Die Goblinsage

Genervt starre ich in das flackernde Lagerfeuer. Ich habe wirklich alles versucht, um die Wartezeit sinnvoll totzuschlagen und den beiden lästigen Feen dabei möglichst weit aus dem Weg zu gehen, aber es war zwecklos. Sie kleben an mir wie die Kletten.

Dabei habe ich das Lagerfeuer extra früh angezündet, um einen Grund zu haben, noch einmal Feuerholz suchen zu gehen. Aber die Feen haben natürlich prompt wieder darauf bestanden, mich zu begleiten, und mich dabei die ganze Zeit mit ihren piepsigen Stimmen zugetextet.

Nicht, dass ich sie dazu aufgefordert hätte. Im Gegenteil: Ich habe sie mehrfach gebeten, zur Abwechslung mal die Klappe zu halten, aber das hat nie lange angehalten.

Hoffentlich kommt Siggi bald zurück, denke ich verzweifelt. Dann soll er sich mal eine Weile um die beiden Plagegeister kümmern!

Ich überlege, wie ich die Wartezeit sinnvoll verkürzen könnte. Ich könnte mich beispielsweise zum nahen Dorf zu schleichen und die Menschen zu beobachten. Doch ich verwerfe den Gedanken gleich wieder, denn mit den Feen im Schlepptau ist mir das zu gefährlich. Sicher, wenn ihr Gequatsche entdeckt wird (und das kann man nicht überhören, glaubt mir, ich habe es versucht!), dann können sie sich einfach unsichtbar machen. Aber ich kann das nicht. Und ich verspüre keinerlei Lust, mich von den Menschen jagen zu lassen.

Also bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als hier sitzen zu bleiben, ins Lagerfeuer zu starren und die Folter über mich ergehen zu lassen.

Ich seufze. Hörbar. Was ein Fehler ist, denn ich ziehe damit unweigerlich die Aufmerksamkeit der beiden Feen auf mich.

„Erzählst du uns jetzt die Goblinsage, die du uns heute Morgen versprochen hast?“, piepst Robert plötzlich.

„Hm?“ Achja, die Goblinsage. Nun, genaugenommen habe ich ihnen gar nichts versprochen. Aber andererseits ist es eine günstige Gelegenheit, sie für ein paar Minuten zum Schweigen zu bringen. Und wenn ich die Sage blutig und brutal genug ausschmücke, werden mich die Feen in Zukunft sicher in Ruhe lassen. Vielleicht werden sie mich sogar fürchten. Ich lächele bei dem Gedanken.

„Ok, mache ich“, sage ich laut. „Aber ihr müsst dann auch leise sein und gut zuhören.“

Die Feen nicken eifrig, landen auf dem Boden vor mir, setzen sich auf einen großen Stein und sehen mich erwartungsvoll an.

Ich atme tief durch und denke an eine alte Sage, die mir meine Mutter früher oft erzählt hat. „Diese Sage ist schon sehr alt“, beginne ich, „aber sie wurde von Generation zu Generation unter den Goblins weitergegeben und ich versichere euch, dass sie sich wirklich so zugetragen hat.“

Die Feen nicken begeistert. Sie glauben mir sowieso alles, was ich sage, und wenn es der größte Schwachsinn ist. So mag ich mein Publikum. Energisch fahre ich fort:

„Zu jener Zeit lebten nicht weit von hier zwei mächtige Goblin-Clans. Der eine Clan, angeführt von der heimtückischen Kween Videna, lebte im Norden, und der andere Clan, der von der listigen Kween Rega geleitet wurde, lebte eine halbe Tagesreise südlich davon.

Und da dieses beiden Clans so mächtig waren und ihre Dörfer so dicht beieinander lagen, kam es, wie es kommen musste: Ein blutiger Krieg entbrannte zwischen ihnen, denn beide Clans wollten die Vorherrschaft über das umliegende Gebiet erringen.“

Ich bemerke, dass die Feen bei den Worten „blutiger Krieg“ zusammenzucken. Die Feen verabscheuen Gewalt. Ich unterdrücke ein hämisches Grinsen und beschließe, sie noch stärker hervorzuheben.

„Doch auch nach mehreren Wochen des blutigen Kampfes konnte keine Seite einen eindeutigen Vorteil erlangen. Bis es schließlich zu der schicksalhaften Schlacht kam, die alles verändern sollte.

Im Schutze der Nacht führte die heimtückische Videna ihre Krieger zum Dorf des Rega-Clans. Natürlich war das Dorf gut auf Angriffe vorbereitet: Eine große Palisade rundherum schützte die Hütten im Inneren, und erfahrene Krieger patrouillierten auf ihr und hielten ständig nach Feinden Ausschau.

Einen normalen Angriff hätte der Rega-Clan also leicht abwehren können, doch die kluge Videna wartete. Sie wartete auf Hanak.

Hanak“, erkläre ich den Feen, die fragend zu mir aufschauen, „ist eine sehr wichtige Nacht für uns Goblins. Es ist die Nacht des neunzehnten Neumonds nach Fidehgo, und die Götter verlangen, dass wir ihnen in dieser Nacht ein Opfer bringen und zu ihnen beten.

Zu Ehren der Götter zündete Rega also ein großes Feuer an und der ganze Clan versammelte sich darum, um den Göttern zu huldigen.

