Im Lager

Ich kehre ins Lager zurück und rufe alle zusammen. Unterwegs habe ich mir ein paar Gedanken gemacht, und bin nun entschlossener denn je, meinen Plan durchzuziehen.

„Ich habe das Menschendorf erfolgreich ausspioniert“, berichte ich vor versammelter Mannschaft. „Es sind nur ein paar Hütten von Bauernfamilien, wie erwartet.“ Ich zeichne eine grobe Skizze des Menschendorfs in den weichen Sand.

„Hier sind wir, im Südosten“, erkläre ich. „Die Menschenstraße verläuft relativ grade, von West nach Ost, mitten durchs Dorf. Direkt im Süden sind Felder, die von den Menschen angelegt wurden, im Norden beginnt der Wald.“

Ich mache eine kurze Pause und beobachte unauffällig die Reaktionen der anderen. Einige nicken, andere starren noch auf die Skizze, nur der Dummkopf sieht mich ausdruckslos an. Er versucht gar nicht erst, aus der Skizze schlau zu werden. Naja, das ist nun wirklich keine Überraschung.

„Soweit ist alles wie immer. Neu ist allerdings, dass sie vor Kurzem jeweils zwischen den Hütten eine Palisade errichtet haben.“ Ich zeichne kurze Linien in meine Skizze ein, die die Menschenhäuser miteinander verbinden. „Damit wollen Sie das Dorf wohl absichern.“

„Ein Palisade?“, unterbricht mich der Dummkopf. „Aber was hat das zu bedeuten?“

„Offensichtlich bereiten sie sich auf einen Angriff vor“, fällt der Feigling ein. „Also müssen wir abbrechen.“

„Unsinn“, sage ich.

„Aber wenn sie wissen, dass wir sie ausrauben wollen…?“, meint der Pazifist nachdenklich.

„Das können sie doch gar nicht wissen! Die Palisade bauen sie schon seit mindestens zwei Tagen, da waren wir noch weit weg. Außerdem würden sie in dem Fall wohl nur ihre eigenen Häuser bewachen, und nicht das ganze Dorf abriegeln.“

„Das ist wahr.“ Die unerwartete Hilfe vom Hinterhältigen überrascht mich. „Wenn sie das ganze Dorf abriegeln, bedeutet das, das sie einen großen Angriff erwarten.“

Ich nicke.

„Ein großen Angriff? Aber dann müssen wir erst recht abbrechen!“ Der Feigling zittert bereits und sieht sich ängstlich um, als ob sich gleich eine Armee auf unser Lager stürzen würde.

„Nun reiß dich mal zusammen“, schnauze ich ihn an. „Hier kann es doch gar keinen großen Angriff geben! Die einzigen, die das Dorf regelmäßig überfallen, sind unsere beiden Clans. Und wenn da was geplant wäre, würden wir das ja wohl wissen.“

Der Pazifist nickt nachdenklich, aber der Feigling ist noch nicht zufrieden. „Und was, wenn sie nicht von uns, sondern von anderen Menschen angegriffen werden?“

„Das ist unwahrscheinlich“, erkläre ich. „Menschen bevorzugen andere Beute, vor allem Gold und Schmuck und von beidem gibt es dort nur wenig.“

Gold und Schmuck nehmen wir zwar auch mit, aber wir bevorzugen als Beute eher Eisen und Getreide, da wir weder eigenen Minen noch Landwirtschaft betreiben. Und wir teilen die Vorliebe der Menschen für glitzernde und glänzende Gegenstände nicht, denn die würden uns bei der Jagd nur verraten. Falls wir sie doch einmal mitnehmen, verkaufen wir diese Dinge meist an habgierige Händler. Menschenhändler, wohlgemerkt. Es gibt zwar nur wenige, die mit uns handeln, doch das Gold zieht sie an wie ein Magnet.

„Und selbst wenn doch“, ergänze ich, „dann können wir das zu unserem Vorteil nutzen.“

„Und wie?“, fragt der Dummkopf wieder und kratzt sich am Kopf.

„Na zum Beispiel, in dem wir uns heimlich ins Dorf schleichen, während die Menschen gegeneinander kämpfen. Auf uns achtet dann niemand, und wir können schnell und leise ihre Häuser ausrauben.“

Die anderen sehen sich unsicher an. Dieses Vorhaben kommt ihnen wohl sehr riskant vor. Nur der Dummkopf nickt gehorsam, da er die Gefahr nicht begreifen kann.

„Allerdings“, fahre ich fort, „wird das wohl gar nicht nötig sein. Ich bin davon überzeugt, dass kein Angriff erfolgen wird, zumindest nicht in den nächsten Tagen, also machen wir weiter wie geplant.“

Ich sehe mich wieder um und sehe in erleichterte, zustimmende Gesichter. Na, das hab ich doch ganz gut hinbekommen. Trotz der Palisade sind sie weiterhin willig und bereit, meinen Plan umzusetzen. Thyra wäre stolz auf mich.

Ich überlege. Was kommt als nächstes? Achja, ich muss ihnen eine Aufgabe geben. Männer ohne Aufgabe sind Raufbolde und Unruhestifter.

„Morgen werden wir das Dorf noch gründlicher ausspionieren, um ihre Gewohnheiten festzustellen und zu sehen, wann ihre Häuser leer sind und für wie lange. Also sucht euch jeder einen Partner, mit dem ihr morgen das Dorf genau beobachten werdet. Sprecht euch auch untereinander ab. Wir müssen das Dorf aus allen Richtungen beobachten.“

Mein Blick fällt auf den Hinterhältigen. Na, der Hauptunruhestifter braucht unbedingt noch eine Extra-Aufgabe. „Nachts müssen natürlich wieder Wachen aufgestellt werden“, sage ich beiläufig. „Kümmere du dich darum.“

Der Hinterhältige lächelt glücklich und nickt. Er freut sich über die Anerkennung.

