Unterwegs mit Feen

Die Verfolgung der fremden Goblins ist anstrengender, als ich vermutet hatte. Und damit meine ich nicht etwa die Spurensuche an sich. Im Gegenteil: Die wurde mit der Zeit immer einfacher, denn mittlerweile verläuft sie gut sichtbar und schnurgrade grob Richtung Osten. Ich erkläre mir das damit, dass sich die fremden Goblins hier sicher fühlen und nicht mit Verfolgern rechnen.

Und mit „anstrengend“ meine ich auch nicht das Schleppen der Vorräte, die Siggi vor unserem Aufbruch übrigens noch einmal etwas umverteilt hat. Mit dem Ergebnis, dass er nun das größere Gewicht trägt, und ich mich frage, ob er mich für zu schwach hält, das schwere Zeug selbst zu tragen.

Nein, ich meine natürlich die nervigen Feen und ihr noch nervigeres Geplapper.

Wenn Goblins reisen, dann meist schweigend. Wir reden nur, wenn wir eine Pause machen, und auch dann nur mit gedämpfter Stimme. Alles andere ist uns viel zu gefährlich, denn schließlich kann uns jeder Laut verraten.

Aber den Feen ist das natürlich völlig egal. Stattdessen schnattern sie mit ihren piepsigen Stimmen die ganze Zeit fröhlich vor sich hin und alarmieren damit vermutlich jeden potentiellen Feind im Umkreis von mehreren Meilen.

Ich habe sie mehrfach gebeten, sich zurückzuhalten, doch es hat nichts genutzt. Klar, sie können sich bei Gefahr ja auch unsichtbar machen. Verdammte Feen!

Nach einer Weile habe ich entnervt aufgegeben und Siggi gesagt, dass er auf sie aufpassen soll. Obwohl er mir ja eigentlich beim Spuren lesen helfen sollte. Aber was soll‘s, die Spuren sind ja gut zu erkennen, das schaffe ich auch alleine.

Leider hat Siggi meine Absicht schändlich hintertrieben und die Gelegenheit genutzt, um die Feen mal ordentlich auszufragen. Was natürlich nur noch mehr Krach zur Folge hatte. Also das hatte ich mir wirklich anders vorgestellt.

Inzwischen laufe ich den anderen ein gutes Stück voraus, aber die schrillen Obertöne haben eine enorme Reichweite. Ehrlich, ich habe keine Ahnung, wie Siggi das aushält. Vielleicht sind seine Ohren ja schon taub.

Inzwischen ist es fast Mittag. Ich erreiche eine Lichtung, halte kurz an und frage mich ernsthaft, wieso ich mich nur zu diesem Schlamassel habe überreden lassen.

„Oh, das ist ein schöner Platz zum rasten“, piepst es plötzlich neben mir.

Ich zucke erschrocken zusammen. Offensichtlich war ich so in Gedanken, dass ich gar nicht gemerkt habe, dass die Quasselbande mich eingeholt hat.

„Ich denke, es wäre besser, wenn wir den ganzen Tag durchmarschieren“, wende ich ein. „Vielleicht können wir dann den Vorsprung der Diebe dann etwas schmälern.“

Mein logischer Vorschlag erntet prompt lautstarken Protest.

„Durchmarschieren?“

„Etwa den ganzen Tag?“

„Das geht doch nicht!“

„Auf keinen Fall.“

„Das halten meine Flügel niemals aus!“

„Ich brauche jetzt dringend eine Pause!“

Missmutig sehe ich die Feen an. Was sind das doch für Schwächlinge! Können sie nicht mal einen einzigen Tag durchhalten?

Dann fällt mir auf, dass Siggi keinen Ton gesagt hat. Ich sehe ihn an und hebe fragend die Augenbrauen.

Siggi blickt unentschlossen von mir zu den Feen und zurück. „Eine kurze Pause wäre vielleicht ganz gut“, sagt er zögernd.

Ich bedenke ihn mit einem vernichtenden Blick. Ich hatte wirklich gehofft, er würde sich dieses Mal auf meine Seite schlagen.

Die Feen warten meine Antwort nicht ab, sondern setzen sich einfach neben einem großen Baum am Rande der Lichtung auf einen kleinen Felsen.

Wer führt diese Gruppe eigentlich an?, denke ich frustriert. Doch ich beuge mich der Mehrheit, lasse ich meine Ausrüstung fallen und setze mich schmollend neben sie.

Siggi verteilt einige Vorräte, aber ich habe keinen richtigen Hunger, kaue nur lustlos auf einem alten Brotkanten herum und hänge düsteren Gedanken nach. Wie zum Beispiel: Warum nur sitze ich hier mit zwei Feen und einem feenfanatischen Goblin, weit weg von zu hause und in einem völlig fremden und unbekannten Gebiet?

Doch – Moment mal! Ich kenne das Gebiet nicht, aber kamen die Feen nicht aus dieser Gegend? Sie könnten sich zur Abwechslung ja mal nützlich machen und ein paar Informationen rausrücken.

„Sagt mal, ihr beiden“, sage ich unvermittelt. „Ihr müsstet euch hier doch eigentlich auskennen. Was denkt ihr, wo die Goblins mit eurem Feenstaub hin wollen?“

„Ja, das haben wir uns auch schon gefragt“, piepst Ernst.

„Aber wir können uns bisher keinen Reim darauf machen.“

Doch so schnell gebe ich nicht auf. „Was liegt denn in dieser Richtung?“

„Nun, das einzige, was mir einfällt, ist unser Dorf“, antwortet Robert achselzuckend.

