Die Sage der mutigen Dacia

Auf dem Rückweg in unser improvisiertes Lager gehen mir die beiden Feen mit ihrem fröhlich-piepsigen Gequatsche gewaltig auf die Nerven. Was die vor uns liegende Aufgabe angeht, also die Goblins verfolgen und den Feenstaub wiederbeschaffen, verspüren sie eine überraschend starke Zuversicht, die ich überhaupt nicht teile.

Ja sicher, ihren Spuren würden wir vermutlich folgen können. Vor allem mit diesem magischen Repo-Pulver, dass die Feen mir gegeben haben. Aber dann steht es immer noch drei gegen zwei, und die drei würden ihre Beute sicher besser bewachen als diese sorglosen Pagegeister. Wie soll ich das bloß anstellen?

Als wir unser Lager erreichen, seufze ich. Die Feen überraschen mich, indem sie es bemerken und ihr Gequatsche für einen Moment unterbrechen.

„Was ist denn los?“, piepst Robert.

„Ach nichts“, antworte ich und mustere geistesabwesend die erkaltete Feuerstelle. Ich habe keine Lust auf lange Erklärungen, und außerdem ist das ja eigentlich auch Siggis Aufgabe. Er hatte schließlich eingewilligt, den beiden zu helfen. Ich wollte sie davonjagen.

„Was machen wir denn jetzt?“ fragt Ernst, flattert ein wenig auf mich zu und schiebt sich dadurch wieder in mein Blickfeld.

Ich muss diese Nervensägen unbedingt loswerden, denke ich. Laut sage ich: „Ich gehe in den Wald, ein bisschen Feuerholz sammeln.“ Für das Mittagessen würden wir es zwar nicht brauchen, aber heute Abend vermutlich schon. Und etwas Zeit für mich, um mal in Ruhe nachzudenken, würde mir sicher gut tun.

Doch Robert macht meine Pläne zunichte. „Super“, ruft er begeistert. „Da leisten wir dir natürlich gern Gesellschaft. Haben wir dir eigentlich schon die Sage der mutigen Dacia erzählt?“

Ich stöhne. Nicht noch eine Sage. „Ähm“, mache ich, um Zeit zu gewinnen, „nein, noch nicht.“ Wie schaffe ich es nur, dass mich die Feen in Ruhe lassen? „Aber ihr bleibt besser hier und bewacht das Lager“, füge ich hastig hinzu.

Die Feen sehen mich irritiert an. „Das Lager bewachen?“, bringt Ernst schließlich hervor. „Aber wie denn?“

Ich mustere das knapp zehn Zentimeter große Geschöpf vor meiner Nase. Ok, blöde Idee. Die beiden dürren Feen könnten ja nicht einmal eine verirrte Fliege abwehren, geschweige denn ein wildes Tier oder gar einen bewaffneten Angreifer.

„Na schön“, sage ich. „Aber ihr haltet die Augen offen und sagt mir Bescheid, falls sich jemand nähert. Oder etwas.“

„Klar, das machen wir“, sagt Ernst erfreut. Trotzdem habe ich nicht den Eindruck, dass ich mich auf seine Beobachtungsgabe verlassen kann.

„Also, diese Dacia…“, beginnt Robert.

Ich stöhne erneut. Dann drehe ich mich entschlossen um und stapfe in den Wald hinein. Diese blöden Feen und ihre langweiligen Sagen!, denke ich wütend. Was die beiden Feen aber nicht davon abhält, mir zu folgen und ihre belanglose Sage weiterzuerzählen.

„Dacia war eine tapfere junge Fee, die in der Seerosenkolonie ‚Marienglück‘ aufwuchs, später den weisen Häuptling der Schmetterlingsfarm ‚weißer Falter‘ heiratete und viele Kinder mit ihm hatte“, erzählte Robert.

Ich halte den Blick fest auf den Boden geheftet, bücke mich ab und zu nach einem trockenen Ast und gebe mir die größte Mühe, die piepsige Stimme auszublenden.

