Spurensuche

Ich folge den Feen schweigend durch die Felder. Sie führen mich zuerst ein Stück nach Osten, dann direkt nach Süden, quer über die Felder und östlich am Dorf vorbei. An der Straße der Menschen machen wir kurz Halt, doch es niemand auf ihr unterwegs und so huschen wir ungesehen darüber hinweg. Anschließend geht es weiter nach Süden und schließlich zurück nach Westen.

Insgesamt machen wir dadurch einen Riesenumweg, doch das ist mir ganz recht. Immerhin kommen wir dadurch nur an wenigen Menschen vorbei, und das sind auch nur einfache Bauern, die ihrer Arbeit nachgehen. Falls sie Wachen aufgestellt haben, dann vermutlich nur im Norden und Westen.

Oder sie sind vor dem leichten Nieselregen zurück in ihre Häuser geflüchtet, denke ich sarkastisch. Diese Menschen glauben doch immer noch, dass es Kämpfe und Überfälle nur bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen gibt.

Wir verlassen die Felder und erreichen eine Wiese, auf der mich die Feen nun fast direkt nach Norden führen. Vor einer kleinen Baumgruppe halten sie an, dahinter sehe ich wieder die Menschenstraße.

„Hier ist es passiert“, piepst Ernst. „Als wir hier entlang kamen, sahen wir dort drüben, im Schatten der Bäume, eine Gruppe Reiter, die dort rasteten.“

Er fliegt ein Stück weiter bis zu einem großen, freistehenden Baum, an dessen Stamm er anmutig nach oben schwebt. „Hier oben, in der Krone dieses mächtigen Ahornbaums, versteckten wir die Feenstaubessenz, bevor wir uns den Reitern näherten. Wir wähnten sie sicher, doch als wir zurückkahmen, war sie verschwunden.“

„Hm“, mache ich und sehe mit den Boden um den Stamm herum genauer an. Er wirkt an einigen Stellen so, als wäre er gefegt worden, aber vielleicht war es auch nur der Wind.

„Wir haben alles abgesucht, konnten aber nichts finden. Weder die Essenz selbst, noch den kleinsten Hinweis auf einen Dieb. Es ist, als hätte sie sich in Luft aufgelöst“, klagt Ernst.

Ich würdige dieses Eingeständnis ihrer Unfähigkeit keiner Antwort und betrachte stattdessen eingehend den unteren Teil des Stammes „Wie lange wart ihr weg?“

„Weniger als zehn Minuten“, meint Robert.

„Na das dürfte den drei Goblins mehr als genügt haben“, murmele ich und überlege, ob ich den Baum hinaufklettern soll.

„Drei?“, piepst Robert verwirrt. „Drei Goblins? Aber wie kommst du denn darauf?“

„Wir haben den Boden rund um den Baum ganz genau abgesucht. Es gibt keinerlei Spuren“, ergänzt Ernst.

„Ihr habt am falschen Ort gesucht“, sage ich und deute auf den Stamm. „Hier, seht ihr? An diesen Stellen ist die Rinde abgeschabt. Und hier hat er seinen Dolch benutzt, um besseren Halt zu haben.“

„Könnte es nicht auch ein Mensch gewesen sein?“

„Unwahrscheinlich. Ein Mensch hätte sich nicht so große Mühe gemacht, seine Spuren zu verwischen. Und außerdem wären die Abstände am Stamm dann größer.“

„Also war es ein Goblin, verstehe. Aber wieso drei? Sind sie alle den Baum hinaufgeklettert?“

Ich blinzele überrascht. „Natürlich nicht!“ Wie kommen diese Feen nur immer auf solchen Unsinn? Ich seufze theatralisch. „Also einer steht Wache, um die anderen zu warnen, falls ihr zurückkommt. Der zweite kletterte hinauf und holt die Beute. Und der dritte hat dem zweiten beim Hochklettern geholfen, indem er eine Goblinleiter machte.“ Ich mustere die beiden Feen kritisch. „Ihr wisst doch, was eine Goblinleiter ist, oder?“

„Ja klar“, ruft Robert und fliegt aufgeregt im Kreis. „Einer verschränkt die Hände und hält sie so nach unten, damit der andere hinaufsteigen kann.“

„Aber woher weiß du, das sie es so gemacht haben?“, will Ernst wissen.

„Na das ist doch klar“, sage ich genervt und deute erneut auf den Stamm. „Weil diese Abschürfungen an der Rinde erst hier oben beginnen, und nicht ganz unten.“

„Ach soo“, machen die Feen und starren beeindruckt auf den Stamm. „Und wo sind sie danach hingegangen?“

„Nun, zunächst haben sie hier am Boden ihre Spuren verwischt und dann –“ Ich unterbreche mich. „Moment mal! Bevor ich euch das sage, erzählt mir erstmal, was ihr von den Reitern gewollt habt.“

Die Feen wechseln einen Blick. Dann nicken sie.

„In Ordnung“, meint Ernst, „das haben wir ja so vereinbart. Also zuerst haben wir sie belauscht, weil wir wissen wollten, ob sie vertrauenswürdig sind und uns bei unserer Mission helfen können. Doch wir hielten sie nicht für vertrauenswürdig, daher haben wir uns nach einigen Minuten zurückgezogen. Das ist alles.“

„Nicht vertrauenswürdig?“ Ich ziehe meine Augenbrauen hoch. „Wieso? Was habt ihr gehört?“

„Naja“, druckst Ernst herum. „Sie haben von einem Plan gesprochen, um Vorräte von den Menschen zu erpressen. Und dass sie sich aufteilen wollten, um einen Boten abzufangen, den die Menschen vielleicht aussenden würden. Das erschien uns nicht sehr ehrenhaft, und wir wollten bei unserer wertvollen Fracht kein Risiko eingehen.“

„Genau“, bekräftigt Robert. „Und außerdem haben sie gesagt, dass sie für einen Magier arbeiten würden und – aua!“ Robert reibt sich die Stelle an seinem Arm, nachdem Ernst ihn überraschend geschlagen hat.