Doch die heimtückische Videna scherte sich nicht um heilige Bräuche, sondern nutzte genau diesen heiligen Moment, in dem der Rega-Clan abgelenkt war, für ihren Angriff. Im Nu hatten ihre Krieger die unbewachten Palisaden überwunden und fielen in das Dorf ein, wo sie nur auf wenig Widerstand stießen und nach Herzenslust mordeten, plünderten und brandschatzen.“

„Oh, wie schrecklich!“, entfährt es Ernst.

„Die armen Goblins!“, ruft Robert erschrocken. „Und die arme Rega!“

„Auch Rega wurde bei diesem Angriff getötet“, berichte ich erbarmungslos. „Und das völlig zu Recht, denn sie trug die Schuld an diesem Angriff, weil sie den Angreifern das Dorf schutzlos ausgeliefert hatte, obwohl sie ja von der Bedrohung durch Videna wusste.

Die Krieger, die den ersten Angriff überlebt hatten, griffen zu ihren Waffen, kämpften mit der Kraft der Verzweiflung und schafften es am Ende, Videna zu vertreiben.

Doch der Schaden war groß, viele Krieger waren gefallen und als der Clan zusammenkam, um über ihre nächsten Schritte zu beraten, da herrschte so große Verzweiflung, dass einige von ihnen ihre Niederlage eingestehen und sich sogar der heimtückischen Videna ergeben wollten.

Und in dieser Stunde der Not, der Trauer und des Elends stand die unbeugsame Anja auf und sprach zu ihrem Clan.“

Bei dem Namen Anja fällt mir etwas ein und ich unterbreche meine Geschichte, um die Feen mit meinem geschichtlichen Wissen zu beeindrucken. „Anja hieß eigentlich Anjámma-rémma, aber der Name wurde später zu Anja verkürzt“, erkläre ich ihnen. „Wir Goblins hatten früher nämlich alle sehr lange Namen, aber sie wurden im Laufe der Zeit so stark gekürzt, dass wir heute nur noch selten wissen, aus welchem langen Namen unsere heutigen entstanden sind.“

Ja, nun waren die Feen wirklich beeindruckt. Zufrieden fahre ich fort:

„Also Anja sprach zu ihrem Clan: ‚Warum sitzt ihr hier und redet von Hoffnungslosigkeit und Kapitulation? Ja, wir haben eine Niederlage erlitten, aber wollt ihr euch wirklich dem Clan unterwerfen, der unser Dorf verwüstet und unsere Brüder, unsere Familien und unsere Kween ermordet hat? Ich sage: Nein! Wir müssen uns an ihnen rächen! Sie sollen für diese Gräueltaten bitter bezahlen!‘

Ihre flammende Rede überzeugt die Krieger und so machten sie Anja zu ihrer neuen Kween und sie erklärte ihnen ihren Plan. Doch die kluge Anja hielt sich nicht mit Titeln oder Zeremonien auf, sondern schickte sofort einen Boten zu Videna und erklärte ihm ganz genau, was er zu tun hatte.

Und der Bote folgte ihren Anweisungen. Er fiel vor Videna auf die Knie, gratulierte ihr zu ihrem großen Sieg und bat darum, dass sie sich mit der neuen Anführerin seines Clans an einem neutralen Ort treffen möge, um über einen Friedensvertrag zu verhandeln.“

„Oh, Frieden“, murmeln die Feen. „Das ist gut.“

Ich beachte sie nicht. „Die heimtückische Videna traute dem Friedenangebot freilich nicht. Der Bote bat darum, dass sie mit nur fünf Kriegern zum vereinbarten Ort kommen möge, aber sie witterte eine Falle und so nahm sie kurzerhand alle Krieger mit sich, um bei den Verhandlungen in der Überzahl zu sein.

Oh, wie sehr sie sich irrte!“

„Es war also keine Falle?“, fragte Robert aufgeregt.

„Doch, natürlich war es eine Falle, aber nicht so, wie sie dachte. Denn kaum hatte Videna ihr Dorf mit all ihren Kriegern verlassen, da führte Anja ihrerseits ihren gesamten Clan in Videnas Dorf. Kein Krieger war zurückgeblieben, um es zu bewachen, und so konnte sie das Dorf in wenigen Minuten praktisch widerstandslos einnehmen.

Als Videna endlich ihren Fehler bemerkte und zurückeilte, war es bereits zu spät. Da sie das Leben der zurückgebliebenen Kinder, Verletzten und Alten nicht gefährden wollte, die Anja als Geiseln genommen hatte, blieb Videna nichts anderes übrig, als sich ihr zu ergeben.

Und so schaffte Anja das, worin ihre Vorgängerin Rega so grandios gescheitert war, an nur einem Tag und ohne ein einzigen weiteren Krieger zu verlieren, weshalb sie noch heute von vielen Goblins verehrt und bewundert wird.“

Ich halte kurz inne und überlege. Eigentlich ist die Sage an dieser Stelle zu Ende, aber ich will sie noch etwas ausschmücken, damit die Feen mich in Zukunft auch auf jeden Fall in Ruhe lassen. Aber als ich gerade den Mund aufmachen will, um ein blutiges Gemetzel hinzuzufügen, werden meine Pläne wüst zunichtegemacht.

Denn Siggi sucht sich genau diesen Moment aus, um laut schnaufend und mit einem gewaltigen Berg an Vorräten in unser Lager zu platzen.

Also das passt mir ja jetzt überhaupt nicht.

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