Siggis Rückkehr

Hinweis: Den folgenden Abschnitt hat Siggi meinen Aufzeichnungen zu einem späteren Zeitpunkt hinzugefügt. Ich ergänze ihn an dieser Stelle, weil ich denke, dass er hier ganz gut reinpasst.

Mühsam plagte sich Siggi durch das Unterholz. Es dämmerte bereits und der große Rucksack auf seinem Rücken wurde mit jedem Schritt schwerer, wohl auch, weil er noch eine ganze Menge kleinerer Beutel und Taschen daran festgebunden hatte.

Gleich ist es geschafft, dachte er zuversichtlich. Es ist nicht mehr weit. Nur noch ein paar Kilometer.

Er dachte an das improvisierte Lager, dass er heute Morgen in aller Frühe verlassen hatte. Ja, ein gemütlicher Platz zum Ausruhen. Das ist es, was ich jetzt brauche. Der Gedanke gab ihm neue Kraft.

Aber es war nicht nur das Lager, das ihm einfiel: Feen, echte Feen, waren dort und warteten auf ihn! Und noch mehr: Sie hatten ihn nicht nur für vertrauenswürdig befunden, nein, sie hatten ihn auch noch um Hilfe gebeten und ihm ihre größten Geheimnisse anvertraut! Er konnte es immer noch nicht fassen.

Ist das ein Wink des Schicksals?, fragte er sich. Dann, feierlich: Ich schwöre, dass ich alles tuen werden, damit ihr Vertrauen in mich nicht enttäuscht wird!

Die Feen können sich voll und ganz auf mich verlassen!

Bald würde er bei ihnen sein. Und bei Gertrud. Hmm. Gertrud.

Lag es nur daran, dass er schon so lange allein gelebt hatte? Er hatte immerhin seit Jahren keinen anderen Goblin mehr gesehen. Und sie war so… stark. Und intelligent. Und verdammt mutig. Hatte sie nicht erzählt, dass sie ganz allein in eine Trollhöhle geschlichen war?

Gut, er hatte natürlich in Erwägung gezogen, dass sie dabei ein klein wenig übertrieben hatte. Aber dann hatte er selbst miterlebt, wie sie ohne zu zögern die Spur der Reiter aufgenommen, vor denen er sich so gefürchtet hatte.

Und bei der Jagd vorher hatte sie sich auch nicht dumm angestellt. Der große Waschbär, den sie ganz allein erlegt hatte und dessen Fleisch sich nun in seinem Rucksack befand, war der Beweis dafür.

Sie würde sicher eine gute Kween abgeben, dachte er. Ich würde ihr überallhin folgen.

Er hielt überrascht inne. Hatte er das wirklich gerade gedacht? Würde er ihr tatsächlich folgen?

Er nickte langsam und ging bedächtig weiter. Ja, das würde er.

Aber was war mit seinem lang ersehnten Traum von Freiheit und Unabhängigkeit? Es war sein größter Wunsch gewesen, damals, in seinem alten Clan, und allein dieser Wunsch hatte zu dem Streit mit seiner Kween geführt. Und zu seinem einsamen Exil…

Aber bei Gertrud ist es etwas anders. Vielleicht sollte ich…

Er wischte den Gedanken abrupt beiseite. Dafür ist er noch zu früh. Ich muss auf einen günstigen Zeitpunkt warten!

Jetzt musste er wie versprochen die Vorräte ins Lager bringen, damit sie morgen den Feen bei ihrer Spurensuche helfen und ihnen die gestohlene Feenstaubessenz zurückbringen konnten. Und dann sollte er Gertrud auch unbedingt noch von der Beobachtung berichten, die er heute Vormittag gemacht hatte. Ja, das würde sie sicher interessieren.

Er beschleunigte seine Schritte, als er in der Ferne das flackernde Licht eines kleinen Feuers entdeckte. Das muss unser Lager sein, freute er sich. Trotz seiner schweren Last rannte er die letzten Meter fast und war folglich fix und fertig, als er es endlich erreichte.

Laut schnaufend und nach Atem ringend streifte er den Rucksack einfach ab und ließ sich mit einem dumpfen Plumps neben ihnen auf den Boden fallen.

Einen kurzen Moment lang hatte er den Eindruck, dass er Gertrud bei irgendetwas unterbrochen hatte, aber dann begrüßten die Feen ihn auch schon so fröhlich, dass er alles andere vergaß.

„Ah, da bist du ja wieder!“

„Schön, dass du wieder da bist!“

„Oh, das sind aber viele Vorräte! War dir das nicht zu schwer?“

„Du Ärmster! Musstest das alles ganz alleine schleppen!“

Siggi lächelte glücklich. „Ach, das war doch nicht so schlimm“, sagte er bescheiden.

„Na du bist eben viel größer und stärker als wir.“

„Und so mutig! Ganz allein durch den fremden Wald zu gehen.“

Siggi bemerkte am Rand, dass Gertrud schweigend aufstand, seinen Rucksack einsammelte und damit begann, die Vorräte zu sortieren und einzuteilen.

Sie ist wirklich sehr hilfsbereit, dachte er hingerissen. Und so sorgfältig. Ich hoffe nur, dass ich eine Gelegenheit finde, ihr zu zeigen, dass ich auch einiges drauf habe. Ob sie mein Jagderfolg bei unserer kleinen Wette beeindruckt hat? Dieses katzenartige Ungeheuer war ja wirklich groß gewesen. Und wie besorgt sie sich nach meinen Verletzungen erkundigt hatte…

Plötzlich fiel ihm wieder ein, dass er ihr noch etwas erzählen wollte.

