Verhandlungen

Da stehe ich also nun. Vor mir zwei Feen, die aufgeregt herumflattern und mir mit ihren piepsigen Stimmen mächtig auf die Nerven gehen, und neben mir ein Goblin, den ich für einen erfahrenen, klugen und listigen Krieger gehalten habe. Bis jetzt. Genauer gesagt: Bis zu dem Zeitpunkt vor ein paar Sekunden, als er diesen beiden idiotischen Feen einfach so unsere Hilfe zugesagt hat.

Ich ziehe ihn ein Stück von den beiden Feen weg, um unter vier Augen mit ihm zu reden. Die Feen bemerken es nicht einmal, da sie bereits eifrig Pläne machen und ihren Sieg feiern.

„Bist du jetzt vollkommen verrückt geworden?“, keife ich ihn an. „Wieso willst du diesen dämlichen Feen helfen? Du hast ja nicht einmal eine Gegenleistung verlangt!“

„Ähm, naja… also…“, stottert Siggi.

„Also was?“

„Also sie werden uns bestimmt angemessen für unsere Hilfe belohnen. Es sind immerhin Feen.“

Ich bemerke, dass seine Augen einen glänzenden, verträumten Ausdruck bekommen, als er das Wort „Fee“ ausspricht. Oh-oh, das wird kein gutes Ende nehmen, denke ich. Laut sage ich: „Ich glaube, du hast eine völlig falsche Vorstellung von den Feen. Sie wirken zwar klein und zierlich und naiv, aber glaub mir, sie bedeuten nichts als Ärger.“

„Bist du schon mal Feen begegnet?“, fragt er aufgeregt.

„Ja“, sage ich zögernd, denn ich verspüre kein Verlangen danach, ihm von meinem Fehler zu berichten.

„Bitte, erzähl mir davon!“

„Was? Etwa jetzt?“

„Ja, wieso denn nicht? Bitte!“

Ich lehne mich etwas zurück und betrachte ihn kritisch. Offenbar brennt er geradezu darauf, alles über Feen zu erfahren, und zu meinem Entsetzen muss ich feststellen, dass das Glänzen in seinen Augen noch größer geworden ist.

Ich seufze. „Nu gut. Also, kurz nachdem ich mein Dorf verlassen habe, habe ich zwei Feen getroffen. Sie stritten sich gerade und baten mich um Hilfe, damit ich ihren Streit schlichte. Ich wollte zuerst nicht, habe mich aber überreden lassen.“

„Du hast ihnen also auch geholfen?“

„Schon, aber –“

„Und? Hast du eine Gegenleistung erhalten?“

„Naja, nicht direkt“, gebe ich zu. „Aber darum geht es ja. Ich habe es hinterher bitter bereut, ihnen geholfen zu haben!“

„Und wieso?“

„Wieso? Na weil…“ Ich überlege. Ja, wieso eigentlich? Weil sie die Menschen im Dorf gewarnt und mir so den Überfall vermasselt haben? Naja, genaugenommen hat mir die Warnung gar nichts vermasselt, denn die Palisade, die die Menschen errichtet hatten, störte mich kaum. Und um ganz ehrlich zu sein, haben sie mich dann sogar vor dieser Menschenfrau gerettet, die mich in ihrem Haus erwischt hatte.

Aber das darf ich Siggi auf gar keinen Fall erzählen. Das würde ihn ja nur noch mehr in seinem Glauben bestärken. Also was sage ich ihm nun?

„Eben weil ich ihnen ohne Gegenleistung helfen sollte“, rede ich mich heraus. Das stimmt nicht ganz, weil die Feen mir ja später geholfen haben, aber andererseits konnten sie das zu dem Zeitpunkt ja gar nicht wissen, also zählt das nicht.

„Und das machen Feen immer so“, fahre ich fort. „Aber wir sind Goblins, wir machen Beute! Wir verschwenden unsere Zeit nicht für ein paar leere Worte.“

„Verstehe“, meint Siggi. „Also wenn sie uns etwas Wertvolles als Lohn für unsere Hilfe anbieten, bist du auch dafür, ja?“

„Natürlich nicht!“

„Aber wieso denn nicht?“

„Na weil wir das unmöglich schaffen können! Überleg doch mal. Sie sagten, der Diebstahl war gestern Abend. Jetzt ist es zu dunkel, um ihre Spur aufzunehmen. Und morgen müssen wir zurück, weil wir nicht genug Vorräte dabei haben. Plus ein weiterer Tag, um wieder hierher zu kommen. Aber dann werden die Spuren mehr als drei Tage alt sein! Dazu sage ich nur eins: Un-mög-lich.“

Siggi zieht die Stirn kraus, als würde er angestrengt nachdenken. Ich nehme das als gutes Zeichen, doch ich irre mich.

