Umzingelt

Da stehen wir also nun. Im hohen Gras, mitten auf einer Wiese, umzingelt von zwei Dutzend Kriegergoblins. Alle bewaffnet mit scharfen Dolchen, spitzen Pfeilen und gespannten Bögen. Naja, genauer gesagt: alle außer mir. Ich habe ja keinen Bogen. Aber andererseits würde er mir auf diese kurze Entfernung vermutlich eh nichts nützen.

Also gehe ich in die Offensive: Ich trete entschlossen vor, sehe die bis an die Zähne bewaffneten Kriegergoblins geringschätzig an und verlange lautstark eine Erklärung für diesen feindseligen Überfall.

Ein leises Murmeln entsteht unter den Kriegern. Dann tritt einer von ihnen hervor. „Ich bin Akim vom Clan Gubwa, Anführer dieser Truppe“, stellt er sich vor. „Wer seid ihr und was macht ihr hier?“

Ich lasse mir Zeit mit meiner Antwort und mustere ihn ungeniert. Er ist deutlich älter als ich, hat vermutlich schon einige schwere Kämpfe überstanden und sich seine Position als Anführer sicher hart erarbeitet. Trotz seines Alters ist er immer noch stark und gut trainiert, aber auf einen Kampf möchte ich es ja sowieso nicht ankommen lassen.

Ich habe weder seinen Namen noch den seines Clans je gehört, kann jedoch trotzdem meine Schlüsse daraus ziehen. Goblinclans werden meist nach ihrer Kween benannt, zumindest heutzutage. Früher hatten sie eigene Namen. Und da „Gubwa“ sich nun überhaupt nicht nach einem Goblinnamen anhört, muss er eine Abkürzung des ursprünglichen Clannamens sein. Was bedeutet, dass der Clan schon sehr lange existiert, vermutlich mehrere hundert Jahre. Und das will was heißen. Denn ein Clan, der sich so lange erfolgreich gegen andere Clans verteidigt hat, muss beeindruckend groß und stark sein.

Trotzdem lasse ich mich davon nicht einschüchtern. „Ich bin Gertrud, der Krieger heißt Siegfried. Wir sind auf der Jagd. Und das ist alles, was ihr wissen müsst.“ Akim sieht mich finster an, doch ich ignoriere ihn. „Und nun erklärt mir, was ihr hier macht und was dieser Angriff zu bedeuten hat“, verlange ich.

„Das geht dich nichts an“, knurrt Akim. Mein Auftreten scheint ihn noch nicht überzeugt zu haben.

„Oh doch!“, widerspreche ich heftig. „Ihr seid hier schließlich nicht zu Hause, sondern weit entfernt vom Gebiet eures Clans.“ Das ist reine Spekulation, aber aus der nervösen Reaktion der umstehenden Krieger schließe ich, dass ich richtig geraten habe. „Oder hält der Gubwa-Clan sich etwa nicht an die althergebrachten Traditionen?“

Damit spiele ich auf ein altes Regelwerk an, welches üblicherweise beim Aufeinandertreffen zweier Goblinclans zum Einsatz kommt. Also zumindest immer dann, wenn geredet wird, anstatt die Waffen sprechen zu lassen. Dass ich mich damit als Kween eines Goblinclans ausgebe und gleichzeitig dieses Gebiet beanspruche, übergehe ich einfach.

Akim sieht mich misstrauisch an. „Nach unserem Informationen wird dieses Gebiet von keinem Clan beansprucht.“

„Na ja, da ihr von so weit her kommt, war es wohl zu erwarten, dass ihr nicht auf dem aktuellen Stand seid“, sage ich versöhnlich. „Also da das nun geklärt ist…“

Einen Moment lang sieht es so aus, als würde Akim mir nicht glauben und einfach den Angriff befehlen. Doch dann überlegt er es sich. Er möchte wohl keinen Konflikt mit einem anderen Clan riskieren, selbst wenn er sich nicht sicher ist, ob dieser Clan nicht nur aus zwei Goblins besteht. Ha! Im Bluffen war ich schon immer gut.

„Wir sind nur auf der Durchreise“, erklärt er knapp. „Wir wollen zu einem Pass, um die Berge zu überqueren.“

Ich denke nach. Das muss der Pass sein, von dem Siggi mir erzählt hat. Wenn ich es richtig verstanden habe, erstreckt sich eine Gebirgskette von Westen hierher, macht eine kleine Biege und verläuft dann weiter nach Nordosten. Der Pass selbst müsste nordwestlich von hier liegen. Hinter dem Pass folgen erst einige Hügel und dann eine sehr große, flache Ebene, die von den Menschen besiedelt ist.

Doch was will Akim dort? Für einen Überfall auf die Menschen wäre das ein wirklich weiter Weg. Allein das Zurückschleppen der Beute würde Tage, vielleicht sogar Wochen dauern.

„Will der Clan Gubwa jenseits der Berge einen Ableger gründen?“, frage ich ins Blaue hinein.

„Nein wir …“ Er zögert. „Wir treffen uns dort mit einem Magier.“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. „Ihr arbeitet mit den Menschen zusammen?“ Das wäre sogar noch Ungewöhnlicher als ein Überfall auf ein so weit entferntes Dorf. Und ungleich gefährlicher. Vor allem für uns.

