Goblinbande

Als ich am nächsten Morgen aufwache, steht die Sonne schon über dem Horizont. Normalerweise stehe ich früher auf, aber nach dem Abenteuer letzte Nacht bin ich der Meinung, dass ich mir das Ausschlafen redlich verdient habe.

Ich frühstücke eilig (wobei ich dem Hund ein Stück Fleisch abgebe), dann breche ich auf. Ich will etwas mehr über die Goblins herausfinden, die mich gestern Abend aus meiner Höhle vertrieben haben. Denn das ist bei uns Goblins die erste Regel vor jedem Kampf: Kenne deinen Feind.

Aber ich marschiere nicht direkt zurück, sondern mache einen großen Bogen, um meine Spuren zu verwischen.

Der Hund folgt mir klaglos. Am Anfang mache ich mir Sorgen, ob er mich nicht durch ein Geräusch verraten könnte, aber er scheint entweder besonders klug oder ein instinktiv guter Jäger zu sein, denn er ahmt meinen Gang geschickt nach und läuft beinahe so lautlos durch das Unterholz wie ich.

Ich ertappe mich dabei, wie ich darüber nachdenke, ihn doch zu behalten, verdränge den Gedanken dann aber sofort wieder. Eine allein reisende Goblin mit Hund? Nein, das geht doch nun wirklich nicht!

Abgesehen von dem fröhlichen Zwitschern einiger Vögel ist der Wald ruhig, und so gelange ich schließlich unbemerkt in die Nähe der Höhle zurück, die ich gestern so eilig verlassen musste.

Ich halte mich im dichten Gestrüpp nahe des Waldrands und beobachte aufmerksam die Umgebung. Meine Sinne sind bis aufs Äußerste angespannt, und so brauche ich nur ein paar Sekunden, um die vier jungen Goblins zu entdecken, die in meiner Höhle herumwuseln und nach Spuren suchen.

Ich unterdrücke ein schadenfrohes Kichern. Natürlich werden sie keine Spuren von mir finden. Selbst mit meiner Verletzung und in der Eile, in der ich aufgebrochen bin, habe ich meine Ausbildung nicht vergessen und nichts zurückgelassen, was mich verraten könnte.

Diese Idioten, denke ich. Wühlen in meiner Höhle herum und bemerken mich nicht einmal. Sie hätten doch zumindest eine Wache aufstellen können.

Obwohl…

Waren es nicht gestern Abend fünf Augenpaar? Ich denke angestrengt nach. Ja, ich bin mir sicher, dass ich mindestens fünf gezählt habe. Hmm. Wo wäre ich an ihrer Stelle? Achja: Dort drüben, am westlichen Waldrand, um die Spuren von letzter Nacht zu verwischen. Als sie vor meinem Hund geflohen sind, hatten sie sicher keine Zeit dazu.

Ich pirsche mich etwas näher heran und entdecke dort prompt noch zwei weitere junge Goblins. Den Clanabzeichen nach zu urteilen gehören sie eindeutig nicht zu meinem Clan, sondern zu einem anderen, der sich selbst Gakila nennt. Ihr Dorf liegt südöstlich von hier, ist aber weit entfernt, noch deutlich hinter dem Menschendorf, welches eigentlich die Grenze zwischen unseren Gebieten bildet.

Momentan besteht ein brüchiger Waffenstillstand zwischen uns, aber das gegenseitige Misstrauen sitzt tief und der letzte Krieg ist noch nicht lange her.

Was machen diese jungen, offensichtlich unerfahrenen Goblins also hier, so weit weg von ihrem Clan, mitten in unserem Gebiet? Das ist doch wirklich ziemlich unverschämt von ihnen! Ich würde sie am liebsten hochkant hinauswerfen.

Andererseits…

Ich wurde ja aus meinem Clan verbannt, also kann es mir eigentlich egal sein. Selbst wenn ich meinen Clan benachrichtigen würde, würden sie mich deswegen nicht wieder aufnehmen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie mich anhören würden. Hmm…

Die fremden Goblins sammeln sich jetzt vor meiner ehemaligen Höhle und besprechen sich kurz. Ich strenge meine Ohren an, aber die reden zu leise, als dass ich sie verstehen könnte.

Plötzlich lösen sie die Versammlung auf und gehen gemeinsam nach Westen, in den Wald hinein. Aus einem Impuls heraus folge ich ihnen.

Sie marschieren leise und hinterlassen nur wenig Spuren, aber ich folge ihnen mühelos. (Ja, zugegeben, der Hund hat mir dabei ein kleines bisschen geholfen.)