„Das mit dem Magier solltest du doch für dich behalten!“, zischt er aufgebracht.

„Tut mir leid“, piepst Robert zerknirscht.

„Und nun ist es raus“, ergänze ich. „Also, was ist mit diesem Magier? Und wieso wolltet ihr das geheim halten?“

Ernst denkt kurz darüber nach. Dann antwortet er bedächtig, als müsse er jedes Wort einzeln abwiegen: „Wir, also unser Feendorf, hatten kürzlich mit einem Magier zu tun, und wir haben uns im Streit von ihm getrennt. Ich darf dir leider keine Einzelheiten nennen, und ich bin auch nicht sicher, ob es sich hier wirklich um den gleichen Magier handelt.“

„Obwohl es sehr unwahrscheinlich ist, dass hier zwei verschiedene Magier zur gleichen Zeit im gleichen Gebiet ihr Unwesen treiben“, wirft Robert ein und handelt sich damit einen vernichtenden Blick seines Begleiters ein.

„Verstehe“, sage ich und denke rasch nach. Demnach wäre dieser mysteriöse Magier, von dem Akim gesprochen hatte, nicht nur bei Goblins und Menschen, sondern auch bei den Feen aktiv. Was er wohl von ihnen wollte? Ein Verdacht blitzt in mir auf. „Dieses Feenzeugs, das ihr verloren habt…“

„Die Feenstaubessenz?“

„Ja genau. Ihr wolltet sie doch nicht etwa zu diesem Magier bringen, oder?“

Die Feen sehen mich entsetzt an. „Natürlich nicht!“, piepsen sie einvernehmlich. „Das würden wir niemals tun! Die Geheimnisse der Feenstaubessenz sind heilig!“

Das klingt glaubhaft, doch völlig überzeugt bin ich noch nicht. Besser, ich erzähle ihnen nichts über den Magier und seine Verbindung zu den Goblins, denke ich. Zumindest vorerst.

„Na gut, für mehr haben wir jetzt keine Zeit. Wir müssen jetzt schnell dieser Spur folgen, bevor der Regen alles wegwäscht.“

Die Feen nicken erleichtert und sehen schweigend zu, wie ich der verwischten Spur nach Westen folge. Doch der Regen ist stärker geworden, und als wir eine Wiese erreichen, verliert sich die Spur. Ich renne minutenlang im Kreis, und fluche dabei lautstark, doch es hat keinen Zweck: Ich finde sie nicht wieder.

Ich will gerade entnervt aufgeben, als mir Ernst plötzlich einen kleinen Beutel mit feinem Pulver unter die Nase hält.

„Was ist das? Feenstaub? Der hilft uns jetzt auch nicht weiter“, schimpfe ich aufgebracht.

„Nein, kein Feenstaub“, piepst Ernst. „Wir nennen es Reponotempora. Damit können wir vergangene Dinge sichtbar machen.“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. „Damit kann man verwischte Spuren sehen?“

„Ja. Aber es wirkt nur sehr begrenzt, und wir haben nicht sehr viel davon. Streue es genau dorthin, wo du die Spuren vermutest.“

„Ok, einen Versuch ist es wert“, brumme ich, schnappe mir den Beutel und gehe ein paar Schritte weiter. „Hier müssten sie vorbeigekommen sein, denke ich.“

Vorsichtig schütte ich etwas von dem Pulver auf den Boden. Zuerst passiert nichts, doch dann erscheint plötzlich wie durch Zauberhand der Abdruck eines Goblinfußes im regennassen Gras.

„Wahnsinn!“, hauche ich. Magie ist wirklich beeindruckend. Und noch mehr, wenn ich sie – wie in diesem Fall – praktisch selber wirken kann.

Ich laufe ein Stück und versuche es erneut. Der Effekt haut mich fast um, doch für die Feen scheint es nichts Besonderes zu sein. Ich folge der Goblinfährte auf diese Weise bis zum Waldrand, wo ich anhalte und mit betont beiläufiger Stimme sage: „Ja, das ist wirklich nützlich, euer Pulver. Wie nennt ihr das nochmal?“

„Reponotempora.“

„Genau. Sagen wir Repo-Pulver. Ihr habt doch nichts dagegen, wenn ich den Rest behalte, oder? Vielleicht brauchen wir es morgen nochmal.“

Ernst zögert nur kurz. „Ich schätze, das ist in Ordnung.“

„Gut“, sage ich und stecke es schnell ein, bevor er es sich anders überlegen kann. „Dann gehen wir jetzt besser wieder zurück. Von hier aus können wir morgen weitermachen.“

„Und dann schnappen wir uns diese gemeinen Diebe!“, jubelt Robert.

„Zuerst müssen wir sie einholen“, sage ich ausweichend. „Sie haben einen großen Vorsprung.“

„Ach, das schaffen wir schon. Was für ein Abenteuer! Davon können wir noch unseren Enkeln erzählen. Ich sage dir, …“ Und damit verfallen die Feen in ihr übliches piepsiges Gequatsche.

Ich seufze. Das wird mir bestimmt den ganzen Rückweg auf die Nerven gehen.

Spurensuche
5 (100%) 3 votes

2 Antworten zu "Spurensuche"

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Neuer Kommentar

Du kannst folgende HTML-Tags und -Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

*

http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_negative.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_scratch.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wacko.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yahoo.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cool.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_heart.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_rose.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_smile.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_whistle3.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yes.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cry.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_mail.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_sad.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_unsure.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wink.gif