Ein fröhlicher Morgen

Als ich aufwache, ist es noch früh am Morgen. Ich gähne herzhaft und stelle leicht verwundert fest, dass ich trotz der frühen Stunde putzmunter bin. Energiegeladen springe ich aus meinem kuscheligen Bett, wasche mich gut gelaunt mit frischem, klarem Quellwasser und schnappe mir meine blitzblank gereinigten und sauber zusammengefalteten Sachen vom Stuhl neben meinem Bett. Schnell ziehe ich sie über und verlasse meine Hütte in bester Laune.

Ach, was für ein wunderbarer Tag!

Die Sonne blinzelt über den Horizont, als wolle sie mir zustimmen, und der strahlend blaue Himmel verspricht mir, dass der Tag auch ganz bestimmt so wunderschön bleiben wird, wie er begonnen hat.

Ein warmes Gefühl voller Frieden und Glück umgibt mich, als ich meinen (ebenfalls gut gelaunten) Mitgoblins zum Trainingsplatz folge. Ich nehme das hölzerne Übungsschwert, das dort schon für mich bereitliegt, und beginne mit meinen Angriffsübungen.

Nach zwei Stunden intensiven Trainings bin ich total verschwitzt, aber überglücklich. Ich bin wirklich gut geworden, denke ich. Vielleicht liegt es daran, dass ich so gut geschlafen habe.

Ich trinke einen Schluck aus meiner Wasserflasche und belohne meinen Erfolg mit einer kurzen Pause. Beiläufig schweift mein Blick zu den anderen Goblins. Auch ihre Bewegungen erscheinen mir viel sicherer und reibungsloser als sonst.

Ein gutes Zeichen, denke ich. Das Training wirkt.

Aber irgendetwas ist anders. Fehlt hier nicht etwas? Ich sehe mich um und mustere intensiv die Umgebung. Nein, alles sieht so aus wie immer. Nichts Ungewöhnliches zu sehen.

Hmm. Zu sehen.

Doch was ist mit dem Hören? Ich sperre meine Ohren auf, doch ich höre fast nichts. Kein Kampfgebrüll, kein Rufen, kein Gelächter. Ja, nicht einmal Vögel. Nur ab und zu das dumpfe Geräusch eines Übungsschwertes, das auf ein hölzernes Ziel prallt.

Merkwürdig, denke ich.

Ich will gerade meinen Nachbarn fragen, ob ihm das auch schon aufgefallen ist, als plötzlich alle Goblins ihr Training abbrechen und ihre Übungsschwerter einfach fallen lassen.

Huch. Was ist denn jetzt los?

Sie verlassen den Trainingsplatz und bewegen sich Richtung Dorfzentrum.

Achja, richtig: die Versammlung!

Schnell eile ich hinter ihnen her. Die Versammlung ist wichtig, die will ich auf keinen Fallverpassen. Wir werden heute wichtige Dinge besprechen!

Doch was eigentlich genau? Ich zermartere mir das Hirn, aber es will mir nicht einfallen. Na egal, ich werde es ja gleich hören. Und dann hat sicher auch diese merkwürdige Stille ein Ende.

Auf dem Versammlungsplatz im Zentrum ist es extrem voll, doch ich drängele mich energisch bis ganz nach vorne. Ich will schließlich kein Wort verpassen.

Das runde, leicht erhöhte Podest in der Mitte des Platzes ist noch leer. Wer will heute nochmal zu uns sprechen? Es ist eine sehr wichtige Person, das weiß ich noch ganz genau. Aber wie war nochmal ihr Name?

Ah, da kommt sie ja! Eine große, hagere Gestalt in einem langen Umhang. Ihr Gesicht ist von einer Kapuze verdeckt.

Hm. Ist sie nicht deutlich zu groß für einen Goblin? Ja, das ist auf jeden Fall ein Mensch. Aber Moment mal! Ein Mensch bei uns im Dorf? Das kann doch gar nicht sein.

Andererseits habe ich das eindeutige Gefühl, als hätte ich genau diese Person schon sehnsüchtig erwartet. Mehr noch: Als wäre sie die Quelle all meines Glücks und meiner Zufriedenheit.

Ich linse nach links und rechts. Auch die anderen Goblins sind nicht überrascht, sondern erwarten die große, hagere Kapuzengestalt mit ehrfürchtigen und bewundernden Blicken.

Also alles in Ordnung, beruhige ich mich.

Jetzt steigt der Mensch auf das Podest und wird sofort von donnerndem Applaus begrüßt. Ich klatsche begeistert mit.

„Danke, meine Freunde, vielen Dank!“

Oh, was für eine Stimme! Sie klingt so angenehm und wohltuend. Ich bin ganz sicher, dass ich sie kenne, aber mir fällt nicht ein, woher.

Er hebt seine Hände und der Applaus ebbt ab. Beiläufig streift er seine Kapuze ab und beginnt zu reden.

Doch ich höre seine Worte nicht. Alles, was ich denken kann, ist: Er ist ein Magier!

Ich weiß nicht, woher ich es weiß, aber ich bin mir ganz sicher, dass ich Recht habe. Hier steht ein Magier, mitten in unserem Dorf.

Ich drehe mich um und starre in ausnahmslos begeisterte Gesichter, die die Worte des Magiers eifrig aufsaugen, zustimmend nicken und immer wieder „Bravo! Bravo!“, rufen.

