Auf der Spur der Söldner

Es dauert nicht lange, bis wir die Spuren der Söldner wiedergefunden haben. Die Hufabdrücke ihrer Pferde sind gut zu erkennen, sie haben sich anscheinend keinerlei Mühe gegeben, sie zu verwischen.

Während wir ihnen folgen, denke ich darüber nach. Wir Goblins achten immer sorgfältig darauf, keine Spuren zu hinterlassen. Menschen, Trolle, feindliche Clans, selbst große Tiere – überall lauern Gefahren auf uns, auch in unmittelbarer Umgebung unseres Dorfes.

Menschen sind da ganz anders. Sie fühlen sich nur selten bedroht und es kümmert sie nicht, wenn der Feind die Lage ihres Dorfes kennt. Sie verlassen sich auf ihre Überzahl, bauen auf merkwürdig abstrakte Dinge wie Verträge, Staatsgrenzen und Ehrgefühl und verhalten sich deswegen meist leichtsinnig und dumm.

Ich wundere mich nur darüber, dass sie damit so erfolgreich sind. Tatsächlich findet sich nur selten jemand, der ein Menschendorf (oder gar eine ganze Stadt) herausfordert, und meistens sind es andere Menschen. Der Trollangriff auf das Menschendorf vor ein paar Tagen war in der Hinsicht wirklich etwas besonders.

So selten wie ein Magier, der Söldner ausschickt, um Goblindörfer zu überfallen, schießt mir durch den Kopf. Ich bleibe abrupt stehen. Ob es da einen Zusammenhang gibt?

Siggis Stimme reißt mich aus meinen Gedanken „Was ist los?“, fragt er mit gedämpfter Stimme. Er sieht sich hektisch um, den Bogen gespannt und einen Pfeil an der Sehne. Ich sollte wirklich besser aufpassen. Ich habe nicht einmal mitbekommen, dass er die Sehne eingespannt hat. Dabei war sie vor ein paar Sekunden noch sorgfältig verpackt in seinem Beutel, das schwöre ich.

Siggi sieht mich immer noch fragend an. „Oh, ähm, nichts“, stammele ich und lächele entschuldigend. „Ich habe nur nachgedacht, mehr nicht.“

Siggi entspannt sich etwas und verstaut den Pfeil wieder in seinem Köcher. „Weißt du“, entgegnet er langsam, „das habe ich auch. Und ich sehe einfach keinen Grund, warum wir den Söldner weiter folgen sollten.“

„Hmm“, mache ich und sehe ihn nachdenklich an. Erst jetzt fällt mir auf, dass er in den vergangenen Stunden ungewöhnlich still war und kaum etwas gesagt hat. Selbst beim hastig eingenommenen Mittagessen war er sehr einsilbig. Ob er sauer ist, weil ich seine Pläne, seine Jagd unterbrochen habe? Ohne ihn zu fragen?

Ich frage ihn danach.

Er schüttelt den Kopf. „Nein, das ist es nicht. Ich meine nur… Wir sind jetzt schon sehr weit im Süden und die Spur führt immer weiter. Also egal was sie vorhaben: Es betrifft uns nicht.“

Ich blinzele überrascht. „Natürlich betrifft es uns“, entgegne ich verwirrt.

„Hä? Sie sind doch an uns vorbeigelaufen, ohne uns überhaupt zu bemerken, und nun schon meilenweit weg!“

Ich seufze. Hat er denn gar nichts mitbekommen? „Also“, sage ich und hole tief Luft. „Die Söldner arbeiten doch für diesen Menschenzauberer, richtig?“ Siggi nickt. „Und dieser Magier hat einen alten, großen und mächtigen Stamm mit Magie praktisch unterworfen und sie gezwungen, ihm seine Krieger zu schicken.“ Er nickt erneut. „Warum macht er das?“

Siggi hebt die Schultern. „Keine Ahnung. Um seine Macht unter Beweis zu stellen?“

Ich seufze erneut. „Überleg doch mal. Zuerst heuert er Söldner an, die bestimmt nicht billig sind. Dann erpresst er Krieger von einem mächtigen Goblinclan. Dazu kommt noch die Magie, über die er selbst verfügt. Was ergibt das?“

„Söldner, Goblinkrieger, Magie … eine Streitmacht! Oh-oh.“

„Genau“, sage ich, zufrieden, dass er endlich geschafft hat, eins und eins zusammenzuzählen. „Eine Streitmacht, in unmittelbarer Nähe deines Lagers.“

„Hmm“, meint er gedankenverloren, „aber die stellt er bestimmt nicht wegen uns auf.“

„Richtig. Er hat mit Sicherheit weitreichendere Ziele. Eine große Schlacht zum Beispiel, vielleicht sogar einen Krieg. Und deshalb verfolgen wir die Söldner, weil uns das vielleicht verrät, was genau er vorhat.“

„Aber das hat doch nichts mit uns zu tun, das hast du selbst gesagt. Also wieso interessiert dich das so?“

„Na das ist doch klar“, sage ich ungeduldig. „Wenn wir nicht wissen, was er vorhat, geraten wir vielleicht zwischen die Fronten oder wir werden überrascht und müssen uns plötzlich für eine Seite entscheiden und mitkämpfen. Aber wenn wir Bescheid wissen, können wir solche unerfreulichen Situationen nicht nur vermeiden, nein, vielleicht ergibt sich sogar eine günstige Gelegenheit, um reiche Beute zu machen!“ Jetzt bin ich richtig in Fahrt. In Gedanken sehe ich schon die reichen Schätze eines unbewachten Lagers vor mir, die wir in aller Ruhe plündern können, während unweit entfernt ein heftiger Kampf tobt.