„Aber warum sollten sie den Feenstaub wieder zurückbringen?“

„Keine Ahnung. Aber es ist auch nicht ganz unsere Richtung. Unser Dorf liegt etwas weiter im Norden. Aber so grob stimmt es, und ansonsten gibt es dort nichts.“

„Vielleicht wollen sie nach Astamos“, spekuliert Ernst. „Das ist eine große Stadt der Menschen. Sie liegt jedoch viele Tagesreisen hinter unserem Dorf, und auch ein Stück südlicher.“

„Hmm“, mache ich und überlege laut. „Wenn sie zu den Menschen gehen, wollen sie den Staub vielleicht verkaufen. Oder sie wollen ihn nutzen, um sich selbst unsichtbar zu machen.“ Ich halte kurz inne. „Wäre das möglich? Also dass sie sich selbst unsichtbar machen? Oder einen Menschen?“

Die Feen schütteln entschieden ihre Köpfe. „Auf gar keinen Fall.“

„Selbst Goblins sind viel zu groß dafür, und Menschen sind ja noch größer. Selbst wenn sie Unmengen an Feenstaubessenz hätten, würden sie trotzdem niemals unsichtbar werden.“

„Aber vielleicht wissen sie das nicht“, schlägt Siggi vor. „Vielleicht denken sie, dass sie es mit der Essenz schaffen, und haben sie deswegen gestohlen.“

„Nun, in diesem Fall würden sie unsere Feenstaubessenz wohl sinnlos vergeuden“, meint Ernst. „Hoffentlich machen sie das nicht. Das wäre eine Katastrophe!“

„Oder sie wollen doch zu euerm Dorf“, sage ich nachdenklich, „und setzen den Staub dann als Druckmittel ein, um etwas ganz anderes von euch zu erpressen.“

„Das könnte natürlich sein. Aber ich wüsste nicht, was sie dafür von uns haben wollten. Wir Feen haben doch kaum etwas, was für Goblins interessant ist.“

Ich nicke zustimmend. Obwohl… „Vielleicht wollen sie dieses äh… dieses Repo-Pulver haben. Verwischte Spuren sehen zu können, wäre eine wertvolle Fähigkeit.“

„Das wäre möglich“, gesteht Ernst ein. „Aber hätten sie dann nicht zuerst versucht, uns das Pulver direkt zu stehlen? Der Diebstahl der Feenstaubessenz erscheint mir doch etwas umständlich.“

„Auch wieder wahr“, gebe ich zu.

Wir diskutieren noch eine Weile hin und her, kommen aber zu keinem richtigen Ergebnis.

Auf einmal klatscht mir ein kalter Tropfen auf die Stirn und ich sehe nach oben. Der Himmel hat sich vollständig bezogen und ein leichter Regen setzt ein.

„Tja, das ist dann wohl das Signal zum Aufbruch“, entscheide ich.

Siggi nickt und wir beide schnüren unser Gepäck. Die Feen tragen natürlich nichts von unseren Vorräten. Sie sind schließlich viel zu klein und zu schwach dafür, schon mit einem kleinen Apfel wären sie hoffnungslos überladen. Sie tragen nur ihr eigenes, winziges Gepäck, welches anscheinend trotzdem genug Vorräte für sie enthält. Na, eine Fee isst ja auch nicht sehr viel.

Umso überraschter bin ich, als die Feen ebenfalls geschäftig in ihrem Gepäck wühlen. Schließlich ziehen sie eine merkwürdige Konstruktion daraus hervor, fummeln etwas daran herum und machen sie dadurch größer. Anschließend halten sie die Konstruktion in die Höhe.

Neugierig trete ich etwas näher und betrachte die Konstruktion genauer. Sie besteht aus einem dünnen Ast, dessen Spitze in der Mitte eines stabilen Blattes befestigt. Noch kleinere Ästchen rund um den mittleren Ast stützen das Blatt ab.

„Was ist das denn?“, frage ich.

„Hä, was denn?“, entgegnet Robert verwirrt. „Oh, ihr meint den Regenschirm!“ Er lacht fröhlich.

„Ein Regenschirm? Wozu soll der denn gut sein?“

„Na er hält den Regen von uns ab“, erklärt Robert und fliegt ein Stück weiter Richtung Lichtung, bis ihn die Baumkrone nicht mehr überragt und ihn der Regen mit voller Wucht trifft. „Seht ihr? Auf diese Weise werden wir auch bei starkem Regen nicht nass.“

„Aber wo kommt der denn plötzlich her?“, fragt Siggi erstaunt. „Der ist doch viel zu groß für eure winzigen Gepäcktaschen!“

„Oh, das ist einfach“, erklärt Ernst. „Man kann ihn auf- und zuklappen, siehst du?“ Er führt es ihm vor.

„Genial!“, ruft Siggi begeistert. „Ob ich mir auch so einen Regenschirm bauen könnte?“

„Naja“, überlegt Ernst, „wieso nicht? Aber du brauchst dann auch ein sehr großes, stabiles Blatt, damit er für dich groß genug ist.“

„Vielleicht könnte ich auch mehrere kleinere Blätter benutzen anstatt ein großes“, ergänzt Siggi gedankenverloren, woraufhin die drei in ein angeregtes Gespräch über die Vor- und Nachteile verschiedener Blattsorten verfallen.

Ich schlage mir die Hand vor dem Kopf und stöhne laut, was aber keiner von den dreien bemerkt. Wortlos drehe ich mich um und gehe weiter Richtung Osten. Jetzt piepsen die Feen also schon wieder wild durcheinander, und Siggi mittendrin.

Das wird sicher noch ein sehr langer Nachmittag werden.

Hätte ich doch nur nicht gefragt.

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