Abendlicher Besuch

Am frühen Abend sitzen Siggi und ich gemütlich neben einem kleinen Lagerfeuer am Rande einer Lichtung. Das gebratene Waschbärenfleisch hat überraschend gut geschmeckt, wodurh sich meine Laune merklich gebessert hat.

Während des Essens habe ich Siggi von meinem Gespräch mit dem Schafshirten erzählt.

„Hmm“, meint Siggi, den Mund noch voller Waschbärenfleisch, „ang ing ie enchen acho in inger ängichen Chiguaion wie er Gugwa-Chan, chichig?“

„Hä? Ich versteh kein Wort.“

Siggi schluckt. „Ich sagte: Dann sind die Menschen also in einer ähnlichen Situation wie der Gubwa-Clan, richtig?“

Ich nicke. „Ja, sieht so aus. Sie werden genauso erpresst, nur dass der Magier von ihnen keine Krieger fordert, sondern Getreide und andere Vorräte.“

„Naja, es sind ja auch nur Bauern im Dorf, die können vermutlich gar nicht richtig kämpfen.“

„Und wir Goblins betreiben keinen Ackerbau“, ergänze ich. „Jaja, schon klar. Also der Magier ist nicht dumm und fordert nur das, was er auch kriegen kann. Aber es hilft uns nicht wirklich weiter, denn wir wissen immer noch nicht, was er damit vorhat.“

„Da fällt mir ein: Wohin wollten die Söldner denn nun von hier aus?“

Ich schlage mir vor die Stirn. „Mist!“, fluche ich. „Das habe ich total vergessen!“

„Schade“, meint Siggi. „Aber egal, vermutlich war es auch gar nicht so wichtig.“

„Doch, war es“, widerspreche ich ihm sofort. „Die Söldner waren nur kurz da, das hat er mir gesagt. Und sie sind nicht direkt zurückgeritten, sonst wären wir ihnen ja begegnet oder hätten zumindest ihre Spuren gesehen. Also müssen sie noch einen anderen Auftrag haben.“

„Vielleicht sind sie auch nur hier irgendwo in der Nähe, um zu beobachten, wie die Bauern reagieren.“

„Das wäre ja noch schlimmer“, stöhne ich. „Wenn sie mich nun gesehen haben…“

„Ach, das macht doch nichts. Eine einzelne Goblin werden sie bestimmt nicht verfolgen. Außerdem hätten wir das ja gemerkt.“

„Ja schon“, gebe ich zu. „Aber sie könnten es dem Magier erzählen, und der wird sicher denken, dass es jemand vom Gubwa-Clan war, und die müssen das dann ausbaden.“

„Das weißt du doch nicht“, wendet er ein. „Vielleicht sind die Reiter ja auch längst weg.“

„Hoffentlich.“

„Na gut. Also wir wissen jetzt, was die Söldner hier wollten. Doch was jetzt? Ihre Spur wieder aufnehmen?“

Ich winke ab. „Nein, das würde ja Tage dauern. Vor allem jetzt, nachdem die Menschen mich gesehen haben. Wahrscheinlich stellen sie gerade Wachen auf und vielleicht suchen sie morgen sogar nach Spuren. Auf jeden Fall werden Sie auf den Feldern doppelt so vorsichtig sein wie sonst.“

Siggi nickt zustimmend. „Und wir müssen auch an unsere Vorräte denken.“

Ich seufze. „Also bleibt uns nur noch der Rückweg. Na hoffen wir mal, dass uns der Magier ignoriert. Soll er einfach das machen, was auch immer er vorhat, und uns in Ruhe lassen.“

Wir starren eine Weile lang schweigend ins Feuer und hängen unseren Gedanken nach. Das Leben zweier einzelner Goblins ist schon gefährlich genug. Und zu wissen, dass hier bald große Kämpfe ausbrechen könnten, macht die Sache nicht einfacher.

Plötzlich ein Geräusch hinter mir. Wie der Blitz springe ich auf, mit gezogenem Dolch und bereit, mich gegen den Angreifer zu verteidigen. Siggi braucht nur eine halbe Sekunde länger als ich, dann steht er neben mir, den Bogen gespannt und einen Pfeil an der Sehne, und starrt wie ich in den dunklen Wald hinein.

Nur zwei kleine Lichtpunkte sind zu sehen, die ich für das verräterische Glitzern eines Augenpaares halte, das uns beobachtet. Ich sehe mich hastig um, doch ich entdecke sonst niemanden. Ist es ein einzelner Spion? Oder sind es mehrere und die anderen haben sich nur besser versteckt?

„Kommt heraus“, rufe ich im strengsten Befehlston, um meiner Stimme Autorität zu verleihen. „Sofort!“

Das verräterische Flackern scheint kurz inne zu halten, dann wird es deutlicher. Vom Abstand des Augenpaares ausgehend erwarte ich, die Kontur eines großen Goblins oder eines kleinen Menschen zu sehen, doch ich entdecke weder das eine noch das andere. Nur das schwache Licht wird immer deutlicher.