Siggi nickt derweil zustimmend. „Ja, da hast du Recht“, gibt er zu.

Doch er bleibt weiter schweigsam und in sich gekehrt, während wir die Spur der Reiter weiterverfolgen. Allerdings achte ich nicht darauf, sondern behalte lieber die Umgebung im Auge. Denn auch wenn wir nicht wissen, was das Ziel der Söldner ist: Es ist sicher kein alter Baumstumpf, sondern etwas viel gefährlicheres. Ein anderer Goblinclan zum Beispiel. Oder ein anderer Magier. Oder beides.

Meine Gedanken schweifen ab und ich male mir aus, wie ein anderer Magier hinterhältige Tricks und Magie einsetzt, um ein Goblindorf zu unterwerfen. Meine Goblinbrüder wehren sich natürlich heldenhaft, aber gegen die finstere Magie des fiesen Magiers haben sie keine Chance. Und so zwingt er sie, für ihn zu kämpfen, und sie machen sich gemeinsam auf den Weg zu einer großen Schlacht. Fast erwarte ich, hinter dem nächsten Hügel auf sie zu treffen.

Doch stattdessen sehe ich etwas anderes, was mich aber ebenso schnell in Deckung springen lässt: Ein Dorf der Menschen.

Siggi hat es auch entdeckt und wirft sich eilig neben mich auf den Boden, dann robben wir gemeinsam bis zur Hügelkuppe und spähen hinüber.

Das Menschendorf ist viel größer als das in der Nähe meines Clans, gut doppelt oder vielleicht sogar dreimal so groß. Dennoch ist es noch keine richtige Stadt und ich entdecke auch keine Mauer, Palisade oder eine andere Einrichtung zum Schutz vor Überfällen.

„Ob die Reiter das Dorf überfallen haben?“, wispert Siggi in mein Ohr.

Hm, gute Frage. Das Dorf ist noch ein ganzes Stück entfernt, aber ich kann keine Beschädigungen oder sonstige Kampfspuren entdecken. „Sieht nicht danach aus“, raune ich zurück. „Naja, acht Söldner gegen ein so großes Dorf wäre auch recht verwegen.“

„Vielleicht sind sie nur hindurchgeritten?“

„Könnte sein…“ Ich seufze. Das zu überprüfen dürfte schwierig werden. Ich sehe mir die Umgebung an. Direkt vor uns ist eine eingezäunte Wiese, auf der ich einige Schafe erkennen kann. Weiter links haben die Menschen Felder angelegt, auf denen sie Ackerbau betreiben. Rechts von uns versperrt mir ein kleines Wäldchen die Sicht.

Wir ziehen uns ein paar Meter zurück.

„Wir könnten um das Menschendorf herumgehen“, schlägt Siggi vor. „Wenn wir die Spuren der Reiter auf der anderen Seite wiederfinden, können wir ihr Alter bestimmen und daraus folgern, wie lange sie geblieben sind und ob sie dort übernachtet haben.“

„Hmm… Ja, das können wir machen…“ Ich zögere.

„Aber?“

„Naja, diese Felder scheinen mir sehr weitläufig zu sein. Bei Tag arbeiten die Menschen dort und bei Nacht könnten wir die Reiterspuren übersehen, also müssten wir ganz außen herumlaufen.“

„Stimmt, das würde sicher lange dauern. Und wir müssen demnächst unsere Vorräte auffrischen, wir haben heute Morgen nur Verpflegung für zwei Tage eingepackt.“

Ich nicke und starre nachdenklich Richtung Menschendorf.

Plötzlich kneift Siggi die Augen zusammen. „Du willst jetzt aber nicht vorschlagen, einfach ins Dorf zu marschieren und die Menschen zu fragen, oder?“

„Was? Nein, natürlich nicht“, widerspreche ich hastig. „Aber wir könnten uns noch etwas näher heranschleichen. Dieser kleine Wald dort scheint mir als Deckung gut geeignet zu sein.“

„Hmm“, meint er, „ich weiß nicht.“

„Nun komm, das ist doch völlig ungefährlich. Und wenn nichts dabei herauskommt, haben wir nur ein paar Minuten verschwendet. Das ist nichts im Vergleich zu den Stunden, die wir unterwegs sein werden, wenn wir die Felder umrunden müssen.“

Siggi seufzt theatralisch, gibt sich aber geschlagen. „Na gut,“ sagt er resignierend, „geh vor.“

Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und gemeinsam laufen wir, knapp unter dem Rand der Hügelkuppe, querfeldein Richtung Wald.

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