Der Schock lässt mich aufwachen.

Nach einigen Minuten bemerke ich, dass ich senkrecht in meinem improvisierten Bett aus Felldecken sitze, heftig atme und blicklos nach vorn starre.

Verdammt nochmal! Schon wieder so ein blöder Alptraum!

Ich versuche meinen rasselnden Atem unter Kontrolle zu bringen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Ja, schon viel besser. Langsam kehrt auch mein Hör- und Seevermögen zurück und meldet mir, dass Siggi neben mir hockt und leise auf mich einredet.

Oh nein! Habe ich etwa schon wieder geschrien?

Siggi beantwortet meine unausgesprochene Frage: „Keine Sorge, du hast nicht geschrien. Ich habe es nur bemerkt, weil ich selbst schon wach war.“

Ich schiele unauffällig zu den Feen rüber. Sie schlafen noch. Na, immerhin etwas.

„War es wieder der gleich wie letztes Mal?“ Siggis Stimme klingt ernsthaft besorgt.

Ich schüttele den Kopf. Kann ich meiner Stimme trauen? Ich räuspere mich. Ja, scheint zu funktionieren. Doch sollte ich diese peinlichen Träume nicht lieber für mich behalten? Ich sehe Siggi an und habe plötzlich das merkwürdige Verlangen, ihm alles zu erzählen.

„Ich war zwar wieder in meinem Dorf, aber dieses mal war alles sehr ruhig und friedlich“, beginne ich langsam. „Zumindest am Anfang. Wir haben gemeinsam trainiert, und alle schienen glücklich und zufrieden zu sein, sogar ich. Nur eins fiel mir auf: Es war sehr still. Aber dann gab es diese Versammlung und–“

Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass die Feen aufgewacht sind und verschlafen auf uns zu  flattern. Ich unterbreche mich und werfe Siggi einen warnenden Blick zu. Es Siggi zu erzählen, ist eine Sache, aber ich habe wirklich überhaupt keine Lust darauf, dass sich diese blöden Feen über meine Alpträume lustig machen.

„Ihr seid aber früh auf“, gähnt mich Robert an.

„Früh?“ Ich werfe einen Blick zum Himmel. Die Sonne wird zwar von den hohen Bäumen verdeckt, aber nach dem Lichtschein zu urteilen, steht sie schon ein gutes Stück über dem Horizont. „So früh ist es doch gar nicht.“

Ernst stimmt mir überraschend zu. „Sag ich doch. Du bist einfach ein Morgenmuffel“, stichelt er und grinst Robert dabei gut gelaunt an.

„Ich schlafe eben gerne aus“, verteidigt der sich. „Kann doch nicht jeder so eine Morgenfee sein wie du.“

„Würde dir aber gut tun.“

„Dafür bin ich abends nie so müde, dass ich im Fliegen einschlafe und dann wie ein Stein zu Boden falle.“

„Hey, das ist unfair! Das ist doch nur ein einziges Mal passiert!“

Nun mischt sich Siggi auch noch ein. Als würde mir dieses Gepiepse nicht auch so schon genug auf die Nerven gehen.

„Was? Wirklich?“, fragt er ungläubig. „Du bist mitten in der Luft eingeschlafen?“

Ernst sieht beschämt zu Boden. „Es war ein sehr langer, anstrengender Tag“, piepst er entschuldigend, „Und ich hatte in der Nacht davor nicht richtig schlafen können.“ Er sieht vorwurfsvoll zu Robert hinüber. „Und jemand hatte unseren ganzen K-Fee-Vorrat verschüttet.“

„Das war doch nur ein Unfall!“, erwidert der prompt. „Das ist nur passiert, weil…“

Ich seufze und verdrehe die Augen. Diese Feen rauben mir noch den letzten Nerv.

„Schluss jetzt mit dem Unsinn“, sage ich im Befehlston und stehe entschlossen auf. „Dafür haben wir keine Zeit. Die Diebe haben jetzt schon mehr als zwei Tage Vorsprung, also brauchen wir verdammtes Glück, um sie noch einzuholen.“

Die Feen (und Siggi) sehen mich sprachlos an, rühren sich aber nicht vom Fleck.

Faules Gesindel!, errege ich mich.

„Das heißt, wir müssen uns jetzt verdammt ranhalten!“ Ich rede jetzt so laut, dass man es beinahe als schreien bezeichnen könnte. „Also los, packt euer verdammtes Zeug zusammen, danach gibt’s ein verdammt eiliges Frühstück und dann müssen wir uns verdammt beeilen, verdammt nochmal!“

Die drei stehen immer noch da wie in Stein gemeißelt.

„Sie hat ‚verdammt‘ gesagt“, flüstert Robert plötzlich in die Stille hinein, woraufhin alle drei zu kichern anfangen. Siggi versucht es sich krampfhaft zu verkneifen, bricht dann aber in schallendes Gelächter aus.

Ich sehe sie verwirrt an, doch dann muss auch ich grinsen.

„Euer Lachen ist echt verdammt ansteckend“, sage ich, verstärke den Effekt dadurch aber nur, und kurz darauf tönt das laute, gemeinsame Gelächter von zwei Feen und zwei Goblins durch den Wald.

Was für ein fröhlicher Morgen!

Ein fröhlicher Morgen
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