Der Schafshirte

Siggi und ich hocken im dichten Unterholz am Rande eines kleinen Wäldchens und spähen angestrengt nach vorn.

Das Dorf ist noch ein paar hundert Meter entfernt, doch vor uns liegt eine offene Grasfläche, die keinerlei Deckung bietet. Näher werden wir nicht herankommen, ohne entdeckt zu werden.

„Ok, wir–“, beginne ich, werde aber sofort durch Siggi unterbrochen.

„Scht!“ Er deutet nach links.

Eine Herde von dutzenden weiß-grauen Schafen kommt auf uns zu, die von einem jungen Menschen herangetrieben werden. Ich verziehe unwillig das Gesicht, als der Wind ihren strengen Geruch zu uns herüberweht.

Während wir schweigend beobachten, wie sie an uns vorüberziehen, überkommt mich der verrückte Gedanke, mir selbst ein Schafsfell überzuwerfen und so verkleidet zusammen mit all den echten Schafen in das Menschendorf zu schleichen. Der junge Mann, der die Herde bewacht, scheint recht unaufmerksam zu sein und würde ein Schaf mehr sicher nicht bemerken.

Ich muss auf einmal kichern und halte mir erschrocken die Hand vor den Mund.

„Was ist los?“, fragt Siggi mit gedämpfter Stimme.

„Ein Schaf weniger erwartet er vielleicht“, flüstere ich zurück, „aber stell dir mal sein dummes Gesicht vor, wenn er plötzlich ein Schaf mehr hat! Hihihihihi.“

Siggi sieht mich an, als wäre ich verrückt geworden, was mich jedoch nur noch mehr kichern lässt.

Währenddessen ziehen die Schafe unbehelligt weiter, doch als sie schon fast an uns vorbei sind, entdecke ich einen großen Hund, der die Schafsherde bewacht, und mein Grinsen ist wie weggeblasen. Der Hund steht auf der anderen Seite der Herde und ist wohl dafür verantwortlich, dass die Schafe nicht in die Stadt rennen. Jetzt geht der Hirte zu ihm hinüber und streichelt ihm freundschaftlich über den Kopf, was er anscheinend sehr genießt.

Irgendwie erinnert mich das ein bisschen an meinen eigenen Hund, obwohl dieser hier eindeutig einer anderen Rasse angehört. Das Bild meines toten Labradors steht mir mit einem Mal wieder vor Augen und eine große Traurigkeit überkommt mich.

Siggis Stimme reißt mich aus meinen Erinnerungen. „Und was jetzt?“, fragt er.

„Wir folgen ihnen“, antworte ich, einer plötzlichen Intuition folgend.

Siggi verzieht das Gesicht und ich sehe ihm deutlich an, dass er meinen Vorschlag für eine ganz schlechte Idee hält. Trotzdem widerspricht er dieses Mal nicht, sondern nickt nur stumm.

Der Weg zur zweiten Weide führt direkt am Waldrand entlang, so dass wir im dichten Unterholz gut Deckung finden können. Daher ist es auch nicht schwer, der blökenden und stinkenden Schafsherde zu folgen, auch wenn wir wegen des großen Hundes mit den scharfen Zähnen sehr darauf bedacht sind, einen respektvollen Abstand einzuhalten.

Als die Herde einen Zaun erreicht, öffnet der junge Hirte ein Tor, drängt die Schafe hindurch und schließt es dann hinter ihnen wieder. Damit ist seine Arbeit wohl getan, denn die Schafsherde verstreut sich und der Hirte trottet mit dem Hund gemächlich über die Wiese, setzt sich auf einen großen Stein, legt sich hin und schließt die Augen.

„Und nun?“, fragt Siggi unvermittelt.

„Hmm“, mache ich, um Zeit zu gewinnen.

„Was hmm?“

„Ich bin nicht ganz sicher…“

Du wolltest ihm doch folgen!“

„Ja schon…“

„Also warum sind wir hier?“

„Naja… Ich denke, dass der Schafshirte über die Reiter Bescheid weiß.“

„Kann schon sein. Und weiter?“

„Jetzt müssen wir die Information nur noch irgendwie aus ihm herausbekommen…“

„Ja klar. Und wie stellst du dir das vor? Ein Zwei-Goblin-Angriff auf Hund und Hirte?“

Ich ziehe die linke Augenbraue hoch. „Natürlich nicht.“

„Also was dann?“, fragt Siggi ungeduldig. „Willst du einfach rübergehen und ihn fragen?“

„Hmm“, mache ich wieder. Dann nicke ich. „Ja, ich denke, das ist ein guter Vorschlag.“

„Was?“ Siggi fällt die Kinnlade herunter. „Aber das sollte doch nur ein Scherz sein…!“

„Tja, Pech gehabt. So machen wir es. Also los, komm mit!“ Ich stehe auf, doch Siggi sieht mich nur ungläubig an.