Aber Robert bemerkt mein Desinteresse anscheinend nicht und fährt schwärmerisch fort: „In ihren jungen Jahren, als sie noch in ‚Marienglück‘ lebte, ereignete es sich, dass die Seerosenkolonie von einem großen Unglück bedroht wurde.“

„Dazu musst du wissen“, ergänzt Ernst, „dass die Seerosenkolonie ‚Marienglück‘ am Ufer des großen Farun-Sees lag, und dort gab es auch zwei große Menschen-Dörfer: Divo und Divu.“

„Genau“, nickt Robert eifrig. „Zunächst kamen die Feen mit den Menschen sehr gut aus und betrieben sogar Handel mit ihnen, doch dann entbrannte Streit unter den Menschen und –“

„Dieser Streit hatte aber nichts mit den Feen zu tun“, fällt ihm Ernst wieder ins Wort und fängt sich dadurch prompt einen gut gezielten Boxhieb auf den Arm ein.

„He, ich erzähle die Geschichte!“

„Ich wollte doch nur helfen“, brummt Ernst verlegen und reibt sich seinen Arm.

„Also die Menschen führten Krieg gegeneinander“, nimmt Robert den Faden wieder auf. „Und diesen Krieg führten sie nicht an Land, sondern hauptsächlich zu Wasser, also auf dem Farun-See.“

„Willst du nicht zuerst erzählen, worum es bei diesem Krieg ging?“, fragt Ernst wieder.

„Wollte ich doch grade“, erwidert Robert verstimmt. „Also viele Menschen in Divo und Divu lebten vom Fischfang, und obwohl der Farun-See so groß war, stritten sie sich um die besten Fangplätze. Zuerst waren es nur ein paar Fischer, die sich gegenseitig sabotierten, um den besten Fangplatz für sich allein zu haben, aber ihre Zahl wuchs schnell an, denn die anderen Menschen wollten ihren Fischern helfen und für ihr Dorf kämpfen. Und so waren es bald so viele Menschen, dass sie nicht mehr genug Boote für alle hatten und immer neue und größere Boote bauen mussten, und schließlich war der ganze See gefüllt mit den großen Booten der Menschen.“

Ich hebe skeptisch die linke Augenbraue. Der ganze See voller Boote? Ich vermute, dass die Feen mal wieder maßlos übertreiben.

„Die Feen der Seerosenkolonie beobachteten die Menschen und waren in großer Sorge, denn durch die vielen Boote, den starken Bootsverkehr und die gewalttätigen Schlachten der Menschen war das Wasser nur noch selten so ruhig, wie sie es gewohnt waren. Immer öfter gab es Hochwasser und schwere Flutwellen, die der Kolonie großen Schaden zufügten.“

Hochwasser? Flutwellen? Ist das wieder eine ihrer maßlosen Übertreibungen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein paar Boote solche Schäden verursachen können. Andererseits sind die Feen ja viel kleiner als wir Goblins. Und ich habe gehört, dass die Feendörfer nicht sehr stabil gebaut sind. Sicher, das Fliegengewicht der Feen halten die Böden, Decken und Wände locker aus, aber schon eine kräftige Windbö kann einem Feendorf wegpusten, im wahrsten Sinne des Wortes.

So gesehen wäre es also möglich, dass ein paar Bote ebenfalls großen Schaden anrichten können, denke ich mir und betrachte kritisch den Stapel Feuerholz, den ich im Arm halte. Ja, das sollte mehr als genug sein. Ich drehe um und gehe wieder ins Lager zurück.

Robert erzählt unterdessen munter weiter: „Und so kamen die Ältesten und Weisesten des Feendorfes zusammen, um über die Lage zu beraten, doch niemand wusste einen Ausweg. Einige sprachen sogar davon, die Kolonie aufzugeben und das ganze Dorf an einer anderen Stelle neu aufzubauen.“

„Das wäre eine riesige Katastrophe gewesen“, mischt sich Ernst wieder ein. „Sie lebten dort schon viele Generationen lang und hatten ein unglaubliches Wissen über die Seerosenzüchtung erworben und–“

