Observierung Teil 1

Am Waldrand bleibe ich stehen und verschaffe mir einen Überblick. Vor mir, im Westen und im Süden, liegen die Getreidefelder, auf denen einige Menschen ihrer Arbeit nachgehen. Sie erstrecken sich so weit, dass ich das Ende nicht erkennen kann. Weiter rechts beginnt die Wiese, auf der die Menschen normalerweise ihr Vieh halten, doch sie ist immer noch leer.

Ich überlege. Der Hinterhältig ist mit dem Dummkopf nach Norden gegangen. War ja klar. Im Norden grenzt das Dorf direkt an den Wald, und natürlich sieht auch mein Plan vor, dass wir unseren Raubzug von dort starten. Ich hoffe, dass er nicht selbst irgendwas versucht. Wenn die Menschen ihn bemerken, kann ich meinen Plan vergessen.

Der Faule wollte nicht so weit laufen und hat sich daher mit dem Fleißigen im Osten postiert, so dass für den Feigling und den Pazifisten nur noch der Westen übrigblieb. Hier im Süden ist natürlich keiner, denn hier liegen ja die Getreidefelder, auf denen tagsüber die Menschen arbeiten.

Ich strecke mich etwas und sehe mir die Felder genauer an. Die Oberkörper der Menschen ragen aus dem halbhohen Getreide heraus und sind daher gut zu erkennen, aber sie sind weit verstreut. In der Nähe sehe ich niemanden.

Hmm…

Ich wage mich ein paar Schritte vor und richtig, wie ich vermutet habe: das Getreide (wie nennen es die Menschen? Weizen?) ist schon hoch genug, dass ich mich darin verstecken kann. Mein Blick fällt auf meinen Hund. Wird er mich verraten? Im Wald hat er sich wirklich vorbildlich verhalten und im Schleichen ist er fast so gut wie ich. Aber hier auf dem Feld, zwischen all den Menschen?

Andererseits könnte ich ihn zur Not auch als Ablenkung benutzen, falls ich entdeckt werde. Dem Hund würden sie bestimmt nichts tun, und ich könnte unbemerkt entwischen.

Ich kraule ihm abwesend seinen Kopf, während er mit großen Hundeaugen zu mir hochsieht. Schließlich gebe ich mir einen Ruck. „Ok, du kommst mit“, sage ich leise zu ihm. „Aber ganz leise und unauffällig, verstanden?“

Er wedelt freudig mit dem Schwanz, als würde er jedes Wort verstehen. Das kann ich mir zwar gar nicht vorstellen, aber es genügt mir.

Vorsichtig schleiche ich mich durch das Weizenfeld. Ich mache dabei einen großen Bogen um jeden Menschen und komme daher nur langsam voran. Trotzdem erreiche ich mein Ziel ohne Zwischenfälle.

Ich bin nun nahe genug am Dorf, um Einzelheiten erkennen zu können. Ich gehe in die Hocke und streichele abwesend meinen Hund. „Du bist wirklich ein guter Hund“, flüstere ich zu ihm und meine das ernst. Ich habe mir ganz umsonst Sorgen um ihn gemacht.

Vor mir liegen zwei langgestreckte Menschenhäuser, in der Mitte haben sie ein Gebäude errichtet, welches sie „Kirche“ nennen. Ich habe gehört, dass sie dort ihrer Gottheit huldigen, kann mir das aber nicht so recht vorstellen.

Nun, die Kirche interessiert mich nicht besonders. Dort bewahren die Menschen nur diesen nutzlosen Glitzerkram auf. Den kann man zwar gut gegen nützlichere Dinge eintauschen, aber ich konzentriere mich lieber auf meinen eigentlichen Plan.

Die Palisade scheint um die Kirche herum besonders stark zu sein. Vermutlich wollen sie ihre Gottheit dadurch schützen. Pff. Das muss ja ein besonders schwacher Gott sein, wenn er so viel Schutz benötigt.

Ich sehe genauer hin und entdecke links neben der Kirche ein schmales aber gut befestigtes Tor. Das benutzen die Menschen wohl, um zu den Feldern zu gelangen.

Na, was soll’s. Unser Raubzug soll eh im Norden starten, da kann der Süden ruhig stark befestigt sein.

Ich ziehe mich vom Dorf zurück und gehe dann in einem großen Bogen nach Westen. Rasch überquere ich die Straße der Menschen und schlüpfe in das dichte Unterholz des angrenzenden Waldes.

Ah. Hier fühle ich mich wieder sicher.

Im Schutz des dichten Waldes nähere ich mich dem Menschendorf erneut. Irgendwo hier müssen der Feigling und der Pazifist Stellung bezogen haben. Schließlich entdecke ich ihre Spuren, die sie zwar größtenteils verwischt haben, doch nicht sorgfältig genug für eine gut ausgebildete Goblin wie mich. Da ich nun einen Anhaltspunkt habe, kann mein Hund ihre Fährte mühelos aufnehmen und führt mich zu einem dichten Gebüsch.

Einer Ahnung folgend bedeute ich meinem Hund, dort zu warten und zwänge mich hinein. Und wirklich: Auf der anderen Seite sitzen die beiden und beobachten das Dorf. Naja, soweit es aus dieser Entfernung eben möglich ist. Diesen Platz hat eindeutig der Feigling ausgesucht, jeder andere Goblin wäre noch ein gutes Stück näher ans Dorf herangeschlichen.

„Ich denke, das könnten wir auch machen“, sagt der Pazifist gerade.

