Die große Höhle

Müde laufe ich an der Felswand entlang. Es ist schon tiefe Nacht und stockdunkel, aber ich habe immer noch keinen passenden Platz für ein Nachtlager gefunden. Direkt neben meiner Höhle lagen zwar noch einige andere, aber so nahe an meinem alten Lager ist mir die Gefahr einfach zu groß, dass mich die fremde Goblinbande dort aufspüren könnte.

Also schleppe ich mich weiter. Der Hund folgt mir immer noch, aber ich achte kaum auf ihn. Um ihn werde ich mir später Gedanken machen, jetzt brauche ich erst einmal einen Platz zum Schlafen.

Nach gut zwei Stunden (die mir wie eine Ewigkeit vorkommen), entdecke ich endlich eine größere Höhle. Ich bin sofort wieder hellwach und untersuche den Boden vor dem Eingang. Er besteht hier aus nacktem Fels, daher gibt es kaum Spuren, und aus dem Wenigen, was ich bei dem schalen Mondlicht entdecke, werde ich nicht so recht schlau.

Hmm. Meine Lehrer haben mich oft ermahnt, nie allein in eine Höhle zu gehen, wenn ich nicht genau weiß, was mich dort erwartet. Das wäre viel zu gefährlich. Aber andererseits kann es noch Stunden dauern, bis ich etwas Besseres finde.

Die Müdigkeit siegt über die Vorsicht und ich schleiche hinein. Der Hund bleibt vor dem Eingang stehen und winselt leise. Ich seufze innerlich und gebe ihm ein Zeichen, damit er die Klappe hält. Von mir aus kann er gerne vor der Höhle schlafen.

Wachsam erkunde ich die Höhle, stelle aber rasch fest, dass sie leer ist, zumindest der vordere Teil. So weit so gut. Ich gehe weiter und entdecke einen hohen Durchgang, der zu einem ebenso hohen, breiten Gang führt.

Dort schlägt mir plötzlich ein strenger, unverwechselbarer Geruch entgegen und ich zucke zurück.

„Ich Idiot“, beschimpfe ich mich selbst. „Ich bin in einer Trollhöhle gelandet! Klar, deshalb wollte der Hund auch nicht mit reinkommen! Ich muss hier sofort raus.“

Ich laufe so schnell ich kann zum Eingang zurück, doch es ist zu spät: Ein riesiger, muskelbepackter Troll betritt die Höhle. In der rechten Hand hält er eine große Keule (die Lieblingswaffe der Trolle), in der anderen eine Fackel.

Verfluchter Mist!

Er hat mich noch nicht entdeckt, aber vor dem Schein der Fackel kann ich mich hier nirgends verstecken. Mir bleibt keine Wahl: Ich muss tiefer in die Höhle hinein.

So schnell mich meine Beine tragen renne ich zu dem Durchgang. Ich erreiche ihn grade noch rechtzeitig, bevor der Troll die vordere Höhle (die im Vergleich zu ihm nun gar nicht mehr so groß wirkt) mit seiner Fackel völlig ausleuchtet.

Ich kann ihn nun besser erkennen. Er überragt mich sicher um meine dreifache Körpergröße und ist selbst für einen Troll sehr kräftig gebaut. Nein, ein Kampf mit ihm kommt wirklich gar nicht in Frage. Über seiner Schulter hängt ein großer Sack aus groben Leinen, in dem etwas verstaut ist.

Ist das da frisches Blut an seiner Keule? Ich erbleiche und der irre Gedanke huscht durch meinen Schädel, dass mein Blut vielleicht auch bald dort kleben wird.

Aber ich habe keine Zeit mich zu fürchten, denn jetzt dreht er sich in meine Richtung und kommt auf mich zu. Hat er mich entdeckt? Nein, ich glaube nicht, aber ich muss hier unbedingt weg. Also renne ich weiter, obwohl ich nur wenig erkennen kann, und suche verzweifelt nach einem zweiten Ausgang.

Nach einer leichten Biegung sehe ich plötzlich vor mir den flackernden Schein eines Lagerfeuers. Und noch schlimmer: Ich höre Stimmen. Trollstimmen.

Nein, nein, nein, nein, nein!

Das kann doch nicht wahr sein! Soviel Pech kann ich doch gar nicht haben! Hinter mir der riesige Übertroll mit der Fackel, und vor mir ein ganzen Trolllager! Und nirgends ein Platz, wo ich mich verstecken kann.

Ich höre den Troll hinter mir. Dem Schein der Fackel nach muss er fast an der Biegung sein, und er kommt ständig näher.

Ich haste weiter über den holprigen Boden und gelange schließlich in eine zweite, noch größere Höhle. In der Mitte flackert ein helles Lagerfeuer. Daneben sitzt ein weiterer, riesiger Troll, der anscheinend gerade mit Kochen beschäftigt ist, und drum herum rennen spielend zwei kleinere Trolle, die aber trotzdem noch doppelt so groß und viermal so schwer sind wie ich.

