße die Zähne zusammen, als ich das linke Bein vorsichtig belaste, und unterdrücke den stechenden Schmerz, der durch mein Bein zuckt. Hmm. Ich gehe ein paar Schritte und der Schmerz klingt ab und wird zu einem dumpfen Pochen. Ach, das wird schon gehen.

Ich verstecke meinen Beutel in der Höhle und humpele durch den leichten Nieselregen zur nächsten Baumreihe. Ich erinnere mich nur noch vage an die Namen der Pflanzen, die Norbert mir immer wieder vorgebetet hatte (es waren so viele!), aber immerhin erkenne ich sie, wenn ich sie sehe, und ich weiß noch so ungefähr, wo ich suchen muss.

Da ich mein Bein auch nicht zu stark belasten will, lasse ich mir viel Zeit und mache immer wieder kurze Pausen. Dabei denke ich sehnsüchtig an Norberts großen Kräutergarten. Dort wachsen so viele schöne, giftige Pflanzen, fein säuberlich sortiert und liebevoll gepflegt. Und erst seine Pilz-Züchtungen im Keller! Ein Traum für jeden Giftmischer.

Die Pilze könnte ich jetzt auch gut gebrauchen. Ich versuche mich zu erinnern. Was hatte Norbert über Pilze gesagt? Achja: Pilze wachsen dort, wo es feucht ist. Außerdem bevorzugen einige Pilze bestimmte Baumarten, aber die genauen Zusammenhänge habe ich wieder vergessen. Vielleicht hätte ich doch besser zuhören sollen. Ich seufze und mache mich wieder an die Arbeit.

Zwei Stunden später bin ich total geschafft. Die Schmerzen in meinem Bein haben wieder zugenommen, aber die Sammelei hat sich gelohnt: Mit den gefundenen Pflanzen und Pilzen kann ich ein so starkes Gift zusammenmischen, dass sogar Norbert stolz auf mich gewesen wäre.

Zufrieden mache ich mich auf den Rückweg, doch als ich mich meiner Höhle nähere, höre ich plötzlich schabende Geräusche. Gräbt da etwa jemand? Ich schleiche lautlos weiter, verstecke mich hinter einem Busch nahe der vorderen Baumreihe und spähe angespannt nach vorne.

Ein großer Hund steht vor meiner Höhle und gräbt die Reste des Wolfes aus, die ich heute Morgen so sorgfältig vergraben habe.

Ich zügele den Zorn, der plötzlich in mir aufwallt, und denke nach. Es ist ein großer Jagdhund, der von dem Menschen „Labrador“ genannt wird, und normalerweise sind Jagdhunde nur mit Jägern unterwegs. Ich sehe mich unsicher um. Gehört er zu einem Jagdtrupp der Menschen? Das wäre wirklich schlecht…

Aber es sind keine Menschen zu sehen. Hmm. Ich sehe mir den Hund genauer an und bemerke, dass er kein Halsband trägt.

Also ein herrenloser Hund. Ein herrenloser Hund, der meinen Wolf ausgräbt. Den ich so sorgfältig vergraben habe, um meine Spuren zu verwischen. Also das kann ich mir doch nicht bieten lassen!

Entschlossen springe ich auf und gehe schnurstracks auf ihn zu.

„He du, Hund!“, rufe ich. „Hau ab! Das ist mein Wolf! Und meine Höhle! Such dir deine eigene!“

Der Hund hat den Wolf inzwischen weit genug ausgegraben, um an die winzigen Fleischreste an den Knochen heranzukommen. Er unterbricht sein Herumkauen kurz und sieht mich unbeeindruckt an. Als wolle er sagen: „Jetzt ist es mein Wolf.“ Dann wendet er sich wieder um und knabbert seelenruhig weiter an seinem Knochen.

Jetzt werde ich richtig sauer. Ich lasse die giftigen Pflanzen und Pilze fallen, schnappe mir einen dicken Ast und stürze mich mit wildem Gebrüll auf den Hund. Im Nachhinein denke ich, dass ich vielleicht besser meinen Dolch hätte nehmen sollen, aber das Gift ging ja zur Neige und Hundefleisch ist meist zäh und schmeckt nicht sehr gut. Na, wie dem auch sei: Der Hund ergreift sofort die Flucht und lässt mich zurück, laut herumbrüllend und wild mit dem Ast wedelnd.

Wütend starre ich das Loch an, dass er gegraben hat. Die Knochen liegen weit verstreut um das Loch herum. Jetzt muss ich sie wieder einsammeln und noch tiefer vergraben.

Ich seufze. Hoffentlich hat meine gedankenlose (und völlig untypische!) Brüllerei niemanden auf mich aufmerksam gemacht. Sicherheitshalber behalte ich die Umgebung ständig im Auge, während ich die Knochen auf einen Haufen werfe und das Loch vergrößere.

Da! Am Waldrand hat sich etwas bewegt!

Ich ducke mich instinktiv und ziehe mich ein paar Schritte zurück, tiefer in die Höhle hinein. Wenn ich jetzt verschwinden muss, will ich wenigstens meinen Beutel mitnehmen.

Aber dann entspanne ich mich. Kein Feind ist in Sicht, es ist nur der Hund, der zurückgekommen ist und am Waldrand herumschleicht.

Ich nehme meine Arbeit wieder auf, beobachte den Hund aber aus den Augenwinkeln. In etwa zehn Meter Entfernung zu mir bleibt er stehen, setzt sich hin und sieht mit großen, bettelnden Hundeaugen zu mir hinüber.