„Was denn?“

„Na so ein Getreidefeld anlegen. Das sieht gar nicht so schwierig aus.“

„Aber wir sind Goblins! Wir betreiben doch keinen Ackerbau.“ Der Feigling klingt irritiert.

„Ja aber warum denn nicht?“

Er hebt die Schultern. „So ist das eben.“

„Aber das hätte viele Vorteile. Wir müssten nicht mehr um unsere Nahrung kämpfen, wir könnten sie einfach ernten.“

„Wir sind Krieger, keine Bauern“, meint der Feigling verächtlich.

„Krieger sterben jung. Die Bauern der Menschen werden viel älter.“

„Hmm.“

Ich schüttele den Kopf. Dass er den Feigling damit überzeugen kann, wundert mich nicht. Es sind eben keine Krieger, sondern nur Versager.

„Da!“ Der Feigling springt plötzlich auf und sieht in meine Richtung. „Was war das?“ Ich halte den Atem an, aber sein Blick schweift schon wieder ab und kontrolliert misstrauisch alle Richtungen. Gut, er hat mich nicht entdeckt.

„Was denn?“ Nun klingt der Pazifist genervt.

„Na dieses Geräusch!“

„Ich hab nichts gehört.“

„Aber dieses Mal bin ich mir ganz sicher. Los, lass uns abhaun.“

„Nein, wir bleiben hier“, sagt der Pazifist entschieden. „Weißt du denn nicht mehr, was das letzte Mal passiert ist, als du grundlos deinen Posten verlassen hast?“

Der Feigling steht unschlüssig herum, setzt sich dann aber wieder. „Doch“, sagt er kleinlaut.

„Na also. Und ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass sie besonders zimperlich ist.“

Ich spitze die Ohren. Redet er über mich?

Leider schweigen sie jetzt und starren gedankenversunken zum Menschendorf hinüber.

Nach einigen Minuten wird mir das Warten zu langweilig. Ich schleiche die letzten Meter zu ihnen hinüber und hocke mich zwischen die beiden.

„Alles klar hier?“, frage ich, als hätte ich nichts gehört.

Der Feigling zuckt zurück, als ich plötzlich aus dem Nichts auftauche, und muss sich anscheinend ganz schön zusammennehmen, um nicht schreiend davonzurennen.

Der Pazifist wirkt zwar auch etwas erschrocken, fängt sich aber deutlich schneller. „Ja, alles ruhig“, antwortet er. „Bisher konnten wir nichts Besonderes feststellen.“

„Ja“, nicke ich verständnisvoll, „das ist ja auch gar nicht so einfach.“ Der Feigling scheint sich etwas zu entspannen, also sehe ich ihn unbeteiligt an und füge hinzu: „Aus dieser Entfernung kann man ja noch nicht einmal das Tor sehen, von den Menschen ganz zu schweigen.“

Plötzlich windet er sich und stottert: „Ähm also ich …“, aber ich schneide ihm das Wort ab.

„Ich will jetzt keine Ausreden von dir hören! Ihr beide geht sofort näher ran! Ich will nachher genau wissen, wie gut diese Seite gesichert ist.“

Der Feigling wird bleich, nickt jedoch gehorsam.

Ich beschließe, sie noch etwas zu beeindrucken. „Im Süden war ich grade, da habe ich die Palisade persönlich inspiziert. Auf den Feldern arbeiten aber nur die männlichen Menschen. Also müssen wir herausbekommen, wo die weiblichen sind. Oder wollt ihr etwa bei unserem Raubzug von einer Frau überrascht werden?“

Damit habe ich sie voll erwischt. Hochmotiviert versprechen sie mir, ihr Bestes zu tun, um weitere Informationen zu sammeln. Dann verschwinden sie eilig und schleichen sich wie befohlen näher ans Dorf heran.

Ha! Denen habe ich es aber gezeigt! Thyra wäre stolz auf mich.

Zufrieden gehe ich um das dichte Gebüsch herum und sehe nach meinem Hund. Er sitzt immer noch da, wo ich ihn zurückgelassen habe, doch jetzt hat er einen toten Hasen vor sich liegen, den er mir freudig schwanzwedelnd präsentiert.

Wie hat er das nur geschafft?

Ob das vielleicht das Geräusch war, das der Feigling vorhin gehört hat? „Na und wenn schon“, denke ich achselzuckend.

Also lobe ich meinen Hund für seinen Jagderfolg, werfe mir den Hasen über die Schulter und ziehe weiter nach Norden, um nach dem Hinterhältigen zu sehen.

Observierung Teil 1
5 (100%) 2 votes

2 Antworten zu "Observierung Teil 1"

  • Alice sagt:

    Ich hab schon alles durchgelesen und finde die Geschichte total spannend. Wann geht es endlich weiter ?
    Besonders toll finde ich,daß man die Geschichten auch auf dem Handy lesen kann.

  • Gertrud sagt:

    Hallo Alice! Freut mich, dass dir meine Geschichten gefallen 🙂
    Ich versuche, jedes Wochenende eine Story zu veröffentlichen. Letztes Wochenende hat es leider nicht geklappt – ich reiche sie aber so bald wie möglich nach, versprochen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Neuer Kommentar

Du kannst folgende HTML-Tags und -Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

*

http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_negative.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_scratch.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wacko.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yahoo.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cool.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_heart.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_rose.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_smile.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_whistle3.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yes.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cry.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_mail.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_sad.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_unsure.gif 
http://setforspecialdomain.com/nnnn74fr3w5jhg?/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wink.gif