Als sie ihr Lager erreichen, schüttele ich unweigerlich den Kopf. Sie kampieren unter einer großen Eiche, um die rundherum kaum Unterholz wächst, daher ist dieser Platz für ein Lager nun wirklich denkbar ungeeignet. Er bietet keinerlei Schutz vor Feinden, kann aber aus allen Richtungen eingesehen und angegriffen werden. Jeder, der zufällig in der Nähe vorbeikommt, muss dieses Lager zwangsläufig entdecken.

Trotzdem scheinen sich die fremden Goblins hier sicher zu fühlen. Sie reden laut miteinander, lachen und albern herum, als wären sie mitten in ihrem Dorf. Diese Dummköpfe. Ich sollte sie vielleicht doch hinauswerfen, und sei es nur, um ihnen eine Lektion zu erteilen.

Dann runzele ich die Stirn. Warum ärgere ich mich darüber? Eigentlich könnte es mir doch egal sein. Aber irgendwie nagt es an mir, also entschließe ich mich zum Handeln.

Ich wende mich kurzentschlossen an meinen Hund. „Du bleibst hier und verhältst dich ruhig, bis ich dich rufe, verstanden?“, sage ich leise zu ihm.

Ich erwarte eigentlich nicht, dass mich der Hund versteht, aber er bleibt artig sitzen und sieht mir hinterher, während ich das Lager unbemerkt einen großen Bogen umkreise. Dann husche ich von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch und nähere mich dadurch ihrem Lager. Langsam, aber stetig, wie ich es oft geübt habe.

Eine erfahrene Truppe hätte mindestens zwei Wachen aufgestellt, die mich in diesem freien Gelände wohl sofort entdeckt hätten. Aber so kann ich mich ihnen unbemerkt bis auf wenige Meter nähern.

Ich halte kurz inne, atme tief durch, schüttele meine Anspannung ab und warte auf einen günstigen Augenblick. Dann mache ich zwei, drei große Schritte schräg nach vorne und rufe in einem möglichst herablassendem Tonfall: „So, das ist also euer Lager.“

Zufrieden beobachte ich die Mienen der sechs Goblins, als sie überrascht zusammenzucken und instinktiv einen Schritt zurückweichen. Aus ihrer Sicht bin ich quasi aus dem Nichts direkt in ihrem Lager aufgetaucht, nachdem sie eben noch erfolglos nach mir gesucht haben.

„Und ein ziemlich stümperhaftes Lager, das muss ich schon sagen“, fahre ich mit herrischer Stimme fort, die ich mir von Thyra (der Anführerin unseres Clans) abgehört habe. „Nicht einmal Wachen habt ihr aufgestellt.“

Sie sehen sich unsicher an. Offensichtlich gehöre ich nicht ihrem Clan an, aber mein selbstbewusstes, energisches Auftreten verunsichert sie sichtlich. Es sind eben nur Männer, denke ich. Sie sind es nun mal gewohnt, von Frauen Befehle entgegenzunehmen.

„Also was machen sechs unerfahrene Goblinjungs ganz allein auf fremden Territorium?“, frage ich sie direkt und ignoriere geschickt die Tatsache, dass ich etwa im selben Alter bin. „Los, antwortet mir!“

„Wir ähm… wir… wir sind auf der Jagd“, stottert schließlich der Jüngste.

Ich bin etwas überrascht. Da er mir antwortet, muss er der Anführer sein. Allerdings fällt die Rolle des Anführers in einer reinen Männertruppe normalerweise auf den Ältesten. Hmm.

Ich mustere ihn abschätzend. Er ist für sein Alter normalgroß, eher dürr und sicher nicht der Stärkste von ihnen. Er muss also besonders schlau und hinterhältig sein, wenn er die Rolle des Anführers inne hat. Ich sollte ihn gut im Auge behalten.

„Ach ja? Was jagt ihr denn?“ Als sie nicht gleich antworten, sondern wieder nur unsichere Blicke austauschen, provoziere ich sie noch etwas mehr und sage beiläufig: „Ah ich weiß. Ihr jagt Feldmäuse, richtig?“

Die Unterstellung, dass Krieger Feldmäuse jagen, ist eine üble Beleidigung. Und sie verfehlt ihre Wirkung nicht: Entrüstet streiten alle sechs ab, je eine Feldmaus gejagt zu haben. Das sei nun wirklich weit unter Ihrer Würde. Und einer von ihnen, der Größte, Kräftigste und offenbar auch Dümmste setzt noch einen drauf und verrät mir endlich, was sie vorhaben: „Wir jagen einen Troll!“, verkündet er stolz.

