Feensagen

Als der Morgen graut, sitzt Alex mit seinen Eltern am Küchentisch. Sein Vater war gestern erst sehr spät von der Versammlung zurückgekehrt, und er würde nur zu gern erfahren, was sie beschlossen hatten. Doch sein Vater redet nur über das Wetter.

„Sieht nach Regen aus“, sagt er gerade. „Hoffentlich kommt ordentlich was runter. Den Felder würde das guttun, und unseren Weiden auch.“

Alex, der mit dem Rücken zum Fenster sitzt, dreht sich um und mustert die weiß-graue Wolkendecke über ihm.

„Ich weiß nicht“, antwortet seine Mutter derweil, „sie hängen nicht tief genug.“

Alex nickt zustimmend, sagt jedoch nichts sondern widmet sich wieder schweigend seinem Essen.

„Wo ist eigentlich dein Bruder?“, fragt sein Vater unvermittelt.

„Hm?“ Der junge Hirte sieht zerstreut auf. „Ach ja. Erik ist draußen auf der Weide“, erklärt er. „Er hat die Nachtwache übernommen. Ich glaube, er hat auf einen Angriff der Goblins gehofft.“ Er kichert leise, hört jedoch sofort auf, als er den strengen Blick seiner Mutter auffängt. „Ich werde ihn gleich ablösen“, fügt er hastig hinzu.

„Ja, das ist gut“, nickt der Vater und trinkt einen Schluck Wasser aus seinem Becher.

„Sei heute aber besonders vorsichtig“, ermahnt ihn die Mutter. „Goblins sind viel gefährlicher als Wölfe. Und sie kommen immer in großen Gruppen.“

Alex stöhnt. „Es war nur ein Goblin Mutter. Und ein einzelner Goblin wird uns bestimmt nicht angreifen.“ Er schluckt den Rest seines Brötchens hinunter und holt tief Luft. „Wo wir gerade davon sprechen: Was ist gestern Abend eigentlich noch passiert? Ihr habt mich ja rausgeworfen, bevor die Versammlung zu Ende war …“

„Nun, am Ende hat die Vernunft gesiegt“, berichtete sein Vater und überhörte den vorwurfsvollen Unterton in Alex‘ Frage. „Wir werden einen Boten nach Astamos schicken und den König um Unterstützung bitten.“

„Aber das kann doch Wochen dauern! Was ist, wenn der Magier oder die Söldner früher hier auftauchen?“

„Dann werden wir ihnen sagen, dass wir mehr Zeit brauchen.“

„Und wenn sie sich nicht darauf einlassen?“

Sein Vater runzelt die Stirn. „Dann haben wir keine Wahl.“

„Wir könnten kämpfen.“

„Gegen einen Magier? Sei nicht töricht!“

„Aber wir müssen doch irgendwas tun können!“, ruft Alex empört.

Sein Vater wirft ihm einen strengen Blick zu. „Das machen wir auch.“

Einen Moment ist es still, dann räuspert sich Alex. „Weißt du, ich habe noch mal über diese Sache mit dem Goblin nachgedacht“, sagt er, nun deutlich ruhiger. „Wer sagt denn, dass die Goblins mit dem Magier zusammenarbeiten? Vielleicht macht er ihnen genauso viel Ärger wie uns.“

„Mach dir nicht so viele Gedanken darüber“, antwortet sein Vater unwillig. „Es sind Goblins, das sind aggressive, hinterhältige und durch und durch böse Kreaturen.“

„Aber –“

„Kein aber. Jetzt geh zu deinem Bruder und pass auf die Schafe auf. Und wenn du einen Goblin siehst, dann rede nicht mit ihm, sondern hol Hilfe!“

Alex gibt sich aber geschlagen. „Ist gut Vater“, sagt er seufzend und steht auf. Doch auch nachdem er sich verabschiedet und das Haus verlassen hat, kreisen seine Gedanken immer noch um den geheimnisvollen Magier und den ungewöhnlichen Goblinbesuch von gestern Abend.

Ich sitze am Rande eines Getreidefeldes der Menschen und langweile mich. Siggi ist schon am frühen Morgen aufgebrochen und hat mich mit den beiden Feen alleine gelassen – eine Tatsache, die ich schon eine Stunde später bitter bereut habe.

Ja sicher, er kennt sich hier etwas besser aus, und außerdem war er derjenige, der den Feen unbedingt helfen wollte, also war es mir nur logisch erschienen, dass er auch derjenige ist, der zurückgeht und sich mit den Vorräten abschleppt. Aber andererseits muss ich mir nun schon seit zwei Stunden das nervige Gepiepe dieser beiden Feen anhören, die anscheinend nichts Besseres zu tun haben, als sich gegenseitig die abenteuerlichsten Feensagen zu erzählen.

Wobei „abenteuerlich“ allein ihre Meinung dazu ist, mir fallen dazu nur die Begriffe lächerlich, langweilig, unglaubwürdig und öde ein.

