Nach Westen

Wir marschieren nach Westen, meiden aber den Menschenweg und laufen stattdessen südlich davon, quer durch den Wald.

Dabei überlasse ich es den anderen, den Wald im Auge zu behalten, und beobachte lieber die sechs fremden Goblins. Ich versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und sie besser einschätzen zu können, aber es will mir nicht so recht gelingen.

Das fängt schon damit an, dass sie mir ihre Namen nicht nennen  wollen. Ich glaube, sie haben noch keinen Kriegernamen erhalten und schämen sich dafür, aber das wollen sie auch nicht zugeben. Also gebe ich ihnen Spitznamen.

Da wäre zuerst mal ihr Anführer – nein: Ex-Anführer, jetzt gebe ja ich die Befehle. Er ist der Jüngste, eher dürr, mittelgroß, recht schlau und vor allem sehr hinterhältig. Letzteres macht ihn zu einem guten Goblinkrieger, heißt allerdings auch, dass ich ihn ständig im Auge behalten muss. Wenn er sich durch mich keinen Vorteil erhoffen würde (und keine Angst vor meinem Hund hätte), würde er mich bestimmt im Schlaf erdolchen, um seine Position als Anführer zurückzubekommen.

Es hält sich immer in der Nähe des größten und stärksten Goblins der Truppe, der dazu noch ein ausgemachter Dummkopf ist. Er macht alles, was man ihm sagt, handelt nie selbstständig und würde ohne die ständigen Befehle des Hinterhältigen wohl kaum zurechtkommen. Er wird mir wohl keine Probleme machen – falls der Hinterhältige ihn nicht gegen mich aufhetzt.

Ein anderer Goblin fällt ebenfalls sofort ins Auge: Er ist sehr dick, also richtig rund, was wirklich ungewöhnlich ist bei uns Goblins. Ich nehme an, dass das an seiner schier grenzenlosen Faulheit liegt. Dass er überhaupt in dieser Gruppe ist, verdankt er vermutlich seiner Aggressivität und seiner Gerissenheit, denn sonst wäre er völlig nutzlos.

Diese Gerissenheit zeigt er auch dadurch, dass er stets in der Nähe des Fleißigen anzutreffen ist. Dieser ist sehr gutmütig, relativ stark und lässt sich von allen ausnutzen, vor allem von dem Dicken. Besonders schlau ist er also nicht, obwohl er bei den Arbeiten flink und geschickt vorgeht. Ein richtiges Arbeitstier.

Dann wäre da noch der Feigling. Feige zu sein ist für einen Goblin sicher keine schlechte Eigenschaft, aber bei ihm nimmt die Feigheit teilweise schon groteske Züge an. Auch wenn er mit Abstand der Älteste von uns ist (und sich seinen Kriegernamen längst hätte verdienen müssen), hält er sich stets im Hintergrund und würde wohl sogar vor einem mageren Hasen davonlaufen. Vielleicht liegt es daran, dass er (trotz seines Alters) auch sehr klein und schwächste von uns ist.

Abgerundet wird das ganze durch einen ausgemachten Pazifisten. Er ist zwar (nach dem Dummkopf) der Stärkste und Größte der Truppe, aber man merkt ihm seinen Unwillen zu Kämpfen deutlich an. Wieso sein Clan ihn noch nicht rausgeworfen hat, ist mir schleierhaft, aber vermutlich ist er aus genau diesem Grund hier.

Zusammengefasst habe ich hier also eine Gruppe von echten Versagern, die sich beweisen wollen. Obwohl mir letzters unmöglich scheint. Und angeführt werden sie durch einen machthungrigen, intriganten Jüngling, den ich unbedingt in Schach halten muss.

Wirklich, ich vermisse meinen eigenen Clan. Zur Zeit sogar Thyra. Die würde es denen schon zeigen! Zuerst würde sie ihnen mal ordentlich die Leviten lesen. Und dann würde sie sie zum Teufel jagen und aus dem Clan verbannen.

So wie mich. Ich seufze.

Nein, das bringt nichts. Ich habe einen guten Plan, und wenn ich ihn eisern durchhalte und ihr die Beute präsentiere, dass wird sie mich sicher wieder aufnehmen. Und ich werde mich auch durch diese Versagertruppe nicht aufhalten lassen!