„Ich denke, wenn ich allein gehe und nur das Nötigste mitnehme, kann ich es an einem Tag zum Lager und zurück schaffen“, eröffnet er mir schließlich.

Ich stöhne. „Warum willst du das denn unbedingt machen? Soviel Aufwand nur für zwei dämliche Feen?“

Siggi sieht zu den beiden hinüber. „Aber es sind doch Feen“, erwidert er mit beinahe andächtiger Stimme. „Also gut. Fragen wir sie nach den Details, ja?“

Doch er wartet meine Antwort nicht ab, sondern geht wie von einem Magneten angezogen zu ihnen hinüber und lässt mich einfach stehen.

„So ein Mist!“, schimpfe ich. „Als würde man gegen eine Wand reden.“ Mürrisch folge ich ihm zu den wartenden Feen.

„Gibt es Probleme?“, fragt Robert und sieht mich ängstlich an.

„Nein nein, keine Probleme, alles in Ordnung“, versichert Siggi ihm. „Wir werden euch gerne helfen.“

Ich werfe ihm einen giftigen Blick zu. „Aber vorher müssen wir noch über die Belohnung sprechen“, wende ich ein. „Allein die Spur aufzunehmen und die Goblins zu verfolgen dürfte sehr schwierig und zeitaufwändig werden, von der Wiederbeschaffung des Feenstaubes ganz zu schweigen. Also, was bietet ihr uns als Gegenleistung?“

Die Feen sehen sich betroffen an. Ha! Wahrscheinlich haben sie gedacht, dass wir ihnen aus reiner Herzensgüte helfen würden. Aber weit gefehlt! Und wenn sie gleich zugeben, dass sie uns nichts geben können, dann kann ich sie endlich davonjagen, wie ich es von Anfang an vorhatte.

„Nun, wir haben keine Reichtümer bei uns…“, beginnt Ernst zögernd.

Ich werfe Siggi einen triumphierenden Blick zu. Ich hab‘s dir doch gesagt!, denke ich.

Doch Ernst fährt fort: „Aber wir könnten euch mit Gold aus dem Schatz des heiligen Feenhains belohnen.“

Ich spitze die Ohren. Das klingt interessant.

„Und ich glaube, ihr könntet auch an Informationen interessiert sein“, ergänzt Robert. „Wir haben sie erhalten, als wir gestern Abend acht Menschen belauschten, die auf Pferden ritten.“

„Daran sind wir sogar sehr interessiert!“, ruft Siggi begeistert. Ich werfe ihm einen vernichtenden Blick zu. Er hat offensichtlich keine Ahnung davon, wie man Verhandlungen führt.

„Das könnte von uns von Interesse sein“, schränke ich ein. „Was sind das denn für Informationen?“

„Nun, sie sprachen darüber, was sie als Nächstes vorhaben“, erklärt Ernst.

„Juchu!“, jubelt Siggi und hüpft vor Aufregung hin und her. „Das wird ja immer besser! Feen, ein Schatz, und nun auch noch wichtige Informationen über die geheimnisvollen Söldner! Ich werde noch heute Nacht aufbrechen, um unsere Vorräte zu holen, und dann schnappen wir uns die Diebe!“

Ich seufze. Siggi hat mir damit jegliche Chance zunichte gemacht, eine größere Belohnung herauszuschlagen. Also gebe ich mich geschlagen und bemühe mich in der nächste halben Stunde nach Kräften, die Erwartungen und Hoffnungen der Feen zu dämpfen und Siggi wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Doch er ist völlig durchgedreht.

Immerhin schaffe ich noch, ihn davon abzuhalten, sofort aufzubrechen. Also wirklich: Ein langer Marsch, bei Dunkelheit und dazu noch durch weitgehend unbekanntes Gebiet – so eine blöde Idee habe ich ja noch nie gehört. Naja, vielleicht abgesehen davon, diesen zwei Feen zu helfen.

Ich hoffe nur, dass sich der Feenschatz als ein Haufen unnützer Glaskugeln und die Informationen als wertlos herausstellen. Vielleicht wird Siggi dann seine Lektion lernen und meine Ratschläge zukünftig besser beherzigen.

Denn eins ist sicher: Diese Feen werden uns noch in ganz große Schwierigkeiten bringen, davon bin ich felsenfest überzeugt.

Verhandlungen
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