Im Dorf

Als ich zu Siggi zurückkehre, ist er völlig aus dem Häuschen. Er hat sich sogar ein Stück aus dem Wald herausgewagt und läuft mit gespanntem Bogen aufgeregt hin und her.

„Was hast du dir nur dabei gedacht?“, fragt er aufgebracht. „Du hättest dabei sterben können!“

Ich tue seinen Einwand selbstsicher ab. „Bin ich aber nicht. Ich musste nicht mal kämpfen. Und ich habe dennoch wertvolle Informationen erhalten.“

„Aber das war doch ein enormes Risiko!“

„Ach, so groß war das Risiko gar nicht. Mit Hunden kenne ich mich ganz gut aus. Wenn man selbstbewusst auftritt und keine Angst zeigt, tun sie einem nichts. Und der Hirte hatte vor mir sicher mehr Angst als ich vor ihm. Wenn ich meinen Dolch gezogen hätte, wäre er vermutlich vor mir abgehauen.“

„Naja, wie ein ausgebildeter Kämpfer hat er nicht gewirkt“, gibt Siggi kleinlaut zu.

„Genau. Also los jetzt, es ist fast Abend. Wir müssen noch eine Unterkunft für die Nacht suchen. Und dann erzähle ich dir, was er gesagt hat.“

Trotz meiner Worte will sich das Hochgefühl des Triumpfs nicht bei mir einstellen. In Gedanken bin ich immer noch bei meinen letzten Worten an den Hirten. Habe ich die Krieger  des Gubwa-Clans verraten? Vielleicht wird der Magier sie hierherschicken, um die Vorräte einzufordern. Und dann wären die Menschen vorbereitet, und viele Krieger würden sterben.

Andererseits ist es wohl unwahrscheinlich, dass sie ausgerechnet hier auftauchen werden, rede ich mir ein. Und außerdem werden die Menschen sicher nicht kämpfen, dazu sind sie viel zu feige, denke ich. Also wird dieser kleine Fehler bestimmt keine Folgen haben.

Der Schafhirte sieht der Goblin ungläubig hinterher. War das eben wirklich geschehen? War wirklich ein Goblin aufgetaucht und hatte mit ihm gesprochen? Mit ihm? Gesprochen? Unmöglich! Goblins stehlen, rauben, plündern. Aber sie reden nicht, niemals.

Und doch war es geschehen.

Er sieht zu seinem Hund hinunter, der seinerseits treuherzig zu ihm aufblickt. „Und was jetzt?“, fragt er ihn. „Ja, du hast Recht. Wir sollten Vater davon berichten. Und zwar am besten sofort. Aber du bleibst hier und passt auf die Schafe auf, verstanden?“

Sein Hund guckt ihn traurig an, bleibt aber artig sitzen und sieht ihm nach, als der junge Hirte die Beine in die Hand nimmt und lossprintet. Er läuft quer über die Schafsweide, springt leichtfüßig über den Zaun und rennt weiter Richtung Dorf. Er erreicht das Haus seiner Eltern, stürmt durch die Tür und bleibt dann abrupt stehen.

„Vater? Vater, bist du da?“, ruft er, noch ganz außer Atem.

„Alex?“, fragt seine Mutter überrascht. Sie steht am Herd, auf dem ein großer Kochtopf vor sich hin brodelt, hat eine Schürze umgebunden und hält einen Löffel in der Hand. „Du bist aber früh da, ich hatte noch gar nicht mit dir gerechnet. Hast du Hunger?“

„Ist Vater da?“, fragt der junge Hirte, wartet ihre Antwort jedoch nicht ab und drängt sich an ihr vorbei in das Schlafzimmer seiner Eltern.

„Nein, ist er nicht. Was ist denn los? Ist dir wieder ein Schaf weggelaufen? Soll ich dir suchen helfen?“

„Nein Mutter, mit den Schafen ist alles in Ordnung“, antwortet Alex ungeduldig. „Bira passt auf sie auf. Wo ist er? Bitte, es ist wirklich wichtig!“

„Er ist im Wirtshaus. Aber du solltest ihn jetzt lieber nicht stören, weil – “ Doch Alex hört sie nicht mehr, denn er ist schon längt wieder zur Tür hinaus.

Die Frau seufzt. „Weil er an der Versammlung teilnimmt“, sagt sie leise, schließt die Tür hinter ihm und geht kopfschüttelt zurück an ihren Herd.

Alex hat das Wirtshaus in der Zwischenzeit erreicht und stürmt hinein. Doch heute sitzen die Männer nicht wie gewohnt in kleinen Gruppen zusammen, trinken Bier und reden. Nein, heute haben sie die Tische zusammengeschoben und einen großen Kreis gebildet, in dem sie nun zusammensitzen.