Ich sammle mich und richte meine Aufmerksamkeit wieder nach vorn. Wir sind ohne Pause durchmarschiert und mittlerweile ist es später Nachmittag. In der Nähe des Menschendorfes lasse ich die Jungs ausschwärmen und einen Platz für unser Lager suchen.

Wenige Minuten später höre ich plötzlich ein hohes Quieken aus der Richtung, in der der Hinterhältige mit dem Dummkopf verschwunden ist. Was war das denn?, denke ich noch, eile aber schon in die entsprechende Richtung.

Das Quieken wiederholt sich, nun deutlich panischer, und kurz darauf erreiche ich die beiden Goblins. „Ja was ist denn hier los?“, frage ich im Befehlston, während ich rasch die Lage einschätze. Der Dummkopf hat ein kleines Ferkel auf dem Arm, das heftig strampelt und immer noch ängstlich quiekt, während der Hinterhältige stolz daneben steht und mir den Schlamassel als großen Jagderfolg verkaufen will.

„Ja seid ihr denn total verrückt geworden?“, schnauze ich die beiden an. „Nicht nur, dass dieses Gequieke kilometerweit zu hören ist und damit jeden Feind auf uns aufmerksam macht –“

Der Hinterhältige unterbricht mich: „Aber wir haben doch nur…“

„Wirst du wohl die Klappe halten!“ Jetzt bin ich wirklich sauer. So leicht lasse ich mir nicht in die Parade fahren. Vor allem, da mittlerweile auch der Rest unserer kleinen Gruppe eingetroffen ist und unseren Streit gespannt beobachtet.

„Und du“, wende ich mich an den Dummkopf, „wirst jetzt sofort diesem Schreihals das Maul stopfen, bevor hier noch seine Mutter auftaucht und –“

Ich werde erneut unterbrochen, weil genau in diesem Moment eine wütende Wildsau durchs Unterholz bricht und sofort auf den Dummkopf losgeht, der immer noch das wild strampelnde Ferkel auf dem Arm trägt und nun umständlich in Verteidigungsstellung geht. Das Ferkel kann sich dabei befreien, plumpst zu Boden und verschwindet unter einem Busch, was seine Mutter jedoch nicht davon abhält, den Dummkopf mit Klauen und Zähnen anzugreifen.

„Schnell! Auf die Bäume!“, ruft der Feigling panisch, während er selbst schon fast den Baumgipfel erreicht hat.

Der Dummkopf war immerhin schlau genug, dem ersten Angriff der wütenden Wildsau auszuweichen und kommt nun der Aufforderung des Feiglings nach. Und obwohl das nicht der mutigste Plan ist, will ich mich ihm grade anschließen, als mir auffällt, dass mein Hund weg ist.

Ich sehe mich suchend um und entdecke ihn kurz vor der Wildsau, die ihrerseits vergeblich versucht den Baum hochzuklettern, auf den der Dummkopf soeben geflüchtet ist.

„Mist!“, fluche ich, ziehe meinen Dolch und eile hinterher, um meinem Hund beizustehen. Naja, ich hätte ihn sowieso nicht auf den Baum bekommen, schießt mir noch durch den Kopf, als der Hund die immer noch abgelenkte Wildsau anspringt und sich nahe ihres Halses im Rücken verbeißt. Die Wildsau quiekt nun ihrerseits und versucht durch wilde Kopfbewegungen, meinen Hund abzuschütteln.

Schnell presche ich vor und versenke meinen Dolch in ihrem Hals. Blut spritzt mir entgegen, als ich ihn wieder herausziehe, und ich weiche eilig einige Schritte zurück. Aber die Wildsau fällt zu Boden und zuckt nur noch ganz leicht, als auch mein Hund von ihr ablässt und schwanzwedelnd zu mir zurückläuft.

Einer nach dem anderen kommen nun die anderen Goblins von ihren Bäumen heruntergeklettert. Ihre Blicke pendeln zwischen dem toten Schwein, meinem Hund und mir, und ich bin mir nicht sicher, ob Angst oder Bewunderung überwiegt.

„Das war‘s also“, durchbreche ich schließlich die Stille. „Hat zufällig einer von euch einen guten Lagerplatz gefunden, bevor der ganze Schlammassel hier losging?“

Der Fleißige nickt langsam. „Ja, dahinten“, sagt er leise.