„Bist du verrückt? Der Hund wird uns in Stücke reißen, bevor wir auch nur einen Fuß auf die Wiese gesetzt haben.“

„Ach, das glaube ich nicht. Sieh doch, wie faul er dort herumliegt. Er ist schon fast eingeschlafen. Wenn wir nicht angreifen, wird er sicher auch friedlich bleiben.“

„Du bist wirklich verrückt“, attestiert er mir nun. „Aber ich werde bei diesem Selbstmordkommando auf keinen Fall mitmachen.“

„Hmpf. Na gut, dann geh ich eben allein. Du kannst mir ja von hier aus Deckung geben, falls etwas schiefläuft.“

Ohne seine Antwort abzuwarten, mache ich mich auf den Weg. Im Nu habe ich den Waldrand erreicht und stehe vor dem Zaun, der die Schafe am Weglaufen hindern soll. Ich sehe mich um, doch Hund und Hirte rühren sich nicht. Nur zwei oder drei Schafe haben mich bemerkt. Eins sieht mich neugierig an, die anderen grasen friedlich weiter.

Ich husche geschickt unter dem Zaun hindurch und nähere mich dem Schäfer, wobei ich die Schafe als Deckung nutze. Einige beobachten mich zwar interessiert, aber die meisten ignorieren mich einfach. Zum Glück fühlt sich keins bedroht, denn ein ängstliches Blöken würde mich sicher verraten.

Ich bin schon recht weit gekommen, als der Hund sich plötzlich regt: Er hebt seinen Kopf und sieht in meine Richtung. Für einen Moment bin ich wie erstarrt, und Gedanken von scharfen Zähnen und in-Stücke-gerissen-werden rasen durch meinen Kopf. Doch dann reiße ich mich zusammen. Ich werde jetzt ganz bestimmt nicht schreiend davonlaufen, schon gar nicht, wenn Siggi zusieht. Jetzt bloß keine Angst zeigen, denke ich mir, atme tief durch, gehe ein Stück weiter und winke dem Hund fröhlich lächelnd zu.

Und mein Plan geht auf: Der Hund erhebt sich träge und kommt schwanzwedelnd zu mir herübergelaufen. Ich tätschele ihm den Kopf und kraule ihn hinter den Ohren, was dem Hund anscheinend sehr gefällt. Mit einem Mal muss ich breit grinsen schaffe es nur mit Mühe, mich nicht umzudrehen und Siggi triumphierend zuzuwinken.

Ha! Den Triumph hebe ich mir für später auf.

Denn nun muss ich erstmal den Hirten befragen, was sicher nicht ganz so leicht werden wird. Ich gehe weiter auf ihn zu, bis ich nur noch zehn Meter von ihm entfernt bin. Dort bleibe ich unsicher stehen. Der Hirte hat mich noch nicht bemerkt, wahrscheinlich schläft er. Ich könnte einfach hingehen und ihn wachrütteln, aber ich traue mich nicht.

„Hallo, Freund!“, rufe ich stattdessen.

Der Hirte gähnt schläfrig, reibt sich die Augen und sieht sich um. Ich wiederhole meinen Ruf, doch als mich der Schäfer erkennt, weiten sich seine Augen plötzlich. Dann springt er blitzartig auf, hebt seinen Hirtenstab auf und schwenkt ihn drohend in meine Richtung.

„Ich bin nur hier, um Sie zu fragen, was die Söldner von euch gewollt haben, die gestern hier durchgeritten sind“, erkläre ich langsam und versuche, einen möglichst friedfertigen Eindruck zu machen.

Der Hirte sieht mich verständnislos an und ich fluche innerlich. Ich habe die gemeine Mischsprache benutzt, die meist verwendet wird, wenn verschiedene Rassen aufeinandertreffen. Doch dieser Mensch scheint sie nicht zu verstehen, weswegen ich nun zur Menschensprache wechseln muss, von der ich nur wenige Brocken beherrsche.

„Wissen wollen ich, was Reiter gemacht haben bei euch“, würge ich hinaus.

Der Hirte sieht mich finster an. „Gehörst du auch zu diesem Magier?“

Ich schüttele den Kopf, woraufhin sich der Hirte etwas zu entspannen scheint.

„Aber du hast schon von ihm gehört?“

Ich nicke.

„Die Söldner waren nur kurz hier. Sie haben gesagt, dass wir ihnen unsere gesamte Ernte geben müssen, sonst werden sie zurückkehren und alles zerstören.“

„Das tun werden ihr?“

„Ha! Wenn wir das machen, werden wir alle verhungern! Aber was bleibt uns anderes übrig? Gegen die Söldner könnten wir vielleicht kämpfen, aber gegen einen Magier? Das wäre das reiner Selbstmord. Wir – “ Er erzählt etwas über seinen König, das ich nicht verstehe. Doch ich schließe aus seiner Tonlage, dass er von dort keine Unterstützung erwartet.

„Danke“, sage ich und wende mich zum Gehen.

„He, Moment mal! Warum interessiert dich das? Hat der Magier mit euch auch Kontakt aufgenommen und Forderungen gestellt?“

Ich überlege kurz. Wie viel soll ich ihm erzählen? „Anderer Clan“, sage ich ausweichend.

„Und was wollte er von euch?“

„Kämpfer“, antworte ich, drehe mich um und verschwinde.

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