Ich versuche, ihn zu ignorieren, aber es gelingt mir nicht. Was fällt diesem Hund eigentlich ein? Das ist meine Höhle und mein Wolf. Ich habe ihn getötet, ich ganz allein, und ich wäre dabei sogar fast getötet worden.

Wütend schleudere ich das, was ich gerade in der Hand halte, nach dem frechen Hund. Blöderweise ist es ein Knochen, an dem sogar noch einige kleine Fleischreste kleben. Und der Hund fängt ihn zu allem Unglück auch noch im Flug auf und knabbert – freudig mit dem Schwanz wedelnd – daran herum.

Hmpf!

Na schön, dann soll er den Knochen eben haben. Muss ich weniger eingraben.

Missmutig werfe ich die restlichen Knochen in das Loch, schütte es zu und lege noch einige große Steine darauf. Zumindest die sollten jetzt sicher sein.

Ich ignoriere den Hund, der mit seinem Knochen wohl schon fertig ist und wieder bettelnd zu mir hinüber schaut, sammle die Kräuter und Pilze vom Boden auf, die ich vorhin fallengelassen hatte, und mache mich an die Verarbeitung.

Da ich keine richtigen Geräte zur Verfügung habe (ich hätte vor meiner Verbannung Norberts Kammer plündern sollen, aber wer denkt schon an sowas?), ist die Verarbeitung mühsam und langwierig. Es wird zunehmend dunkler und das kleine Feuer, das ich anzünden musste, spendet nur wenig Licht.

Das Feuer ist wirklich ein Problem. Nicht nur, dass ich Zeit mit Feuerholzsuchen vertrödeln musste, nein, es könnte auch wilde Tiere oder – noch schlimmer – Menschen anlocken. Aber ich brauche es, um das Gift in den Kräutern und Pilzen zu erhitzen, also habe ich keine Wahl.

Der Hund hat sich wenige Meter vor mir hingelegt und beobachtet mich interessiert. Sicher wird es enorm schwierig werden, ihn loszuwerden, aber einen Hund kann ich im Moment wirklich gar nicht gebrauchen.

Ich seufze. Ich hätte ihn eben nicht füttern dürfen.

Endlich ist das Gift fertig. Ich fülle mein Giftfläschchen (es ist nun randvoll) und lösche eilig das verräterische Feuer.

Und dann entdecke ich sie: Winzig kleine, ganz schwach glänzende Punkte am westlichen Waldrand. Und ich kenne dieses schwache Glänzen nur zu gut: Es sind die Augen von Goblins, die mich beobachten. Der Wind kommt von Osten, sonst hätte sie der Hund wohl schon vor mir bemerkt.

Meine Gedanken rasen. Sind sie von meinem Clan? Hat meine Mutter sie mir hinterhergeschickt, damit sie auf mich aufpassen? Oder sollen sie mich nur beobachten?

Ich ziehe mich etwas tiefer in die Dunkelheit meiner Höhle zurück.

Nein, es sind zu viele. Ich zähle mindestens fünf Augenpaare, zu viele für einen Spähtrupp.

Meine Muskeln verspannen sich. Sind sie von einem anderen Clan? Ein anderer Clan bedeutet quasi automatisch ein verfeindeter Clan. Und das bedeutet, dass sie mich angreifen werden.

Flucht. Ich muss fliehen. Aber wie? Die Höhle hat nur einen Ausgang. Der Mond leuchtet zwar nur schwach, aber es ist unmöglich, die Höhle zu verlassen, ohne dass sie mich sehen.

Kann ich sie im Wald abhängen? Ich bin eigentlich eine gute Läuferin, aber mein verletztes Bein macht mich langsamer. Nein, sie würden mich wohl schnell einholen.

Ich spähe hinaus und denke fieberhaft nach.

Plötzlich regt sich der Hund. Er spürt scheinbar meine Anspannung und späht nun seinerseits nach Westen. Dann springt er auf, knurrt kurz und pirscht langsam in Richtung Waldrand.

Dieses Verhalten überrascht mich. Ich kenne es nur von Wölfen, die auf der Jagd sind. Naja, die Hunde stammen ja wohl von den Wölfen ab, also ganz so überraschend ist es vielleicht doch nicht.

Glücklicherweise überrascht es aber die anderen Goblins, und sie machen genau das, was jeder Goblin macht, wenn er überrascht wird: Sie rennen weg.

Ein schadenfrohes Grinsen huscht über mein Gesicht.

Ich raufe rasch meine Sachen zusammen und mache mich ebenfalls aus dem Staub, in die entgegengesetzte Richtung, also nach Osten.

Mein Hund verfolgt die Goblins nur kurz und kehrt dann wieder zu mir zurück. Instinktiv streichle ich ihm über den Kopf und sage ein paar lobende Worte.

Sofort reiße ich mich wieder zusammen. Habe ich ihn etwa gerade als meinen Hund bezeichnet? Nein, nein, nein, schimpfe ich mit mir. Natürlich ist es nicht mein Hund. Es ist einfach nur ein herrenloser Hund, der mir zufällig folgt.

Und den ich unbedingt loswerden muss, bevor ich das Menschendorf ausraube.

Denn genau das werde ich tun, und davon werden mich weder der Hund noch die unbekannten Goblins abhalten.

Auf zu reicher Beute!

Gift
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