„Und dann schwang Walther, der Weise, sein magisches Zepter und sprach: ‚Möge dieser Rotbuchenhain fortan unser Heim sein und tausend Blumen sprießen zu Ehren derer, die vor uns waren.‘ Und die Blumen sprossen empor und seine Anhänger erfreuten sich an ihnen und fühlten sich fortan so wohl an diesem Ort, dass sie mehr als hundert Jahre dort verweilten.“

„Eine fantastische Geschichte!“, jubelt Ernst. „Findest du nicht auch, Gertrud?“

Ich verziehe das Gesicht. „Lächerlich“, urteile ich. „Ihr Feen mögt ja magischen Feenstaub besitzen, aber einen echten Zauberer hattet ihr noch nie.“

„Natürlich nicht“, piepst Robert irritiert. „Wir kommst du denn darauf?“

„Na du hast doch gerade gesagt, dass er mit seinem Zauberstab gewedelt hat und Blumen gewachsen sind.“

Die Feen fangen plötzlich an zu lachen, was meine Laune weiter verschlechtert.

„Nein nein nein, so war das doch gar nicht“, erklärt Ernst, als er sich von seinem Lachanfall erholt hat. „Feensagen sind immer bildlich gemeint, die darfst du doch nicht wörtlich nehmen.“

„Hä?“, mache ich, wenig geistreich.

„Die Blumen wurden natürlich nicht ‚herbeigezaubert‘, sondern von Walthers Anhängern dort gepflanzt.“

„Ach soo.“ Die Erklärung leuchtet mir schon eher ein. „Warum hast du es denn nicht gleich so erzählt?“

„Na weil wir diese Geschichte immer so erzählen.“ Er lacht wieder. „Aber wie dem auch sei – möchtest du uns jetzt vielleicht mal eine eurer Sagen erzählen?“

„Oh ja, eine Goblinsage“, ruft Robert begeistert, „die würde ich wirklich gerne hören!“

Mein erster Impuls ist, sofort entschieden abzulehnen, doch dann zögere ich. Vielleicht würden mich die beiden Feen zukünftig weniger nerven, wenn ich ihnen eine besonders brutale und blutrünstige Geschichte erzähle und behaupte, alle Goblinsagen wären so. Bestimmt hätten sie dann auch mehr Respekt vor mir. Oder wenigstens mehr Angst.

„Na ja“, sage ich, um Zeit zu gewinnen. „Lasst mich kurz überlegen. Ich könnte–“ Ich unterbreche mich, als mein Blick nach oben abschweift und an einer dicken, grauen Wolkendecke hängenbleibt. „Oh-oh“, mache ich, „ein andermal vielleicht. Jetzt haben wir dafür keine Zeit.“

„Was? Aber wieso denn?“ Die beiden Feen springen plötzlich auf und schwirren wild durcheinander. „Hat uns jemand entdeckt?“

„Was? Nein, das ist es nicht. Aber wir müssen jetzt gleich zu der Stelle gehen, an dem euch der Feenstaub geklaut wurde, damit ich dort nach Spuren suchen kann.“

„Jetzt gleich?“ Die Feen sehen sich unsicher an. „Wäre es nicht besser, wenn wir auf deinen Liebhaber warten würden?“

„Nein, wir – Moment! Auf meinen was?!“

„Auf Siggi, meine ich“, sagt Robert irritiert. „Er ist doch dein Liebhaber, oder nicht?“

Ich schnappe nach Luft. „Nein, ist er nicht!“

„Oh, Verzeihung. Wir hatten das angenommen, weil ihr doch zusammen wart und euch immer diese Blicke zuwerft und –“

Ich hebe die Hand. „Genug davon“, knurre ich. „Und nein, wir warten nicht auf ihn. Denn dann könnten wir erst morgen mit der Spurensuche beginnen, und so wie es aussieht, wäre es dann zu spät.“

„Zu spät? Was meinst du damit?“

„Seht ihr das nicht?“ Ich deute nach oben. „Es wird bald regnen, und der Regen wird alle Spuren wegwaschen.“

„Regen? Ja, da könntest du recht haben. Es sieht wirklich etwas regnerisch aus.“

„Natürlich habe ich Recht. Also los jetzt, Beeilung! Wo wurdet ihr überfallen?“

„Ähm, also das war südlich vom Dorf. Wir müssen also zuerst die Felder überqueren. Folge uns!“

Und damit schwirren die Feen schnurstracks nach Süden, in das Getreidefeld der Menschen hinein. Ich fluche lautlos. Hoffentlich sind die Feen klug genug, sich nicht von den Menschen entdecken zu lassen, denke ich noch, dann ducke ich mich und folge ihnen.

Feensagen
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5 Antworten zu "Feensagen"

  • Sandra sagt:

    Oh, schade, da steht ja nur das Ende der Feensage. Erzählst du sie später nochmal komplett, von Anfang an? Bitte!

  • Alex sagt:

    langweilig!!! erzäl lieber die goblinsage! dann halten die blödn feen villeicht endlich mal die schnauze!!1

  • Gertrud sagt:

    Wow! Hätte nicht gedacht, dass diese langweiligen Feensagen hier auf Interesse stoßen.
    Und eine brutale, blutrünstige Goblinsage? Also das ist schon eher was für mich ^.^

    Wie dem auch sei: Keine Sorge, es kommen nach genug Sagen. Aber die erzähle ich erst an der Stelle, an der ich sie zum ersten Mal gehört habe. Will hier ja nichts durcheinanderbringen ;-)

  • Alex sagt:

    wann den nu???? will jetzt endlich die goblinsage hörn!!!!!!

  • Gertrud sagt:

    So schnell geht das leider nicht. Erstmal gibt es ja jetzt das Adventspecial, und dann ist ja bald Weihnachten und Sylvester…
    Also habt bitte Geduld. Die Sagen kommen schon noch, versprochen!

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