„Gut. Führe uns dorthin. Du und du“, ich deute auf den Dummkopf und den Pazifisten, weil sie die beiden Kräftigsten sind, „ihr nehmt das tote Schwein mit. Und ihr beide“, ich deute auf den Hinterhältigen und den Feigling, „macht hier sauber und verwischt die Spuren. Und zwar gründlich. Für heute habe ich genug gekämpft.“

Keiner widerspricht mir, und so folgen wir dem Fleißigen einige hundert Meter durch den Wald. Er hat tatsächlich einen guten Lagerplatz gefunden. Er liegt abseits, versteckt zwischen hohen Büschen, aber etwas höher, so dass wir näherkommende Feinde sofort bemerken würden.

„Gut gemacht“, lobe ich ihn. „Dieser Lagerplatz ist viel besser als euer letzter.“

Er lächelt kurz, offenbar erfreut wegen meines Lobs.

Ich sehe mich um. „Also: Es werden jeweils zwei Männer Wache stehen, während die anderen das Lager aufbauen und das Essen zubereiten. Am besten übernehmen die beiden Putzteufel die erste Wache, sobald sie mit dem Spuren verwischen fertig sind.“

Ich sehe mich um und gebe die restlichen Befehle. Zum Glück ist das Aufbauen des Lagers reine Routine, aber es ist eine gute Übung für mich und es ist sicher von Vorteil, wenn sich die anderen daran gewöhnen, dass ich hier die Befehle gebe.

Als alle beschäftigt sind, verkünde ich, dass ich einen kurzen Blick auf das Menschendorf werfen will, um mir einen Überblick zu verschaffen, und verlasse unser Lager mit dem Hund Richtung Westen.

Eigentlich ist das nur eine Ausrede, um kurz abschalten zu können, denn ich kenne das Dorf. Es ist zwar schon zwei Jahre her, aber ich erinnere mich noch ganz genau. Damals habe ich einen erfolgreichen Überfall unserer Clankrieger beobachtet. Als junge Frau habe ich natürlich nicht mitgekämpft, aber ich habe trotzdem viel gelernt, vor allem, was die Taktik angeht.

Daher erwarte ich auch keine großen Überraschungen, als ich den westlichen Waldrand erreiche und nun vor einer grünen Wiese stehe. Auf dieser Wiese lassen die Menschen meist ihr Vieh grasen, doch heute ist die Wiese leer.

Ein paar hundert Meter weiter sehe ich die wenigen Häuser und Hütten des Dorfes, aber etwas ist anders: Zwischen den Hütten haben die Menschen eine massive Palisade aus Holz errichtet. Diese Palisade war beim letzten Mal nicht da, da bin ich sicher. Wurde sie vielleicht errichtet, um weitere Goblinüberfälle zu verhindern?

Ich ducke mich und schleiche durch das hohe Gras näher heran. Es kitzelt mich an den Ohren, doch ich ignoriere es, denn je näher ich an die Palisade herankomme, desto sicherer bin ich mir: Die Palisade wurde erst kürzlich errichtet, vielleicht vor ein oder zwei Tagen.

Ein beklemmendes Gefühl befällt mich.

Aber das ist doch nicht möglich! Meine Gedanken rasen. Es muss doch noch eine andere Erklärung für diese Palisade geben!

Aber mir fällt keine ein, und so muss ich es wohl akzeptieren: Die beiden schrecklichen Feen haben das Dorf erreicht, und die Menschen haben ihnen geglaubt. Nein, nicht nur geglaubt: Sie bereiten sich seitdem auf einen großen Angriff vor.

Meinen Angriff.

Verdammt. Was soll ich jetzt bloß machen?

Nach Westen
4.7 (93.33%) 3 votes

3 Antworten zu "Nach Westen"

  • Maik sagt:

    Aloha!

    Also ich lese deine Geschichten in meinen Pausen bei der Arbeit und bin total begeistert! Ich werde durch die Geschichten in meine RPG-Zeit zurück versetzt… total genial! Die Kapitel haben genau die richtige Länge, ich bin schon total süchtig… Ich hoffe da kommt noch ganz viel!

  • Gertrud sagt:

    Hallo Maik!
    Freut mich, dass es dir gefällt 🙂
    Es gibt schon über 40 von diesen Stories – und ja, da sind auch noch eine Menge in Planung.
    Ich hoffe, ich halte meine 1-Story-pro-Woche-Regel jetzt durch – aber bei solchen Kommentaren wird es zumindest nicht an der Motivation scheitern 😉

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