„Naja, also …“ beginnt Akim und zögert erneut. Dann sieht er mich erneut abschätzend an, seufzt resignierend und erzählt: „Es begann vor ein paar Wochen. Der Magier kam in unser Dorf und verlangte, dass wir ihm gehorchen. Unsere Kween hat das natürlich abgelehnt und ihn hinausgeworfen. Einige Tage später kam eine Gruppe Söldner zu uns und wiederholte die Forderung, doch sie lehnte erneut ab. In der Nacht darauf haben uns die Söldner angegriffen, aber wir waren gut vorbereitet und konnten den Angriff ohne ernsthafte Verluste zurückschlagen. Hinterher mussten wir jedoch feststellen, dass sich jemand heimlich während des Angriffs in unser Dorf geschlichen und unsere Kween mit Magie getötet hat. Verdammte Magier!“, ruft er zornig. „Verstecken sich hinter ihren magischen Schilden! Wie sollen wir gegen etwas kämpfen, was wir weder sehen noch hören können?“

Ich verstehe seinen Zorn. Die Magie der Menschen bereitet auch mir Kopfzerbrechen. Gerüchten zufolge soll ein einzelner menschlicher Zauberer in der Lage sein, ganze Trollarmeen zu vernichten. Zum Glück für uns bleiben die Zauberer meist in ihren Städten und kümmern sich nicht um uns Goblins. Aber nun ist einer hier in der Nähe… Ein Schauer läuft mir über den Rücken.

„Jedenfalls“, fährt Akim fort, „haben wir daraus gelernt. Vor einigen Tagen überbrachte ein einzelner Söldner die letzte Botschaft des Magiers. In dieser verlangte er, dass wir all unsere Krieger zu ihm schicken. Und so hat unsere neue Kween uns zu ihm geschickt.“

„Ich verstehe“, sage ich nachdenklich. Der letzte Teil ist sehr interessant. Ein großer, ehrwürdiger Clan, der einen Angriff von Söldnern problemlos abwehren kann, umfasst sicher mehr als zweihundert Goblins, wobei die meisten von ihnen Krieger sein werden. Dass die neue Kween nur zwei Dutzend von ihnen schickt, zeigt, dass sie den Magier zwar nicht mehr ignorieren kann, sich ihm auf der anderen Seite aber auch noch längst nicht unterworfen hat.

„Es wundert mich, dass der Magier nicht auch in euer Dorf gekommen ist“, sagt Akim eine Spur zu beiläufig. „Es liegt doch hier in der Nähe, nicht wahr?“

„Vielleicht weiß der Magier nichts von uns“, antworte ich und übergehe seine Frage damit geflissentlich. „Oder er kam zu euch, weil euer Dorf größer ist als unseres. Wie viele seid ihr? Hundert? Zweihundert? Dreihundert?“

Akim verzieht keine Miene. „So in etwa. Nun, wenn das alles war – wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“

Ich überlege. Ich könnte ihn noch weiter ausfragen, doch ich vermute, dass ich nicht viel mehr aus ihm herausholen werde. Trotz seiner freundlichen Worte denke ich, dass es uns nicht vertraut. Vielleicht denkt er, dass wir für den Magier arbeiten und ihn aushorchen sollen. Auf jeden Fall hat er uns nichts erzählt, was der Magier nicht auch schon weiß.

„Ja, natürlich. Vielen Dank für die Informationen. Ich wünsche euch Erfolg und reiche Beute. Ihr dürft nun weiterreisen.“

„Vielen Dank. Ich wünsche euch ebenfalls reiche Beute“, sagt Akim steif. Er glaubt wohl, keinerlei Erlaubnis zur Weiterreise zu benötigen, und fühlt sich durch meine großzügige Genehmigung beleidigt.

Was soll’s.

Ich bleibe ungerührt stehen und sehe zu, wie er seine Krieger um sich sammelt und dann nach Nordwesten abzieht. Anscheinend will er wirklich zum Pass.

„Puh“, macht Siggi, der die ganze Zeit schweigend zugesehen hat. „Na das war ja was.“

Ich nickt. „Danke, dass du mitgespielt hast.“

Er winkt ab. „Kein Problem. Es ist sicher besser, wenn wir als Clan auftreten. Aber ich musste mich ganz schön zusammenreißen, als du einfach das ganze Gebiet beansprucht hast.“ Er kichert. „Hast du das zornige Funkeln in seinen Augen bemerkt?“

„Nein, ehrlich gesagt nicht.“ Ich lächele. „‚Gut geblufft ist halb gewonnen‘, das hat Thyra zumindest immer gesagt. Hmm. Ist dir sonst noch was aufgefallen?“

„Du meinst, außer, dass das nie und nimmer alle Krieger des Gubwa-Clans waren? Meine Informationen sind zwar nicht mehr aktuell, aber ich denke, dort leben etwa zweihundertfünfzig Goblins.“

„Ja“, sage ich gedankenverloren. „So etwas habe ich mir schon gedacht. Ich glaube, ihre Kween plant irgendwas. Aber das meinte ich nicht.“

Siggi sieht mich fragend an.

„Als sie uns umzingelt hatten, stand Akim im Osten. Und der Anführer einer Kriegergruppe bleibt meist im Zentrum stehen, wenn die Krieger ausschwärmen. Also denke ich, dass ihr Dorf im Osten liegt. Wenn wir ein Stück weiter gehen, finden wir bestimmt Spuren, die das bestätigen.“

„Hmm, kann schon sein. Aber ich weiß nicht, worauf du eigentlich hinaus willst.“

„Na auf die Söldner. Die Söldner, die wir gestern gesehen haben, sind nach Süden gezogen. Sie wollten also auf keinen Fall zum Gubwa-Clan. Und wenn wir mal davon ausgehen, dass hier nicht mehrere Söldnergruppen umherziehen, dann stellt sich doch die Frage: Wo wollten diese Söldner hin?“

„Hmm“, macht Siggi erneut. „Keine Ahnung.“

„Ich auch nicht. Aber ich denke, wir sollten es herausfinden.“

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