Einer der Männer spricht gerade, als der junge Hirte hereinplatzt. Alex kennt ihn gut, denn ihm gehört dieses Wirtshaus. „Und darum sage ich: Wir müssen uns gegen diesen Magier und seine Söldner zur Wehr setzen.“

„Aber das wäre doch Wahnsinn“, wendet ein anderer ein. Es ist Malik, ein Bauer und guter Freund seines Vaters.  „Wie sollen wir gegen Magie kämpfen?“

„Der König wird uns helfen.“

„Ha! Der König! Astamos ist viel zu weit weg. Der Magier wird uns längst eingeäschert haben, ehe unser Bote auch nur die Hälfte des Weges zurückgelegt hat.“

„Verzeihung“, mischt sich der junge Hirte ein. „Aber ich habe wichtige Neuigkeiten!“

Einige der Männer, die ihm zuvor der Rücken zugewandt haben, drehen sich um und mustern ihn kritisch.

„Was denn für Neuigkeiten Alex? Ist dir wieder ein Schaf weggelaufen?“ Lautes Lachen ertönt und Alex läuft purpurrot an.

„Nein nein, natürlich nicht“, bringt er mühsam heraus, während er darauf wartet, das Gelächter abklingt. „Aber ich habe draußen auf der Weide einen Goblin getroffen!“

Plötzlich ist es totenstill. Dann reden alle wild durcheinander.

„Goblins, hier bei uns?“

„Irrst du dich auch nicht?“

„Hat sie noch jemand gesehen?“

„Wie viele sind es?“

„Wann war das?

„Wo genau hast du sie gesehen?“

„Greifen sie uns an?“

„Halt, Stopp, nicht alle auf einmal!“, protestiert Alex schwach. „Es war nur ein Goblin, und ich denke nicht, dass er uns angreifen wird.“

„Nur ein Goblin? Das ist seltsam. Was hat er gewollt?“, fragt der Wirt.

„Moment“, sagt einer der Bauern. „Selbst wenn ein Angriff unwahrscheinlich ist, sollten wir trotzdem sofort ein paar Wachen aufstellen, nur zur Sicherheit.“

Andere Bauern stimmen ihm zu, und nach kurzer Beratung stehen vier Männer auf und verlassen das Wirtshaus.

„So. Und jetzt erzähl uns genau, was passiert ist“, fordert ihn sein Vater auf. „Lass nichts aus, jede Kleinigkeit könnte wichtig sein.“

„Ok.“ Alex atmet tief durch. „Also ich hatte gerade die Schafe auf die Westweide geführt, als dieser Goblin plötzlich wie aus dem Nichts vor mir auftauchte. Ich dachte er greift mich an, aber das tat er nicht. Er hat nur mit mir geredet.“

„Was hat er gesagt?“

„Also, zuerst wollte er von mir wissen, was die Söldner von uns wollten. Ich fragte ihn, ob er zu ihnen gehören würde, was er verneinte. Aber er kannte den Magier. Er sagte, dass der Magier auch bei den Goblins war und von ihnen Kämpfer haben wollte.“

„Kämpfen sie jetzt für ihn?“

„Das hat er nicht gesagt. Er ist verschwunden, bevor ich weitere Fragen stellen konnte.“

„Na wunderbar“, sagt Malik ironisch. „Dann dürfen wir uns nicht nur mit dem Magier und seinen Söldnern herumschlagen, sondern müssen auch noch mit Goblinangriffen rechnen.“

„Das wissen wir nicht“, schränkt der Wirt ein. „Die Goblins werden sich doch nicht einfach so unterwerfen. Gut möglich, dass sie kämpfen werden. Vielleicht gewinnen sie sogar gegen ihn und wir sind das Problem los.“

„Ha! Als ob so eine Bande Goblins gegen einen Magier gewinnen könnte.“

Es entsteht Unruhe, als der Wirt wieder mit dem Bauern streitet.

„Ruhe bitte!“, mischt sich schließlich wieder Alex‘ Vater ein. Es dauert einen Moment, doch dann tritt wieder Ruhe ein. „Hat er sonst noch etwas gesagt?“, will er von seinem Sohn wissen.

Alex überlegt kurz. „Naja, er hat noch gefragt, ob wir dem Magier die Vorräte geben werden, die er haben will.“

„Was hast du geantwortet?“

Alex hebt die Schultern. „Die Wahrheit, natürlich. Das wir nicht gegen Magie kämpfen können und es unwahrscheinlich ist, dass uns der König rechtzeitig helfen wird.“

„Ha!“, macht Malik wieder. „Meine Worte!“

Schnell entsteht ein neuer Streit, doch während die Männer noch bis tief in die Nacht lautstark diskutieren, wird Alex bald hinausgeworfen und geht langsam und nachdenklich davon.

Im Dorf
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