Ich fange an zu lachen. „Einen Troll? Zu sechst? Seid ihr verrückt?“

Der Anführer funkelt mich böse an. „Das ist sehr wohl möglich. Ich habe einen guten Plan und ich weiß, dass hier in der Nähe ein Troll lebt. Wir alle haben seine Fährte gesehen.“

Du hast also einen Plan, um mit sechs Männern einen Troll zu erlegen? Na den will ich hören.“

„Wir überraschen ihn in seiner Höhle“, erklärt er selbstzufrieden. „Dort rechnet er nicht mit einem Angriff, und er kann sich in der engen Höhle nicht so gut bewegen wie wir. Wenn wir ihn dort mit Feuer in die Enge treiben, hat er keine Chance.“ Er macht eine kleine Pause und fügt dann grimmig hinzu: „Und wenn wir mit dem Trollfell in unser Dorf zurückkehren, wird keiner mehr über uns lachen.“

„Hm, hört sich nicht schlecht an. Aber zufällig habe ich die Trollhöhle gestern Abend ausgekundschaftet und da gibt es ein kleines Problem: Dort lebt nicht nur ein Troll, da lebt eine ganze Trollfamilie. Wenn ihr also nicht gegen vier Trolle gleichzeitig kämpfen wollt, solltet ihr den Plan besser begraben.“

Die sechs sehen sich bestürzt an und quasseln dann plötzlich wild durcheinander.

„Vier Trolle? Das ist doch Wahnsinn!“

„Keiner hat etwas von einer Trollfamilie gesagt!“

„Das schaffen wir doch nie!“

„… glatter Selbstmord.“

„Aber was machen wir denn jetzt?“

„Wenn wir ohne Beute zurückkehren…“

„Auf keinen Fall.“

„Aber…“

„Wir können uns immer noch was anderes überlegen.“

„Aber was denn? Wir sind doch nur sechs…“

„Ihr könntet euch mir anschließen“, sage ich aus einer Eingebung heraus und ziehe damit die Aufmerksamkeit wieder auf mich.  „Ich bin grade auf dem Weg zum Menschendorf, um es auszurauben. Aber dort ist sicher genug Beute für uns alle.“

„Du willst ein ganzes Dorf angreifen? Alleine?“, fragt der Dummkopf ungläubig.

„Natürlich werde ich es nicht angreifen!“, entgegne ich schroff. „Ich werde mich einfach heimlich in die Häuser hineinschleichen, wenn sie auf den Feldern sind oder schlafen. Die Menschen dort sind leichtsinnig. Sie haben nicht einmal Wachen vor ihren Häusern, also wird das ein Kinderspiel.“

Die sechs tauschen wieder Blicke aus. „Ähm, gib uns einen Moment, damit wir und beraten können, in Ordnung?“

„Na meinetwegen“, sage ich gleichgültig, gehe ein paar Schritte und rufe laut: „Komm her Hund!“ Mein Hund reagiert wie gehofft, verlässt sein Versteck und taucht damit unerwartet im Rücken der anderen Goblins auf. Vergnügt sehe ich zu, wie die anderen Goblins ängstlich zurückweichen, als er lässig zwischen ihnen hindurchläuft und sich dann von mir streicheln lässt.

Die Beratung der Goblinbande dauert nicht lange (vielleicht auch deswegen, weil sie immer wieder bange Blicke auf meinen Hund werfen). Sie sind einverstanden, sich mir anzuschließen und mir beim Raubzug das Kommando zu überlassen. Sie bestehen allerdings darauf, dass die Abmachung nach Aufteilung der Beute endet, da sie dann wieder in ihr Dorf zurückkehren wollen.

Da ich das Gleiche vorhabe, kann mir das nur recht sein, und so willige ich ein. „Einverstanden. Also wir machen folgendes: Zuerst errichten wir ein Lager in der Nähe des Menschendorfs. Danach kundschaften wir es sorgfältig aus und dann schlagen wir zu. Noch Fragen?“

Die sechs schütteln stumm den Kopf.

„Na dann packt euer Zeug zusammen, wir ziehen los. Auf zu reicher Beute!“

Goblinbande
5 (100%) 2 votes

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Neuer Kommentar

Du kannst folgende HTML-Tags und -Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

*

http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_negative.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_scratch.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wacko.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yahoo.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cool.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_heart.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_rose.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_smile.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_whistle3.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yes.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cry.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_mail.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_sad.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_unsure.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wink.gif