Ich bin auch glücklich, denn er ist beschäftigt und die Einteilung der nächtlichen Wachen kann einen sehr schnell unbeliebt machen. Zum Glück weiß er das noch nicht.

„Ich denke, damit wäre alles gesagt.“ Ich stehe auf. „Wenn noch jemand Fragen hat, kann er gerne zu mir kommen. Ich bin gleich dort drüben.“

Damit gehe ich zum kleinen Lagerfeuer und nehme mir etwas von dem Braten, den der Fleißige aus dem toten Schwein gemacht hat. Er ist wirklich lecker, und nachdem ich das Schwein ja fast alleine getötet habe, steht er mir ja auch zu.

Die anderen bleiben währenddessen sitzen und tuscheln leise miteinander. Vermutlich besprechen sie, wie sie sich morgen aufteilen wollen.

Ich setze mich in eine stille Ecke, von der aus ich sie im Auge behalten kann, esse genüsslich und denke nach. Nun, einen Plan habe ich schon, und er sollte auch nicht zu schwer umzusetzen sein. Er hat nur ein Problem: Die Menschenhäuser müssen leer sein. Wenn wir drinnen überrascht werden, sieht‘s übel aus. Aber das Problem werde ich sicher auch noch lösen.

Die anderen Goblins haben anscheinend keine Fragen (zumindest kommt niemand zu mir), und so verfüttere ich den Rest von meinem großzügigen Essensanteil noch an meinen Hund und lege mich schlafen.

 

Ich bin wieder in meinem Dorf. Es ist mitten in der Nacht und es ist totenstill. Ich irre planlos herum, denn ich finde meine Hütte nicht.

Wo ist sie? Wieso kann ich sie nicht finden? Und wie kann es sein, dass ich vergessen habe, wo sie ist?

Ich rufe nach meinen Eltern, doch niemand antwortet.

Die ungewöhnliche Stille macht mir Angst.

Schließlich stürme ich in die nächstbeste Hütte. Sechs Krieger liegen dort und schlafen. Sie kommen mir bekannt vor, ich bin sicher, dass ich sie kenne, aber ich erinnere mich nicht an ihre Namen.

Ich rufe laut, aber sie wachen nicht auf. Ich rüttele an ihnen, aber sie wachen nicht auf. Ich werfe sie aus dem Bett, ich ohrfeige sie, ich boxe sie in den Magen, aber sie wachen einfach nicht auf.

Ich renne hinaus und zu den Toren unseres Dorfwalls. Zu jeder Zeit sind dort mindestens zwei Krieger postiert, die Wache halten.

Noch immer ist es totenstill.

Doch als ich ankomme, sehe ich, dass auch die Wachen schlafen.

Ich hebe einen von ihnen hoch. Er ist überraschend leicht. Oder bin ich stärker geworden? Egal.

Ich schreie ihn an und schüttele ihn, so stark ich kann.

Plötzlich fällt sein Kopf ab und kullert über den Boden.

Ich bin starr vor Schreck, halte den leblosen Körper noch immer in den Händen.

Doch kein Blut quillt hervor.

Stattdessen löst sich sein Körper immer mehr auf: Zuerst fallen die Hände ab, dann die Füße, dann die Arme und Beine. Zum Schluss löst sich der ganze Körper in Staub auf, der sich auf dem Boden sammelt.

 

Ich wache schweißgebadet auf und versuche, mein klopfendes Herz zu beruhigen. Es war nur ein Traum. Schnell sehe ich mich um. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, aber es wird wohl nur noch ein paar Minuten dauern. Die Anderen schlafen noch.

Puh.

Immerhin habe ich nicht im Schlaf geschrien. Das hätte mich nun wirklich bis auf die Knochen blamiert. Und meine Führungsposition in Frage gestellt.

Ich atme mehrmals tief durch und lege mich dann wieder hin.

So warte ich, bis die anderen Goblins aufwachen. Zusammen nehmen wir ein eiliges Frühstück ein (die kalten Reste vom gestern, das Feuer wird nicht wieder angezündet), dann brechen sie auf, um das Menschendorf zu beobachten.

Ich bleibe allein zurück und tue so, als würde ich weiter über meinen Plan nachdenken. In Wirklichkeit denke ich immer wieder über den merkwürdigen Traum nach. Was hat er nur zu bedeuten? Ist mein Clan in Gefahr? Oder drehe ich langsam durch?

Aber über Träume nachzugrübeln bringt mich nicht weiter, also stehe ich auf und spiele mit meinem Hund, um mich abzulenken. Es ist ein ziemlich merkwürdiges Mensch-Hund-Spiel, bei dem es darum geht, dass ich einen Stock möglichst weit wegwerfe und der Hund ihn zurückbringt, damit ich ihn erneut wegwerfen kann.

Es kommt mir recht sinnlos vor, aber wir Goblins haben ja normalerweise keine Hunde, also kenne ich keine anderen Hunde-Spiele.

Nach einer Weile denke ich, dass die Menschen auf diese Weise vielleicht ihre Wurfkünste trainieren. Auch wir Goblins werfen ab und zu Dinge, zum Beispiel Dolche oder Giftampullen, also ist das Spiel wohl doch zu etwas nütze.

Zufrieden, doch noch etwas Sinnvolles getan zu haben, beende ich das Spiel schließlich und lobe den Hund für seine gute Mitarbeit. Dann breche ich selbst auf, um mir das Menschenlager erneut anzusehen und vor Allem die anderen Goblins zu kontrollieren, damit sie keinen Mist bauen.

Mein Hund folgt mir natürlich.

Im Lager
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