„Na klasse“, denke ich ironisch, „eine ganze Trollfamilie.“

Ich denke, selbst die kleinen Trollkinder könnten mich wohl ohne Probleme hochheben, durchschütteln und an der nächste Wand zerquetschen.

Hinter mir höre ich wieder den Übertroll näher kommen, also sehe ich mich eilig um. Die Höhle ist durch das Lagerfeuer recht gut ausgeleuchtet, aber ich sehe keinen zweiten Ausgang. Mein Herz klopft mir bis zum Hals. Wie soll ich hier nur wieder herauskommen?

In letzter Minute entdecke ich direkt neben dem Gang einige schmale Felsspalten. Es ist meine einzige Chance, also zwänge ich mich kurzerhand in die Größte hinein und halte den Atem an.

Keinen Augenblick zu früh: Der riesige Übertroll (scheinbar der Vater der Familie) kommt herein und seine beiden Kinder stürmen begeistert auf ihn zu. Sie begrüßen ihren Vater mit lauter und (zumindest für einen Troll) heller Stimme und toben ausgelassen um ihn herum.

Der Troll verzieht das Gesicht (soll das ein Lächeln sein? Ich habe vorher noch nie einen Troll lächeln sehen, daher bin ich mir nicht ganz sicher), hebt seine Kinder mühelos hoch und trägt sie vergnügt zum Lagerfeuer zurück.

Angespannt sehe ich zu, wie er Keule und Fackel zur Seite legt und stolz den großen Sack auspackt, der über seiner Schulter gehangen hatte. Ich kann es nicht genau erkennen, aber ich glaube, es ist ein totes Reh.

Die ganze Familie richtet ihre Aufmerksamkeit nun vollständig auf die Zerlegung und Zubereitung des Rehs (ihr Abendessen?), und damit ist endlich meine Chance gekommen, mich zu verdrücken.

Vorsichtig zwänge ich mich aus der Felsspalte, behalte aber die Trollfamilie dabei ständig im Auge. Gut, niemand sieht zu mir hinüber.

Ich schleiche auf Zehenspitzen die wenigen Schritte zum Durchgang und schlüpfe hinein. Die Trolle sind immer noch mit dem Reh beschäftigt, also husche ich schnell durch den Gang und in die vordere Höhle.

Wie erwartet ist sie leer (welcher Idiot würde sein Lager schon in einer Trollhöhle aufschlagen?) und ich kann sie endlich verlassen.

Draußen halte ich erschöpft an und genieße die frische Nachtluft. Nach dem Gestank in der Trollhöhle ist sie eine wahre Wohltat.

Ich sehe hinauf zu den Sternen. Mitternacht ist schon vorüber, und ich sollte mir jetzt wirklich dringend einen Platz zum Schlafen suchen, um mich wenigstens etwas erholen zu können.

Plötzlich taucht mein Hund wieder auf, wedelt freudig mit dem Schwanz und begrüßt mich stürmisch. Ich halte ihn mühsam davon ab, an mir hochzuspringen (er ist viel schwerer als ich und könnte mich glatt umwerfen!) und tätschle ihm nur kurz den Kopf.

„Du dachtest doch nicht etwa, dass ich ewig in dieser stinkenden Trollhöhle bleibe“, schelte ich ihn freundlich.

Dann seufze ich. Eigentlich sollte ich ihn ja wegschicken, aber nach diesem Abenteuer genieße ich seinen vertrauten Anblick einfach viel zu sehr. Und sonst habe ich ja niemanden mehr…

Ich reiße mich zusammen. „Nein, ich werde zu meinem Clan zurückkehren“, erkläre ich dem Hund. „Ganz bestimmt. Ich halte mich einfach an meinem Plan, dann kann nichts schiefgehen.“ Ich überlege kurz. „Und mein Plan sagt, dass wir uns jetzt ausruhen müssen. Weißt du zufällig einen guten Platz zum Schlafen?“

Der Hund gibt ein kurzes, bestätigendes Wuff! von sich und rennt los, bleibt aber nach ein paar Schritten stehen und dreht sich um. Offensichtlich will er, dass ich ihm folge.

Da ich keine bessere Idee habe, lasse ich mich darauf ein und folge dem Hund zu einem kleinen, rundlichen Erdloch. Es ist zwar nicht so bequem wie ich es aus meinem Dorf gewohnt bin, aber für eine Nacht sollte es genügen.

Die dichten, hohen Gräser, die rundherum wachsen, sollten mich außerdem vor einer zufälligen Entdeckung schützen.

„Das hast du gut gemacht“, lobe ich meinen Hund zufrieden und kraule ihm den Kopf. Dann steige ich in das Erdloch hinein und mache es mir auf den weichen Grasbüscheln bequem.

Der Hund legt sich neben mich und kurz darauf bin ich fest eingeschlafen.

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