„Oh!“ Der Ausruf der Überraschung kommt von Siggi, der unwillkürlich seinen Bogen sinken lässt.

„Was machst du denn?“, zische ich. „Er könnte…“ Dann teilt sich das Licht plötzlich. „Oh verdammt!“

Zwei kleine Wesen, nur etwa zehn Zentimeter groß und mit großen Flügeln ausgestattet, schweben mit einem mal vor uns.

„Feen.“ Ich spucke dieses Wort förmlich aus. Mit Feen will ich nichts zu tun haben. Meine Erfahrungen zu Beginn meines Abenteuers haben mir in der Hinsicht mehr als gereicht.

„Warum beobachtet ihr uns?“, knurre ich.

„Eine berechtigte Frage“, piepst eine der Feen. „Aber erlaubt mir, mich zuerst vorzustellen. Mein Name ist Ernst und dies ist mein Mitstreiter Robert. Wir sind Wächter des Feenhains ‚Goldenes Morgenlicht‘.“ Sie verbeugen sich.

„Jaja, sehr interessant“, knurre ich gereizt und unterlasse es mit voller Absicht, mich meinerseits vorzustellen. „Und nun sagt mir endlich, warum ihr uns belauscht habt!“

„Verzeihung, das war sehr unhöflich“, piepst Ernst, „und das ist sonst wirklich gar nicht unsere Art. Aber es liegen besondere Umstände vor und wir mussten sichergehen, dass ihr uns nicht feindlich gesinnt seid, bevor wir mit euch Kontakt aufnehmen konnten.“

„Tja, Pech gehabt, ich bin euch doch feindlich gesinnt“, erkläre ich ihnen mürrisch. „Also verschwindet wieder, bevor ich euch in kleine Stücke hacke!“

Eine der Feen, Robert, zuckt bei meinen Worten deutlich zusammen, doch bevor er etwas erwidern oder – wie es sich gehört hätte – einfach abschwirren kann, mischt sich Siggi unerwartet ein: „Was wollt ihr denn von uns?“

Ernst wirft mir einen ängstlichen Blick zu, dann wendet er sich an Siggi: „Wir wollten eure Hilfe erbitten, bei der Suche nach etwas sehr Wichtigem, das uns gestern Abend gestohlen wurde.“

Siggi will etwas sagen, doch ich komme ihm zuvor: „Pah! Wir sind Goblins, wir helfen anderen nicht! Wir rauben sie aus oder ermorden sie. Oder beides. In beliebiger Reihenfolge. Merkt euch das! Und nun verschwindet endlich!“

Siggi fasst mich am Arm. „Nun beruhige dich doch!“, sagt er beschwichtigend. „Sie haben doch nur gefragt.“ Er wendet sich wieder an die Feen. „Da ist ein Menschendorf, nur eine halbe Stunde von hier entfernt. Dort werdet ihr sicher Hilfe finden.“

Die Feen werfen sich einen bedeutungsvollen Blick zu. „Wir wissen von dem Menschendorf“, piepsen sie. „Wir waren dort und haben sie belauscht. Und wir haben beschlossen, sie nicht um Hilfe zu bitten.“

„Wieso denn nicht?“, fragt Siggi interessiert

„Wir trauen ihnen nicht.“

Ich starre sie ungläubig an. „Ach? Aber uns schon?“

„Ja.“ Die Feen nicken feierlich. „So ist es.“

„Hm“, macht Siggi. „Was wurde euch denn gestohlen?“

Ernst blickt sich verschwörerisch um und senkt die Stimme etwas. „Bevor euch auch das sagen kann, muss ich euch um absolute Verschwiegenheit bitten.“

„Oh ja, Feengeheimnisse. Toll“, spotte ich.

„Wir werden es niemandem verraten“, erklärt Siggi.

„Uns wurde Feenstaubessenz gestohlen. Unser ganzer Vorrat. Wir glauben, es waren Goblins, aber wir fanden keine Spuren, denen wir hätten folgen können.“

„Natürlich nicht“, sage ich hochmütig. „Goblins hinterlassen keine Spuren.“

„Wann ist das passiert?“, fragt Siggi.

„Gestern Abend.“

„Dann sind sie längst weg“, erkläre ich. „Vergesst den Feenstaub. Den werdet ihr nie wiedersehen.“

„Was?“ Die Feen sehen sich bestürzt an. „Oh nein! Das kann nicht sein. Das darf nicht sein! Bitte, ihr müsst uns einfach helfen!“

Ich betrachte sie mitleidig. So klein und so naiv. Wie konnten sie es nur so weit schaffen? Als ob jeder Goblin, der ihnen zufällig über den Weg läuft, nur darauf warten würde, ihre Probleme zu lösen. Ich will gerade zu einer heftigen, vernichtenden Antwort ansetzen, als Siggi sich mit einem Mal zu voller Größe aufrichtet, tief Luft holt und verkündet: „Keine Sorge. Wir werden eure gestohlene Feenstaubessenz zurückholen!“

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