„Ach Gertrud“, rief er zu ihr hinüber. „Ich muss dir unbedingt noch erzählen, was ich vorhin gesehen habe!“

„Was denn?“ Sie unterbrach ihre Aufräumaktion und sah ihn fragend an.

„Heute Vormittag, auf dem Hinweg, bin ich den Reitern wieder begegnet. Ich habe mich natürlich versteckt und sie haben mich nicht bemerkt, aber ich konnte sie genau sehen. Es waren neun Reiter und–“

Gertrud unterbrach ihn ungeduldig. „Moment mal! Wieso neun? Es waren doch nur acht Söldner. Waren das etwa andere Reiter?“

„Nein, es waren die acht Söldner, die du schon einmal gesehen hast, da bin ich mir ganz sicher. Der neunte Reiter war auch ein Mensch, aber er war gefesselt und hatte einen Sack über dem Kopf. Offensichtlich ein Gefangener. Ich denke, dass es ein Bote war, den sie abgefangen haben. Er hatte nur leichtes Gepäck und ein schnelles Pferd.“

„Hmm“, machte Gertrud. „Darüber muss ich erstmal nachdenken.“

Siggi lächelte glücklich. Bestimmt wird sie die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Das tut sie doch immer. Sie ist ja so klug!

„Ihr habt hier niemanden gesehen, oder?“, erkundigte er sich bei den Feen.

„Nein, nur ein paar Bauern auf den Feldern.“

„Aber es waren nur ganz wenige und sie waren so in ihre Arbeit vertieft, dass sie uns nicht bemerkt haben, als wir an ihnen vorbeigeflogen sind.“

„Ihr seid an ihnen vorbeigeflogen? Aber wieso das denn?“

„Na, zuerst waren wir nur am Waldrand, um zu gucken, ob die Menschen Wachen aufgestellt haben oder Suchtrupps ausschicken.“

„Nur ihr zwei?“

„Nein, natürlich nicht! Wir alle drei. Und dann meinte Gertrud, dass es bald regnen würde, und der Regen würde die Spuren beseitigen und deshalb sind wir über die Felder geflogen und…“

Und so erzählten ihm die beiden Feen ausführlich, wie Gertrud den Baum untersucht hatte, der ihnen als sicheres Versteck für ihre Feenstaubessenz erschienen war, und wie geschickt sie sich beim Lesen und Verfolgen der Spuren angestellt hatte. Wenn er den Feen glauben konnte, hatte Gertrud wahre Heldentaten vollbracht.

Gertrud selbst beteiligte sich kaum an dem Gespräch, sondern bereitete schweigend das Abendessen zu. Sie ist wirklich fleißig, dachte er. Bestimmt denkt sie schon über den Gefangenen nach. Ein weiteres Rätsel, dass sie sicher schnell gelöst haben wird.

Nach dem Abendessen verabschiedete sich Siggi von seinen Gefährten. Er war todmüde von dem anstrengenden Fußmarsch und verkroch sich daher eilig unter seiner geflickten Felldecke. Die schönere (und flauschigere) hatte er Gertrud überlassen.

Seine Gedanken kreisten kurz um sein Zelt, das er leider nicht hatte mitnehmen können. Viele Erinnerungen hingen daran. Viele kalte Nächte aus der Zeit, als er seinen Clan gerade verlassen hatte und alles noch neu und aufregend gewesen war. Damals hatte er sich sein Lager nach und nach mühsam aufbauen müssen und war lange Zeit ohne die Annehmlichkeiten ausgekommen, die ihm sein Clan geboten hatte. Und er hatte es niemals bereut, egal wie unbequem der kalte Waldboden auch gewesen war.

Aber meine Hütte vermisse ich trotzdem, dachte er noch und fiel bald darauf in einen tiefen Schlaf.

Soweit Siggis Eintrag. Ich (Gertrud) habe da ein paar Sachen ganz anders in Erinnerung, aber ich glaube, so im Großen und Ganzen stimmt es. Jedenfalls kommen die folgenden Einträge jetzt wieder von mir. Diese fremde Handschrift in meine Tagebuch verwirrt mich.

Siggis Rückkehr
5 (100%) 4 votes

3 Antworten zu "Siggis Rückkehr"

  • Sandra sagt:

    Ach? Welche Sachen hast du denn da anders in Erinnerung? *gg*
    Also dieser Siggi scheint ja wirklich schwer in dich verliebt zu sein :love:

    • Gertrud sagt:

      Ach, nur ein paar Kleinigkeiten. Die Feen waren zum Beispiel viel nerviger, Siggi nicht so bescheiden und ich weniger fleissig und mehr genervt.
      Naja, nächste Woche erzähle ich es ja wieder selber, da stimmt dann auch alles.

  • Rena sagt:

    Hallo Gertrud!
    Jetzt habe ich die Stories 1 bis 40 gelesen und bin ganz gespannt, wie es mit dem
    gefesselten Boten weitergeht. Was hat der Magier nur vor?
    Dein Fan Rena

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Neuer Kommentar

Du kannst folgende HTML-Tags und -Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

*

http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_negative.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_scratch.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wacko.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yahoo.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cool.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_heart.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_rose.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_smile.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_whistle3.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yes.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cry.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_mail.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_sad.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_unsure.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wink.gif