„Doch die meisten ihrer Ergebnisse“, unterbricht Robert ihn seinerseits, „steckten in den Seerosen selbst, in ihrem Erbgut, und das hätten sie nicht mitnehmen können.“ Er wirft Ernst einen warnenden Blick zu, der ihm wohl dazu anhalten soll, die Klappe zu halten. „Und in dieser schwierigen Lage kam nun die tapfere Dacia zum mächtigen Feenrat und machte einen mutigen Vorschlag: Sie wollte zu den Menschen gehen und anbieten, ihren Streit mit friedlichen Mitteln beizulegen.“

„Was soll denn daran mutig sein?“, frage ich entgeistert und beiße mir im nächsten Moment auf die Zunge. Ich wollte doch kein Interesse an dieser blöden Feengeschichte zeigen, verdammt! Naja, nun war es zu spät.

„Also, das war doch verdammt mutig!“, ruft Robert überzeugt, und Ernst stimmt ihm heftig nickend zu: „Wer sich in einen Streit einmischt, kann ganz schnell selbst zwischen die Fronten geraten, das weiß doch jeder! Dacia hätte von den Menschen einfach zerquetscht werden können!“

„Oder vielleicht sogar das ganze Feendorf!“, ergänzt Robert wieder. „Und genau aus diesem Grunde wurde ihr Vorschlag auch zuerst abgelehnt. Doch die mutige Dacia ließ sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen. Am Ende flog sie trotz des gewaltigen Risikos ganz allein und ohne den Segen des Feenrates zu den Menschen. Sie fand sie mitten auf dem See, wo sich hunderte Boote der Menschen dicht an dicht aneinanderdrängten. Auf der einen Seite die Menschen aus Divo, auf der anderen die aus Divu. Sie warfen sich giftige Blicke, böse Worte, ja teilweise sogar stinkende Fische an den Kopf und drohten sich gegenseitig mit Angelruten und Fischernetzen. Keine der beiden Seiten wollte auch nur einen Millimeter zurückweichen!“

Wir sind mittlerweile wieder im Lager angekommen. Ich lege das Feuerholz ab und beginne damit, es zu einem Lagerfeuer aufzuschichten. Die Arbeit ist reine Routine, und komme ich nicht umhin, Robert weiterhin zuzuhören.

„Aber mitten in dieses Chaos flog nun die mutige Dacia. Und obwohl sie so klein war, verglichen mit den großen Menschen, schaffte sie es, die Blicke aller Fischer auf sich zu ziehen.

Mit sanfter Stimme sprach sie zu ihnen, appellierte an ihre Vernunft und flehte sie am Schluss schließlich geradezu an, ihren Konflikt mit friedlichen Mitteln beizulegen und sich nicht länger gegenseitig zu bekämpfen.

Und die Menschen waren so beeindruckt von ihrem großen Mut, dass sie ihren Zwist überwanden, ihr Herz öffneten und sich am Ende freundschaftlich die Hand reichten.“

Ich blinzele überrascht. „Hä? Wie jetzt? Einfach so? Wer hat denn jetzt die guten Fangplätze bekommen?“

„Oh“, erklärte Robert eifrig, „mit Hilfe der mutigen Dacia schlossen sie einen weisen Kompromiss, der es allen Fischern ermöglichte, friedlich nebeneinander dort zu fischen.“

„Hm“, mache ich und bin nicht überzeugt. „Kommt mir irgendwie seltsam vor.“ Ob die beiden die Geschichte richtig erzählt haben?

„Aber genau so hat es sich zugetragen“, piepst Robert überzeugt und Ernst stimmt ihm sofort zu: „Ja genau! Das war so ähnlich wie die Sage vom mutigen Felix, der hat nämlich…“

Ich stöhne erneut, ziehe etwas altes Brot aus der Tasche, die Siggi hier zurückgelassen hat, und beginne mechanisch zu kauen.

Das wird noch ein verdammt langer Tag werden.

Die Sage der mutigen Dacia
5 (100%) 3 votes

6 Antworten zu "Die Sage der mutigen Dacia"

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Neuer Kommentar

Du kannst folgende HTML-Tags und -Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

*

http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_negative.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_scratch.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wacko.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yahoo.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cool.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_heart.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_rose.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_smile.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_whistle3.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yes.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cry.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_mail.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_sad.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_unsure.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wink.gif